Secret Service Band 4 – Kapitel 10
Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective
Kapitel 10
Ein cleverer Trick
Old King Brady erfasste die Lage als Erster.
»Sie sind abgehauen!«, meinte er. »Sie sind entkommen, Harry!«
»Puh!«, sprach der junge Detektiv. »Dafür sollten wir dankbar sein. Ich dachte schon, sie hätten uns erwischt.«
»Das war knapp!«
»Das habe ich auch so empfunden.«
Old King Brady holte seine Blendlaterne wieder. Dann gingen die beiden Detektive durch die Black Alley. Sie erkundeten den Ort gründlich. Doch nicht das Geringste war zu entdecken, das darauf hingewiesen hätte, auf welchem Weg die Vögel ausgeflogen waren. Es gab nur einen entdeckten Ausgang, und das war jener, durch den die Detektive eingetreten waren.
Aber im Unterkeller wurde eine einfache Falltür entdeckt, und in einem Hohlraum darunter lag ein Haufen Diebesgut.
Die Detektive hatten dafür keine Verwendung und ließen es unangetastet. Vergebens suchten sie nach einer Erklärung für das Verschwinden der Ganoven; kein einziger Hinweis wurde gefunden.
Eine Sache stand für sie jedoch fest: Es musste weitere geheime Ein- und Ausgänge geben. Womöglich gab es sogar noch andere Unterkeller oder Geheimgänge.
Doch die Bradys waren ratlos; sie konnten sie einfach nicht finden.
Auf den Steinplatten in der Black Alley wurden Blutspuren entdeckt. Dies deutete darauf hin, dass einer aus der Bande durch die Schüsse des Young King Brady verwundet worden war.
Sie suchten bis kurz vor Morgengrauen. Dann sagte Old King Brady: »Es hat keinen Zweck, Harry. Sie haben uns überlistet. Wir können die Verfolgung jetzt nur abbrechen und auf eine neue Gelegenheit warten.«
»Die vielleicht nie kommen wird«, meinte der junge Detektiv düster.
»Das stimmt.«
Die beiden Detektive kehrten auf die Straße zurück. Sie schoben die Gehwegplatte zur Seite und stiegen ins Freie. Hinter ihnen schloss sich die Platte wieder – ein Mechanismus in der Wand hatte sie versiegelt.
Als sie auftauchten, packte Young King Brady den Arm des alten Detektivs.
»Schau mal!«
Eine schleichende Gestalt war im Schatten an der nächsten Straßenecke zu sehen, verschwand jedoch augenblicklich wieder.
»Wir werden beobachtet!«
Old King Brady lächelte. »Ähm!«, machte er.
Dann zog er ein großes Stück Kautabak aus der Tasche, knöpfte seinen blauen Mantel zu, blickte kurz zum Himmel und schaute dann beiläufig die Straße hinunter. Mit einem leicht wiegenden, kamelartigen Gang schritt er die schmale Straße hinauf, und Young King Brady folgte ihm.
Bald erreichten sie den Chatham Square. Old King Brady ging voran zum City Hall Square, bis die Detektive schließlich auf den Broadway gelangten. Sie sprangen auf eine Straßenbahn.
Dabei bemerkte Young King Brady zwei Männer mit tief ins Gesicht gezogenen Hüten an der Ecke zur Chambers Street. Sein scharfer Blick schätzte sie sofort richtig ein.
»Wir werden verfolgt!«, sagte er.
»Ach ja?«, rief Old King Brady gelassen aus. »Ist das so?«
»Ja, das sind zwei Kerle aus der Bande.«
Old King Brady warf ihnen einen Blick zu, kommentierte es jedoch nicht weiter.
Die beiden Detektive hielten die Augen offen und bemerkten, dass die zwei Männer versuchten, auf gleicher Höhe mit der Straßenbahn zu bleiben. Vor ihnen fuhr eine weitere Bahn, die häufig anhielt, sodass die Verfolger durch schnelles Gehen Schritt halten konnten. Keiner der Bradys wusste jedoch, wer diese beiden Verfolger eigentlich waren.
Es könnten zwei der Drei Flöhe sein, wahrscheinlich aber nicht. Sie waren gut gekleidet und sahen passabel aus. Tatsächlich überzeugte dies die Detektive nur noch mehr davon, dass sie sich erst am Anfang eines verworrenen Spiels befanden, das sie aufzudecken versuchten. Jede neue Entwicklung zeigte nur, dass ständig neue Figuren auf der Bildfläche erschienen.
Die Falschspieler steckten mit den Drei Flöhen unter einer Decke, und Letztere wiederum mit anderen organisierten Verbrecherbanden. Ein Ende war nicht in Sicht.
Old King Brady hatte vor, zu seiner Unterkunft zu gehen.
»Im Moment gewinnen wir sicher nichts mehr, wenn wir den Drei Flöhen hinterherjagen«, sagte er. »Sie sind uns direkt auf den Fersen. Wir müssen warten, bis sie wieder unachtsam werden.«
»Und solange lassen wir uns von ihnen verfolgen?«, fragte Young King Brady.
»Wenn sie wollen, meinetwegen.«
»Wir müssen die Augen offen halten!«
Old King Brady blickte durch das Fenster der Straßenbahn zurück zu den beiden Verfolgern. Es war offensichtlich, dass diese nicht im Traum daran dachten, dass die Detektive sie längst durchschaut hatten.
Der alte Detektiv biss sich auf die Lippe. Er wusste, dass das nicht von Vorteil war, und beschloss, die Verfolger abzuschütteln.
Er sagte zum jungen King Brady: »Wir müssen diese Narren loswerden. Wenn die Bahn die 9th Street erreicht, steigst du aus. Gehe drüben zur 6th Avenue und nimm eine Straßenbahn nach Hause. Wenn sie dir folgen, schüttle sie mit einer Verkleidung ab. Wenn nicht, weißt du, dass ich dasselbe tue.«
»Abgemacht!«, rief Young King Brady.
Er stieg aus der Bahn und ging schnellen Schrittes die 9th Street entlang. Doch als er sich ab und zu umsah, bemerkte er, dass die beiden Schurken ihm nicht gefolgt waren. Old King Brady blieb weiterhin das Ziel ihrer Verfolgung.
Dieser erkannte das grimmig und fasste rasch einen Plan. Wenn diese beiden Ganoven glaubten, den schlauheitserprobten alten Fuchs von einem Detektiv ausmanövrieren zu können, hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
An der 24th Street legte die Straßenbahn einen Zahn zu und gewann fast einen ganzen Häuserblock Vorsprung vor den Verfolgern. Old King Brady sah, dass sie rannten. Er sprang rasch aus der Bahn und bog in die 24th Street ein.
Blitzschnell huschte er in einen tiefen Hauseingang. Zu dieser frühen Stunde waren nur wenige Menschen unterwegs.
Aus seiner Tasche holte er einen falschen Bart, eine Perücke und eine weiche Mütze. Sein Hut verschwand in einer Innentasche, und seinen alten blauen Mantel wendete er auf links. In unglaublich kurzer Zeit war das Werk vollbracht. Nach nicht einmal einer halben Minute stand der alte Detektiv wieder auf dem Gehweg.
Er hatte sich in einen gebückten, graubärtigen alten Bettler verwandelt. So humpelte er genau in die Richtung, aus der seine Verfolger kamen. Als er auf den Broadway einbog, lief er ihnen direkt über den Weg – doch sie würdigten ihn keines Blickes.
An eine solche List hätten sie niemals gedacht. Gierig suchten sie die 24th Street nach einem Zeichen ihrer Beute ab. Da sie ihn nicht sahen, rannten sie hastig weiter zur nächsten Straße, der 5th Avenue.
Old King Brady ging den Broadway hinunter bis zur 23th Street, stieg seelenruhig in eine andere Kabelstraßenbahn und machte sich entspannt auf den Heimweg. Er hatte seine Verfolger mit spielerischer Leichtigkeit abgehängt und musste schmunzeln, als er daran dachte.
In ihrer Unterkunft angekommen, stellte Old King Brady fest, dass Young King Brady bereits vor ihm eingetroffen war.
Der junge Detektiv fragte aufgeregt: »Hast du sie abgehängt?«
»Spielend!«
»Gut! Dann sind wir also sicher?«
»Sicherer geht es nicht.«
Der junge Detektiv zündete sich eine Zigarre an und setzte sich an einen Tisch mit Schreibzeug.
»Ich habe mir dein Bluff-Spiel gegen die Falschspieler noch einmal genau durch den Kopf gehen lassen«, meinte er.
»Ah«, sagte Old King Brady, während er seine Pfeife stopfte und sich in einen Lehnstuhl sinken ließ. »Und was meinst du dazu, Harry?«
»Das ist ein sicherer Sieg!«
Der alte Detektiv gluckste leise. »Meinst du?«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Nun, ich bin geneigt, dir zuzustimmen. Aber es gibt Bedingungen.«
»Und die wären?«
»Wir müssen die Sache absolut hieb- und stichfest aufziehen.«
»Ja!«
»Wir dürfen keine Lücke offenlassen, kein Detail vergessen und keinen Fehler machen. Alles muss wie am Schnürchen laufen, sonst sind wir geliefert.«
»Das kann ich nicht abstreiten. Aber das sind doch keine schweren Bedingungen. Jedenfalls nicht für Männer, die ihren Verstand zu gebrauchen wissen!«
»Es wird ein geschicktes Spiel. Wir müssen die Falschspieler einfach mit ihren eigenen Waffen schlagen. Genau darum geht es.«
»Die Betrüger selbst hereinlegen – ganz genau. Aber dafür müssen wir hoch pokern.«
»Ich kann gut pokern.«
»Das traue ich dir zu. Deshalb schlage ich vor, dass wir es wagen.«
»Gut! Wir werden gewinnen. Aber was ist unser erster Schritt?«
»Erinnerst du dich an Moses Sharpley?«
»Sharpley? Oh ja. Ein angenehmer alter Herr, dessen gestohlene Staatsanleihen wir einmal von einem Dieb zurückgeholt haben. Er wohnt in Yonkers.«
»Richtig, und er hat einen kleinen Laden direkt am Getty Square.«
»Stimmt, einen kleinen Kramladen.«
»Genau! Tja, diesen hübschen kleinen Laden habe ich aufgekauft und steige jetzt ins Ladengeschäft ein.«
Young King Brady nahm überrascht die Füße vom Tisch. Er starrte Old King Brady an. Das Gesicht des alten Detektivs blieb regungslos, sein Blick unergründlich, während er langsam an seiner deutschen Pfeife paffte.
Young King Brady holte tief Luft und schnippte die Asche von seiner Zigarre.
»Ich verstehe nicht, was das mit diesem Fall zu tun haben soll«, sagte er.
»Das dachte ich mir«, antwortete der alte Detektiv ruhig.
»Woher sollte ich auch?«, meinte Young King Brady ratlos. »Was hat das damit zu tun?«
»Jede Menge!«
»Na sowas! Und da heißt es immer, ich würde in Rätseln sprechen!«
»Behalte einen kühlen Kopf. Das gehört alles zum Bluff.«
»Einen Kramladen zu kaufen?«
Da dämmerte Young King Brady langsam, worauf der alte Detektiv hinauswollte. Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre.
»Du wirst schon sehen, mein Junge«, sagte Old King Brady unerschütterlich. »In einigen Punkten liegst du richtig, aber du hast dein Handwerk noch nicht zu Ende gelernt. Du kannst eine gute Fährte verfolgen und den durchschnittlichen Ganoven austricksen, aber der Alte hat in punkto weitreichender Pläne noch lange nicht ausgedient.«
»Ich gebe mich geschlagen!«, erwiderte Young King Brady. »Wann hast du dafür die Weichen gestellt?«
»Vor einer Woche.«
»Hast du Geld für Moses Sharpleys Laden bezahlt?«
»Natürlich nicht! Wir geben nur vorübergehend vor, die Eigentümer zu sein. Hängen unser Schild auf und so weiter. Sharpley hat zugestimmt als Gegenleistung für die Gefallen, die wir ihm erwiesen haben. Wir müssen für eine Weile unsere Identität ablegen und von der Bildfläche verschwinden. Jetzt sind wir selbst die Falschspieler, und der Einsatz ist hoch, da kannst du sicher sein.«
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