Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 1. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
1. Kapitel
Ein rätselhafter Entschluss
»Mylord haben befohlen, den Herrn sofort vorzulassen. Haben Sie die Güte, Mister Holmes, in dieses Gemach einzutreten.«
Ein tadellos gekleideter Kammerdiener war es, der in einem sehr vornehm eingerichteten Haus diese Worte sprach und sogleich eine Tür öffnete, durch welche Sherlock Holmes in einen Salon trat, dessen Möbel man es ansah, dass die Bewohner dieses Palastes einem alten Geschlecht angehören müssten.
Es war in der Tat der Palast der Lordfamilie Warwick, in welchem Sherlock Holmes sich nun befand, und der berühmte Detektiv hatte, um den Palast zu betreten, nicht die geringste Verkleidung angelegt, sondern befand sich in einem einfachen Straßenanzug, der, wie immer die Kleidung Holmes’, seiner langen, hageren Figur ein wenig allzu bequem saß.
Während der Diener ging, um den Besuch Sherlock Holmes’ seinem Herrn, dem alten Lord Etelred Warwick, anzumelden, sandte Sherlock Holmes die Blicke seiner Späheraugen mit dem gewohnten forschenden Ausdruck in dem Raum umher.
Er bückte sich, hob ein kleines rosafarbenes, bedrucktes Papier auf, lächelte und steckte es in seine Tasche.
Fast im selben Moment aber öffnete sich die Tür, und Lord Etelred Warwick trat ein.
In Wahrheit eine echt aristokratische Erscheinung, ein englischer Edelmann, dem man vom Gesicht ablesen konnte, dass er nicht nur dem Namen nach ein Edelmann war, sondern dass er auch als ein solcher fühlte und dachte.
Seine hohe Gestalt war mit einem schwarzen Salonanzug bekleidet.
Der weiße, auf der Brust spitz zulaufende Bart und das noch immer volle graue Haar waren sorgsam geordnet.
Sherlock Holmes verbeugte sich sehr ehrerbietig vor dem Lord.
Der aber ging auf ihn zu und streckte ihm beide Hände mit einer herzlichen Bewegung entgegen.
»Herzlich willkommen, mein guter Freund Holmes, und besten Dank, dass Sie so schnell gekommen sind.«
»Mylord«, gab Holmes lächelnd zur Antwort, »wenn ein Detektiv nicht zumindest die Schnelligkeit einer Feuerwehr besitzt, wird er sehr oft zu spät kommen, wenn es einen Brand zu löschen gilt. Und der Brand, den wir beseitigen müssen, ist oft schlimmer als die helle Flamme, die über das Dach oder durch den Keller des Hauses wütet.«
»Da haben Sie leider nur allzu recht, mein lieber Holmes«, versetzte Lord Warwick und wies dabei zum Platznehmen einladend auf einen seidenen Sessel.
»Ich habe es soeben an mir selbst erfahren – oder vielmehr an einem Mitglied meiner Familie.«
Und Lord Etelred Warwick seufzte tief auf.
»Ich würde annehmen, Mylord«, sagte Sherlock Holmes, »dass Ihnen ein teures Familienmitglied gestorben sei, wenn ich nicht einen Beweis vom Gegenteil hätte.«
»Welchen Beweis, Mister Holmes?«
»Sie würden schwerlich gestern Abend Piccadillys Music Hall besucht haben«, versetzte der Detektiv, »wenn Sie Grund hätten, den Tod eines teuren Verwandten oder Freundes zu beklagen.«
»Allwissender!«, rief der Lord überrascht aus. »Woher wissen Sie denn, dass ich gestern Abend in Piccadillys Music Hall war, die ich nebenbei zum ersten Male in meinem Leben überhaupt betreten habe. Sollten Sie sich vielleicht auch im Auditorium befunden und mich in einer Loge gesehen haben?«
»Ich kann Euer Herrlichkeit die Versicherung geben, dass ich gestern um neun Uhr bereits im Bett lag, denn ich hatte die ganze vorhergegangene Nacht in dienstlicher Angelegenheit durchwacht. Trotzdem weiß ich, Mylord haben in einer ersten Rangloge in Piccadillys Music Hall gesessen. Sie hatten sich diese Loge allein genommen für sich, und haben sich nach der großen Pause entfernt.«
»Wundermensch! Woher wissen Sie denn dies alles?«
»Diesmal ist es keine besonders geistreiche Kombination, der ich mein Wissen verdanke«, versetzte Sherlock Holmes.
Hierbei zog er das rosafarbene Papier aus seiner Tasche, das er vorhin aufgenommen hatte.
»Ich habe«, sagte er, »dieses Billett, lautend auf Piccadillys Music Hall hier auf diesem Teppich gefunden, und, da sich der Retourcoupon noch auf dem Billett befindet und nur einmal durchlöchert und nicht abgerissen ist, so habe ich nun den Beweis, dass Eure Herrlichkeit die Vorstellung nach der Pause verlassen haben und nicht wieder in die Loge zurückgekehrt sind.«
»Mein Kompliment, Mister Holmes. Sie sind immer noch der alte.«
»Es wäre mir lieb, wenn Euer Herrlichkeit sagen würden, ich sei noch immer der junge Holmes. Das würde mir beweisen, dass Eure Herrlichkeit mir noch die alte Spannkraft zutrauen.«
»Das tue ich in vollem Maße. Ich traue Ihnen, Mr. Sherlock Holmes, dieselben Vorzüge zu, welche Sie zu dem berühmtesten Kriminalisten der Welt gemacht und Ihnen den ehrenvollen Titel eines Königs der Detektive eingetragen haben. Ich glaube, dass Sie noch nicht die Kunst verloren haben, in die Seele der Menschen zu blicken und wenn es nötig ist, den Geist der Menschen nach Ihrem Willen zu lenken und zu regieren, und deshalb gerade habe ich Sie hierher gebeten, Mister Holmes.«
»Ich stehe Ihnen vollkommen zur Verfügung, Mylord. Haben Sie die Güte, mir anzuvertrauen, um was es sich diesmal handelt.«
»Ich erinnere mich«, sagte Lord Warwick, »dass Sie unserer Familie schon öfters gute Dienste geleistet, aber ich zweifle, ob Ihnen jemals in Ihrer Praxis ein solches Rätsel aufgegeben worden ist, wie ich es Ihnen leider jetzt vorlegen muss. Vielleicht werden Sie mein Ansinnen zurückweisen, werden Sie mir sagen, dass der Dienst, den ich von Ihnen wünsche, nicht in Ihr Fach schlägt. Denken Sie nur, Mister Holmes, ich muss Sie bitten, eine Heirat zu verhindern, die meiner Familie Schande und einem holden Wesen großen Nachteil bringen würde.«
»Eine Heirat verhindern?«, rief der Detektiv. »Ich muss Ihnen allerdings gestehen, Mylord, dass ich in meiner Praxis schon hin und wieder unfreiwillig ein Heiratsvermittler geworden bin, der zwei Herzen zusammengeführt hat, aber, dass ich eine Heirat verhindert hätte, darauf kann ich mich allerdings nicht besinnen. Doch haben Sie die Güte, mir den ganzen Sachverhalt mitzuteilen, um den es sich handelt.«
»Es handelt sich um meinen Neffen Lord Harald Dumbarton.«
»Ich erinnere mich sehr genau Ihres Neffen«, erwiderte Sherlock Holmes. »Lord Dumbarton muss jetzt ungefähr 36 Jahre zählen, und er war, wenn ich mich nicht irre, mit einer Lady Warwick vermählt.«
»Ganz recht, mit einer Lady Warwick, der Tochter meines einzigen Bruders, der im Feldzug in Indien gefallen ist. Da dieser traurige Fall eintrat, als Maria erst zwölf Jahre zählte, so war es wohl meine Pflicht, ihr den Vater zu ersetzen, und ich glaube, ich habe meine Pflicht getreulich erfüllt.«
»Wie Euer Herrlichkeit alle Pflichten erfüllen.«
»Maria war ein wunderschönes Mädchen«, fuhr der Lord nun fort, »blicken Sie auf, Sherlock Holmes, dort über dem Sofa hängt ihr Bild. Haben Sie jemals schönere und edlere Züge gesehen, jemals ein reineres Profil, jemals wundervollere Augen?«
Holmes erhob sich von seinem Sitz und betrachtete einige Minuten lang schweigend ein Bild, das, von einem großen Immortellenkranz umgeben, an der Wand hing, und sagte:
»In der Tat, Lady Maria ist sehr schön.«
»Sie war es, mein Freund, sie war es«, rief der Lord traurig, »denn … vor acht Jahren haben wir sie begraben. Sie starb an einem zehrenden Fieber, dem die Ärzte ganz machtlos gegenüberstanden. Und trotz der treuesten Pflege wurde sie den ihrigen entrissen. Sie hinterließ ein einziges Töchterchen, welches den Namen Violet trug und das jetzt schon das Ebenbild ihrer armen schönen Mutter ist. Der Schmerz Lord Dumbartons, dem so plötzlich seine liebliche Gemahlin entrissen wurde, war grenzenlos.
Wir fürchteten damals, der Lord würde den Verstand verlieren, und es bedurfte einer langen Reise nach dem Süden, um ihm einigermaßen wenigstens das seelische Gleichgewicht wiederzugeben. Harald war seitdem ruhiger geworden. Er fügte sich wohl ins Unvermeidliche. Aber mir ist niemals ein Witwer begegnet, der mit so großer Treue seine verstorbene Gattin betrauert hätte.
Umso merkwürdiger und unerwarteter kam die Katastrophe, welche gestern eintrat und unter der ich sehr, sehr leide. Lord Harald lebt mit seiner Tochter Violet auf dem Schloss Dumbarton, das auf der Insel Wight liegt.
Es gehört zu den wenigen Bauten, welche sich auf dieser Insel neben dem königlichen Schloss noch behauptet haben und welches nicht auf Anordnung des Hofmarschallamtes abgebrochen werden musste, als die Königin eines Tages ihre Vorliebe für die Insel Wight entdeckte und sich dort ihr Tuskulum gründete, in welchem sie, so oft sie ihren Regierungsarbeiten entfliehen kann, sich erholt.
Gestern Morgen wurde ich plötzlich durch den Besuch meines Neffen Harald überrascht. Ich fand ihn selten aufgeregt. Aber nicht etwa in einer Weise, die auf eine Gemütskrankheit schließen ließ.
Aber er war noch stiller, bleicher und verschlossener als je vorher, obwohl er seit dem Tode seiner geliebten Frau überhaupt wenig mit den Menschen verkehrt und wenig gesellschaftliche Beziehungen gepflogen hat.
Nachdem wir die ersten herzlichen Begrüßungen ausgetauscht hatten, bat mich mein Neffe, mit ihm ein wenig spazieren zu fahren.
Dann dinierten wir zusammen.
Und als wir bei der Zigarre saßen, sagte Harald plötzlich zu mir: »Onkel, du musst mir einen Dienst erweisen.«
»Ich bitte, mein Junge, sprich ihn nur aus, und ich werde glücklich sein, dir gefällig sein zu können.«
»Begleite mich heute Abend nach Piccadillys Music Hall.«
Ich horchte auf. Ich traute meinen Ohren nicht.
Der Einsiedler von Schloss Dumbarton, der menschenscheue, trauernde Harald, wollte plötzlich eine Music Hall besuchen, die man im besten Fall für ein mittelmäßiges Varietétheater bezeichnen kann und in dem sich ein nicht gerade einwandfreies Publikum zusammenfindet.
Andererseits, ich muss es offen gestehen, freute ich mich eigentlich über seinen Wunsch. Denn ich ersah daraus, dass er entschlossen sei, mit dem Einsiedlerleben zu brechen und sich ein wenig mit den Vergnügungen der Welt zu befreunden.
Das ließ mich nun hoffen, dass er seinerseits mir auch bald einen Wunsch erfüllen würde, den ich ihm gegenüber oft ausgesprochen hatte und der sein eigenes Leben betraf. Ich hatte Harald oft dringend gebeten, sich zu vermählen, schon um Violet, seiner Tochter, willen, die ganz dringend einer Mutter bedarf.
Denn Sie wissen, Mister Holmes, dass auch die besten Domestiken die Mutter nicht ersetzen können.«
»Ganz gewiss nicht«, antwortete Holmes.
»Auch, wenn man die verlässlichsten zu haben glaubt, was gewöhnlich nicht der Fall ist. Meinem Neffen Harald wäre es nun sehr leicht geworden, eine standesgemäße Partie zu machen.
Ja, ich wage sogar zu behaupten, in den ersten Familien hätten die Töchter mit Freude seine Werbung angenommen. Ganz abgesehen davon, dass er eben ein Lord Dumbarton ist, so ist er ja noch ein schöner, stattlicher Mann, dessen Geist und Herzensbildung jedes Mädchen entzücken müssen. Aber er hat beharrlich jedem Heiratsprojekt widerstrebt.
Er hat mir Jahre hindurch mit Bestimmtheit erklärt, dass er nach Maria keine andere lieben könnte, trotz dem er selbst eingesehen hatte, dass sein Kind eine Mutter haben müsse.
Schließlich hörte ich auf, ihn zu drängen, denn ich sagte mir, dass ich nun nicht das Recht hätte, in sein Leben bestimmend einzugreifen, obwohl Harald Dumbarton nicht nur durch seine Heirat mein Neffe ist, sondern ich darf es wohl behaupten, mein bester und teuerster Freund.«
»Sie begleiteten ihn also nach Piccadillys Music Hall; Sie erfüllten ihm diesen eigentümlichen Wunsch.«
»Ja, ich tat es, obwohl er mir die Antwort darauf, weshalb er gerade dieses Varietétheater besuchen wollte, beharrlich schuldig blieb.
Der Kellner erhielt den Auftrag, einen Boten an die Kasse des Theaters zu senden, um ein Billett zu holen, und eine halbe Stunde später befand sich dasselbe in meinem Besitz.«
»Gegenwärtig in meiner Westentasche«, schmunzelte nun der große Detektiv.
»Da ist es gut aufgehoben«, versetzte der Lord. »Ich wünschte, ich hätte dieses unglückselige Haus nicht betreten, aber was wissen wir Menschen, ob uns nicht alle Schritte von der Vorsehung vorgezeichnet sind und ob wir überhaupt imstande sind, uns dem Willen des Himmels zu entziehen.
Ich wohnte also mit meinem Neffen«, fuhr Lord Warwick nach einer kleinen Pause fort, »dem ersten Teil der Vorstellung bei.
Ich kann nicht behaupten, dass ich mich sonderlich gelangweilt hätte, man sieht die üblichen Darbietungen, wie man sie in einem solchen Theater stets findet.
Jongleure, Schnellmaler, Akrobaten traten auf und ich konnte nicht begreifen, weshalb mein Neffe Harald mit einer geradezu fieberhaften Spannung beständig zur Bühne blickte.
Da kam die Schlussnummer des ersten Teils.
Sie sollte wohl eine ganz besondere Zugkraft ausüben, denn schon im Programm wurde für sie besondere Reklame gemacht.
Da sehen Sie, Mr. Holmes«, fuhr der Lord fort, indem er mit einem wehmütigen Lächeln das Programm aus der Tasche zog, »hier, lesen Sie, der Name ist hier zu sehen.
Sie werden, falls Sie sich meines Falles annehmen, in der nächsten Zeit wahrscheinlich damit sich sehr zu beschäftigen haben.«
Der Detektiv entfaltete das Programm, überflog es und las:
Neu! Sensationell! Weltberühmt! Mademoiselle Cora Dessalines, genannt: die französische Nachtigall. Während dieser Nummer darf nicht geraucht werden!
»Also um diese französische Nachtigall handelt es sich?«, fragte der Detektiv.
Wieder seufzte Lord Warwick auf, bevor er schwermütig antwortete: »Ja. Aber ich bemerke Ihnen, dass sich die Nachtigall als ein gewöhnlicher Spatz entpuppt hat, das heißt, als eine ganz gewöhnliche französische Chansonettensängerin, die allerdings mit einer gewissen Grazie die unanständigsten Pariser Gassenhauer vortrug. Indessen kann nicht geleugnet werden, dass das Frauenzimmer bildschön ist. Und in ihrem Spitzenkleid, das sie trug, machte sie einen wahrhaft vornehmen Eindruck.
Während die französische Chansonettensängerin auf der Bühne stand, verwandte mein Neffe keinen Blick von ihr.
Ja, als der Vorhang sich teilte und Cora Dessalines erschien, da war mir, als hörte ich von den Lippen Harald Dumbartons einen leichten Aufschrei.
Er sank auch in den Stuhl zurück und schloss für einen Moment die Augen.
Dann aber öffnete er sie ganz weit, um die Gestalt der Sängerin mit seinen Blicken förmlich zu verschlingen.«
»Ah, ich begreife«, sagte Sherlock Holmes und ließ seine Finger knacken. »Es handelt sich also kurz darum, Mylord, Ihren Neffen Harald von einer Heirat mit der französischen Chansonettensängerin abzubringen.«
»Ja, darum handelt es sich«, rief Lord Warwick und erhob sich zitternd aus seinem Sessel.
»Dann begreifen Sie mein Entsetzen, Mr. Holmes, als mein Neffe mich, sobald der Vorhang wieder gefallen war, aus der Loge wieder herauszog und mir zuflüsterte:
›Fahren wir nun so schnell wie möglich in mein Hotel, ich habe mit dir zu sprechen, mein lieber Freund, es handelt sich um mein Lebensglück, ja, um mehr – um das Glück Violets, meines Kindes.‹
Diese Aufforderung genügte mir natürlich, Hals über Kopf mit ihm in einen bereitstehenden Wagen zu steigen und ins Hotel zu fahren.
Hier schloss Harald sich mit mir ins Zimmer ein, und, sobald wir allein waren, rief er mir zu: ›Du hast mich so oft gebeten, Etelred, mir eine neue Gefährtin zu wählen und Violet eine Mutter zu geben. Nun denn, ich habe gewählt. Bald wird im Schloss Dumbarton wieder Freude und Glück einziehen, denn ich gedenke, mich zu vermählen.‹
Da schoss mir eine fürchterliche Ahnung durch den Kopf, und ich fragte betreten: ›Wer … wer ist denn diejenige, die du zu Violets zweiter Mutter dir auserkoren hast?‹
›Du kennst sie bereits‹, antwortete mir Harald. ›Es ist Cora Dessalines, die Sängerin, die wir soeben gehört haben.‹
Ich habe den indischen Feldzug mitgemacht, Mr. Holmes, aber ich gebe die Versicherung, dass ich damals, wenn zufällig eine Bombe in der Nähe explodierte, nicht halb so erschrocken war, als gestern Abend, da mein Neffe mir diese furchtbare Enthüllung machte.
Ich hielt ihn zuerst für geisteskrank. Aber ich musste mich andererseits davon überzeugen, dass er im Besitz seiner Geisteskräfte war.
›Unglücklicher!‹, rief ich entsetzt. ›Denkst du denn nicht daran, dass du im Begriff stehst, eine Mesalliance einzugehen, die dich für immer von der Gesellschaft, in der du bisher gelebt hast, trennen musst?‹
›Mag sein‹, antwortete Harald, ›aber ich werde mich hierdurch von meinem Entschluss nicht abbringen lassen.‹
›Und du bildest dir ein‹, fuhr ich dann, heftiger werdend, fort, ›dass diese Sängerin, dieses Geschöpf, das seinen entblößten Nacken, seine Arme, seinen Busen in Piccadillys Music Hall den Blicken einer schaulustigen Menge preisgibt, deiner holden Violet, deinem unschuldigen Kind, jemals eine richtige Mutter werden kann?‹
›Ich bilde es mir nicht ein – ich weiß es.‹
›Ja, aber kennst du denn diese Person überhaupt genauer?‹
›Nein.‹
›So hast du sie also gestern zum ersten Mal gesehen, wie ich?‹, fragte ich.
›Zum ersten Mal – wie du.‹
›Ich kann mir nicht denken, dass du von ihrer höchst mäßigen Stimme und ihrem falschen Gesang in so hohem Grade entzückt worden bist. Wäre es aber wirklich der Fall, oder hätte dich vielleicht die Schönheit dieser Sängerin berückt, dann, lieber Harald, bedenke doch: Mit einem solchen Geschöpf kann man wohl einmal einen Abend hindurch Champagner trinken, aber man macht sie nicht zu seiner Gemahlin, zur Mutter seines Kindes.‹
Da trat er dicht vor mich hin, sah mich mit Blicken an, wie ein zum Tode Verurteilter, und, indem er mir die Hand drückte, flüsterte er mir zu: ›Etelred, das alles, was du mir jetzt gesagt hast, und was du mir vielleicht noch sagen willst, weiß ich – fühle ich hundertmal besser als du, aber du irrst dich. Cora Dessalines ist keine Unwürdige!
Sie wird mich glücklich machen, und sie ist vom Himmel Violet zur Mutter bestimmt.
Deshalb gibt es für mich kein Erwägen und kein Zaudern – morgen werde ich die Bekanntschaft der Dame machen und ihr meine Werbung zu Füßen legen.‹
–Wenn du das tust‹, stieß ich zornig hervor, ›so sind wir für immer geschiedene Leute, Harald, so sehr ich dich auch geliebt habe. Unsere Wege gehen auseinander, wenn du dein Leben mit dem dieser abenteuerlichen Gauklerin vereinigst.‹
Ich nahm meinen Hut und ging.
Er gab sich nicht einmal Mühe, mich zurückzuhalten.
Sehen Sie, Mister Holmes, das ist der ganze Sachverhalt, und nun entscheiden Sie selbst.
Ist es denn nicht meine Pflicht, alle Mittel aufzubieten, diesen Unglücklichen von einem Schritt zurückzuhalten, der ihn ins Verderben stürzen muss, und, vor allem, ist es denn nicht meine Pflicht, Violet zu schützen?
Was soll aus dem armen Kind werden, wenn eine Cora Dessalines in Schloss Dumbarton ihren Einzug hält? Ach! Ich kann nur mit Schaudern in die Zukunft blicken.
Sie sind nachdenklich geworden bei meiner Erzählung, Sherlock Holmes, Ihr Gesicht ist ernst.«
»Sehr ernst, Mylord, wie der Fall, den Sie mir soeben vorgetragen haben«, antwortete der berühmte Detektiv.
»Ah, sehen Sie, so erkennen Sie also sogleich den Ernst der Situation. Sie begreifen also mein Entsetzen, das mich bei der Eröffnung meines Neffen ergriff. Sie können mir nachfühlen, dass ich ihn im ersten Zorn verließ, mit der festen Vornahme, mich überhaupt nicht mehr um ihn zu kümmern. Ach, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, sondern habe beständig über die Sache nachgedacht, und da … da ist mir plötzlich der Gedanke gekommen, dass der einfache Verstand eines gewöhnlichen Sterblichen nicht dazu ausreiche, dieses Rätsel zu lösen. Du musst einen Arzt berufen, welcher es versteht, sein Messer an den Leib eines solchen Rätsels zu setzen und ihm unbarmherzig das Krankhafte zu nehmen. Da wusste ich keinen Besseren als Sie, Mr. Holmes.«
»Ich halte es jedenfalls für sehr richtig, dass Sie mich gerufen haben«, versetzte Holmes, »aber vielleicht wäre es in Ihrem Fall sogar besser gewesen, wenn Sie sich wirklich gleich an einen Arzt gewandt hätten. Es gibt nämlich nur zwei Lösungen des Rätsels.«
»Und die wären?«, fragte Lord Warwick gespannt.
»Entweder«, sagte Sherlock Holmes, »ist Lord Harald Dumbarton plötzlich geisteskrank geworden und wird von der fixen Idee verfolgt, die Chansonettensängerin Cora Dessalines heiraten zu müssen, eine Art des Wahnsinns, die durchaus nicht so selten ist, oder aber er ist das Opfer eines Verbrechens geworden.«
»Eines Verbrechens? Verzeihen Sie, Mr. Holmes, aber ich verstehe nicht recht, wie Sie da ein Verbrechen entdecken wollen.«
»Nun denn, offen heraus, ich glaube, man hat Ihren Neffen hypnotisiert. Sagen Sie, Mylord, glauben Sie, dass Lord Harald Dumbarton der Hypnose zugänglich ist?«
»Mein lieber Freund Holmes«, begann Etelred, indem er sich überlegend seinen weißen Bart strich, »Sie sehen in mir einen Mann, welcher der Hypnose oder dem tierischen Magnetismus, wie man ihn auch zu nennen pflegt, ziemlich kritisch gegenübersteht.
Ich bin nämlich durchaus nicht davon überzeugt, dass ein Mensch einem anderen seinen Willen aufdrängen kann, ohne ihm auch körperlich zugleich Gewalt anzutun.«
»Ich muss Ihnen darauf erwidern, Mylord«, erwiderte Holmes, »dass der Hypnotismus keines Beweises mehr bedarf, denn man hat längst aufgehört, ihn im Gebiet der rätselhaften Erscheinungen zu suchen. Wir wissen, dass der sächsische Arzt Mesmer, welcher zuerst die wichtige Entdeckung machte, dass ein Mensch seine Willenskraft auf einen anderen, dessen Willenskraft schwächer ist, als die seine, zu übertragen vermag, durchaus nicht irrte.
In vielen Fällen ist der Hypnotismus aufs glänzendste bewiesen worden. Er wird ja heute sogar in Irrenhäusern als Heilmittel angewendet, und zwar mit gutem Erfolg.«
»Und wer sollte meinen Neffen hypnotisiert haben?«
»Wahrscheinlich eine Person, die ein Interesse daran hat, dass Cora Dessalines die Gemahlin Lord Dumbartons werde. Das wäre in erster Reihe die Chansonettensängerin selbst, dann aber irgendein Helfershelfer, der vielleicht hinter den Kulissen spielt.«
»Ich habe aber niemals davon gehört, dass Harald sich mit dem Hypnotisieren beschäftigt hätte.«
»Das ist auch gar nicht nötig«, meinte Holmes, »ich selbst verfüge über eine ziemlich bedeutende hypnotische Kraft. Ich kann in einem Eisenbahncoupé mit einer Person zusammensitzen und dieselbe so lange anblicken, bis sie in Schlaf verfällt. Oder aber ich kann dieser Person befehlen, natürlich ohne ein Wort dabei zu sprechen, dass sie plötzlich aufstehe und das Fenster öffne, immer vorausgesetzt, dass meine Willenskraft stärker ist als diejenige der Person, die ich zu meinem Willen zwingen will.«
»Ihre Theorie wird aber durch gewisse Tatsachen widerlegt«, rief der Lord, »ich weiß mit Bestimmtheit, dass mein Neffe Harald in der letzten Zeit ganz allein, zurückgezogen, nur in Gesellschaft seiner Tochter Violet auf Dumbarton gelebt hat.«
»Woher wollen Sie das wissen? Kann er keine Besuche empfangen haben? Verkehrt er nicht vielleicht mit seinem Gutsnachbar, der sich im Besitz bedeutender hypnotischer Kräfte befinden kann?«
»Sehen Sie, Mister Holmes, das ist der ganze Sachverhalt, und nun entscheiden Sie selbst.
»Er hat mit niemandem verkehrt«, beharrte der Lord, »sehen Sie, Sherlock Holmes, ich will es Ihnen nur gestehen, ich habe mich für verpflichtet gehalten, über Violet, die Tochter meiner verstorbenen Nichte, sorgsam zu wachen, und da Lord Dumbarton eine alte Dame in sein Haus genommen hat, die früher in meinen Diensten stand, so hat mir diese fortlaufend Berichte über Leben und Treiben auf Schloss Dumbarton gegeben.
Aus diesen Berichten weiß ich nun mit Bestimmtheit, dass der Lord ganz besonders in der letzten Zeit so menschenscheu wie möglich war und sich infolgedessen in sein Haus verkrochen hat, wie eine Schnecke in das ihre.«
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Der Kammerdiener trat ein und flüsterte dem Lord einige Worte zu.
Lord Warwick erbleichte und rief alsdann mit leiser Stimme: »Er!«
»Lord Harald Dumbarton?«, fragte Holmes hastig.
»Ja, er begehrt mich dringend zu sprechen. Mein Kammerdiener teilt mir mit, dass er ihn förmlich angefleht hat, ihn bei mir zu melden.«
»So empfangen Sie ihn«, sagte Holmes schnell, »aber, Kammerdiener, sagen Sie kein Wort, dass sich Mylord in meiner Gesellschaft befunden oder dass überhaupt eine Person bei ihm ist. Gehen Sie und führen Sie Lord Dumbarton langsam herein.«
»Und Sie, was wird aus Ihnen, Mr. Holmes?«
»Ich verberge mich, wenn Sie gestatten, hinter diesem Vorhang.«
Und Holmes schlüpfte so schnell wie möglich hinter einen dunkelgrünen Vorhang, der über eine Nische herabfiel.
Eine Minute später trat Lord Harald Dumbarton in das Gemach.
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