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Mansfelder Sagen und der näheren Gegend

Mansfelder Sagen und der näheren Gegend
Von Dr. Hermann Größler gesammelt, Eisleben 1880

I. Eisleben und Umgebung

1. Der getreue Eckart

Johann Kemmerer, Pfarrherr zu Mansfeld, im Alter von über achtzig Jahren, erzählte, dass in Eisleben und im ganzen Mansfelder Land jedes Jahr am Fastnachtsdienstag das Wütende Heer vorübergezogen sei. Die Leute seien herbeigelaufen und hätten darauf gewartet, nicht anders, als sollte ein großer, mächtiger Kaiser oder König vorbeiziehen.

Dem Haufen voraus sei ein alter Mann mit einem weißen Stab gegangen, der sich selbst den treuen Eckart genannt habe. Dieser Mann habe die Leute aufgefordert, aus dem Weg zu gehen oder sogar nach Hause zu kehren, da sie sonst Schaden nehmen würden. Einige seien diesem Mann nachgeritten oder nachgegangen. Zudem seien Leute gesehen worden, die vor Kurzem an diesen Orten gestorben waren, ebenso wie manche, die noch lebten. Einer sei auf einem Pferd mit nur zwei Füßen geritten. Ein anderer lag an ein Rad gebunden, das sich von selbst drehte. Ein Dritter hatte ein Bein über die Schulter gelegt und lief dennoch sehr schnell. Ein anderer hatte keinen Kopf und trug unzählige Wunden.

In Franken sei dies erst kürzlich geschehen, und in Heidelberg am Neckar habe man es oft im Jahr gesehen. Das Wütende Heer erscheint in Einöden, in der Luft und im Dunkeln, begleitet von Hundegebell, dem Blasen von Waldhörnern und dem Brüllen wilder Tiere; auch sieht man dabei Hasen laufen und hört Schweine grunzen.

2. Der Knoblauchkönig

Kaiser Heinrich IV. entbot die Sachsen und forderte sie auf, seinen Sohn zum König zu wählen, da er niemals mehr ins Sachsenland ziehen wolle. Aber die Leute hatten keine Lust und Herzog Otto von der Weser sprach: »Ich habe in der Welt sagen hören: Von einer bösen Kuh kommt kein gutes Kalb«.

So wählten sie Herzog Hermann von Lothringen (Luxemburg) zum Gegenkönig. Dieser wurde vom Mainzer Bischof geweiht, und man setzte ihn auf die Burg Eisleben, wo der Knoblauch wächst.

Die Kaiserlichen nannten ihn zum Spott Knoblauchkönig oder König Knoblauch. Er gelangte nie zur Macht und wurde später auf einer Burg erschlagen, wohin er geflohen war. Da sagte man abermals: »König Knoblauch ist tot.«

3. Till Eulenspiegel in Eisleben

In Eisleben wohnte ein Wirt, der sich für einen tapferen Mann hielt und sich gerne mit seiner Männlichkeit rühmte. Zu ihm kamen einmal zur Winterszeit, als tiefer Schnee lag, drei Kaufleute aus Sachsen, die spät in finsterer Nacht in die Herberge einkehren wollten, da sie nach Naumburg zur Messe reisten. Da sagte der Wirt, der sehr gewandt im Reden war: »Was zum Teufel kommt ihr so spät in die Herberge?«

Die Kaufleute entgegneten: »Herr Wirt, Ihr dürft uns nicht so anschnauzen, denn wir hatten ein Abenteuer mit einem Wolf; mit dem mussten wir uns draußen lange herumschlagen«.

Als der Wirt das hörte, spottete er über sie und sagte, es wäre eine Schande, dass sich drei Männer von einem einzigen Wolf hätten erschrecken lassen. Wenn ihm allein draußen zwei Wölfe begegneten, würde er sie sogleich verjagen oder erschlagen. So spottete der Wirt den ganzen Abend über seine Gäste, bis diese zu Bett gingen.

Nun hatte aber der Schalk Eulenspiegel, der schon manchen genarrt hatte, ebenfalls dabeigesessen und dem Gespött zugehört. Er sprach zu den Kaufleuten, mit denen er in eine Kammer gelegt worden war, während diese sich berieten, wie sie dem Wirt sein Großmaul stopfen könnten.

»Liebe Freunde, ich will ihn schon so bezahlen, dass er nie wieder vom Wolf reden soll«.

Das gefiel den Kaufleuten wohl, und sie versprachen ihm freie Zehrung und bares Geld dazu. Da sprach Eulenspiegel, wenn sie auf dem Heimweg wieder in diese Herberge kämen, werde er auch da sein und ihnen helfen, den Wirt zu bezahlen.

So ritten die Kaufleute am nächsten Morgen davon, der Wirt aber rief ihnen noch spöttisch nach: »Seht zu, dass euch kein Wolf begegnet!«

Die Kaufleute entgegneten: »Herr Wirt, habt Dank, dass Ihr uns warnt. Wenn uns die Wölfe fressen, kommen wir nicht wieder; fressen sie Euch, so finden wir Euch hier auch nicht mehr«.

Während sie nun von dannen zogen, ritt Eulenspiegel in den Harz und stellte den Wölfen nach. Gott gab ihm das Glück, dass er einen fing; diesen tötete er und ließ ihn hart gefrieren. Als nun die Zeit kam, da die Kaufleute der Verabredung gemäß wieder gen Eisleben in die Herberge kommen sollten, steckte Eulenspiegel den toten Wolf in einen Sack und ritt nach Eisleben, wo er die drei Kaufleute in der Herberge antraf.

Wiederum redete der Wirt große Worte und hänselte die Kaufleute, bis sie zu Bett gingen.

Eulenspiegel, der zu allem geschwiegen hatte, kam wieder mit ihnen in die Kammer und sprach zu ihnen: »Gute Freunde, seid still, wacht und lasst mir ein Licht brennen«.

Als der Wirt mit seinem Gesinde zu Bett war, schlich Eulenspiegel hinaus, holte den toten, gefrorenen Wolf, trug ihn an den Herd und stützte ihn mit Stecken so auf, dass er aufrecht stand. Dann sperrte er ihm das Maul weit auf, steckte ein Paar Kinderschuhe hinein, ging wieder zu den Kaufleuten in die Kammer und rief laut: »Herr Wirt!«

Der Wirt, der noch nicht eingeschlafen war, fragte zurück, was sie denn wollten und ob sie schon wieder ein Wolf beißen wolle?

Da riefen sie: »Ach, lieber Herr Wirt, sendet uns die Magd oder den Knecht, dass er uns Trinken bringe; wir wissen uns vor Durst nicht zu lassen«.

Zornig sprach da der Wirt: »Das ist der Sachsen Art, die saufen Tag und Nacht!«, und rief der Magd, sie solle den Gästen etwas zu trinken bringen. Diese stand auf und ging zum Herd, um ein Licht anzuzünden. Da sah sie den Wolf mit aufgesperrtem Maul, meinte, er hätte die Kinder gefressen, ließ das Licht fallen und lief in den Hof.

Abermals schrien nun die Gäste, ob ihnen denn niemand zu trinken bringe. Nun rief der Wirt den Knecht, und auch dieser meinte, als er zum Herd kam und den Wolf stehen sah, er hätte die Magd gefressen, ließ das Licht fallen und lief in den Keller.

Da sprach Eulenspiegel zu den Kaufleuten: »Seid guter Dinge, das Spiel wird gut«.

Und alle vier riefen nun laut: Wo denn der Knecht und die Magd blieben, dass sie kein Trinken brächten? Der Wirt solle doch selber kommen und ein Licht bringen.

Da stand der Wirt zornig auf und sprach: »Der Teufel hat die Sachsen mit ihrem Saufen gemacht!«

Er zündete ein Licht an und sah den Wolf am Herd stehen, der die Schuhe im Maul hatte. Da fing er an, Zetermordio zu schreien, lief zu den Kaufleuten in die Kammer und schrie: »Liebe Freunde, kommt mir zu Hilfe! Beim Feuer steht ein grausiges Tier; das hat mir die Kinder, die Magd und den Knecht gefressen!«

Die Kaufleute und auch Eulenspiegel waren alsbald bereit und gingen mit dem Wirt zum Feuer. Auch der Knecht kam aus dem Keller, die Magd vom Hofe, und die Frau brachte die Kinder aus der Kammer, sodass sie sich alle noch als lebendig erwiesen.

Da ging Eulenspiegel hinzu, stieß den Wolf mit dem Fuß um, sodass er liegen blieb, ohne ein Glied zu rühren, und sprach: »Das ist ein toter Wolf. Macht Ihr darum solch Geschrei? Nicht lange ist es her, da wolltet Ihr zwei lebendige Wölfe im Feld erschlagen, und nun jagt ein toter Wolf Euch und all Euer Gesinde in die Winkel! Ihr habt es in den Worten, wie mancher im Sinn«.

Wie der Wirt sah, dass er genarrt worden war, ging er zu Bett und schämte sich seiner Großsprecherei; auch prahlte er nach dieser Zeit nicht mehr so viel von seiner Männlichkeit. Die Kaufleute aber freuten sich, lachten, bezahlten, was sie und Eulenspiegel verzehrt hatten, und ritten von dannen.

4. Das nächtliche Abenteuer

Vor langen, langen Zeiten lebte in Eisleben ein Gerichtsamtmann namens Otte. Wegen seiner Geradheit und Redlichkeit, die er in seiner amtlichen Tätigkeit wie auch im Umgang bewies, wurde er allgemein geschätzt; auch stand er im Ruf großer Gelehrsamkeit. Kein Wunder also, wenn Herr Otte überall, wo ein wichtiger Prozess zu entscheiden war, hinzugezogen wurde.

Das Haus, welches der Amtmann bewohnte, steht noch; wohl jedem Bürger Eislebens ist es unter dem Namen das Storchnest bekannt. Dasselbe soll ursprünglich der Wohnsitz eines alten Patriziergeschlechts gewesen sein, und noch jetzt bekundet sein Äußeres die Wohlhabenheit des ehemaligen Besitzers. Wie aber noch heutzutage das Storchnest abseits von jedem lebhafteren Verkehr liegt, so war es auch schon zu den Zeiten Gottes.

Umso mehr musste es Otte sonderbar vorkommen, als er einst in einer dunklen Novembernacht durch lebhaften Hufschlag und Wagenrollen aus seinem sonst sehr gesunden Schlaf geweckt wurde. Noch mehr aber staunte er, als das heranbrausende Gespann vor seinem eigenen Haushalt machte. Etwas neugierig und doch nicht ohne eine gewisse Besorgnis vernahm er nun ein Pochen an der Haustür.

Otte bekreuzte sich und öffnete. Wie groß aber war sein Schrecken, als drei starke, vermummte und bis an die Zähne bewaffnete Männer vor ihm standen, die er sofort für Räuber hielt. In seiner Angst wollte er um Hilfe rufen, doch war er vernünftig genug einzusehen, dass er dadurch sein Verderben nur beschleunigen würde. Deshalb raffte er sich zusammen, bot den Leuten einen guten Abend und fragte sie in so freundlichem Tone, als ihm seine Aufregung erlaubte, nach ihrem Begehr.

Erst als die Räuber vorsichtig die Tür hinter sich geschlossen hatten, erklärte der eine von ihnen: »Herr Amtmann, Ihr habt durchaus nichts zu befürchten, wenn Ihr tut, was wir befehlen; jeden Widerstand jedoch müsst Ihr mit dem Leben büßen. Rüstet Euch ohne Zögern zur Abfahrt; vergesst auch nicht, Euer Amtssiegel mitzunehmen; wir selbst werden Euch begleiten«.

Auf seine Frage, was er denn eigentlich für eine Handlung vornehmen solle, erhielt Otte zur Antwort: »Ein wichtiges Testament sollt Ihr aufnehmen!«

So unangenehm ihm nun auch die Lage sein mochte, in der sich der Amtmann befand, er hielt es doch für geraten, sich dem Willen der Räuber zu fügen. Eilig machte er sich zur Abfahrt fertig und vergaß auch nicht, sich das Kruzifix – ein heiliges Erbstück seiner Familie – umzuhängen zum Schutz gegen alle Angriffe des bösen Feindes. Dann stieg er mit seinen unbekannten Begleitern in den Wagen, vor welchem die Rosse schon ungeduldig stampften. In sausendem Galopp jagte das Gespann den Rammberg hinauf.

Als nun der Wagen das Tor der Stadt hinter sich hatte, wurde Herrn Otte erklärt, er müsse sich wohl oder übel die Augen verbinden lassen. Natürlich war ihm dieses Verfahren lästig; die Notwendigkeit davon konnte er umso weniger begreifen, als er bei der herrschenden Finsternis auch mit offenen Augen nicht das Geringste hätte sehen können. Aber die Furcht vor Gewalttätigkeiten bestimmte ihn zur Nachgiebigkeit.

Nach Gottes Berechnung hatte die Fahrt ungefähr drei Stunden gedauert, als der Wagen plötzlich anhielt. Der Amtmann wurde der Binde entledigt und gebeten, auszusteigen. Rings um sich her erblickte Otte nichts als Wald und Gestrüpp, und nur in der Ferne bemerkte er ein Feuer, dessen Schein grausig von den Stämmen zurückgeworfen wurde. Zuweilen vernahm er auch das unheilverheißende Geschrei eines Nachtvogels oder das Geheul eines Raubtieres, das aus der Ferne schaurig herübertönte. Dies alles trug nur dazu bei, dem armen Mann seine Lage noch schlimmer erscheinen zu lassen, als sie in der Tat war.

Die drei vermummten Gesellen forderten nun den Amtmann auf, ihnen getrost zu folgen. Man führte ihn in der Richtung nach jenem Feuer zu, und bald entfaltete sich vor seinen Augen ein abenteuerliches Bild. Mitten im Wald war ein Zelt aufgeschlagen, in welchem, um ein hell loderndes Feuer gelagert, gegen vierzehn bewaffnete Räuber die Ankunft des Amtmanns erwarteten. Bei seinem Eintritt wurde er sehr ehrerbietig von allen gegrüßt; der Hauptmann aber bat Otte, sich an seine Seite zu setzen. Alsdann erklärte er ihm, man müsse sich erst durch Speis und Trank stärken, bevor zur Verhandlung geschritten werden könne.

Nach kurzer Zeit wurde Wildbraten aufgetragen; Humpen voll edlen Weines wurden herbeigeschafft und der Imbiss eingenommen. Alsdann ließ man Otte einen feierlichen Eid schwören, dass er über die bevorstehende Verhandlung gegen niemand in der Welt weder mündlich noch schriftlich etwas äußern wolle; der geringste Verrat – so bedeutete man ihn – würde sein Leben kosten.

Danach schritt man zur Aufnahme des Protokolls. Obwohl der Inhalt desselben unbekannt geblieben ist, so scheint doch Otte den ihm gewordenen Auftrag zur Zufriedenheit der Räuber ausgeführt zu haben; wenigstens lässt sich aus dem Folgenden darauf schließen.

Nachdem nämlich die gerichtliche Handlung vollzogen war, hieß man Herrn Otte wieder in den bereitstehenden Wagen einsteigen. Abermals wurden ihm die Augen verbunden, und so trat er in Gesellschaft seiner früheren Begleiter die Rückfahrt an. Noch vor Tagesanbruch erreichte man das Storchnest. Sobald aber dem Amtmann die Binde abgenommen und er ins Haus getreten war, warf ihm einer der Räuber einen schweren, mit Laubtalern gefüllten Beutel vor die Füße. Darauf fuhren die Unbekannten mit den Worten ab: »Wohl bekomm’s!« und »Schweigen bis zum Grab!«

Herrn Otte hatte dies Abenteuer so heftig angegriffen, dass er monatelang das Bett hüten musste. Sooft er aber später die Geschichte erzählte, erwiderte er auf alle Fragen über die Testamentaufnahme: »Meinen Eid will ich halten und schweigen, aber lieber sterben, als je wieder eine solche Amtshandlung vollziehen«.

Nie ist es bekanntgeworden, was er in jener grausigen Nacht niedergeschrieben hat. Allerdings wollen manche wissen, Otte habe nur geloben müssen, keinem Menschen etwas zu sagen, und dies Gelübde habe er auch gehalten. Aber etwas aufzuschreiben sei ihm nicht verboten worden, und so habe man denn nach seinem Tod in seinem handschriftlichen Nachlass eine Aufzeichnung gefunden, aus welcher hervorgegangen sei, dass ihn die Räuber in jener Nacht gefragt hätten, welche Strafe nach den Gesetzen einer verdiene, der die und die Verbrechen begangen habe. Darauf habe er nach bestem Wissen und Gewissen antworten müssen: den Tod! Und nun hätten die Räuber sofort einen Verbrecher herbeigeholt, dem sie alle vorher genannten Verbrechen zur Last legten, und denselben in Gottes Gegenwart enthauptet.

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