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Einbrecher aus Leidenschaft – Das falsche Haus

Das falsche Haus

Mein Bruder Ralph, der fortan bei mir am Rande von Ham Common wohnte, war aus Australien mit einem recht eigentümlichen Augenleiden zurückgekehrt. Es stammte von dem unbarmherzigen Gleißfeuer der dortigen Sonne und zwang ihn, unter freiem Himmel stets eine dunkle Rauchglasbrille zu tragen. Den satten, gesunden Teint des typischen Kolonialpioniers suchte man bei ihm vergebens – er war vielmehr von einer auffallenden Blässe. Wie er erzählte, hatte er jedoch auch die meiste Zeit der Überfahrt an die Koje gefesselt verlegen, und sein verfrüht ergrautes Haar lieferte Beweis genug, dass die Strapazen des Lebens im Busch seine einst so eiserne Gesundheit schließlich zerrüttet hatten. Unsere Vermieterin, die meinen Bruder vom ersten Tage an verwöhnte, zeigte sich ob seines Zustands tief besorgt und drängte darauf, den hiesigen Arzt zu Rate zu ziehen. Doch Ralph stieß bloß finstere Verwünschungen gegen den Berufsstand der Mediziner aus und versetzte die gute Frau in helle Aufregung, indem er ihr kurzum verbot, jemals einen Doktor über ihre Schwelle zu lassen. Ich sah mich genötigt, mich für die absonderlichen Vorurteile und die raue Sprache dieser Kolonisten zu entschuldigen, woraufhin die liebe alte Seele rasch wieder besänftigt war. Sie hatte meinen Bruder auf den ersten Blick ins Herz geschlossen und konnte gar nicht genug tun, um es ihm behaglich zu machen. Ihr war es auch zuzuschreiben, dass ich ihn – zum ersten Mal in unserem Leben – Ralph zu nennen begann, da sie angefangen hatte, von ihm und zu ihm als Mr. Raffles zu sprechen.

»So geht das keinesfalls«, erklärte er mir eines Tages. »Das ist ein Name, der haften bleibt.«

»Das ist ganz gewiss meine Schuld! Sie muss ihn wohl von mir aufgeschnappt haben«, sagte ich voller Selbstvorwürfe.

»Du wirst ihr sagen, es handele sich dabei bloß um die geläufige Abkürzung für Ralph.«

»Aber es ist doch länger!«

»Es ist die Kurzform«, beharrte er unnachgiebig, »und genau das wirst du ihr beibringen.«

Von da an hörte ich so unablässig von Mr. Ralph, seinen Vorlieben und Abneigungen, was dem Herrn mundete und was nicht, und welch vorzüglicher Gentleman er doch sei, dass ich mich schlichtweg selbst daran gewöhnte, ihn fortan mit »Ralph, alter Knabe« anzureden.

Es war ein idyllisches Landhaus, wie ich schon bei meiner ersten Besichtigung erfreut festgestellt hatte, und in seiner Obhut erstarkte unser angeblicher Rekonvaleszent zusehends. Nicht etwa, weil die Luft dort sonderlich heilsam gewesen wäre; denn wenn es nicht gerade in Strömen regnete, umgab uns von November bis März ein stetiger, treuer Nebel. Aber für Ralph war es schon Gewinn genug, überhaupt wieder frische Luft zu schöpfen – abgesehen von der Nachtluft –, und den restlichen Dienst besorgte das Fahrrad. Wir brachten uns das Radfahren eigenhändig bei, und nie werde ich jene ersten Ausfahrten vergessen: quer durch den Richmond Park, wenn die Wintertage am kürzesten waren, oder über die unvergleichliche Ripley Road, wenn wir dem Vergnügen einen ganzen Tag opferten. Raffles saß auf einem Beeston Humber, mir genügte ein Royal Sunbeam; er bestand jedoch eigens darauf, dass wir beide Dunlop-Pneumatiks aufzogen.

»Es scheint mir die verbreitetste Marke zu sein. Ich habe auf dem gesamten Weg von Ripley nach Cobham die Straße scharf im Blick behalten, und da gab es weit mehr Dunlop-Spuren als jede andere Sorte. Wahrhaftig, mein Lieber, jedes Profil hinterlässt seine ganz spezifische Fährte, und wir haben keinerlei Interesse daran, dass die unsere allzu auffällig ausfällt. Der Dunlop gleicht dem Abdruck einer Klapperschlange, während der Palmer ein Muster wie Telegrafendrähte zieht – und das Schlangenprofil liegt unserer Zunft nun einmal näher.«

Es war jener denkwürdige Winter, in dem das Temsetal von Richmond aufwärts von einer wahren Welle kühner Einbrüche heimgesucht wurde. Man munkelte, die Diebe hätten sich in jedem einzelnen Fall auf Fahrrädern davongemacht – doch was wird in solchen Zeiten nicht alles erzählt? Nach meinen eigenen Wahrnehmungen waren sie mitunter durchaus zu Fuß unterwegs, und wir verfolgten diese Serie gelungener Coups mit lebhaftem Interesse. Raffles ließ sich von seiner getreuen Vermieterin nur zu gern die neusten Berichte aus den Lokalblättern vorlesen, während ich in meinem Zimmer emsig mit Schreiben beschäftigt war (und wie viel ich damals schrieb!). Wir unternahmen sogar selbst nächtliche Ausfahrten, um zu sehen, ob wir den Gaunern nicht auf die Spur kommen könnten, und bei unserer Rückkehr brühte uns die gute Seele stets kochend heißen Kaffee auf. Wir waren wahrlich auf die Füße gefallen. Überdies schienen die nebligen Nächte wie geschaffen für das Einbrecherhandwerk. Dennoch war ihr Erfolg keineswegs so stetig und schon gar nicht so märchenhaft, wie die Leute behaupteten – allen voran die Bestohlenen, die plötzlich stets weit kostbarere Schätze vermissten, als sie je besessen hatten. Das Scheitern war nur zu oft der Lohn der Strolche, und einmal traf sie gar das blanke Desaster; ironischerweise herbeigeführt durch eben jenen Nebel, der ihnen eigentlich als Deckung hätte dienen sollen. Da ich diese Begebenheit jedoch mit einiger Ausführlichkeit und vielleicht nicht ganz ohne Schmunzeln erzählen möchte, wird der Leser bald selbst ermessen können, warum.

Das besagte Haus stand auf einer leichten Anhöhe unweit des Flusses, versehen mit einer stattlichen Einfahrt – durch ein Tor hinein und durch das andere wieder hinaus –, die geschwungen an der Freitreppe vorbeiführte. Zwischen den beiden Toren erstreckte sich ein halbmondförmiges Gebüsch, links von der Freitreppe lag ein Wintergarten und zu ihrer Rechten führte der Wirtschaftsweg zum Lieferanteneingang und den hinteren Räumlichkeiten; dort befand sich auch das Fenster der Anrichte, von dem noch zu sprechen sein wird. Das Haus gehörte einem wohlhabenden Börsenmakler, der eine massive goldene Uhrenkette zur Schau trug und wie die geborene Beute wirkte. Wäre ich an der Stelle des Börsenmaklers gewesen, hätten mich zwei Umstände gestört: Das Gebäude war Teil einer Häuserzeile, wenn auch einer recht vornehmen, und direkt nebenan hatte sich ein Militär-Tutor mit seinen Schülern etabliert. Man kennt diesen Typus von Vorort-Lernanstalten: Die jungen Leute laufen in Knickerbockern umher, rauchen Pfeife und stützen sich höchstens samstags nachts gegenseitig vom späten Zug nach Hause. Es war nicht unsere Aufgabe, diese Burschen zu spionieren, doch ihre Lebensgewohnheiten fielen zwangsläufig in unser Beobachtungsfeld. Und wir wählten mit Bedacht keine Nacht, in der die gesamte Nachbarschaft auf den Beinen sein würde.

Die Nacht unserer Wahl war so dicht vernagelt, wie es wohl nur das Temsetal hervorzubringen vermag. Raffles rieb die vernickelten Teile seines Beeston Humber vor dem Aufbruch gewissenhaft mit Vaseline ein, während unsere gute Vermieterin uns mütterlich umsorgte und zum Himmel betete, dass wir diesen garstigen Einbrechern bloß nicht über den Weg laufen mögen – obgleich sie einräumte, dass die ausgesetzte Belohnung für zwei junge Männer sehr gelegen käme, von Ruhm und Ehre ganz zu schweigen. Wir hatten ihr für den Fall unseres Erfolgs ein fürstliches Trinkgeld versprochen, schärften ihr jedoch ein, keinesfalls anderen Radfahrern von unserem Vorhaben zu berichten. Es war gegen Mitternacht, als wir über Kingston nach Surbiton rollten, nachdem wir unsere Maschinen durch die düster im Nebel liegenden Ham Fields geschoben hatten – traurig und verlassen wie die Ufer des Acheron – und schließlich die Brücke von Teddington überquerten.

Ich frage mich oft, weshalb das Fenster der Anrichte bei neun von zehn Häusern das schwächste Glied in der Kette bildet. Unser Zielobjekt war beinahe die sprichwörtliche zehnte Ausnahme, denn das besagte Fenster wies zwar eine Vergitterung auf, allerdings nicht von der richtigen Sorte. Die einzigen Gitterstangen, vor denen Raffles kapitulierte, sind solche, die außen direkt im Mauerwerk verankert sind; innen angebrachte Gitter sind lediglich im Holzrahmen verschraubt, und man kann mühelos so viele Stangen lösen, wie man benötigt, sofern man sich die Mühe macht und die nötige Zeit mitbringt. Vergitterte Fenster entbehren zumeist jedweder sonstigen nennenswerten Verriegelung; auch dieses machte keine Ausnahme von der törichten Regel, und ein kleiner Druck mit der Klinge des Taschenmessers erledigte den Verschluss. Ich gebe dem geneigten Hausbesitzer hier wertvolle Winke an die Hand und verdiene dafür womöglich ein Lob der Kritiker. Es wären jedenfalls genau die Schwachstellen, auf die ich achten würde, wäre ich ein begüterter Börsenmakler in einem Vorort am Fluss. Bei all den guten Ratschlägen sollte ich jedoch nicht unerwähnt lassen, dass wir unsere Räder im halbkreisförmigen Gebüsch vor dem Haus verborgen hatten und dass Raffles unsere Lampen äußerst geschickt mit Blendklappen ausgestattet hatte, sodass wir sie brennen lassen konnten, ohne entdeckt zu werden.

Es erwies sich als völlig ausreichend, die Stangen nur im unteren Bereich abzuschrauben und sie dann beherzt zur Seite zu biegen. Keiner von uns war im Laufe der Jahre übermäßig gehaltvoll geworden, und binnen weniger Minuten hatten wir uns beide durch das Fenster auf das Spülbecken und von dort lautlos auf den Boden geschoben. Ganz ohne Geräusch ging das zwar nicht ab, aber einmal in der Anrichte verwandelt wir uns in Mäuse – und zwar keineswegs in blinde. Es gab zwar einen Gaswandarm, doch an dem vergriffen wir uns nicht. Raffles führte in diesen Nächten eine weit bessere Lichtquelle mit sich als stumpfes Gas; wäre es nicht ungebührlich, könnte ich seine Blendlaterne wärmstens empfehlen, die mehr oder weniger seine eigene Erfindung war. Es handelte sich um jene praktische Neuerung, die elektrische Taschenlampe, die Raffles mit einer dunklen Abdeckung versehen hatte, um die Funktion einer Schiebeklappe zu übernehmen. Ich hatte sie durch das Gitter gehalten, während er die Schrauben löste, und nun hielt er sie an das Schlüsselloch der Tür, in dem von der anderen Seite der Schlüssel steckte.

Wir hielten inne, um die Lage zu bedenken, und nutzten die Pause, um unsere Masken überzuziehen. Es ist der Öffentlichkeit nie bekannt geworden, dass all jene Einbrüche im Temsetal von Gaunern in der Tracht des Verbrechens begangen wurden, aber das lag schlicht daran, dass wir bis zu dieser verhängnisvollen Nacht unsere Masken nie gezeigt hatten. Es war ein Punkt, auf den Raffles seit seiner heimlichen Rückkehr in die Welt bei jeder passenden Gelegenheit unerbittlich bestand. Heute Nacht hätte uns diese Vorsichtsmaßnahme beinahe das Leben gekostet – doch hören Sie selbst.

Es gibt zwar Spezialzangen, um Schlüssel von der abgewandten Seite der Tür zu drehen, doch das Werkzeug erweist sich in der Praxis oft als widerspenstig. Raffles zog daher ein scharfes Messer und die Ecke der Türfüllung vor. Man arbeitet sich durch das Füllungsholz, weil es dort am dünnsten ist – naturgemäß in jener Ecke, die dem Schloss am nächsten liegt –, und man nutzt ein Messer, weil es kaum Geräusche verursacht. Doch das erfordert Minuten, und selbst ich kann mich entsinnen, wie ich die elektrische Lampe von einer Hand in die andere wechselte, ehe der Spalt groß genug war, um Hand und Handgelenk von Raffles aufzunehmen.

Er pflegte in solchen Augenblicken einen Wahlspruch zu führen, den ich schon früher hätte erwähnen können; doch Tatsache ist, dass ich bislang erst ein einziges Mal einen handfesten Einbruch geschildert habe, bei dem ich ihm zur Hand ging – und das, ohne es damals überhaupt zu ahnen. Selbst der ernsthafteste Chronist unserer Taten kann nicht behaupten, dass er in unserer Gesellschaft viele Türen durchschritten hat seit jenem (für mich) jungfräulichen Erstlingswerk. Ich jedoch habe zusammen mit A. J. Raffles nur zu viele Truhen geknackt, und im entscheidenden Moment pflegte er mir zuzuflüstern: »Sieg oder Wormwood Scrubbs, Bunny!« – oder anstelle von Wormwood Scrubbs auch schon einmal Portland Bill. Diesmal sollte es weder das eine noch das andere sein; denn noch während das Wort »Sieg« auf seinen Lippen lag, wurden diese kreidebleich und öffneten sich beim ersten bitteren Geschmack der Niederlage.

»Meine Hand steckt fest!«, keuchte Raffles, und das Weiße seiner Augen trat rings um die Iris hervor – eine Erscheinung, die seltener vorkommt, als man glauben mag.

Im selben Augenblick hörte ich scharrende Füße und das leise, erregte Tuscheln junger Stimmen auf der anderen Seite der Tür, während ein schwacher Lichtschein Raffles’ gefangenes Handgelenk umspielte.

»Sauber gemacht, Beefy!«

»Halt ihn bloß fest!«

»Brav, alter Beefy!«

»Beefy hat ihn!«

»Ich auch – ich auch!«

Raffles packte meinen Arm mit seiner einen freien Hand.

»Sie halten mich eisern fest«, flüsterte er. »Ich bin geliefert.«

»Schieß durch das Holz!«, drängte ich und hätte es womöglich selbst getan, wäre ich bewaffnet gewesen. Doch das war ich nie; es war Raffles, der dieses Risiko für sich gepachtet hatte.

»Ich kann nicht – es sind die Jungs – das falsche Haus!«, raunte er verzweifelt. »Verflucht sei der Nebel – er hat mir das Genick gebrochen. Aber mach, dass du fortkommst, Bunny, solange noch Zeit ist! Kümmere dich nicht um mich; diesmal trifft es mich, alter Knabe.«

Seine freie Hand krampfte sich in einem stummen Abschiedsgruß um die meine. Ich drückte ihm die elektrische Lampe in die Finger, ehe ich mich zurückzog – am ganzen Leib zitternd, aber ohne ein einziges Wort.

Entkommen! Er sei an der Reihe! Ja, ich würde entkommen, aber nur, um im nächsten Augenblick zurückzukehren – denn jetzt war die Reihe an mir, an mir und nicht an ihm! Hätte Raffles mich etwa im Stich gelassen, wenn meine Hand in der Falle gesessen hätte? Was er an meiner Stelle getan hätte, das war nun meine verdammte Pflicht. Ich begann damit, kopfüber durch das Fenster der Anrichte zu hechten und draußen auf allen vieren auf dem Kies zu landen. Doch selbst als ich mich aufrappelte und mir den Grus von den Handflächen und den Knien meiner Knickerbocker strich, hatte ich nicht den blassesten Schimmer, was als Nächstes zu tun war. Und doch war ich schon auf halbem Weg zur Haustür, ehe mir die abscheuliche Kreppmaske auf meinem Gesicht einfiel und ich sie mir herunterriss, genau in dem Moment, als die Tür aufflog und meine Füße bereits auf den Treppenstufen standen.

»Er ist drüben in den Nachbargarten gemacht!«, rief ich einer Schar von Schlafanzügen entgegen, aus denen oben aufgeregte Knabengesichter und unten nackte Füße hervorragten.

»Wer? Wer denn?«, fragten sie verblüfft und wichen vor mir zurück.

»Irgendein Bursche, der eben kopfüber aus eurem Anrichtefenster gesprungen ist!«

»Der andere Kerl! Der Kumpan!«, riefen die Halbwüchsigen im Chor.

»Ich bin eben vorbeigeradelt – da sah ich das Licht – aber Himmel, was habt ihr denn da erwischt?«

Natürlich war es Raffles’ Hand, die sie umklammerte, aber nun stand ich mitten unter ihnen in der Halle. Ein rothaariger, fassförmiger Bursche besorgte das Festhalten ganz allein: eine Hand um das Handgelenk geschlossen, die andere Handfläche fest dagegen gepresst und die Knie stemmten sich wuchtig gegen die Türfüllung. Ein anderer leistete ebenso eifrige wie nutzlose Hilfe, während drei oder vier weitere Gestalten in ihren Pyjamas aufgeregt umherhüpften. Es waren schließlich nicht mehr als vier gegen einen. Ich hatte meine Stimme absichtlich laut erhoben, damit Raffles mich hörte und Mut fasste, und nun erhob ich sie erneut. Bis zum heutigen Tag kann ich mir diese Eingebung nicht erklären, die sich als reine Rettung erweisen sollte.

»Schreit doch nicht so laut!«, raunten sie mir gedämpft zu. »Weckt bloß die da oben nicht auf – das ist unser eigener Coup!«

»Dann sehe ich, dass ihr einen von den Gaunern erwischt habt«, sagte ich gefasst. »Nun, wenn ihr den zweiten auch wollt, könnt ihr ihn euch schnappen. Ich glaube, er hat sich beim Sprung verletzt.«

»Hinterher, hinterher!«, riefen sie wie aus einem Mund.

»Aber ich fürchte, er ist schon über die Gartenmauer …«

»Los, Jungs, nichts wie hinterher!«

Und es folgte ein leiser, wilder Ansturm auf die Haustür.

»Lasst mich doch nicht alle allein, ihr Kerle!«, keuchte der rotgesichtige Held, der Raffles nach wie vor gefangen hielt.

»Wir müssen sie beide haben, Beefy!«

»Das sagt sich leicht …«

»Hört mal«, schaltete ich mich ein, »ich bleibe bei dir stehen. Ich habe draußen noch einen Freund, den hole ich Verstärkung dazu.«

»Tausend Dank, alter Herr!«, rief der wackere Beefy.

Die Halle war augenblicklich leer. Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

»Wie habt ihr die Burschen überhaupt bemerkt?«, erkundigte ich mich, während mein Blick über ihn glitt.

»Wir waren unten auf einen Schluck – eine Partie Nap – da drinnen.«

Beefy ruckte mit seinem mächtigen Schädel in Richtung einer offen stehenden Tür, und aus dem Augenwinkel erhaschte ich das Blitzen von Gläsern im Dämmerschein des Kaminfeuers. Doch der Rest meiner Aufmerksamkeit galt einzig dem vor mir.

»Lass mich dich kurz ablösen«, sagte ich mit leicht zitternder Stimme.

»Nein, schon gut, ich halte ihn.«

»Ich bestehe aber darauf!«

Und noch ehe er auch nur ein Wort erwidern konnte, schlang ich ihm die Arme mit solcher Wucht um den Hals, dass nicht einmal mehr ein Gurgeln meine Finger passierte, die sich tief in sein heißes, glattes Fleisch gruben. Oh, ich bin weiß Gott nicht stolz darauf; die Tat war so niederträchtig, wie eine Handlungsweise nur sein kann. Aber ich durfte Raffles nicht verhaftet sehen; mein ganzer Sinn stand einzig auf seine Rettung, und ich erbebe noch heute bei dem Gedanken, wie weit ich für deren Vollendung gegangen wäre. So aber drückte und zerrte ich, bis eine seiner kräftigen Hände nach der anderen nachgab und schwach nach mir tastete – schwach nur, weil sie die lange Zeit über so eisern festgehalten hatte. Und was geschah wohl im selben Augenblick? Die gequetschte, blasse Hand von Raffles, die sich unter dem zurückströmenden Blut rasch wieder rötete und ein Blutgerinnsel am Handgelenk aufwies, reichte nach oben und drehte ohne die geringste Verzögerung den Schlüssel im Schloss.

»Sachte, Bunny, sachte!«

Ich sah, dass Beefys Ohren bereits blau anzulaufen begannen; doch Raffles kramte bereits in seinen Taschen, während er sprach. »Jetzt lass den Burschen wieder atmen«, sagte er und presste sein Taschentuch über den Mund des armen Jungen. Das leere Glasfläschchen hielt er in der anderen Hand, und die ersten paar röchelnden Atemzüge des Armen besiegelten vorerst sein Schicksal. Oh, es war schändlich – mein Anteil ganz besonders –, denn der Junge musste schon arg mitgenommen gewesen sein, um derart rasch hinüberzugleiten. Ich habe eingangs gesagt, dass ich auf dieses Stück Arbeit keineswegs stolz bin, und seine gemeine Natur wird mir beim Bußgang des Niederholens auf dem Papier nur umso deutlicher bewusst. Ich erkenne in mir – zumindest in meinem damaligen Ich – Züge, die ich nie zuvor so klar gesehen habe. Dennoch weiß ich tief im Innern, dass ich im Notfall nicht anders handeln würde. Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, diesen unschuldigen Burschen zu drosseln (was ich auch nicht tat), sondern wollte Raffles lediglich aus der ausweglosesten Lage befreien, in der er je gesteckt hatte; und schließlich war es allemal rücksichtsvoller als ein hinterrücks geführter Schlag auf den Kopf. Alles in allem werde ich kein Wort daran ändern und mich auch nicht weiter darüber beklagen.

Wir hoben den wackeren Burschen an Raffles’ statt in die Anrichte, schlossen die Tür hinter ihm ab und steckten den Schlüssel durch die Füllungsöffnung. Nun schlug die Stunde, an uns selbst zu denken – und wieder hätte jene verdammte Maske, auf die Raffles so eisern schwor, beinahe unser beider Verderben besiegelt. Wir hatten bereits die Treppenstufen erreicht, als uns eine Stimme anrief – nicht von draußen, sondern von oben aus dem Haus –, und ich hatte gerade noch Zeit, Raffles das verfluchte Tuch vom Gesicht zu reißen, ehe er sich umwandte.

Ein beleibter Herr mit blondem Schnurrbart stand auf der Treppe, im Pyjama genau wie die Jungs.

»Was haben Sie hier zu suchen?«, herrschte er uns an.

»Es gab einen Einbruchsversuch in Ihrem Haus«, erwiderte ich, nach wie vor als Wortführer dieser Nacht und getragen von der Woge der Eingebung.

»Ihre Söhne …«

»Meine Schüler.«

»Tatsächlich? Nun, die Jungs haben das Geräusch gehört, die Diebe in die Flucht geschlagen und die Verfolgung aufgenommen.«

»Und wo kommen Sie ins Spiel?«, erkundigte sich der Beleibte, während er langsam herabstieg.

»Wir sind mit den Rädern vorbeigefahren und ich sah persönlich, wie ein Kerl kopfüber aus Ihrem Anrichtefenster sprang. Ich vermute, er ist über die Gartenmauer geklettert.«

In diesem Moment kehrte einer der Jungen außer Atem zurück.

»Nichts zu sehen von ihm«, keuchte er.

»Es stimmt also tatsächlich«, bemerkte der Tutor.

»Sehen Sie sich nur diese Tür an«, sagte ich beiläufig.

Doch unglücklicherweise blickte der keuchende Junge ebenfalls hin, und im selben Augenblick gesellten sich weitere, ebenso kurzatmig gewordene Burschen hinzu.

»Wo ist überhaupt Beefy?«, schrie einer. »Was um alles in der Welt ist mit Beefy geschehen?«

»Meine guten Jungs«, rief der Tutor dazwischen, »wäre einer von euch wohl so freundlich, mir zu erklären, was ihr hier getrieben habt und was diese Herren für euch getan haben? Kommt erst einmal alle herein, ehe ihr euch den Tod holt. Ich sehe Licht im Klassenzimmer – und nicht nur Licht. Sollten das etwa die Spuren eines Gelages sein?«

»Ein ganz harmloses, Sir«, sagte ein gutgebauter Jüngling mit mehr Schnurrbart, als ich bis heute vorzuweisen habe.

»Nun, Olphert, Jugend hat keinen Tugendhut. Erzähl mir lieber, was vorgefallen ist, ehe wir zu Gegenschuldzuweisungen übergehen.«

Dieses alte Sprichwort war mir eine erste Warnung. Ich bemerkte, wie zwei der Burschen unter hochgezogenen Brauen Blicke austauschten. Dennoch hatte ihr beleibter, leutseliger Mentor mir einen so beruhigenden Blick voll verschmitzter Seelenverwandtschaft zugeworfen – von Weltmann zu Weltmann –, dass es schwerfiel, ihm Verdacht zuzutrauen. Dennoch brannte ich darauf, endlich das Feld zu räumen.

Der junge Olphert trug seine Geschichte mit gewinnender Offenheit vor. Es stimmte, dass sie für eine Stunde Nap und ein paar Zigaretten heruntergekommen waren; nun, und es ließ sich wohl auch kaum leugnen, dass sich Whisky in den Gläsern befand. Die Jungs waren nun alle wieder im Klassenzimmer versammelt – ich glaube, rein der Wärme wegen. Raffles und ich trugen jedoch Knickerbocker nebst Norfolk-Jacketts und blieben naturgemäß im Flur stehen, während der Militär-Tutor (der Filzpantoffeln trug) auf der Schwelle verharrte, mit je einem Auge nach beiden Seiten. Je länger ich den Mann betrachtete, desto besser gefiel er mir und desto mehr fürchtete ich ihn. Seine größte Verstimmung galt bislang dem Umstand, dass man ihn beim ersten Geräusch nicht geweckt hatte – dass man es gewagt hatte, ihn um den ganzen Spaß zu bringen. Doch darüber schien er eher gekränkt als wahrhaft aufgebracht.

»Nun, Sir«, schloss Olphert schließlich, »wir haben den alten Beefy Smith an seiner Hand hängen lassen und diesen Herrn bei ihm zurückgelassen. Vielleicht kann er uns sagen, was danach geschah?«

»Ich wünschte, ich könnte es!«, rief ich, während all ihre Blicke auf mir ruhten – denn ich hatte zum Glück Zeit gehabt, mir eine Finte zurechtzulegen. »Einige von euch müssen doch gehört haben, wie ich ankündigte, meinen Freund von der Straße hereinzuholen?«

»Jawohl, das habe ich!«, piepste ein Unschuldiger aus dem Hintergrund.

»Nun, und als ich mit ihm zurückkehrte, bot sich uns genau das Bild, das Sie jetzt sehen. Offenbar war die Kraft des Einbrechers zu viel für den Knaben; aber ob er nach oben entwichen ist oder nach draußen, weiß ich genauso wenig wie Sie.«

»Es sieht diesem Jungen überhaupt nicht ähnlich, nach irgendeiner Seite davonzulaufen«, sagte der Tutor und richtete ein stechend klares blaues Auge auf mich.

»Aber wenn er die Verfolgung aufgenommen hat!«

»Es sieht ihm nicht einmal ähnlich, überhaupt loszulassen.«

»Ich glaube nicht, dass Beefy jemals lockerlassen würde«, schaltete sich Olphert ein. »Deshalb haben wir ihm ja den Posten zugewiesen.«

»Er könnte dem Kerl durch das Anrichtefenster gefolgt sein«, warf ich verzweifelt ein.

»Aber die Tür ist doch zu!«, wandte einer der Jungs ein.

»Ich werde mir die Sache selbst ansehen«, erklärte der Tutor.

Und der Schlüssel steckte nicht mehr im Schloss, während der betäubte Junge drinnen lag! Der Schlüssel würde sofort vermisst werden, man würde die Tür eintreten; ja, während der Blick des Mannes nach wie vor fest auf mir ruhte, bildete ich mir bereits ein, den dichten Dunst des Chloroforms zu riechen.

Ich glaubte schon ein Stöhnen zu vernehmen und stellte mich auf das Schlimmste ein. Und wie dieser Mensch mich anstarrte! Ich verabscheue blaue Augen seit jener Nacht, ebenso wie blonde Schnurrbärte und diesen ganzen beleibten, gemütlichen Schlag von Menschen, der bei weitem nicht so einfältig ist, wie er aussieht. Mit den Knaben war ich leicht fertiggeworden, aber der erste erwachsene Mann wuchs mir über den Kopf, und das Blut wich mir aus den Adern, als stünde gar kein Raffles hinter mir. Ich hatte ihn in meiner Panik schlichtweg vergessen. Ich hatte mich so sehnlich danach verzehrt, diese Sache ganz allein zum guten Ende zu führen! Selbst in meiner höchsten Bedrängnis war es mir beinahe eine kleine Enttäuschung, als seine vertraute, kühle Stimme wie ein erfrischender Trunk an mein Ohr drang. Doch die Wirkung auf die übrigen Anwesenden war noch viel bemerkenswerter. Bis zu diesem Moment hatte der Tutor das Zentrum der Bühne beherrscht, doch nun beanspruchte Raffles jenen Platz für sich, der ihm stets nach Belieben zustand. Die Menschen pflegten zu lauschen, sobald er das Wort ergriff – so wie diese Gesellschaft nun auf die einfachste und natürlichste Erklärung der Welt wartete.

»Nur einen Augenblick!«, hatte er begonnen.

»Nun?«, sagte der Tutor und wandte seine Augen endlich von mir ab.

»Ich möchte beileibe nichts von dem Vergnügen verpassen …«

»Das sollen Sie auch keineswegs«, versetzte der Tutor mit Nachdruck.

»Aber wir haben unsere Räder draußen stehen lassen, und meines ist ein Beeston Humber«, fuhr Raffles ungerührt fort. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, holen wir sie rasch herein, ehe sich diese Halunken damit aus dem Staub machen.«

Und schon schritt er hinaus, ohne sich auch nur umzusehen, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten; ich folgte ihm auf dem Fuße, in entschlossener Nachahmung seiner eiserne Selbstbeherrschung. Doch ich hätte wer weiß was darum gegeben, mich umzudrehen. Ich glaube fest daran, dass der scharfsinnige Lehrer für einen Moment getäuscht war, doch als ich die Stufen erreichte, hörte ich ihn seine Schüler bereits fragen, ob jemand von ihnen draußen Fahrräder bemerkt habe.

Dieser eine Augenblick entschied jedoch über alles. Wir waren bereits im Gebüsch – Raffles mit gezückter, hell aufleuchtender Elektrolampe –, als wir das wütende Hämmern gegen die Anrichtetür hörten, und standen bereits auf der Auffahrt bei unseren Maschinen, ehe Mann und Knaben überstürzt die Treppe herunterquollen.

Wir schoben unsere Räder im Laufschritt zum näheren Tor, denn beide waren geschlossen, gelangten hindurch und warfen es genau im rechten Moment hinter uns zu. Selbst ich schaffte es auf den Sattel, ehe sie das Tor wieder aufreißen konnten, das Raffles ihnen für einen Bruchteil einer Sekunde mit unnötiger Kühnheit zuhielt. Doch er wollte mich unbedingt vor sich wissen, und so fiel mir die Führung zu.

Nun habe ich bereits erwähnt, dass es eine überaus neblige Nacht war (was die ganze Verwirrung erst heraufbeschworen hatte), und überdies, dass diese Häuser an einem Hang lagen. Sie befanden sich jedoch keineswegs auf der Höhe des Hügels, und ich tat das, von dem ich felsenfest überzeugt bin, dass fast jeder an meiner Stelle es getan hätte. Raffles behauptete zwar später, er hätte genauso gehandelt, aber das war bloß seine Großmut, denn er war der eine Mann, der diesen Fehler nicht begangen hätte. Was ich tat, war folgendes: Ich bog in die entgegengesetzte Richtung zum zweiten Tor ab, wo man uns so leicht hätte den Weg abschneiden können, und strampelte um mein nacktes Leben – bergauf!

»Mein Gott!«, schrie ich auf, als ich meinen Irrtum gewahr wurde.

»Kannst du auf der Stelle wenden?«, rief Raffles, der mir treu folgte.

»Unmöglich!«

»Dann bleib dabei! Du konntest nicht anders. Aber das ist ein teuflischer Steilhang!«

»Und da kommen sie schon!«

»Lass sie nur kommen«, sagte Raffles und schwenkte seine Elektrolampe, unser einziges Licht in der Finsternis.

Ein Hang erscheint in der Nacht endlos, weil man die Kuppe nicht sieht, und als das Trappeln nackter Füße hinter uns immer näher kam, glaubte ich fest, dieser Aufstieg würde überhaupt kein Ende nehmen. Natürlich konnten die Burschen zu Fuß schneller bergan rennen, als wir in die Pedale zu treten vermochten, und ich hörte selbst die kräftige Stimme ihres Tutors durch den Nebel immer näher rücken.

»Oh, zu denken, dass ich dich in diese Lage gebracht habe!«, stöhnte ich, den Kopf tief über die Lenkerstange gebeugt, während ich jedes Gramm meines Gewichts abwechselnd von einem Fuß auf den anderen warf. Ich warf einen Brik auf Raffles: Im weißen Lichtkegel seiner Lampe bewältigte er die gesamte Arbeit einzig aus den Fußgelenken heraus, genau so, als würde er an einer eleganten Gymkhana-Schaufahrt teilnehmen.

»Es ist die sportlichste Jagd, an der ich je teilgenommen habe!«, rief er herüber.

»Alles meine Schuld!«

»Mein lieber Bunny, ich hätte das für nichts in der Welt verpassen wollen!«

Auch dachte er nicht daran, an mir vorbeizuziehen, obgleich er es im Handumdrehen vermocht hätte – er, der seit seinen Knabentagen jede sportliche Übung so viel besser beherrschte als jeder andere. Nein, er verharrte eisern eine Radlänge hinter mir, und nun konnten wir die Burschen nicht nur rennen, sondern bereits schwer atmen hören. Und da sah ich plötzlich, wie Raffles zu meiner Rechten mit seiner Lampe ausholte; ein Gesicht tauchte aus der Finsternis auf und prallte frontal auf den dicken Glaskolben mit dem glühenden Draht. Es war das Gesicht des jungen Olphert mit seinem beneidenswerten Oberlippenbart – doch es verschwand augenblicklich im Krachen splitternden Glases, während sich der freiliegende Draht vor unseren Augen wie eine rotglühend geschlagene Stimmgabel verdickte.

Mehr bekam ich nicht zu sehen. Einer der Burschen hatte sich auch an meine Seite herangepirscht; als ich mich umblickte und sein Keuchen hörte, griff er bereits nach meinem linken Lenkergriff. Ich riss die Maschine mit einem scharfen Haken nach rechts und drängte Raffles um ein Haar in die Hecke. Seine eine Radlänge Abstand rettete ihn. Aber mein Verfolger war flink, holte wieder auf und schien mich diesmal sicher zu haben, als das Sunbeam plötzlich ganz leicht lief. Noch einmal stemmte ich mein gesamtes Gewicht in die Pedale, und schon schoss ich über die Hügelkuppe hinweg; die graue Straße rollte unter meinen Reifen dahin, während ich nach der Bremse tastete. Ich blickte zurück zu Raffles. Er hatte bereits die Füße auf die Rasten gelegt. Ich drehte den Kopf noch weiter herum: Da standen die Burschen in ihren Pyjamas, die Hände auf die Knie gestützt wie eine Schar von Wicket-Keepern beim Cricket, und eine bullige Gestalt schüttelte wütend die Faust. Auf der Höhe des Hügels brannte eine Straßenlaterne – und das war das Letzte, was ich sah.

Wir sausten hinab zum Fluss, dann weiter durch Thames Ditton bis zum Bahnhof von Esher, wo wir scharf nach rechts abbogen. Aus der dunklen Einöde bei Imber Court traten wir bei Molesey wieder ins Licht und radelten wenig später wie Herren von Stand durch den Bushey Park – unsere Lampen wieder aufgedreht, die zerbrochene Elektrolampe ausgeschaltet und gut verstaut. Die großen Parktore waren zwar seit Stunden geschlossen, aber ein Fahrrad lässt sich mühelos durch die Fußgängerdurchlässe manövrieren. Wir erlebten auf dem restlichen Heimweg keine weiteren Zwischenfälle, und unser Kaffee stand auf dem Herd noch immer warm.

»Ich finde allerdings, das ist ein Anlass für Sullivan-Zigaretten«, meinte Raffles, die er für besonders feierliche Augenblicke aufzusparen pflegte. »Bei all meinen Göttern, Bunny, das war die sportlichste Nacht, die wir je in unserem Leben verbracht haben! Und weißt du auch, was der allerbeste Teil davon war?«

»Die wilde Fahrt bergan?«

»Daran habe ich gar nicht gedacht.«

»Dass du deine Elektrolampe in einen Schlagstock verwandelt hast?«

»Mein lieber Bunny! Ein prachtvoller Bursche – ich habe es wahrhaft gehasst, ihn zu treffen.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Die Art und Weise, wie du uns aus dem Haus herausgeholt hast!«

»Nein, Bunny«, sagte Raffles und blies bedächtig Rauchringe in die Luft. »Es geschah schon davor, du Sünder, und du weißt es ganz genau!«

»Du meinst doch wohl nicht etwa etwas, das ich getan habe?«, fragte ich befangen, denn ich begann langsam zu begreifen, worauf er hinauswollte. Und nun wird dem Leser auch verständlich werden, weshalb diese Geschichte mit so ungebührlicher und unverzeihlicher Begeisterung niedergeschrieben worden ist: Es gibt für mich keine zweite wie diese zu erzählen; sie ist mein einziges Paradestück in all diesen Annalen. Raffles jedoch hatte einen weit derberen Namen dafür bereit.

»Es war die Vergöttlichung des Bunny«, sagte er, doch in einem Tonfall, den ich in meinem ganzen Leben nie vergessen werde.

»Ich wusste kaum, was ich tat oder sagte«, entgegnete ich bescheiden. »Das Ganze war bloß ein unglaublicher Glücksfall.«

»Nun«, sagte Raffles, »dann war es genau die Art von Glücksfall, auf die ich mich bei dir stets verlassen konnte, wenn ein entscheidender Treffer gebraucht wurde.«

Und er reichte mir seine Hand.

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