Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel XI Teil 2
Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.
Kapitel XI, Teil 2
Michel besucht die Galeere von Toulon
Merkwürdige Geschichte eines dortigen Galeerensklaven
Fortsetzung …
Ein schön gewachsenes, hübsches Mädchen trat aus dem Kabinett, das sie bei der Hand nahm und mir zuführte. Als wir uns bis auf ein paar Schritte genähert hatten, rief die Schöne plötzlich laut aufschreiend: ›Ach, mein Gott, Charles!‹
Und ich fast ebenso schnell, meine Schwester Julie erkennend: ›Julie!‹
›Was zum Henker, das sind also alte Bekannte?‹, rief der Vicomte erstaunt, und Adeline setzte, etwas verblüfft hinzu.
›Nein, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen! Wir wollten ihn Sitte lehren, und er ist vielleicht längst unser Meister.‹
Ich gab meiner Schwester durch ein Zeichen zu verstehen, sich nicht zu verraten, und fiel mit den Worten ein: ›Allerdings, wir kennen uns schon sehr lange; doch das tut nichts zur Sache, nicht wahr, mein Kind?‹
Und mich gegen den Vicomte und Adeline wendend, fuhr ich fort: ›Tut uns den Gefallen, uns nur ein paar Augenblicke allein zu lassen; ich habe der Demoiselle etwas Wichtiges mitzuteilen.‹
Adeline zog lachend den Vicomte in ein Seitenkabinett, und ich bat meine Schwester, auf einer Bergère neben mir Platz zu nehmen.
›Um Gottes willen, Julie, wie kommst du hierher?‹, sagte ich zu meiner Schwester, sobald wir allein waren. ›Du verschwandest, ohne dass es mir trotz aller Nachforschungen bis jetzt möglich gewesen wäre, deinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.‹
Sie teilte mir nun mit großer Unbefangenheit und in dem Ton, als spräche sie von ganz gleichgültigen Dingen, mit, dass sie ihr Musiklehrer entführt, verführt und dann in Paris verlassen habe; dass sie seitdem verschiedene alte und junge, reiche und vornehme Liebhaber gehabt habe, mit denen sie ein recht angenehmes Leben geführt habe; einige unter ihnen hätten sie, andere habe sie verlassen. Da sie gerade in diesem Augenblick vakant sei, habe ihre Freundin Adeline ihr versprochen, für einen recht liebenswürdigen und generösen Kavalier zu sorgen. Nun wolle es der sonderbarste Zufall der Welt, dass man ihr den eigenen Bruder zuführe.
›Also eine Lorette in optima forma‹, sagte ich, im Innersten empört.
›Und was weiter? Du glaubst nicht, lieber Charles, was für ein sorgenloses, ungezwungenes und vergnügtes Leben wir führen. Wir beneiden wahrlich nicht die großen Damen in den Prachtkarossen, die oft die Mittel dazu hergeben müssen, dass auch wir in eleganten Wagen Longchamp besuchen, uns in die reichsten Stoffe und Spitzen kleiden und mit Brillanten schmücken können.‹
Ich sah wohl ein, dass es mir nicht in wenigen Stunden gelingen würde, dem unglücklichen Geschöpf andere Grundsätze beizubringen und es auf den Weg der Tugend und Reue zurückzuführen.
Auf meine Andeutungen in dieser Richtung erwiderte sie: ›Ei, ei, seht doch den Herrn Bruder! Er will den Sittenrichter spielen – und welchen Umständen und Grundsätzen verdanke ich es denn, dass wir uns wiederfinden?‹
Hierauf konnte ich nicht mit großem Erfolg antworten. Alles, was ich erlangen konnte, war das Versprechen, vorerst keine neuen Bekanntschaften anzuknüpfen, wenn ich für ihren reichlichen Unterhalt sorgen wollte, wovon ich ihr sogleich den Beweis gab, indem ich ihr meine mit Gold gefüllte Börse überreichte.
Ich rief nun das Pärchen im Kabinett herein, und Adeline sagte eintretend und lachend:
›Nun, sind wir einig geworden?‹
Ich bejahte dies, empfahl mich mit Julie und brachte sie schon am folgenden Tag in eine anständige Wohnung, entfernt von dem Lorettenquartier, in dem sie bisher hauste. Ich gab mir nun alle erdenkliche Mühe, das Mädchen auf bessere Wege zu bringen, ihr eine grässliche Zukunft und ein elendes Alter auf das Lebendigste ausmalend.
Schon glaubte ich sie auf dem besseren Wege, als ich nach wenigen Wochen eines Morgens ein Billetchen von ihr erhielt, in welchem sie mir schrieb, sie könne ein so langweiliges Leben unmöglich länger ertragen; sie liebe ihre Freiheit und Unabhängigkeit, wolle das Leben genießen, solange es gehe, und sei deshalb in der vergangenen Nacht mit einem neuen Geliebten auf Reisen gegangen. Ich solle mich nicht bemühen, sie aufzusuchen, da alle meine Nachforschungen vergeblich sein würden usw.
Verstimmt eilte ich zu Adeline, um vielleicht von ihr etwas Näheres über Julies Verschwinden zu erfahren; doch sie wusste mir nicht die mindeste Auskunft über das unglückliche Mädchen zu geben, suchte mich scherzend und spottend über meinen Verlust zu trösten und mich durch ihre muntere Ausgelassenheit zu erheitern. Der Vicomte kam hinzu; man nötigte mich, zum Frühstück zu bleiben, und zog mich damit auf, dass ich mein Liebchen ihrem Umgang entzogen und so geheimnisvoll und sicher recht wohl verwahrt habe.
Diese Begebenheit hatte mich sehr verstimmt; die sanften Verweise meiner Gattin über mein verändertes Benehmen erbitterten mich, statt mich zu bessern. Ich suchte nur umso mehr Zerstreuung außerhalb des Hauses und fand sie bald in Adelines Armen, die der Vicomte vernachlässigte. Zu Hause, wo ich nur wehmütige Gesichter sah, hielt es mich nicht mehr; und bald führte ich ein ebenso kostspieliges wie ausschweifendes Leben.
Der Vicomte war mein fast unzertrennlicher Gefährte; wir taumelten von Gelage zu Gelage und feierten Orgien mit den berühmtesten und berüchtigtsten Theaterprinzessinnen. Unter dem Vorwand notwendiger Geschäftsreisen entfernte ich mich oft wochenlang von Haus, verlor große Summen im Spiel; das Lansquenet kostete mich bald über 100 000 Franc, und so kam ich von Abweg zu Abweg.
Hat man einmal die breite Heerstraße des Lasters betreten, so geht es mit Riesenschritten voran.
Bald waren meine Vermögensumstände nicht mehr die besten. Der Vicomte, der zum Teil mit aus meinem Beutel schöpfte, riet mir nun, meine Finanzen wieder zu ordnen und Börsenspekulationen zu machen; und bald saß ich bis an den Hals in Geldverlegenheiten, denn die Spekulationen misslangen. Ich hatte Wechsel ausgestellt und konnte sie an den Zahltagen nicht honorieren; Proteste, Gerichtskosten und Wucherzinsen vermehrten und verzehnfachten rasch meine ursprünglichen Schulden.
Um mich aus dieser dringlichen und entsetzlichen Verlegenheit zu retten, stellte ich auf Rat und Zureden des Vicomte falsche Wechsel aus, die ich mittels glücklicher Börsenspekulationen vor der Verfallzeit einzulösen hoffte. Doch auch dieses Unternehmen schlug fehl; ich verlor, konnte die Differenzen nicht bezahlen, und noch vor der Verfallzeit wurde der Betrug mit den falschen Wechseln entdeckt, ich verhaftet und zu 20 Jahren Galeerenstrafe und Ausstellung am Pranger mit Brandmarkung verurteilt!«
Hier hielt der Forçat tief seufzend einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Mein armes Weib konnte die Schmach nicht ertragen und starb am Tage, in der Stunde meiner Brandmarkung; meine Kinder wurden in ein Armenhaus gebracht, und ich nach Toulon abgeführt. Hier angekommen, wurde ich mit einem der scheußlichsten Verbrecher, einem gefährlichen Raubmörder, der schon lange die Straßen von Paris unsicher gemacht hatte und ein ausgelernter Gauner in allen Lastern und Diebskniffen war, der auch schon einige Male entsprungen war, zusammengeschmiedet.
In den ersten Tagen meiner Strafzeit war ich in ein dumpfes Hinbrüten versunken und verrichtete mechanisch alles, was mir zugemutet und befohlen wurde; bald aber brachte mich der furchtbare Zynismus und die Rohheit meines Kettenkameraden wieder zum Bewusstsein, und nun fühlte ich das Entsetzliche meiner Lage. An diesen durch und durch faulen Ausbund aller Laster gekettet, wollte ich ihm anfangs widerstreben und ihm widerstehen, sah aber bald ein, dass ich meine Lage dadurch nur zehnfach verschlimmerte. Bald gab ich seinem Zynismus und der Art Lebensphilosophie, die er sich geschaffen hatte, Gehör. Er prägte mir besonders den Grundsatz ein: Die menschliche Gesellschaft hat uns für immer ausgestoßen, behandelt uns als ihre gefährlichsten und nichtswürdigsten Feinde; warum sollten wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und uns rächen und ihr schaden, wo und wie wir es nur können, und so blutig und grausam, als wir es nur immer vermögen?
Die schreckliche Behandlung, die mir auf der Galeere zuteilwurde, die alle Menschlichkeit beiseitesetzt, der tägliche Umgang mit den abgehärtetsten und eingefleischtesten Verbrechern bewirkten, dass auch in meiner Brust bald kein anderes Gefühl als das der unversöhnlichsten Rache Raum fand. Mit Gleichgültigkeit der Erzählung der scheußlichsten Taten zuhörend, deren man sich hier täglich mit einer Art von Stolz rühmte, und mit meinem Kettenkameraden – der ohnehin manchen besseren Bissen mit mir teilte, den er durch Arbeiten verdiente, die ich nicht zu leisten vermochte – bald einverstanden, sannen wir nur noch auf Mittel, unsere Befreiung zu bewerkstelligen, indem wir uns gegenseitig vornahmen, wenn uns diese gelungen, vor nichts zurückzuschrecken, was unsere Pläne fördern und uns ein behagliches und genussreiches Leben verschaffen könne.
Meine Kinder waren bereits zu ihrem Glück im Armenhaus gestorben; ich hatte nichts mehr, was mich noch an die menschliche Gesellschaft fesseln konnte, und nahm keinen Anstand, mich gegen dieselbe zu verschwören. Mein Kamerad hatte schon längst Verbindungen mit einer alten Kupplerin, die in der Stadt Toulon wohnte, welcher er von Zeit zu Zeit die im Arsenal gestohlenen Gegenstände durch die Hehlerei freier Arbeiter zukommen ließ und dafür einige Sous erhielt. Durch denselben Kanal hatte er sich Uhrfedern zu verschaffen gewusst, die er in seinen hölzernen Schuhen verbarg und mit deren Hilfe er die eisernen Ringe, welche uns an die Ketten fesselten, durchsägen wollte. Die alte Marthe – so hieß das Weib – war von dem Projekt unserer Entweichung in Kenntnis gesetzt und versprach, alles vorzubereiten, um unsere Flucht aus Toulon möglich zu machen.
Das Schwierigste war das Entkommen aus dem Arsenal, doch auch hier wusste Rossier – so nannte sich mein Kettenkamerad – Rat und versprach, für Uniformen und Dienstmützen zu sorgen, mit deren Hilfe uns die Wachen ungehindert passieren lassen würden. Als wir Tag und Stunde unserer Entweichung festgesetzt hatten, sägte mein Gefährte unsere Ringe in der vorhergehenden Nacht durch; wir begaben uns mit Tagesanbruch in einen offenen Schuppen, in welchem mehrere leere Tonnen standen. Aus einer derselben langte er die zu unserer Verkleidung nötigen Montierungsstücke nebst zwei Dolchmessern hervor, die wir mit den Galeerenkleidern hinter den Fässern versteckt vertauschten, und verließen sodann nach dem Morgenkanonenschuss das Arsenal ungehindert, uns zur alten Marthe begebend, wo wir abermals unsere Kleidung mit der bürgerlichen Tracht gewöhnlicher Arbeiter wechselten.
Aber während wir noch damit beschäftigt waren, hörten wir schon die Alarmschüsse fallen, welche unsere Flucht verkündeten. Wir hatten gehofft, die Stadt noch früher verlassen zu können, weil dann die Torwachen keine Aufmerksamkeit auf die Passanten verwendet haben würden; da aber dies fehlgeschlagen war, mussten wir uns so gut als möglich so lange in der Stadt zu verbergen suchen, bis sich eine passende Gelegenheit finden würde, dieselbe zu verlassen. Zur größeren Sicherheit trennten wir uns, und Marthe brachte mich bei einer öffentlichen Dirne unter, auf die sie sich vollkommen verlassen konnte. Die Vorsicht war nicht überflüssig, denn es dauerte nicht lange, so hielten Polizei und Gendarmen Haussuchungen in allen verdächtigen Häusern und bei meiner Beschützerin, die allein in einer Mansardenstube wohnte.
Als sie die Gendarmen gewahrte, hieß sie mich schnell durch ein Hinterfenster auf das Dach steigen und so lange auf demselben hinter einem Schornstein verborgen bleiben, bis sich der unwillkommene Besuch wieder entfernt haben würde. Ich befolgte ihr Geheiß, und während diese Jagdhunde der Polizei alles in der Kammer des Mädchens durchstöberten, saß ich über ihnen hinter dem Rauchfang gekauert. Nach einer guten Viertelstunde entfernten sie sich wieder; ich stieg zum Fenster herein und nahm in aller Ruhe ein Frühstück, welches mir Pauline – so hieß das Mädchen – zubereitet hatte.
Wir kamen nun überein, dass ich in der Abenddämmerung an ihrem Arm die Stadt, durch die Porte Royal gehend, verlassen und vor derselben meinen Kameraden treffen sollte. Das Mädchen, welches gegen Mittag ausgegangen war, um einige Einkäufe zu machen, brachte mir jedoch die Nachricht, dass Rossier bei Marthe erwischt und nun beide, Ersterer nach einer verzweifelten Gegenwehr, verhaftet worden seien. Dies beunruhigte mich, da ich fürchtete, dass der eine oder der andere meinen Aufenthalt verraten könne. Pauline sagte jedoch, dass sie für Marthe gut stünde und auch mein Kamerad hinsichtlich meiner nichts verraten haben könne, weil man sie sonst schon wieder mit einem Besuch geehrt haben würde und er nun vor dem kommenden Tag nicht wieder in das Verhör komme. Zur größeren Sicherheit aber wolle sie mich indessen zu einer Freundin führen, bei der ich bis zur Dämmerung verweilen sollte.
Hier blieb ich in der Tat ungestört bis zur ersehnten Stunde, wo es mir mit Hilfe der Dirne gelang, glücklich, wenn auch mit hochklopfendem Herzen, durch das Tor zu passieren, an welchem gerade in diesem Augenblick die Wache von dem Stabsoffizier inspiziert wurde, weshalb man wenig auf uns achtete. Die Stadt im Rücken, nahm ich Abschied von meiner dienstwilligen Wirtin, verdoppelte meine Schritte und verbarg mich bis zum Einbruch der völligen Nacht, um dann, durch diese Freundin aller schwarzen Taten begünstigt, die Straße zu gewinnen, die nach Marseille führte.
Nachdem es völlig dunkel geworden war, eilte ich bis zwei Uhr nach Mitternacht unaufhaltsam voran, ruhte dann ein paar Stunden und setzte mit Tagesanbruch meinen Weg fort. Zwischen Marseille und Toulon, wenn man den Flecken Beausset passiert hat, kommt man nach etwa einer Stunde an eine Felsenschlucht, deren senkrechte, steile, ineinandergeschobene, himmelhoch emporstrebende, ganz kahle Wände dem Wanderer den Eingang zur Hölle vermuten lassen und einen nicht zu beschreibenden Eindruck machen. Ein wilder Bergstrom rauscht und braust den größten Teil des Winters in schäumend tobenden Wellen in den Tiefen dahin, ist aber im Sommer ein kaum bemerkbares Bächlein. Kein Baum, kein Gebüsch, keine Staude, kein grünendes Plätzchen erquickt das Auge in dieser grauenvollen Schlucht, die durch zwei nackte, senkrechte Felsenreihen eingeschlossen ist, welche oft die seltsamsten und groteskesten Formen annehmen: bald scheinen sie jeden Augenblick dem Einsturz drohende Ruinen, bald Türme, Kolosse, Obelisken etc. Kein lebendes Wesen lässt sich in dieser von der übrigen Welt abgeschlossenen Öde blicken, und nur das düstere Geheul eines Uhus oder der lugubre Schrei eines Raubvogels lässt sich von Zeit zu Zeit in der eine ganze Stunde langen, aber engen Schauerschlucht vernehmen.
Diese Gegend stimmte so ganz mit dem überein, was in meinem Innern vorging. Ungefähr in der Mitte derselben sah ich einen wohlgekleideten Reiter auf einem stattlichen Pferd auf mich zukommen, dessen ganzes Aussehen Wohlhabenheit verriet und vermuten ließ, dass er nicht ohne eine bedeutende Barschaft sei. Ein angeschwollener Mantelsack war hinter ihm auf dem Rücken des Pferdes befestigt. Ich war aller Geld- und Hilfsmittel entblößt, hatte keine zwanzig Sous in der Tasche, und schnell stieg der Gedanke in mir auf: Dieser Mensch führt bei sich, was dir mangelt; der Teufel liefert ihn dir in die Hände, diese Gelegenheit darfst du nicht entwischen lassen.
Ich griff nach meinem Dolchmesser, und als der Reiter sich mir bis auf einen Schritt genähert hatte, trat ich, eine unbedeutende Frage den Weg betreffend an ihn richtend, an ihn heran, um sein Pferd anhalten zu machen. Während er mir antwortete, hob ich ihn, seinen rechten Fuß packend, mit aller Kraft meines Armes aus dem Sattel, sodass er von der linken Seite vom Pferde herabstürzte. Dem Tier fiel ich in die Zügel, stürzte mich dann auf den am Boden liegenden Mann und brachte ihm mit steigender Wut acht bis zehn Stiche in Brust, Hals und Herz bei.
Nachdem ich mich überzeugt hatte, ihm genug gegeben zu haben, um ihn für immer sprachlos zu machen, und mich in den Besitz seiner Uhr und Börse gesetzt hatte, schwang ich mich auf sein Pferd, jagte in gestrecktem Galopp den Weg, den ich gekommen war, zurück und schlug nun, statt die Straße nach Marseille zu verfolgen, die nach Aix ein, wo ich gegen Mittag mit meinem schweißtriefenden Ross ankam und im Hôtel du Cours abstieg. Mein Pferd eine Schindmähre nennend, die mir nicht gestattet habe, die wegen meines sich in Avignon auf dem Totenbett befindenden Vaters notwendigerweise sogleich fortzusetzende Reise zu beendigen, äußerte ich dabei den Wunsch, das Pferd à tout prix verkaufen zu wollen und in einem Wagen die Reise fortzusetzen. Es fand sich auch bald ein Jude ein, der hinsichtlich der Untauglichkeit des Tieres völlig mit mir einverstanden war, mir 200 Franken für dasselbe bot – es war wenigstens 1200 wert. Wir wurden nach wenigen Worten des Handels für 250 Franken einig, und ich eilte, in einem Wagen weiterzukommen.
Noch am selben Tag kam ich in Avignon an, von wo ich mich aber, einen anderen Wagen nehmend, sogleich weiterbegab und nun den Weg nach Spanien einschlug. In Montpellier las ich in einem Kaffeehaus die Nachricht, dass man die Leiche des reichen Kaufmanns Fourrier aus Marseille, des Wohltäters aller Armen dieser Stadt, von zehn Dolchstichen durchbohrt und beraubt im Tal von Ollioules gefunden habe. Das Signalement seines Pferdes war dabei genau angegeben, und man forderte die Behörden auf, ein aufmerksames Auge darauf zu haben.
Ich eilte nun schnell von Montpellier nach Cette, in dessen Hafen ich eine zum Abfahren nach Barcelona bereite spanische Feluke vorfand. Schnell war ich mit dem Kapitän derselben hinsichtlich der Überfahrt meiner Person einig; wir segelten zu meiner großen Zufriedenheit noch in derselben Nacht ab und kamen nach ungefähr achtundvierzig Stunden glücklich in Barcelona an. Hier las ich nach ein paar Tagen in einem französischen Journal das Signalement desjenigen, der das Pferd des ermordeten Fourrier in Aix verkauft hatte, also des meinigen, mit ziemlicher Genauigkeit angegeben, nebst der Vermutung, dass der Mörder ein entsprungener Galeerensklave aus Toulon sei.
Ich hielt mich nun selbst in Barcelona nicht mehr sicher und nahm mir vor, einen Aufenthalt weiter im Innern Spaniens aufzusuchen. Ich packte die wenigen Habseligkeiten, die ich in Fourriers Mantelsack gefunden hatte – den ich schon auf dem Wege nach Avignon ausgeleert hatte und der meistens aus etwas feiner Wäsche bestand; einige Bücher und was mir unnütz schien, hatte ich samt dem Mantelsack auf ein Feld an der Landstraße geworfen –, schnürte mein Bündel und machte mich auf den Weg nach Hostalrich.

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