Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 8 – Die Ansiedlung auf dem Meeresgrund 2. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 8
Die Ansiedlung auf dem Meeresgrund
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 2
Auf dem Meeresboden
Schwerfällig, die mit Blei belasteten Füße nach sich schleifend, schleppte sich Richard über die Plattform bis an den Rand und ließ sich dort, von der Vollkommenheit seines Kostüms überzeugt, ins Wasser plumpsen.
Jetzt war er in seinem Element. Genauso mochte einem Vogel zu Mute sein, dem die Schwungfedern gestutzt wurden und dem sie durch ein Zauberwort plötzlich wieder nachwachsen, sodass er sich in die Lüfte schwingen kann. Jedes Gefühl von Schwere war verschwunden; mit Leichtigkeit konnte Richard, während er immer tiefer sank, seine Füße heben. Der Luftapparat funktionierte tadellos. Richard spürte nichts von einem zunehmenden Druck und kein Sausen in den Ohren. Plötzlich bremste er seinen Fall, indem er sein Kostüm, das ihm zugleich als Schwimmblase diente, mit Luft füllte. Dann ließ er sich wieder nach oben steigen und abermals sinken, beobachtete, wie das blaue Licht immer mehr abnahm, und las die Tiefen auf seinem Instrument ab.
20 Meter – 21 – 22 – 25 Meter … Da glaubte Richard, etwas unter sich auftauchen zu sehen. Nun sank er noch vier Meter tiefer und – fühlte Boden unter den Füßen! Doch nein, er stand nur auf einem riesigen, ungefähr drei Meter hohen Pilz, von dem er erst herabspringen, das heißt langsam herabschweben musste, um nun – umgeben von der unterseeischen Flora und Fauna – in einer Tiefe von 32 Metern auf dem wirklichen, mit Muschelkalk bedeckten Meeresboden zu stehen.
Das Wasser war äußerst klar, die Sonne stand gerade im Zenit, und so konnte er seine Umgebung in einem Umkreis von etwa zehn Metern in einem bläulichen Licht überschauen. Wäre es aber auch ganz dunkel gewesen, so besaß er doch ein Mittel, um ganz ohne seine Lampe einen hellen Lichtschein rund um sich zu verbreiten.
Hier war das Reich der Korallen: Überall hatten sie seltsame Gebilde, Häuser, Grotten und Bäume mit den feinsten Ästchen geschaffen. Wundersame Seegewächse wucherten üppig in Knollen, Blumen, breiten Blättern und langen Halmen, die kerzengerade in die Höhe ragten und eine bunte Farbenpracht oder ein eintöniges Dunkelgrün zeigten. Dazwischen spielten Fische und krochen Schnecken, während festgewachsene Muscheln auf- und zuklappten und kleine Polypen von glühenden Farben mit ihren vielen Armen nach Beute griffen.
Auch hier in der ewigen Stille, die kein Sturm aufrühren konnte, herrschte der Kampf ums Dasein – fraß ein Geschöpf das andere auf.
Der riesige Pilz war ebenfalls eine Korallenformation – eines jener Gebilde, welche die Schiffer in der Nähe der Küste so sehr fürchten. Verfängt sich nämlich ein Anker unter einem solchen Pilz oben am Dach, so vermag ihn keine Dampfkraft wieder heraufzuziehen. Der Stängel bricht nicht ab, obwohl er nur so stark wie ein Oberschenkel ist. Viel eher reißt die Eisenkette oder der Dampfer zieht sich selbst hinab. Ist der Korallenpilz für den Taucher zu tief gelegen, so ist der Anker verloren.
Richard tat wirklich ein gutes Werk, indem er die Explosion einer Dynamitpatrone hier unten an einem dieser Pilze ausprobieren wollte. Zu diesem Zweck schob er eine Patrone in eine kleine Höhlung des Stammes, legte den Leitungsdraht an und ließ einen elektrischen Funken in die Patrone springen. Er blieb ruhig dicht daneben stehen, denn dass für ihn bei dieser Sprengung keine Gefahr bestand, wusste er als erfahrener Ingenieur, der sich schon oft mit Experimenten unter Wasser beschäftigt hatte.
Kaum war die Explosion erfolgt, brach der Stamm ab, der Pilz fiel langsam um und ein paar große Gasblasen stiegen in die Höhe – das war aber auch alles. Keine Detonation, keine Wassererschütterung, nichts von alledem. Und doch war die Explosion hier unten genau dieselbe wie oben, nur dass die Begleiterscheinungen fehlten.
Da tauchte in der Dämmerung außerhalb des helleren Sehkreises plötzlich etwas Großes auf: Zunächst wurden zwei unheimlich starre Augen, dann ein fürchterliches Gebiss sichtbar. Ah, da näherte sich also schon das erste Abenteuer in Gestalt eines riesigen Haifisches!
Richards Nerven begannen zu zittern, als die Hyäne des Meeres direkt auf ihn zu schwamm. Furcht war es jedoch nicht, die ihn erfüllte, sondern nur Spannung. Ruhig löste er die lange Pistole vom Gürtel, die eine weit furchtbarere Waffe war als dieser von spitzen Zähnen starrende Rachen des Haifisches, der jetzt langsam ohne Flossenbewegung herantrieb und direkt vor Richard stehen blieb, um mit den phosphoreszierenden Augen durch das Fenster dem Knaben ins Gesicht zu starren.
Kein erfahrener Taucher fürchtet die Begegnung mit einem Haifisch. Höchstens gebraucht er die Vorsicht, die unbedeckten Hände hinter dem Rücken verborgen zu halten, um die Fleischgelüste des Raubtiers nicht zu erregen. Alle haarsträubenden Geschichten von Kämpfen zwischen Tauchern und Haifischen sind reine Fabeln, so wie die Gefährlichkeit dieser Tiere überhaupt sehr übertrieben wird. Etwas anderes ist es, wenn ein Mensch über Bord direkt zwischen die Haifische fällt.
Richard hob also die Pistole. Allein schon bei dem ersten Ansatz zu dieser Bewegung schoss das Tier erschrocken davon. Doch da kam es bereits wieder zurück. Aber nein, das musste wohl ein anderer Haifisch sein, der den Gegenstand seiner Neugierde näher betrachten wollte.
Jetzt lag die Pistole bereits im Anschlag. Und plötzlich drückte Richard, der das Tier auf fünf Meter herankommen ließ, ab. Sofort entstand im Wasser eine Spur aus Luftbläschen, dann traf die Glaskugel den Leib – der Haifisch war verschwunden und in Stücke und Fetzen zerrissen, die langsam, das Wasser rötend, nach oben trieben!

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