Band 1 – Buffalo Bill, der Grenzlandkönig – Kapitel 20
Die Geschichten von Buffalo Bill
Originelle Geschichten von Buffalo Bills Abenteuern
Nummer 1
Buffalo Bill, der Grenzlandkönig
Eine Geschichte von Daring Deeds
Kapitel 20
Der tolle Jäger
In dem Tal lagerte ein Kavalleriekommando – nur wenige Stunden nach der Schlacht, in der Danforth und seine Männer gefallen waren.
Die Sonne war noch nicht untergegangen, doch die Soldaten waren hart geritten. Daher war der Befehl, das Lager aufzuschlagen, früh ergangen, als das Kommando auf einen geeigneten Platz stieß. Der Kundschafter hatte gemeldet, dass der Hügelkamm vor ihnen kein gutes Gelände bot.
Die Pferde wurden rasch angebunden, und an den Ufern des Baches entfachte man zahlreiche Lagerfeuer. Die Soldaten bereiteten sich so gut wie möglich auf die kommende Nacht vor. Der Anführer der Truppe, ein Captain, überließ es seinem Burschen, das bescheidene Abendessen zuzubereiten. Er selbst schritt den Hang hinauf zur Kuppe des Hügels, um sich bei Tageslicht einen besseren Überblick über das Gelände zu verschaffen.
»Seien Sie vorsichtig, Captain! Ich halte nach Indianern in der Nähe Ausschau«, rief ihm der Kundschafter hinterher, bei dem es sich um Texas Jack handelte.
»Schon gut, Jack. Ich rufe, falls ich auf Indianer stoße«, antwortete der furchtlose Offizier und schritt allein den Hügel hinauf.
Ein- oder zweimal hielt er an, um die friedliche Schönheit der vor ihm liegenden Landschaft mit dem lieblichen Tal und dem malerischen Lager zu genießen. Als sich die Sonne dem Gipfel einer fernen Hügelkette näherte, erreichte er schließlich einen Punkt, von dem aus er das Gebiet überblicken konnte, das am nächsten Tag auf sie wartete.
Unten im Tal lagen bereits tiefe Schatten, denn für die Männer dort war die Sonne schon untergegangen. Die Hügelkuppen hingegen waren noch in goldenes Licht getaucht. Unwillkürlich sagte der Captain laut vor sich hin: »Kein Wunder, dass die armen Rothäute dieses Land so lieben und so erbittert darum kämpfen.«
»Wohl gesprochen, Offizier! Aber ich habe dich im Visier!«
Der Captain schrak auf, als diese Worte an sein Ohr drangen. Er ließ die Hand auf seinen Schwertgriff fallen und fuhr herum.
Vor ihm, nicht einmal sechs Schritte entfernt, war soeben jemand aus einem dichten Gebüsch getreten. Die Gestalt sah auf den ersten Blick kaum wie ein Mensch aus, doch da niemand sonst in der Nähe war, mussten die warnenden Worte unweigerlich von ihren Lippen gekommen sein.
»Wer oder was bist du?«, fragte der Offizier streng und fixierte den Eindringling.
Er erblickte einen Mann von riesenhafter Gestalt, der in die Felle wilder Tiere gekleidet war. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein gewaltiger Grizzlybär, der sich auf die Hinterbeine aufgerichtet hatte, um anzugreifen. Um die Taille trug der Fremde einen Gürtel aus Rotfuchsfell, in dem zwei Revolver und ein großes Messer steckten. Auf dem Kopf saß eine Mütze aus Pantherfell, deren Schwanz seinen Rücken hinabhing, und an den Füßen trug er Mokassins aus Schwarzbärenfell. Sein pechschwarzes Haar fiel ihm bis zur Taille herab; der Bart von derselben Farbe war verfilzt und ungepflegt. Ein Revolver in der linken Hand, der direkt auf den Offizier gerichtet war, vervollständigte das bedrohliche Erscheinungsbild.
Ein zweiter Blick des Offiziers offenbarte ein dunkles, hageres Gesicht mit Augen von unheimlicher Schwärze und Wildheit, die ihn durchdringend anstarrten. Mit tiefer, heiserer Stimme sagte die seltsame Gestalt, während die Hand mit dem Revolver ohne das geringste Zittern zielte: »Du fragst, wer oder was ich bin?«
»Ja«, antwortete der Soldat und beobachtete den Fremden mit den Augen eines Falken. Er hoffte auf eine Chance, seinen eigenen Revolver ziehen zu können, um diesem riesigen Feind auf Augenhöhe zu begegnen – denn dass er es mit einem extrem gefährlichen Gegner zu tun hatte, stand außer Zweifel.
»Ein toller Jäger!«, stieß die Gestalt beinahe laut heraus.
Trotz seiner Selbstbeherrschung zuckte der Offizier bei dieser wilden Antwort zusammen. Dann sagte er in beruhigendem Ton: »Armer Mann, steck deine Waffe weg und komm mit mir in mein Lager. Ich werde mich um dich kümmern.«
»Niemals!«, lautete die wilde Antwort.
»Aber mein lieber Freund …«
»Halt! Verschwende keine Worte der Freundlichkeit an mich! Sie sind nutzlos bei jemandem, dessen einzige Pflicht es ist, zu töten. Hast du jemals vom Tollen Jäger gehört?«
»Ich habe von einer solchen Gestalt gehört«, erwiderte der Offizier.
»Ich bin der tolle Jäger! Und wenn du von mir weißt, wirst du verstehen, dass es meine Aufgabe ist zu töten. Gnade kenne ich nicht – nicht einmal gegenüber jemandem, der dieselbe Uniform trägt wie du. Nein, ich verschone meine eigene Art nicht. Denn ich bin ein weißer Mann – oder war es zumindest, bevor ich zu einem wilden Tier wurde. Die Rothäute sind ebenfalls meine Feinde. Alle sind mir gleich!«
Der Mann sprach mit enormer Intensität, ohne dass sich auch nur ein Muskel in seinem Gesicht bewegte. Die eiserne Hand hielt den Revolver weiterhin genau auf das Herz des Offiziers gerichtet.
»Aber was habe ich dir getan, Mann?«, fragte der Offizier.
»Du bist ein Mensch – und die gesamte Menschheit ist mein Feind!«, kam die zitternde Antwort. Dann rief der Riese mit lauterer Stimme: »Komm, die Nacht bricht herein, und ich muss noch mein Wild für das Abendessen erlegen! Wenn du Gebete kennst, dann sprich sie jetzt! Bevor die Sonne ganz hinter diesen Hügeln versunken ist, strecke ich dich tot nieder!«
Der Offizier wusste aus den seltsamen Geschichten am Lagerfeuer, dass der Wahnsinnige über gewaltige Kräfte verfügte. Es auf einen Kampf ankommen zu lassen, schien unmöglich; jede Bewegung zum eigenen Revolver wäre sein sicheres Todesurteil. Unten im Tal sah er das Lager seiner Männer. Die Feuer brannten hell in der Dämmerung, doch ein Hilferuf hätte sein Ende nur beschleunigt. So verharrte er in Stille und hoffte auf eine unvorhersehbare Wendung im Verhalten des Wahnsinnigen. Wenn der tolle Jäger sein Wort hielt, blieben ihm nur noch wenige Minuten. Um zu sehen, wie tief die Sonne bereits stand, wandte er den Blick gen Horizont.
Sofort hellte sich sein Gesicht auf, und neue Hoffnung keimte in ihm auf: Sein Blick war auf die Silhouette eines Reiters gefallen.
Er war weit entfernt auf einem Hügelausläufer, genau dort, wo das letzte Sonnenlicht noch hinfiel und Pferd wie Reiter deutlich erkennen ließ. Der Reiter war offenbar gerade im Begriff gewesen, ins Tal hinabzureiten, als sein Blick auf die Szene auf dem gegenüberliegenden Hügel fiel. Obwohl der Wahnsinnige und sein auserkorenes Opfer weit entfernt waren, schien der Reiter die Lage sofort zu erfassen. Er riss sein Pferd herum – genau in dem Moment, als der Offizier ihn erkannte und ein leiser, hoffnungsvoller Ruf über seine Lippen kam: »Buffalo Bill!«
Das scharfe Gehör des wahnsinnigen Herkules fing den Namen auf. Wie ein getroffener Tiger fuhr er herum, und sein Blick fiel auf den Kundschafter auf dem fernen Kamm. Blitzschnell nutzte der Offizier diese Ablenkung: Seine Hand fiel auf den Revolver, und er riss ihn aus dem Gürtel. Er drückte ab – der Hahn schlug hörbar auf das Zündhütchen, doch es löste sich kein Schuss!
Das metallische Klicken veranlasste den Wahnsinnigen jedoch, sich augenblicklich wieder umzudrehen. Der Offizier sah den Riesen auf sich zu stürzen. Er warf die nutzlose Pistole beiseite und zog in höchster Todesnot sein Messer. Doch in diesem furchtbaren Moment wandten sich die Augen des Offiziers noch einmal dem fernen Hügelkamm zu: Er sah, wie der Reiter sein Gewehr an die Schulter legte. Er wusste, dass Buffalo Bill trotz der enormen Entfernung einen Schuss wagen würde, um sein Leben zu retten.
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