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Deadwood Dick – Band 2 – Kapitel 3

Edward L. Wheeler
Band 2
Die Doppel-Dolche
oder: Deadwood Dicks Aufbegehren
Eine Geschichte über die Regulatoren und Wegelagerer der Black Hills

Kapitel 3: Eine Hinrichtung in einer Mittsommernacht

»Oho, du machst mir nicht im Geringsten Angst!«, sagte der Regulator gelassen, während er direkt in die Mündung der Waffe seines Gegenübers blickte. »Ich bin nicht im Wald aufgewachsen, um mich von einer Eule erschrecken zu lassen – geschweige denn von so einem fiesen Typ wie dir.«

»Du bist wohl an einem Ort aufgewachsen, an dem gute Erziehung ein Fremdwort war!«, lautete die sarkastische Antwort. »Los, machst du jetzt den Platz frei? Ich möchte dir nicht wehtun, aber wenn du da nicht weg bist, bevor ich bis dreißig gezählt habe, gibt es hier in der Gegend erstklassige Arbeit für einen Leichenbestatter.«

Dashing Dave starrte den kühlen Fremden voller Erstaunen an. Er bildete sich zwar ein, so gut wie jeden Einwohner in Deadwood zu kennen, doch das Gesicht und die Gestalt dieses Kerls – wer immer er auch sein mochte – waren ihm völlig fremd. Sicher war nur, dass er einer jener kühlen, waghalsigen Burschen war, denen man im Wunderland des Westens so oft begegnete und die vor nichts zurückschreckten, wenn es ihren eigenen Zielen diente.

Dashing Dave überlegte einen Moment und stand dann vom Stuhl auf. Er zweifelte nicht daran, dass der Kerl ernst machen würde; also beschloss er, vorerst nachzugeben.

»Da, verflucht sollst du sein, nimm den Stuhl!«, sagte er grimmig. »Aber merk dir: Ich werde mich dafür rächen. Solche Beleidigungen lasse ich nicht auf mir sitzen!«

»Du scheinst sie aber ganz gut zu verdauen!«, frotzelte der Sieger und setzte sich auf den Stuhl. »Such dir ein anderes Plätzchen, Partner, oder setz dich auf deinen Daumen und trinken wir ein Bier. Das wird den brennenden Geschmack deiner Niederlage runterspülen!«

»Nein! Nichts als dein Blut wird das herunterspülen!«, knurrte der Anführer heiser, während er davonschritt und den Fremden leise lachend zurückließ.

Später am Abend saß dieselbe Gestalt noch immer am Tisch und paffte langsam an einer Zigarre. Er schien in tiefe Gedanken versunken zu sein, doch fiel auf, dass die Blicke aus seinen schwarzen Augen unerlässlich über die bunt gemischte Gesellschaft schweiften, als suchte er jemanden.

Unbemerkt hatte sich Dashing Dave von hinten an seinen Feind herangeschlichen. In einem Moment, als der Fremde es am wenigsten erwartete, riss er ihm den Hut vom Kopf und enthüllte sein Gesicht vor den Augen aller Umstehenden im hellen Licht der Gaslampen.

Ein Schrei des Erstaunens erklang.

Dashing Dave weichte entsetzt zurück, während ihm ein schrecklicher Fluch entfuhr:

»Deadwood Dick!«, schrie er.

»Deadwood Dick, der Wegelagerer!«, pflichtete die Menge bei, die augenblicklich mit gezogenen Messern und Pistolen näher rückte.

Das so plötzlich enthüllte Gesicht war auffallend gutaussehend, und wer Ned Harris, den König der Landstraße, jemals gesehen hatte, konnte nicht daran zweifeln, dass er es wirklich war. Es war derselbe furchtlose Gesichtsausdruck; derselbe strenge und doch angenehme Mund; dieselbe ausgeprägte Nase und dieselben durchdringenden Augen samt dem langen, welligen, rabenschwarzen Haar. Zwar fehlten einige der typischen Merkmale von Deadwood Dick – der schwarze Hirschlederanzug, die schwarzen Handschuhe und das schwarze Pferd –, doch gab es keinen im Raum, der nicht davon überzeugt war, dass dies der gesetzlose Fürst der Landstraße war.

Und dort saß er ruhig, während ein sarkastisches Lächeln um seine Lippen spielte.

»Meine Herren!«, sagte er und biss das Ende einer frischen Zigarre ab. »Sie alle scheinen etwas ungewöhnlich Attraktives an mir zu finden. Glauben Sie denn für einen Moment, dass ich der berüchtigte Wegelagerer der Black Hills bin, den Sie Deadwood Dick nennen?«

»Wir glauben gar nichts dergleichen, mein schöner junger Claude Duval der Neuzeit!«, erklärte Dashing Dave triumphierend. »Du bist Deadwood Dick, und jeder erkennt es auf den ersten Blick. Die Züge von Ned Harris sind viel zu markant, um sie so leicht zu vergessen!«

»Trotzdem«, erwiderte der junge Mann kalt, »haben Sie diesmal den Falschen erwischt. Ich bin nicht Deadwood Dick, noch bin ich mit diesem erlauchten Herrn verwandt. Mein Name ist Hawk – Gerald Hawk, zu Ihren Diensten, und ich stamme aus Austin, Texas.«

»Ha! Ha! Ha!« Ein lautes Spottgebrüll erhob sich aus der Menge. Überzeugt von der Identität des Mannes hielten sie seine Leugnung für eine geschickte Lüge, um sie zu täuschen. Doch der Plan ging nicht auf.

»Erzähl das deiner Großmutter!«, hohnlächelte der Anführer der Regulatoren mit einem Zwinkern zur Menge. »Mich kannst du nicht hinter das Licht führen. Ich weiß, dass du Deadwood Dick bist, und du wirst hängen, jetzt wo wir dich haben! Was sagt ihr dazu, Männer?«

»Ja! Ja! Ja!«, stimmte ein Chor von Stimmen zu. »Knüpft ihn auf! Hängt ihn für seine Verbrechen!«

»Richtig! Sein Tod soll allen eine Lehre sein, die das Leben eines Wegelagerers wählen. Ergreift ihn, und besorgt jemand ein Seil!«

Ein Dutzend williger Hände packte den kühlen Fremden und hielt ihn im festen Griff, während seine Handgelenke hinter dem Rücken gefesselt wurden. Er leistete keinen Widerstand – vermutlich weil er einsah, dass es zwecklos war. Er sah, dass ihn alle für den berühmten jungen Wegelagerer hielten, und er wusste, dass niemand zugunsten eines Mannes eingreifen würde, dessen Zahl an Verbrechen ihm weltweite Berüchtigkeit eingebracht hatte.

»Sie begehen einen schweren Fehler, meine Herren!«, protestierte er, als ihm eine Schlinge um den Hals gelegt wurde. »Wenn Sie mich aufknüpfen in dem Glauben, die Welt von Deadwood Dick zu befreien, begehen Sie einen der schlimmsten Irrtümer Ihres Lebens. Ich bin nicht dieser Mann – ich schwöre es!«

»Du kannst schwören, so viel du willst, mein feiner Kerl!«, höhnte Dashing Dave und passte die Schlinge an. »Es ist mir völlig egal, wie viele Lügen du erzählst, es wird dir nichts nützen. Du wirst hängen, egal ob Deadwood Dick oder nicht! Also halt’s Maul und sprich deine Gebete. So, Männer, das reicht. Jetzt kommt mit, alle zusammen!«

Mit diesen Worten führte der Hauptmann der Regulatoren den Zug aus dem überfüllten Saloon, gefolgt von einer Eskorte aus zwei Dutzend seiner Männer mit dem Gefangenen. Dahinter drängte die lärmende Menge, gierig darauf, die Hinrichtung mitzuerleben.

Hinaus auf die belebte Hauptstraße der Wunderstadt marschierten sie und bildeten im Licht des Mittsommermondes einen unheimlichen Zug, während das Geschrei von Minute zu Minute lauter und wilder wurde.

Der nächste geeignete Baum stand mehrere hundert Yards die Schlucht hinunter vor einem niedlichen kleinen Häuschen. Auf diesen steuerten die selbst ernannten Henker mit ihrem Opfer zu.

Schließlich war der Baum erreicht, und die Menge bildete einen großen Kreis um ihn herum. In diesen Kreis wurde der Gefangene geführt und unter den ausladenden Ästen aufgestellt. Das freie Ende des Strickes wurde über einen starken Ast geworfen und auf der anderen Seite von einem halben Dutzend Männer gefasst.

Damit war im Handumdrehen alles für die Hinrichtung bereit.

»Männer!«, rief Dashing Dave und wandte sich an die versammelte Menge. »Wir haben hier einen der schlimmsten Desperados des ganzen Black-Hills-Gebiets vor uns – nämlich Deadwood Dick! Seit fast zwei Jahren hält er diese Region in Schrecken, und seine kühnen Verbrechen sind ohnegleichen. Ihr alle wisst, dass mehr als ein Dutzend Männer in Deadwood durch seine Hand gefallen sind. Steht es da etwa zur Debatte, ihm noch einen formellen Prozess zu machen?«

»Nein! Nein!«, schrien hunderte Stimmen. »Hängt ihn ohne Prozess auf! Zieht ihn hoch und lasst uns sehen, aus welchem Holz er geschnitzt ist! Hurra! Eins, zwei, drei – und hoch mit ihm!«

»Halt! Was hat das zu bedeuten?«, rief ein Neuankömmling, der sich durch die Menge drängte und sich vor Dashing Dave aufbaute. »Was habt ihr vor?«

»Das geht dich gar nichts an, Justin McKenzie!«, entgegnete der Anführer der Regulatoren unverschämt. »Ich denke, das kannst du sehen, ohne so neugierig zu sein. Wir haben deinen geschätzten Schwager Deadwood Dick erwischt und werden ihn aufknüpfen. Verstanden?«

McKenzie fuhr herum und blickte überrascht auf den Gefangenen, den er zuvor nur flüchtig keines Blickes gewürdigt hatte.

»Großer Gott, Harris, bist du das?«, rief er und trat näher, während seine Züge vor Aufregung bebten. »Ich hatte gehofft, dich nie in einer solchen Lage zu sehen. Gott gebe, dass Anita niemals davon erfährt!«

»Anita?«, wiederholte der Gefangene mit verwirrtem Gesichtsausdruck. »Wer ist Anita? Wer sind Sie?«

»Wie! Kennst du mich denn nicht, Harris? Ist es möglich, dass du mich in den wenigen Monaten seit unserer Trennung vergessen hast – Justin McKenzie? Erinnerst du dich nicht mehr? Ich habe deine Schwester Anita geheiratet.«

Der Gefangene schüttelte den Kopf, während ein Lächeln um seine Lippen spielte.

»Nein, ich bin mir sicher, dass ich Sie noch nie gesehen habe.« Dann schien ihm ein Licht aufzugehen. »Ah, ich verstehe«, fügte er hinzu, »Sie halten mich wohl für Deadwood Dick, was?«

»Allerdings! Das bist du ja auch – oder genauer gesagt: Ned Harris«, erwiderte McKenzie.

»Nein, das bin ich nicht. Mein Name ist Gerald Hawk und ich stamme aus Austin, Texas. Diese Narren haben mich für irgendeinen Desperado aus Ihrer verfluchten Black-Hills-Gegend gehalten, und nun sieht es ganz so aus, als ob ich für die Verbrechen eines anderen am Galgen enden soll.«

McKenzie blickte ihn ernst an.

»Ich fürchte, das wird dir nichts nützen, Harris«, sagte er mitleidig. »Du bist in dieser Gegend viel zu bekannt, als dass ein Versteckspiel funktionieren würde. Wollte Gott, es läge in meiner Macht, dir zu helfen, aber ich befürchte, das tut es nicht.«

»Ich verlange gar keine Hilfe!«, erwiderte der Gefangene halb verärgert. »Ich habe gehört, dass Deadwood Dick tapfer sein soll, und wenn ich in seinem Namen sterben muss, dann werde ich es auch tapfer tun. Ich habe nie etwas Böses getan, weswegen ich mich fürchten müsste, meinem Gott gegenüberzutreten; diese Herren können ihr Mordwerk also gerne vollenden, sobald es ihnen beliebt.«

Innerlich stöhnte McKenzie auf, wandte sich an Dashing Dave und bat um Gnade.

»Sie sehen doch, wie es um ihn steht«, sagte er eindringlich. »Der arme Kerl ist nicht bei Verstand. Sie werden doch keinen Mann in diesem Zustand hängen, meine Herren!«

»Und ob wir das werden!«, knurrte der Regulator düster. »Schließlich bin ich um kühle tausend Dollar reicher, sobald die Füße dieses Teufels nicht mehr auf der Erde stehen. Verrückt oder nicht, er wird hängen! Macht euch bereit, Männer!«

McKenzie sprang an die Seite des Gefangenen und schlang die Arme um seinen Hals.

»Leb wohl, alter Freund, leb wohl, Harris«, sagte er mit heiserer Stimme, während ihm die Tränen aus den Augen strömten. »Ich muss dich jetzt verlassen, denn ich kann diese Männer nicht aufhalten und möchte deinen Todeskampf nicht mitansehen. Möchtest du Anita noch etwas ausrichten lassen, Ned?«

»Nichts!«, antwortete der Gefangene kurz.

McKenzie schenkte ihm noch eine letzte brüderliche Umarmung, wandte sich ab und schwankte wie blind von dannen, während die Menge zurückwich, um ihn durchzulassen.

Dann, genau in dem Moment, als der Mond am geisterhaftesten leuchtete und ein Windstoß wie ein Klagelied durch die Äste des Galgenbaums strich, hob Dashing Dave die Hand gegen die Männer am Seil. Ein allgemeines »Hau-Ruck!« erschallte, und der verurteilte Gefangene wurde in die Luft gezogen.

Sein Todeskampf war glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Nach einem kurzen Zucken und Windungen der Glieder streckte sich der Körper nach unten, und das Leben wurde für erloschen erklärt.

»Ihr braucht ihn nicht herunterzulassen«, befahl Dashing Dave, »sondern bindet das Seil fest und lasst ihn bis Sonnenaufgang dort hängen. Ich sage euch, sicher ist sicher. Deadwood Dick war so ein gerissener Patron, dass es mich nicht einmal wundern würde, wenn er nach einer ganzen Woche am Galgen wieder auferstehen würde.«

Demgemäß zerstreute sich die Menge, und das schauerliche Objekt blieb als abschreckendes Beispiel dafür hängen, wie die Justiz im wilden Fernen Westen aussah.

Die Leute verteilten sich auf die verschiedenen Saloons, um über die Ereignisse des Abends zu sprechen und auf den Tod des Wegelagerer-Fürsten zu trinken, der überall, wo er aufgetaucht war, eine Schreckensherrschaft verbreitet hatte.

Nun, da er tot war – versprach das nicht ein Ende der kühnen Überfälle und Raubzüge? Zumindest dachte das die allzu siegessichere Bevölkerung von Deadwood. Doch während sie dies glaubten, zog bereits eine andere Wolke an ihrem Horizont auf.

Würden die Anhänger des gelynchten Straßenräubers nicht schreckliche Rache suchen – eine blutige, rücksichtslose Rache für den Tod ihres geschätzten Anführers?

Es war überaus wahrscheinlich, dass sie das tun würden.

Am nächsten Morgen hing die Leiche des gelynchten Gesetzlosen nicht mehr unter dem verhängnisvollen Galgenbaum.

In der Dunkelheit kurz vor der Morgendämmerung war jemand gekommen, hatte den leblosen Körper abgeschnitten und ihn für immer dem Blick der dicht gedrängten Bevölkerung Deadwoods entzogen.

Wohin, wusste niemand – und es kümmerte auch niemanden. Es herrschte allgemeine Genugtuung in dem Glauben, dass der berüchtigte Schwarze Reiter tot war.

Einige Tage später erschien der BLACK HILLS PIONEER mit einem groß aufgemachten Leitartikel zum Gedenken an den Tod von Deadwood Dick. Darin wurden seine Gefangennahme und sein Tod geschildert, und der Artikel schloss mit der Ankündigung, dass die Zeitung hoffe, der Verstorbene werde nicht vergessen, den Betrag für die kleine Werbeanzeige zu begleichen, die er ihnen noch schuldete.

Und das wilde, geschäftige Leben in Deadwood, der Zauberstadt, ging weiter, als sei nichts geschehen, was seinen Seelenfrieden hätte stören können.

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