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Die Abenteuer des Harry Dickson – Band 3 – Kapitel 1

Die Abenteuer des Harry Dickson
Band 3
Chinesische Götzendienerei
Kapitel 1
Der Drohbrief

An Mister John Donnell, Esq.
Regent’s Park, Albany Street 24

Hiermit werden Sie dringlichst aufgefordert, heute Abend an einem Ort im Primrose Park, den Ihnen unser Bote mitteilen wird, die Summe von 500 000 Pfund Sterling zu hinterlegen. Die Person, die Sie mit dieser Aufgabe betrauen, muss uns bekannt sein; sie wird am Eingang des Parks auf einen unserer Vertrauensmänner treffen, der ihr den genauen Ort für die Geldübergabe nennen wird.
Machen Sie sich nicht die Mühe, unseren Boten durch die Polizei festnehmen zu lassen; das wäre töricht und vergeblich. Wir haben alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
Wir rechnen fest mit Ihrer Zuverlässigkeit. Sollte das Geld heute Abend nicht übergeben werden, wehe unserer Rache! Wir werden Sie dort aufs Schwerste treffen, wo es Ihnen am meisten wehtut. Bedenken Sie dies gut und versuchen Sie nicht zu fliehen. Wir pflegen Wort zu halten! Lassen Sie sich die Ereignisse der letzten Monate eine Warnung sein.

Gez. Der Duk-Duk-Club
Die dreizehn Boxer

Der amerikanische Millionär John Donnell, der sich vor einigen Monaten in einer prachtvollen Villa unweit des Regent’s Park niedergelassen hatte, legte den Brief mit einer müden Handbewegung zur Seite.

Er drückte auf eine elektrische Klingel, woraufhin augenblicklich ein reich galonierter Diener erschien.

»Schicken Sie mir sofort Bob her!«, befahl Mister Donnell, dessen gewöhnlich umgängliches Gesicht eine düstere Miene annahm.

Wenige Augenblicke später trat der Genannte in das luxuriös eingerichtete Arbeitszimmer.

»Warum haben Sie den Mann, der Ihnen diesen Zettel überreicht hat, nicht auf der Stelle festgenommen?«, fragte Mr. Donnell in erzürntem Ton.

»Ich wollte ihn ergreifen, Mister Donnell«, entschuldigte sich der Diener. »Als er mir den Brief gab und mich mit rauer, gebieterischer Stimme anwies, diesen Ihnen auszuhändigen, packte ich ihn am Arm. Doch es war, als fasste ich ein Stück Stahl an. Der Kerl versetzte mir einen solchen Schlag in die Nieren, dass ich mich um meine eigene Achse drehte. Im selben Moment erblickte ich hinter den Parkbüschen eine zweite und eine dritte Schattengestalt. Am Ende war ich froh, so glimpflich davongekommen zu sein, denn von diesem Mann war nichts Guten zu erwarten. Er war zwar gut gekleidet, trug aber aller Wahrscheinlichkeit nach einen falschen Bart, und seine Augen leuchteten mit ungewöhnlicher Schärfe.«

»Warum haben Sie das Papier nicht einfach weggeworfen?«, fragte der aufgebrachte Millionär erneut.

»Ich hatte Angst, Mister Donnell«, gestand der Diener. »Sie sind zwar erst kurze Zeit in London, doch hier geschehen derzeit Dinge, die die gesamte Oberschicht der Hauptstadt in Unruhe versetzen. Es gab mehrere mysteriöse Entführungen. Die Gemahlin eines reichen schottischen Großgrundbesitzers wurde verschleppt und ist seitdem spurlos verschwunden. Ihr Mann hatte ebenfalls einen Drohbrief erhalten und ihn unbeachtet gelassen. Andere konnten ihre Angehörigen nur durch die Zahlung enormer Lösegelder retten. Die Bande treibt ihr Unwesen nun schon etwa ein Jahr lang, und die Polizei steht völlig ratlos da. Es gelingt ihr einfach nicht, diese üblen Subjekte zu fassen. Wenn doch nur der berühmte amerikanische Detektiv Harry Dickson hier wäre! Er würde dem Gesindel rasch das Handwerk legen.«

»Harry Dickson? Ja, ich erinnere mich, etwas über ihn gelesen zu haben«, sagte Mister Donnell mit sanfterer Stimme. »Aber wo steckt er zurzeit?«

»Wie ich hörte, hält er sich in Frankreich auf, um sich auszuruhen und von den Strapazen seines gefährlichen Berufs zu erholen. Er arbeitet stets auf eigene Verantwortung, und die Justiz verdankt ihm die Ergreifung der schlimmsten Verbrecher. In London ist er kein Unbekannter. Wäre er hier, könnte er uns gewiss wertvollen Rat erteilen.«

Mr. Donnell zuckte die Achseln und bedeutete dem Diener zu gehen. An dessen Stelle trat eine strenge ältere Dame ein. Es war die Schwester des Multimillionärs, der vor Jahren seine geliebte Ehefrau verloren hatte.

»Was ist geschehen, John?«, fragte sie besorgt. »Das Stubenmädchen hat mir erzählt, dass du einen Drohbrief erhalten hast.«

»Hier ist er«, antwortete Donnell. »In Amerika würde mich so etwas nicht weiter beunruhigen, denn dort gibt es Gaunerbanden zu Dutzenden. Aber in London ist so etwas völlig ungewöhnlich. Ich denke, ich werfe das Schreiben einfach ins Feuer.«

Unterdessen hatte die Dame den Brief aufgehoben und dessen Inhalt gelesen.

»Ich flehe dich an, John, tu das nicht!«, rief sie aus. »Diese Drohung verdient ernsthafte Überlegung, und die Unterschrift ist keineswegs beruhigend. Ich habe wirklich Angst, John. Auch in London bleiben viele Verbrechen unaufgeklärt; dafür gibt es Beispiele genug.«

»Ja, ich weiß, in Whitechapel«, brummte Donnell, »aber doch nicht in dieser feinen Gegend! Sei unbesorgt, Mary, das ist nur ein primitiver Erpressungsversuch. Um dich zu beruhigen, werde ich das Schreiben der Polizei übergeben.«

Die treue Dame achtete kaum auf diese gutgemeinten Worte.

»Hast du gesehen, was ganz unten steht?«, rief sie voller Angst. »Sie wollen dich dort treffen, wo es dir am meisten wehtut. Um Himmels willen, John, sie spielen auf die Kinder an! Sie wollen Edith und Robert etwas antun! Sie haben es auf das Leben dieser armen Unschuldigen abgesehen!«

Bei diesen Worten erbleichte Donnell. Er dachte an seine beiden Lieblinge, zwang sich jedoch zur Ruhe.

»Mary, ich bitte dich, bewahre die Nerven. Ich halte die ganze Sache für einen plumpen Erpressungsversuch; die lächerliche Unterschrift beweist es. Wie dem auch sei, ich werde die Polizei verständigen, damit angemessene Maßnahmen ergriffen werden.«

Der Millionär begab sich an seinen Schreibtisch, betätigte die elektrische Klingel und kritzelte einige Zeilen auf das Briefpapier, das seinen Namen und sein Wappen trug.

»Bringen Sie diesen Brief unverzüglich zum Hauptquartier von Scotland Yard«, wies er den herbeigerufenen Diener an. »Fahren Sie selbst; es ist dringend! Nehmen Sie mein Auto und verlieren Sie keine Zeit.«

Der Diener blickte seinen Herrn fragend an, nahm das Schreiben entgegen und steckte es mit einer besorgten Bewegung in die Tasche.

Die Schwester des Millionärs hatte den Drohbrief unterdessen einer erneuten Prüfung unterzogen.

»Sieh doch, John!«, rief sie aus, als der Diener gerade im Begriff war zu gehen. »Siehst du diese geheimnisvollen Zeichen?«

»Selbstverständlich habe ich sie gesehen«, erwiderte Herr Donnell. »Der Brief ist auf chinesischem Papier geschrieben, und solches Papier trägt immer solche Zeichen. Das hat weiter keine Bedeutung.«

Die ältere Dame legte den Brief zurück auf den Tisch, und Donnell betrachtete ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Bitterkeit. Er redete sich fortwährend ein, dass kein Anlass zur Sorge bestehe und es sich lediglich um einen plumpen Erpressungsversuch handle; dennoch fühlte er sich keineswegs völlig beruhigt. Eine unbestimmte Unruhe quälte ihn.

Eine Stunde war vergangen, als das Automobil zurückkehrte. Ein schlanker Mann von strammer Haltung und mit energischem Blick stieg aus. Man erkannte schon aus hundert Schritten den Polizeikommissar.

Wenig später stand er vor dem Millionär, der ihn höflich begrüßte.

»Henry Knorr«, stellte er sich vor. »Ganz zu Ihren Diensten. Darf ich erfahren, worum es geht, Mister Donnell? Ihr Schreiben war in dieser Hinsicht nicht sehr aussagekräftig.«

»Nehmen Sie doch erst Platz, Mr. Knorr«, lud Donnell seinen Gast ein und deutete auf einen Sessel. »Sagen Sie mir vor allem: Was halten Sie von diesem Ultimatum? Sie blicken so ernst – ist die Lage denn so schlimm?«

»In der Tat, Mister Donnell«, antwortete Knorr. »Nun, da ich die Unterschrift sehe, kann ich Ihnen nicht verbergen, dass eine berüchtigte Banditenbande in diese Angelegenheit verstrickt ist. Es ist nicht das erste Mal, dass mir ein solcher Brief unterkommt. Da Sie aber erst seit zwei Monaten in London wohnen, ist Ihre Unkenntnis über die Umtriebe dieser gefährlichen Verbrecher durchaus verständlich.«

Donnell nickte stumm.

»Der Duk-Duk-Club oder die Bande der dreizehn Boxer, wie sie sich nennt, hat bereits mehrere solcher Schriftstücke verfasst«, fuhr Mr. Knorr fort. »In den letzten Monaten folgte auf solche Forderungen nicht selten die Entführung von Mitgliedern sehr wohlhabender Familien. Leider sind mehrere dieser Personen nie wieder aufgetaucht. Zwei der Erpressten konnten ihre Angehörigen zwar durch astronomische Geldzahlungen retten, doch sie vermochten keinerlei Hinweise auf den Ort ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft zu geben. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie den Ernst der Lage ermessen können, Mister Donnell. Und nun eine Frage: Haben Sie Familie?«

»Allerdings!«, antwortete Mr. Donnell lebhaft. »Ich habe zwei Kinder, die mein ganzer Stolz und mein Lebensinhalt sind. Sie bedeuten mir mehr als mein gesamtes Vermögen. Aber da kommen sie ja gerade!«, fügte er hinzu und wandte sich um.

An der Schwelle zur Gartentür erschienen zwei fröhliche, wohlgestaltete Kinder: Edith und Robert Donnell.

Das Mädchen mochte etwa sechzehn Jahre alt sein, der Junge kaum zehn.

Sie liefen auf ihren Vater zu und umarmten ihn zärtlich.

Der Polizeikommissar erfreute sich an dem rührenden Familienbild.

Der Millionär kümmerte sich nicht mehr um die Anwesenheit des Beamten. Er drückte seine geliebten Kinder an sein Herz und blickte stolz auf die beiden reizenden Geschöpfe.

Plötzlich jedoch fiel sein Blick wieder auf das unselige Schreiben, und die düsteren Vorahnungen kehrten zurück.

»Geht schnell zu Tante Mary«, sagte Donnell zu ihnen. »Sie wartet auf euch, und ich habe noch Geschäftliches zu besprechen. Sobald ich fertig bin, komme ich zu euch.«

Edith und Robert warfen dem Polizeikommissar einen etwas schüchternen Blick zu und verließen das Zimmer.

Als sich die Tür hinter den Kindern geschlossen hatte, seufzte Mister Donnell tief auf.

»Glauben Sie wirklich, Mr. Knorr, dass die Banditen in ihrem Brief auf diese beiden unschuldigen Wesen anspielen könnten?«

»Das ist durchaus möglich«, lautete die vorsichtige Antwort. »Verbrecher, die einen großen Coup planen, pflegen sich vorab alle erforderlichen Informationen für das Gelingen ihres Vorhabens zu beschaffen. Und 500 000 Pfund sind eine gewaltige Summe! Lassen Sie Ihr Haus und vor allem Ihre Kinder auf jeden Fall scharf bewachen. Das ist mein dringender Rat.«

»Könnte die Polizei diese Bewachung übernehmen?«, fragte Donnell lebhaft. »Unnötig zu erwähnen, dass das Geld für mich Nebensache ist. Mein einziger Wunsch wäre, dass uns diese Überwachung nicht zu sehr belästigt.«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, Mister Donnell. Ich habe Ermittler bester Güte unter meinem Kommando. Ich werde Ihnen drei Männer schicken. Es sind tüchtige Kerle, keineswegs leichtsinnig, sondern mutig, besonnen und bestens geschult. Sie werden Ihnen keinerlei Unannehmlichkeiten bereiten, dafür verbürge ich mich.«

Diese Zusicherung schien Mr. Donnell etwas zu beruhigen. Dennoch quälte ihn nach wie vor ein Zweifel.

»Einer meiner Bediensteten hat mir von einem gewissen Harry Dickson erzählt«, begann er zögernd. »Das muss ein außergewöhnlicher Mann sein, auch wenn er die Verfolgung und Ergreifung von Verbrechern nur als Liebhaberei betreibt. Kennen Sie diesen Herrn zufällig? Ich würde keine Kosten scheuen, um ihn für unsere Sache zu gewinnen.«

Bei diesen Worten verzogen sich die hochmütigen Züge des Polizeikommissars missbilligend.

»Das trifft durchaus zu, Mister Donnell«, antwortete er. »Wie Sie sagen, jagt dieser Harry Dickson Banditen nur aus Zeitvertreib«, fuhr er in leicht verärgertem Ton fort. »Ich kenne den Mann persönlich. Ich streite ihm einen gewissen Spürsinn nicht ab, doch er ist und bleibt ein Amateur, dem eine gehörige Portion Eigensinn eigen ist. Wenn man ihm einen Fall anvertraut, muss sich alles seinem Willen unterordnen, und so handelt er nicht selten in eklatantem Widerspruch zu all unseren bewährten Methoden. Sie würden mir daher einen großen Gefallen tun, wenn Sie Harry Dickson aus der Sache heraushielten. Ich hoffe, Sie schenken unserer Umsicht Ihr volles Vertrauen; ich garantiere Ihnen die absolute Sicherheit für Sie und Ihre gesamte Familie.«

»Mehr verlange ich gar nicht, Mister Knorr«, entgegnete Donnell, der wohl bemerkte, dass der Name Harry Dickson auf den Polizeikommissar wirkte wie ein rotes Tuch auf einen Stier. »Ich habe mich an die Polizei gewandt, und auf sie verlasse ich mich auch. Ich gebe Ihnen freie Hand. Treffen Sie alle Maßnahmen, die Sie für notwendig halten, und verfügen Sie über jede Summe, die Sie zur Gewährleistung unserer Sicherheit für erforderlich halten. Und wenn die Gefahr gebannt ist, versichere ich Ihnen, dass ich mich nicht undankbar erweisen werde.«

Das Gesicht des Kommissars hellte sich auf.

»Nun denn«, sagte er zu sich selbst, als er die prachtvolle Villa verließ, »diesmal wird sich Harry Dickson garantiert nicht in unsere Angelegenheiten einmischen!«

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