Kommissar Rosic – Band 2.1
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 2
Das blutige Erbe
Kapitel 1: Ein Gespräch nach dem Umtrunk
Das Hotel Zum Großen Hirsch in R… ist im Umkreis von dreißig Meilen nicht nur für seine hervorragende Küche bekannt, sondern auch für den erfrischenden Schatten seiner Bäume. Im Sommer ist es ein wahrer Genuss, unter dem Blätterdach des weitläufigen Parks zu Mittag oder zu Abend zu essen – einer grünen Enklave inmitten des riesigen Staatsforsts, der die kleine Stadt umgibt.
Sobald die schöne Jahreszeit einkehrt, werden zahlreiche Tische unter den mehr als hundertjährigen Buchen gedeckt. Dennoch reichen diese viel zu selten aus, um all die Gäste aufzunehmen, die gelockt vom guten Ruf des alten Hotels herbeiströmen.
An diesem Tag jedoch, obwohl bereits Mai war und die Temperaturen sich besonders mild zeigten, verloren sich kaum ein Dutzend Gäste im Park. Das lag daran, dass der Himmel in den vergangenen zwei Wochen recht trübe gewesen war und allzu lange Regenfälle niedergegangen waren; die Ausflügler hatten sich, obschon angelockt vom ersten strahlenden Lächeln dieses wahrlich spät eingetroffenen Frühlings, noch nicht hinaus ins Grüne gewagt.
Unter diesen wenigen Gästen saßen drei Männer an einem Tisch beisammen. Sie erfreuten sich an der exquisiten Küche des Hauses sowie an der Milde dieses herrlichen Tages, an dem die Sonne an einem makellos blauen Himmel lachte, dessen strahlendes Blau durch das frische Blätterdach des Waldes schimmerte.
Bei diesen drei Männern handelte es sich um Monsieur François Chazal, einen Mann in den Dreißigern mit bartbedecktem Gesicht, kahlköpfig und breitgeschultert, doch mit leicht gebeugtem Rücken und einem beginnenden Bauchansatz unter der Weste – untrügliche Zeichen eines Mannes, der zu Schreibtischarbeit und stundenlangen Studien bei Lampenlicht verdammt war.
Dieser Mann war in der Tat ein ernster, strenger Jurist, der erst kürzlich zum Staatsanwalt der kleinen Stadt R… ernannt worden war.
Der Zweite schien etwa fünfundvierzig Jahre alt zu sein. Sein gebräuntes Gesicht, die markante Nase, die tief liegenden, aber von lebhaftem Feuer sprühenden Augen, der spöttische Mund unter einem kleinen, ergrauenden Schnurrbart und der kräftige Unterkiefer zeugten ebenso wie seine gesamte jugendliche, athletische Erscheinung vom genauen Gegenteil: einem Mann der Tat, voller Entschlusskraft und Energie. Es handelte sich um den berühmten Monsieur Rosic, den Inspektor der Sûreté – in Justizkreisen wie in der Presse gleichermaßen hoch geschätzt –, den der mysteriöse Fall des Kristalldolches1, von ihm so geschickt aufgeklärt, ganz plötzlich ins Rampenlicht gerückt hatte.
Der Dritte war ein großer junger Mann, ungefähr im Alter des Staatsanwalts, an dem kein besonderes Kennzeichen auffiel. Sein glattrasiertes Gesicht hätte überall unbemerkt bleiben können, und seine Personenbeschreibung fügte sich gewiss in jene ernüchternde Formel: Stirn durchschnittlich, Nase durchschnittlich, Augen gewöhnlich, Mund durchschnittlich, Kinn durchschnittlich. Er hieß Jacques Vix.
Schon von frühester Kindheit an war Jacques Vix durch zwei besondere Charakterzüge aufgefallen: erstens durch seine unverbesserliche Faulheit und zweitens durch seine wahrhaft außergewöhnliche Intelligenz.
Auf dem Gymnasium trieb er seine Lehrer zur Verzweiflung und versetzte sie zugleich in Erstaunen; da er nie seine Lektionen lernte, dem Unterricht nur mit unaufmerksamem, zerstreutem Ohr folgte und seine Hausaufgaben erst in allerletzter Minute hinschmierte, war er schlussendlich der beklagenswerteste Faulpelz, der je auf den Bänken einer Lehranstalt versauern konnte. Doch plötzlich, ohne jeden erkennbaren Grund, geruhte Jacques Vix eines Tages, eine Arbeit anzufertigen – und sein erstaunter, verblüffter Lehrer traute seinen Augen kaum und sah sich gezwungen, ihn an die Spitze zu setzen, so viel Wissen und vielseitige Kenntnisse hatte er an den Tag gelegt.
Man hatte ihn schließlich durchschaut, und trotz seiner tief verwurzelten Faulheit hegte das Gymnasium von Grenoble, an dem er sich recht und schlecht durch seine Schulzeit geschlagen hatte, bald die kühnsten Hoffnungen in ihn – Hoffnungen, die er übrigens keineswegs enttäuschte.
Als Preisträger des Concours général2, mit hervorragenden Noten im Abitur und für die renommierte École normale supérieure3 zugelassen, machte Jacques Vix sogleich das Rennen und sicherte sich als Erstplatzierter den Zugang zur Fachrichtung Philosophie.
Mit zweiundzwanzig Jahren schließlich, ohne je seinen Spitzenplatz eingebüßt zu haben, verließ Jacques Vix ebenso als Erster ab und war sogleich als Lehrer an das Gymnasium von Lyon berufen worden.
Dort trieb seine angeborene Trägheit die Schulleitung ebenso zur Verzweiflung wie einst seine Lehrer; sein Unterricht verlief aufs Geratewohl, und die Faulenzer hatten leichtes Spiel bei einem Lehrer, der sich nie die Mühe machte, die Arbeiten seiner Schüler zu korrigieren. Ohne Zweifel wäre Jacques Vix trotz all seiner Fähigkeiten von einer Ungnade in die nächste gestürzt und hätte bald in irgendeiner entlegenen Provinzstadt dahinvegetiert, wenn nicht eines schönen Tages ein Großcousin ohne Testament gestorben wäre und ihm die stattliche Summe von drei Millionen hinterlassen hätte.
»Endlich«, hatte sich Jacques Vix gesagt, »werde ich leben können, ohne irgendetwas zu tun!«
Und so hatte er sich, gestützt auf eine Jahresrente von 150 000 Livres, in Paris niedergelassen, wohl wissend, dass dies die einzige Stadt auf der Welt war, in der ein Mann, der entschlossen ist, keinen Finger krummzumachen, seine Tage verbringen kann, ohne Gefahr zu laufen, sich zu langweilen.
Jacques Vix war auf dem Gymnasium in Grenoble der Schulkamerad von François Chazal gewesen; und da die beiden jungen Männer das genaue Gegenteil voneinander waren, verband sie, wie es so oft geschieht, eine innige Freundschaft.
Als Vix nun erfuhr, dass sein Freund zum Staatsanwalt in R… ernannt worden war – einer Stadt vor den Toren von Paris –, hatte er ihm sogleich geschrieben.
Eines Tages in der kommenden Woche komme ich dich zum Mittagessen besuchen.
Treu seinem Versprechen war Vix an jenem Morgen in R… eingetroffen, hatte sich, da er die Adresse seines Freundes nicht kannte, zum Gerichtsgebäude fahren lassen und dort Chazal angetroffen, der tief in ein Gespräch mit Rosic vertieft war, welcher in die Gegend gekommen war, um eine unbedeutende Urkundenfälschung aufzuklären, die er übrigens ohne jede Mühe durchschaut hatte.
»Sieh an, da bist du ja! Na, du kommst genau richtig! Man kann sagen, du hast den richtigen Riecher!«, hatte Chazal ausgerufen.
»Tatsächlich?«
»Ganz recht! Da ich Monsieur Rosic – den ich dir hiermit vorstelle – einladen wollte, habe ich im Großen Hirsch, dessen Ruf du ja kennst, ein hervorragendes Mittagessen bestellt. Du bekommst natürlich etwas ab, denn wo zwei satt werden, reicht es auch für drei! Wenn du ein Feinschmecker bist, wirst du Rehkoteletts kosten, wie du sie sicher noch nie genossen hast, ganz egal, wie sehr du auch Millionär sein magst!«
»Sieh mal an«, meinte Vix, »ich dachte, die Jagd sei beendet! Für mich wird es ein doppelter Genuss sein, während der Schonzeit Rehkoteletts in Gesellschaft des hiesigen Staatsanwalts zu kosten!«
Chazal lachte auf.
»Mein Lieber, die Köche sind heutzutage so geschickt, dass einfache, raffiniert zubereitete Hammelkoteletts täuschend echt als Reh durchgehen können. Wenn es sich bei den Koteletts nun aber tatsächlich um Reh handelt, ist das eine Sache zwischen dem Oberkellner und seinem Gewissen! Der Staatsanwalt hat sich in solche kulinarischen Erwägungen nicht einzumischen.«
Eine halbe Stunde später saßen Chazal, Monsieur Rosic und Jacques Vix im kühlen Schatten des Parks vom Großen Hirsch zu Tisch und hatten – ob nun Hammel oder Reh – das berühmte Spezialgericht des Hauses gebührend genossen; diese Koteletts, denen appetitliche Vorspeisen vorangegangen waren und auf die eine fette, auf den Punkt gebratene Houdan-Poularde sowie zarter Spargel folgten, das Ganze begleitet von den edelsten Tropfen des Kellers, hatten die drei Tischgenossen in denkbar beste Stimmung versetzt. Nun saßen sie, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die Zigarre oder die Zigarette im Mund und ein Glas alten Weinbrand in Griffweite, genossen diese göttliche Stunde, die ihnen der Frühling und eine leichte Verdauung bescherten, während sie sich ungezwungen unterhielten.
Und worüber sprechen drei Männer, wenn der eine Staatsanwalt ist und der andere ein angesehener Detektiv? Von Verbrechen natürlich; und Jacques Vix, an all dem scheinbar uninteressiert, hörte schweigend zu, hing seiner gewohnten Trägheit nach und schien sich nicht einmal die Mühe machen zu wollen, den Worten seiner beiden Tischgenossen allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Als Monsieur Rosic jedoch von den unzähligen Schwierigkeiten sprach, die er einst hatte überwinden müssen, um das auf den ersten Blick unentwirrbare Geheimnis des Kristalldolches zu lüften, lächelte Jacques Vix und sagte mit jener langsamen, gleichsam ernüchterten Stimme, die ihm eigen war.
»Ich habe den Fall verfolgt … Mir scheint jedoch, dass er glasklar war!«
»Ach, finden Sie?«, rief Rosic und fuhr auf seinem Stuhl empor, als wäre eine Feder losgeschnellt.
»Ja … gewiss, und gestatten Sie mir die Bemerkung, dass Sie reichlich Scharfsinn bewiesen haben. Aber mir scheint, wären Sie nicht ausgerechnet Detektiv von Beruf, hätte Ihnen die Wahrheit sogleich ins Auge springen müssen!«
Rosic lachte laut auf.
»Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen …«
»Das war zumindest mein erster Eindruck!«
»Ich sehe schon«, meinte der Inspektor der Sûreté, »Sie sind ein großer Leser von Kriminalromanen!«
»Nicht einmal das! Ich schwöre Ihnen, seit ich den Schuldienst quittiert habe, lese ich – abgesehen von meiner Zeitung am Morgen – kaum etwas. Dennoch, wie jedermann habe auch ich die Abenteuer von Sherlock Holmes überflogen.
Rosic lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, um ungehemmt zu lachen.
»Da haben wir’s ja!«, meinte er.
Doch Vix erwiderte in allem Ernst: »Aber nein, ich versichere Ihnen, Sie irren sich. Ich hege keineswegs die Auffassung über Sir Sherlock Holmes, die Sie vermuten. Ich bewundere das Talent des Autors, Monsieur Conan Doyle, allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Denn es liegt auf der Hand: Wenn man ein Verbrechen bis ins kleinste Detail konstruiert hat, ist es ein Kinderspiel, die Täter und die geheimnisvollen Verstrickungen im Voraus zu durchschauen. Der Leser eines Kriminalromans bedenkt nicht, dass der Schriftsteller keinerlei Mühe hat, das Geflecht einer Handlung zu durchdringen, deren Verfasser er selbst ist. Dennoch muss man anerkennen, dass die Methode von Sherlock Holmes, auf die Polizeiarbeit angewendet …«
»Aber eben!«, empörte sich Monsieur Rosic. »Wenn ein Verbrechen – ich meine ein echtes Verbrechen – begangen wurde, ist der Polizist, der mit der Ermittlung der Täter beauftragt ist, doch nicht vorab eingeweiht.«
»Mit ein wenig Logik … und Methode …«
»Ach, das glauben Sie?«
»Ich glaube, Monsieur Rosic«, meinte Jacques Vix, »dass der größte Fehler der Detektive ihre Betriebsblindheit ist! Das Verbrechen ist unendlich vielfältig, die Polizei hingegen schablonenhaft! Sobald ein Verbrechen begangen wurde, vergleichen Sie es augenblicklich und ganz unwillkürlich mit einem ähnlichen Fall und begeben sich auf der Stelle auf eine Fährte, von der Sie nicht mehr ablassen wollen.«
»Da möchte ich Sie zu gern sehen!«, rief Rosic.
»Darauf lege ich nicht den geringsten Wert«, versicherte Vix. »Ich bin viel zu faul, um mich mit einer Aufgabe abzugeben, die Zeit, Nachdenken, Geduld und den ständigen Einsatz aller Geisteskräfte erfordert. Wäre ich jedoch nicht ein solcher Faulpelz, so scheint mir, dass es mir allein mithilfe der Philosophie, die ich den jungen Leuten der braven Stadt Lyon einst so schlecht gelehrt habe – ich meine, allein durch logisches Denken –, gelingen würde, ein Verbrechen aufzuklären.«
»Ach bitte, Sie bringen mich zum Lachen!«, rief Rosic. »Und da ist der Staatsanwalt, der selbst die Heiterkeit nicht bezähmen kann, die eine solche Behauptung bei ihm auslöst.«
Und tatsächlich lächelte Chazal; doch tief im Inneren dachte er sich wohl, dass Vix, sollte er sich eines Tages wirklich die Mühe machen, Polizeiarbeit zu leisten, vielleicht keine große Mühe hätte, selbst Rosic auszustechen – so fest vertraute er auf die hohe und, sagen wir ruhig, überlegene Intelligenz seines Freundes.
»Sagen Sie frei heraus, was Sie denken, Staatsanwalt!«, meinte Rosic.
Doch der Herr Staatsanwalt hatte keine Zeit mehr zu antworten, denn genau in diesem Augenblick erblickte er einen Gendarmen, der nach ihm zu suchen schien.

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