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Inspektor Pinson – 02

Inspektor Pinson
Nach den Texten, die 1907 in der illustrierten Volks-Familienzeitschrift MON BONHEUR erschienen sind
Wie starb Dmitri Tcherkow?
Von Jacques Bellême

Der Bahnhofsvorsteher nahm gerade mit dem Wachtmeister der Gendarmerie im Café des Voyageurs einen Aperitif zu sich, als sie Herrn Pinson vorbeigehen sahen. Niemand in der kleinen Stadt wusste, dass er Inspektor bei der Sûreté war, aber jeder kannte ihn, da er sozusagen jeden Sonntag regelmäßig zu Besuch kam, um seine hochbetagte Mutter zu sehen, die sich schon vor langer Zeit nach Mainville zurückgezogen hatte. Man wusste zwar, dass ihn seine Arbeit in Paris festhielt, aber das war auch schon alles. Jeder kannte und schätzte ihn, denn er war nicht arrogant, gab jedem freundlich die Hand und lehnte es nie ab, ein Getränk anzunehmen oder eines auszugeben.

Er ließ sich also nicht lange bitten, als der Bahnhofsvorsteher ihn einlud, sich an seinen Tisch zu setzen, und erkundigte sich auch gleich nach dem werten Befinden des Wachtmeisters Planteau und dessen Gattin.

»Nun, Herr Pinson«, begann der Bahnhofsvorsteher, »das ist vielleicht eine Geschichte! Was halten Sie davon?«

»Wovon denn?«, erwiderte der Neuankömmling.

»Wovon denn? Wo kommen Sie denn her?«

»Ich komme gerade aus Paris.«

»Ah! Dann entschuldigen Sie bitte. Ich wollte von dem Unfall heute Nacht sprechen.« »Hatten Sie einen Unfall auf der Strecke?«

»Und was für einen! Ein Fahrgast wurde beinahe enthauptet.«

»Was Sie nicht sagen?«

»Genauso ist es. Nicht wahr, Chef?«

Planteau nickte zustimmend.

»Ich komme sogar gerade vom Bahnhof, wo ich die üblichen Ermittlungen durchgeführt habe«, fügte er hinzu.

»Aber wie ist das passiert?«, fragte Pinson.

»Wie? Wie? Weiß man das so genau? Ach, kommen Sie, Herr Pinson, zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf! Ich weiß wohl, dass Sie sich gerne mit Kriminalfällen vergnügen. Sie haben den Kopf voller Polizeigeschichten von Sherlock Holmes und anderen englischen oder amerikanischen Detektiven, von denen die Zeitungen heutzutage voll sind. Aber dieses Mal kommen Sie nicht auf Ihre Kosten. Es gab kein Verbrechen, sondern einen Unfall, so schrecklich er auch sein mag. Also, die Sache ist die: Sie wissen ja, dass der Schnellzug, der um sieben Uhr abends in Paris abfährt, um halb neun in Mainville ankommt?«

»Ja, ich bin oft damit gefahren.«

»Gut. Als der Zug nun in den Bahnhof einfuhr, befand ich mich mit mehreren Angestellten auf dem Bahnsteig, als wir von Weitem einen Fahrgast erkannten, der sich aus der Tür lehnte und – so glaubten wir zumindest – versuchte, sie zu öffnen. Man rief ihm zu, er solle warten, bis der Zug vollständig zum Stehen gekommen sei, aber das nützte nichts. Er verharrte in derselben Position und bewegte sich auch nicht mehr, als der Zug im Bahnhof stand. Es war sehr dunkel, aber als ich mich ihm mit meiner Laterne in Begleitung von zwei Angestellten näherte, bemerkten wir, dass die Tür voller Blut war, das aus einer schrecklichen Wunde am Hals des Reisenden strömte. Man eilte ihm sofort zu Hilfe, und ein Arzt, der sich unter den Fahrgästen des Schnellzugs befand, kam unaufgefordert herbei, um ihn zu versorgen. Er stellte fest, dass nichts mehr zu machen sei: Der bedauernswerte Mann war tot. Er erklärte jedoch auch, dass der Tod erst vor wenigen Augenblicken eingetreten sein könne.«

»Wie ich Ihnen bereits sagte«, fuhr der Bahnhofsvorsteher fort, »hingen der Kopf, die Arme und der Oberkörper des Opfers vollständig aus der Tür heraus. Wir brachten den Toten sofort in einen der Warteräume, wo der Leichnam auf einer Bahre abgelegt wurde. Der Reisende wies eine entsetzliche Wunde am Hals auf, der fast vom Rumpf abgetrennt war, und das Ohr auf derselben Seite des Kopfes war beinahe abgerissen.«

»Aber weiß man denn genau, wie sich der Unfall ereignet hat und wo das passiert ist?«, unterbrach ihn Pinson neugierig.

»Die Art des Unfalls? Aber sicher. Der Fahrgast muss den Kopf aus der Waggontür gestreckt haben, wie es leider viele aus einer schlechten Gewohnheit heraus tun. Bei der Durchfahrt unter der Orfrain-Brücke, die die Strecke kreuzt, wurde er dann sozusagen durch einen Brückenpfeiler enthauptet.«

»Und wie kommen Sie darauf?«, fragte Pinson erneut.

»Ah! Da gibt es keinen Zweifel, Monsieur«, unterbrach Wachtmeister Planteau. »Mein Brigadier und ich sind heute Morgen zur Orfrain-Brücke gegangen, und die Blutspritzer auf dem Mauerwerk sind dort sehr gut sichtbar.«

»Ich bin hier, um die Aussage unseres Freundes, des Bahnhofsvorstehers, zu bestätigen. Er hatte kein Gepäck bei sich, und seine Papiere sind bei der Gendarmerie. Was die Leiche betrifft, so liegt sie noch immer in einem der Warteräume, bis die Behörden eintreffen.«

»Und kennt man den Namen des Opfers?«, fragte Pinson.

»Mein Gott, nein. Es war ein Fremder, vermutlich ein Russe, denn man hat bei ihm nur Papiere in dieser Sprache gefunden, die uns keine Identifizierung erlaubten.«

»Der Kopf, halb enthauptet, muss gegen einen der Pfeiler der Orfrain-Brücke geprallt sein«, murmelte Pinson vor sich hin. »Ein Ohr fast abgerissen. Seltsam!«

Dann fügte er laut hinzu: »Und kennen Sie den Grund, warum sich dieser Reisende so weit aus dem Fenster gelehnt hat? Denn man muss den Hals schon gewaltig rausstrecken, um das Mauerwerk einer Brücke zu treffen, die eine Strecke überquert!«

»Oh! Das ist doch nur ein einfaches Detail. Erstens, da er Russe ist …«

»Und wenn er keiner ist?«

»Nun ja, aber angenommen, er ist Russe, dann dürfte er an die sibirischen Eisenbahnlinien gewöhnt sein, wo solche Überführungen selten sind.«

»Und wenn dieser Russe – da Sie unbedingt wollen, dass er einer ist – noch nie in Sibirien gereist ist?«

»Ah! Hören Sie, Monsieur Pinson, Sie verlangen zu viel von mir!«

»Würden Sie mir erlauben, die Leiche zu sehen?«

»Oh! Wenn Sie wollen und unser Wachtmeister nichts dagegen hat …«

»Keineswegs«, meinte Planteau.

»Nun gut, Sie finden sie im Warteraum der ersten Klasse; aber ich begleite Sie nicht. Der Anblick gestern Abend hat mir gereicht. Ich wette, Sie wollen auf den Spuren von Sherlock Holmes wandeln.«

Pinson lächelte, ohne zu antworten. Er schüttelte dem Bahnhofsvorsteher und dem Wachtmeister der Gendarmerie zum Abschied die Hand und machte sich auf den Weg zum Bahnhof.

Er untersuchte sorgfältig die Verletzungen des Toten und bat dann den zurückgekehrten Bahnhofsvorsteher um die Erlaubnis, entlang der Gleise bis zur Orfrain-Brücke zu gehen – eine Erlaubnis, die ihm sogleich erteilt wurde.

»Hier, warten Sie noch einen Moment; gleich kommt ein Güterzug vorbei, der Sie dorthin bringt. Das erspart Ihnen zumindest fünf Kilometer Fußmarsch.«

***

Pinson kam schließlich an der Orfrain-Brücke an. Nachdem er aus dem Güterzug ausgestiegen war, der weisungsgemäß verlangsamt hatte, nahm er sogleich seine Nachforschungen auf.

Er bemerkte zuerst, dass Blut an die Außenwand der Brücke gespritzt war und sich die Blutspuren anschließend am gesamten inneren Gewölbe entlangzogen. Dies machte ihn sofort stutzig, denn es war unmöglich, dass das Blut genau an der Stelle zu fließen begonnen hatte, an der der Aufprall stattgefunden hatte – fuhr der Expresszug doch mit einer Geschwindigkeit von mehr als 80 Kilometern pro Stunde.

»Es ist genauso, wie ich dachte«, sagte er sich. »Er wurde getroffen, bevor er die Brücke erreichte. Seltsam, sehr seltsam.«

Während er die Strecke auf einer Länge von einigen Metern vor der Brücke untersuchte, bemerkte er, dass ein Eisenhaken fest am Ende einer der Holzschwellen unter den Schienen angebracht war. Ein Loch war in die Erde gegraben worden, um diesen Haken zu befestigen, an dem noch ein Stück dicker, gedrehter Draht hing.

»Sieh mal einer an!«, murmelte er. »Ich wusste nicht, dass man irgendetwas an diesen Schwellen befestigt. Suchen wir weiter. Vielleicht finden wir noch etwas Besseres.«

Als er den Blick hob, bemerkte er, dass sich der in der Schwellenschiene fixierte Haken genau unter der Brückenbrüstung befand. Eine gerade Linie von dieser Brüstung bis zur Schwelle hätte einen Abstand von etwa einem Meter vor dem gemauerte Pfeiler.

Pinson verließ die Gleise, stieg den angrenzenden Böschungshang hinauf und betrat die Brücke, um nun die Brüstung genau zu untersuchen.

Er konnte einen Siegeschrei nicht unterdrücken, als er ein Stück gedrehten Draht entdeckte – dem unteren Drahtstück in jeder Hinsicht ähnlich –, das noch am Eisengeländer der Brücke festgebunden war. Es war jedoch nur noch die Laufschlinge übrig; der Rest, der heruntergehangen haben musste, war abgebrochen.

Geduldig wartete er, über die Brüstung gelehnt, auf die Durchfahrt des nächsten Zuges nach Mainville. Als dieser unter der Orfrain-Brücke hindurchfuhr, beglückwünschte sich Pinson zu seiner Entdeckung.

»Es ist genauso, wie ich dachte! Ein Seil, das senkrecht vom Geländer bis zur Schwelle gespannt ist, befände sich exakt fünfundzwanzig Zentimeter von der Außenwand der Waggons eines vorbeifahrenden Zuges entfernt. Die Berechnung war mathematisch genau.«

»Ich wusste doch, dass das kein Unfall war!«

***

Pinson setzte sich auf einen Grenzstein und betrachtete die umliegende Landschaft. Er erblickte einige Häuser, die kaum zweihundert Meter von der Brücke entfernt lagen. Dann untersuchte er den Boden, wo die Kälte den Schlamm der Straßen gefroren hatte.

»Oh! Oh!«, sagte er. »Das ist ja überaus interessant!«

Er hatte die Spur eines Fahrrads bemerkt, die in Richtung der Brücke führte und plötzlich etwa in der Mitte aufhörte: Jemand war abgestiegen und hatte das Rad an der Brüstung abgestellt. Der Radfahrer war – nach den Spuren im gefrorenen Schlamm zu urteilen – nicht weitergefahren, sondern umgekehrt und denselben Weg zurückgegangen, den er gekommen war: Beide Spuren waren deutlich zu erkennen, die Hin- und die Rückfahrt. Der Radfahrer war nicht über die Mitte der Orfrain-Brücke hinausgefahren.

Ein Bauer kam vorbei.

»Guten Tag, mein Lieber«, sagte Pinson zu ihm.

»Tag auch, der Herr«, erwiderte der andere.

»Sagen Sie mal, es hat wohl ordentlich gefroren, dass die Straßen alle so hart sind?«

»Ah, freilich! Das kam ganz plötzlich. Gestern Abend um sieben, acht Uhr war da noch lauter Matsch auf den Straßen, und nach neun Uhr, da ist die Kälte so auf einmal über uns hineingebrochen, sozusagen … Und wenn Sie dieses Gefriere gesehen hätten! Oh! Da wurde einem überall kalt, als wir nach Hause kamen. Und es sieht nicht so aus, als ob das so bald aufhört!«

Der gute Mann ging seines Weges, und Pinson dachte einen Moment nach.

»Der Expresszug aus Paris war um halb neun in Mainville. Der Unfall muss sich gegen acht Uhr fünfundzwanzig ereignet haben. Es hat erst gegen neun Uhr zu frieren begonnen; folglich ist mein Radfahrer zwischen acht und neun Uhr auf einer schlammigen Straße zur Orfrain-Brücke gekommen. Diese Spur muss ich also verfolgen.«

Und sogleich machte er sich auf den Weg, wobei er die Fahrradspur mit den Augen verfolgte.

***

Während des Gehens sprach Pinson vor sich hin: »Wie dumm muss man sein, auf einer schlammigen und wenig befahrenen Straße zu radeln! Nun ja, man denkt eben nicht an alles! Das alles ist sonnenklar. Es gibt nur einen dunklen Punkt: Woher wusste er, dass sein Opfer genau im richtigen Moment vor der Orfrain-Brücke den Kopf aus dem Fenster stecken würde? Nun, folgen wir weiter dieser Spur, wir werden schon sehen!«

Er kam nicht sehr weit. Als er die ersten Häuser erreichte, die – wie bereits erwähnt – zweihundert Meter von der Brücke entfernt lagen, sah er die Spur, welche in einer Kurve vor der Schwelle eines abgelegenen Hauses endete.

Pinson blieb abrupt stehen und blickte nach rechts und links. Während er sich noch zu orientieren suchte, trat eine Frau aus dem Haus und rief ihm zu: »Hier ist es, der Herr, hier ist das Haus, das Sie suchen!«

Ohne ihm Zeit für eine Erwiderung zu lassen, redete sie wie am Schnürchen auf ihn ein.

»Ah! Er ist sehr krank, der arme junge Mann, wirklich! Ich wollte schon meinen Mann schicken, um Sie zu holen. Denn ich kenne den armen Kerl ja gar nicht, und wenn er etwa gar sterben sollte, brauche ich schließlich einen Totenschein. Er hat keinerlei Freunde. Briefe bekommt er zwar reichlich, aber wenn ich ihn frage, wem man schreiben soll – Verwandten oder Freunden, um sie zu benachrichtigen, damit sie kommen –, will er mir nichts sagen. Er wollte nicht einmal, dass ich Sie holen lasse, Herr Doktor. Aber wir wollten nicht länger warten, und es ist mir eine rechte Freude, Sie zu sehen.«

Erschöpft von dem Redeschwall hielt die gute Frau inne, und Pinson nutzte die Gelegenheit für eine Frage.

»Wohnt er bei Ihnen?«

»Ach, noch gar nicht lange, Herr Doktor. Er bezahlt uns gut, aber er ist ein Fremder aus einem anderen Land. Ich weiß nicht, woher er kommt. Er spricht aber recht gut Französisch, genau wie ich auch.«

Pinson konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und fragte die Bäuerin: »Und was fehlt ihm?«

»Was er hat? Ich weiß es nicht, aber es scheint mir genau dieselbe Krankheit zu sein wie bei meiner verstorbenen Jüngsten – das wird an Michaelis vier Jahre her sein.«

»Ah, ah! Ich verstehe«, unterbrach Pinson, als er hinten im Flur ein Fahrrad entdeckte. »Er ist also bei dieser Kälte draußen herumgefahren?«

»Oh! Das war erst gestern Abend, Herr Doktor. Magloire und ich wollten ihn noch daran hindern, aber da war nichts zu machen. Er ist so starrköpfig! Sie würden es nicht glauben: Selbst unser Esel kommt nicht gegen seinen Dickkopf an!«

»Nun gut, Mütterchen, zeigen Sie mir den Weg, ich werde nach ihm sehen. Danach lassen Sie uns bitte allein.«

***

Das Zimmer des Kranken lag im ersten Stock. Beim Erklimmen der wurmstichigen Stufen hörte man ein anhaltendes Husten, einen ohrenbetäubenden, unaufhörlichen Hustenanfall, der im Hals schmerzte.

Pinson betrat den Raum, der spärlich mit einfachen Landmöbeln eingerichtet war.

Auf dem Bett lag ein junger Mann von kaum dreißig Jahren. Sein sehr hellblondes Haar und seine blauen Augen deuteten auf eine slawische oder deutsche Herkunft hin.

Er sprach mit einem stark ausgeprägten fremden Akzent.

»Ah! Sie sind es, Doktor? Madame Magloire hat darauf bestanden, Sie zu mir zu rufen. Aber ich fürchte wohl, Sie können nichts mehr für mich tun. Ich kenne mein Leiden und weiß, dass meine Tage gezählt sind.«

Pinson schloss ganz leise die Tür, drehte den Schlüssel im Schloss, schob den Riegel vor und trat an das Bett des Kranken heran.

»Ich bin nicht der Arzt«, sagte er mit leiser Stimme, »auch wenn Madame Magloire mich dafür gehalten hat.«

Plötzlich richtete sich der Sterbende auf. Auf den Ellbogen gestützt und das Kissen im Rücken, blickte er ihn mit gefurchter Stirn aus Augen an, die durch die Blässe seines Gesichts noch heller wirkten.

»Und wer sind Sie dann, dass Sie hierhereinkommen?«

»Das ist gar nicht so leicht zu sagen … Ich bin ein Polizist, ohne wirklich einer zu sein … Das heißt, ich bin es im Moment nur auf eigene Rechnung …«

»Ein … Polizist hier … Ich verstehe nicht.«

»Ich meine, dass Sie hier – sofern Sie sie nicht unterwegs weggeworfen haben – einen Handbohrer haben müssen, mit der Sie die Holzschwelle der Gleise an der Orfrain-Brücke durchbohrt haben; außerdem ein Stück gedrehten Draht, einen Kaltmeißel sowie einen Hammer oder eine kräftige Kneipzange, mit der Sie das Seil nach getaner Tat wieder vom Geländer dieser Brücke gelöst haben.«

»Ich? Wer sagt Ihnen das?«

»Wer? Niemand. Sie selbst haben sich dumm verraten, indem Sie einen Eisenhaken und ein Stück gedrehten Draht in der Holzschwelle hinterlassen haben, ein weiteres Fragment und eine Laufschlinge am Geländer der Brücke, und vor allem, weil Sie so unvorsichtig waren, auf einer schlammigen Straße zu radeln – ohne daran zu denken, dass der eisige Wind, der Ihnen ins Gesicht peitschte, den Boden wenig später gefrieren lassen würde.«

Der Kranke hatte einen quälenden Hustenanfall, und Pinson reichte ihm ein Glas Wasser, um ihn zu beruhigen.

Als er wieder sprechen konnte, rief er aus: »Und wissen Sie, wer der Mann ist, den man tot am Bahnhof von Mainville gefunden hat? Und vor allem: Ist er wirklich tot?«

»Ja, das brauche ich Ihnen nicht zu verheimlichen.«

»Gott sei Dank!«, sagte er. »Sie beschuldigen mich des Mordes? Nein, tausendmal nein. Das ist nur Gerechtigkeit. Wenn jemals ein Mensch verdient hat, was das Schicksal für ihn bereithielt, dann war es dieser Elende. Haben Sie jemals von Dmitri Tscherkow gehört?«

»Noch nie.«

»Das ist sein Name. Er war einer der grausamsten, feigsten und blutrünstigsten Geheimagenten der russischen Polizei. Geboren von einer russischen Mutter, die von ihrem polnischen Ehemann verstoßen worden war, hegte er einen unerbittlichen Hass gegen meinesgleichen. Ich bin Pole. Er hat uns unerbittlich verfolgt, und mehr als dreihundert polnische Opfer verdanken diesem Mann ihren Tod oder das Exil. Mein Vater wurde durch ihn gehängt, und ich habe zwei Brüder, die durch seine heimtückischen Anschuldigungen in den Minen Sibiriens langsam zugrunde gehen. Ich selbst war gezwungen, ins Exil zu gehen, und wie jeder treue Pole schloss ich mich Geheimgesellschaften an, die nichts anderes anstrebten als den Sturz der aktuellen russischen Regierung.

Wir hatten uns in die Schweiz geflüchtet, mussten von dort jedoch nach Paris fliehen. Aber auch hier wurden wir gejagt, und überall erkannten wir die Handschrift von Dmitri Tscherkow.

Wir wussten, dass er sich in Ihrer Hauptstadt aufhielt, und beschlossen, ihn loszuwerden.

Es wurde vereinbart, dass einer von uns ihm gegenüber die Rolle des Verräters spielen und ihm unsere Treffpunkte unweit von Paris enthüllen sollte, da der Aufenthalt dort für uns nicht mehr sicher war.

So erfuhr Tscherkow, dass wir in einem Haus unweit von Mainville revolutionäre Zusammenkünfte abhielten – direkt am Rand der Bahnstrecke, einige hundert Meter im Landesinneren.

Einer von uns spielte zum Schein die Rolle des Verräters und verriet ihm außerdem, dass aus Angst vor den Spionen der russischen Geheimpolizei ein grünes Licht aus einem der Fenster des Hauses projiziert würde, um den Freunden zu signalisieren, dass keine Gefahr drohte, während ein rotes Licht sie warnte.

Da diese Lichter von der Bahnstrecke aus sichtbar waren und ihm die Treffen für jeden Abend zwischen acht und neun Uhr angekündigt worden waren, nahm er an einem bestimmten Tag natürlich den Expresszug um sieben Uhr ab Paris und kam in Mainville an … wie Sie wissen.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte Pinson, »warum er sich so weit aus dem Fenster gelehnt hat.«

»Natürlich; es war ihm unmöglich, die Lichtsignale anders wahrzunehmen. Man hatte ihn gewarnt. Sie erraten den Rest: Er steckte den Kopf und den halben Oberkörper aus dem Fenster und wurde von dem Drahtseil geköpft, das unter dem gewaltigen Aufprall riss.«

Schritte waren auf der Treppe zu hören, und wenige Augenblicke später führte Madame Magloire – durch die Tür, die Pinson geöffnet hatte – den herbeigerufenen Arzt herein.

»Wir haben gar nichts mehr verstanden!«, sagte sie. »Jetzt sind hier schon zwei Doktoren, obwohl ich nur einen holen ließ.«

Pinson erklärte dem Arzt leise, dass er lediglich ein Freund des Kranken sei, und bat darum, nach der Untersuchung unten in der Gaststube kurz mit ihm sprechen zu können.

»Nun, was denken Sie?«, fragte er den Arzt, als dieser wieder nach unten kam.

»Er kann noch achtundvierzig Stunden durchhalten, höchstens drei Tage.«

»Sind Sie sicher, dass er nicht durchkommen kann?«

»Absolut sicher. Sie können das Nötige veranlassen.«

»Danke, Monsieur.«

***

Am selben Abend erkundigte sich Pinson, der seiner Mutter in Mainville einen Besuch abgestattet hatte, im Café des Voyageurs nach dem Fahrplan für die Rückfahrt nach Paris, als der Bahnhofsvorsteher, der Wachtmeister der Gendarmerie und zwei Freunde eintraten, um eine Partie Manille zu spielen.

»Sieh mal an, da sind Sie ja, mein alter Sherlock Holmes! Und, was haben Sie herausgefunden? Gar nichts, oder?«

»Nein.«

»Also ist er wirklich durch einen Unfall gestorben?«

»Ja.«

»Was habe ich Ihnen gesagt? Und alle Behörden sind derselben Meinung.«

Der Bahnhofsvorsteher blickte auf seine Karten – er war an der Reihe zu bieten – und rief aus: »Ich fordere fünfundvierzig!«

Ende

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