Felsenherz der Trapper – Teil 03.5
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
5. Kapitel
Undank ist der Welt Lohn
»Ah, der berühmte Master Felsenherz!«, begrüßte Tobbler den jungen Trapper mit deutlichem Spott. »Und einen Apachenhäuptling bringt ihr auch gleich mit! Das wird den Colonel freuen, der leider schon weiter nach dem Fort geritten ist und nur mich hier auf diesem wichtigen Posten zurückgelassen hat. Wir trafen nämlich auf eine starke Streifpatrouille der Unseren, und auf Rat eines alten Westmannes, den ihr gleich kennenlernen werdet, wurde dieses Lager schnell errichtet. Wie gefällt es euch, Felsenherz? In diesem auf einem kahlen Hügel gelegenen Verhau können wir ein paar hundert Apachen Widerstand leisten.«
Felsenherz sah sich erst jetzt genau um. Das befestigte Lager bestand aus Wällen von frisch gefällten Baumstämmen, die ein großes Viereck bildeten und durch Stützen versteift worden waren.
»Ihr schweigt?«, hinterfragte der Captain mit einem Lächeln. »Ist unser Kundschafter mit der Anlage nicht zufrieden?«
Felsenherz nahm auch diese Bemerkung gelassen und meinte nur: »Master Tobbler, wenn ich hier etwas zu befehlen hätte, würde ich allerdings manches ändern.«
Auf die beiden trat nun ein grauhaariger, verwitterter Mann zu, dem man den Trapper auf den ersten Blick ansah.
»Hier, dies ist Jonny Einaug, ein Westmann von Ruf«, stellte Tobbler vor. »Und dies, lieber Jonny, ist der – hm ja – berühmte Felsenherz, jetzt Kundschafter in texanischen Diensten.«
Jonny Einaug verdiente seinen Namen zu Recht. Er besaß nur noch das linke Auge, das rechte war mit einem Pflaster überklebt. Der Alte musterte Felsenherz von oben bis unten, spuckte aus und meinte: »Von diesem berühmten Felsenherz hat weder mein linkes noch mein rechtes Ohr je etwas gehört. Lange könnt Ihr noch nicht in den Prärien sein, old Boy, denn sonst hätte ich Euch doch mal getroffen.«
»Ich bin jetzt genau vier Monate Trapper«, entgegnete Felsenherz gleichmütig. »Dass ich berühmt bin, habe ich noch nie behauptet. Wollt Ihr den Häuptling nach Fort Kavett schaffen lassen, Captain?«
»Ja. Morgen früh geht eine Patrouille dorthin ab. Die mag ihn mitnehmen«, erklärte Tobbler unfreundlich.
»So, dann hätte ich Euch nur noch zu warnen«, sagte Felsenherz daraufhin. »Mir scheint, es ist noch eine zweite Gruppe Apachen im Anmarsch.« Er erzählte kurz, wie er auf diese Vermutung gekommen war.
Jonny Einaug spuckte wieder aus, lachte und meinte: »Junge, Junge, Ihr seht Gespenster! Ich bin in den letzten Tagen beinahe bis an den Rio Pecos in nordwestlicher Richtung vorgedrungen und dann im Bogen nach Süden zum Fort Kavett zurückgekehrt. Und ich habe keine einzige Fährte eines größeren Trupps des roten Gesindels gefunden. Nein, nur die eine Abteilung dort südöstlich des Hasenberges ist über den Pecos vorgedrungen. Auf Jonnys eines Auge ist mehr Verlass als auf ein ganzes Dutzend Greenhorns!«
Über diese Anspielung lachte Captain Tobbler aus vollem Hals.
Felsenherz tat, als wäre dieses Dutzend Greenhorns nicht auf ihn gemünzt gewesen. Er hatte sich mit dem linken Unterarm auf die Mündung seiner langen Doppelbüchse gestützt und beobachtete still das Lagerleben. Die Texaner hatten Zelte aufgeschlagen. Davor brannten Feuer, über denen Hirschkeulen brieten. Andere kochten Kaffee, reinigten ihre Waffen, rauchten und schwatzten. Felsenherz sah den meisten Texanern an, dass sie aus den größeren Ansiedlungen stammten und die Uniform des Freiwilligenkorps erst kurze Zeit trugen. Das Lager bot ein Bild der Sorglosigkeit, das zu den ernsten Umständen wenig passte.
»Na, wollt Ihr nicht etwas essen?«, fragte Tobbler den jungen Trapper nun wieder in demselben hochfahrenden Ton, der diesem eingebildeten Menschen eigen war.
Felsenherz verneinte. »Ich werde sofort wieder aufbrechen«, fügte er hinzu. »Meine Freunde Billy und Barnley, der Skalpierte, befinden sich in der Gewalt der Apachen. Es ist meine Pflicht, sie zu befreien.«
Jonny Einaug war bei der Erwähnung dieser bekannten Namen leicht zusammengezuckt.
»Nur um eins möchte ich Euch noch bitten, Captain«, fuhr Felsenherz ebenso gleichmütig fort, obwohl ihm der alte Trapper Jonny nun durchaus nicht mehr harmlos erschien. »Lasst Colonel Douglas ausrichten, dass der Große Bär mein Gefangener ist und nötigenfalls gegen die Schwester meines roten Bruders eingetauscht werden soll. Der Colonel wird, soweit ich ihn kenne, hierauf Rücksicht nehmen und den Apachenhäuptling nicht etwa erschießen oder aufhängen lassen. Versprecht Ihr mir, Captain, dass dem Colonel dies ausgerichtet wird?«
»Meinetwegen! Aber Douglas wird sich um die Familie des Schwarzen Panthers verdammt wenig kümmern, glaube ich!«, meinte Tobbler roh. »Außerdem dürft Ihr nicht vergessen, Felsenherz, dass Ihr jetzt nicht mehr Euer eigener Herr seid und dass Ihr den Apachen als Kundschafter von Fort Kavett gefangen genommen habt. Mithin gehört der Gefangene ausschließlich uns, Euren jetzigen Vorgesetzten. Und als Euer Vorgesetzter befehle ich Euch, das Lager hier nicht zu verlassen, bis Colonel Douglas einen besonderen Auftrag für Euch hat.«
Die hellen Augen des blonden Trappers ruhten einen Augenblick erstaunt auf dem wenig sympathischen Gesicht Tobblers. Dann lächelte er flüchtig und erwiderte kalt: »Ich lasse mir von niemandem etwas befehlen. Ich bin freiwillig Kundschafter bei Colonel Douglas geworden – ohne Bezahlung. Ich möchte niemandem raten, mich festzuhalten.«
»Oho!«, brauste der Captain auf. »Das klingt ja wie eine Drohung! Ich werde Euch beweisen, Bursche, dass nur ich hier …«
Felsenherz’ Augen hatten sich verengt. Ein schneller Blick glitt zu seinem Braunen hinüber, der wenige Schritte entfernt das saftige Gras fraß.
Tobbler brach mitten im Satz ab und brüllte: »Haltet ihn! Haltet ihn!«
Doch Felsenherz saß bereits im Sattel seines treuen Pferdes, das mit zwei langen Sätzen den Ausgang des Lagers erreichte. Die schwere Balkentür stand weit offen. Die Posten am Fuß des Hügels begriffen nicht sofort, was vor sich ging. Felsenherz jagte an ihnen vorüber und preschte nach Südwesten in die Prärie hinaus.
Als er die erste Anhöhe erreicht hatte, bemerkte er drei Reiter, die ihm auf ziemlich abgetriebenen Pferden entgegenkamen. Er traute seinen Augen kaum: Es waren Billy, der Skalpierte und der Klapperschlangenjäger – alle drei unbewaffnet. Offenbar waren sie den Apachen auf ähnliche Weise entflohen wie er selbst.
Nun hatte der lange Billy ihn erkannt, stieß einen schrillen Jagdruf aus und trieb seine famose Himmelsziege – dieses maultierähnliche, mit Leder überzogene Knochengestell – in den Trab.
Dicht vor Felsenherz hielt er an, breitete die Arme aus und brüllte mit strahlender Miene: »Mann, Junge, Felsenherz! Wir haben Euretwegen derart Blut und Wasser geschwitzt, dass mein Jagdhemd hinten noch immer zum Auswringen ist! Wir sahen, wie Euer Brauner stolperte und sich überschlug, wie Ihr aus dem Sattel flogt! Die bei uns zurückgebliebenen Apachen heulten vor Freude wie die Teufel! Na, und da haben wir eben Euer Beispiel befolgt und sind auf gut Glück ebenfalls davongejagt. Wir hatten einen Riesendusel: Die Apachengäule waren alles andere als trainiert, und so kam es, dass wir drei nach einer stundenlangen Jagd die rote Meute abgeschüttelt haben. Dann haben wir uns gegenseitig die Fesseln abgenommen und sind weitergeritten. Wir wollten nach Fort Kavett, um uns Schießprügel zu borgen und Euch wieder herauszuhauen, old Boy!«
Der Skalpierte und der gelbe Tom gaben ihrer Freude über dieses Wiedersehen in ähnlicher Weise Ausdruck. Während die vier noch auf dem Hügel hielten, kam vom befestigten Lager her Jonny Einaug angesprengt. Der alte Trapper ritt einen kohlschwarzen Indianermustang, einen Rappen von so tadellosem Körperbau, dass Felsenherz das wundervolle Tier schon von Weitem mit einem gewissen Argwohn musterte.
Jonny zügelte den Rappen und rief Felsenherz zu: »He, Master! Captain Tobbler bittet Euch zurückzukehren. Er sieht ein, dass er sich Euch gegenüber im Ton vergriffen hat. Ich wette, er fürchtet, vom Colonel einen gehörigen Rüffel zu bekommen.«
Die letzten Meter hatte er im Schritt zurückgelegt. Nun prallte er zurück, als er den langen Billy erkannte, und zischte wütend: »Ah, Ihr habt da schon Eure Freunde wiedergefunden! Dann bin ich hier wohl überflüssig!«
Er wollte umkehren, doch Felsenherz hatte den schwarzen Mustang bereits am Zügel ergriffen.
»Halt, Jonny!«, meinte er mit harter Stimme. »Nur eine Frage: Wo habt ihr dieses Pferd her?«
»Verdammt, was geht Euch das an!«, brüllte der einäugige Alte. »Hand vom Zügel, oder …«
Der lange Billy hatte seine Himmelsziege zu einem kurzen Satz angetrieben, packte Jonny am Arm und sagte drohend: »Ich denke, wir kennen uns, alter Halunke! Felsenherz hat ganz recht: Den Rappen habt ihr gestohlen! Der gehört dem Comanchenhäuptling Chokariga, dem Schwarzen Panther!«
»Pest!«, fluchte Jonny. »Als ob es nicht genug schwarze Pferde gäbe! Ihr seid verrückt! Hände weg, oder …«
Felsenherz kannte die indianische Dressur des Mustangs seines roten Bruders genau und rief dem Tier nun zu: »Tscharma – basch!«
Im selben Moment spitzte der Rappe die Ohren. Blitzschnell stieg er vorn hoch, sodass er fast kerzengerade auf den Hinterbeinen stand. Dann ließ er sich nach vorn fallen, sank halb in die Knie – und Jonny flog über den Kopf des Pferdes hinweg in den Sand, während dieses sich gehorsam auf die Seite legte.
Billy kicherte: »Hihihi, seht Ihr, alter Pferdedieb! Da haben wir ja den Beweis, dass es der Mustang des Schwarzen Panthers ist!«
Jonny war aufgesprungen und wollte nach seiner Doppelbüchse greifen, die zu Boden gefallen war. Doch Billy hatte sich schon gebückt, das Gewehr aufgehoben und meinte feixend: »Alter Gauner, endlich findet diese brave, ehrliche Flinte ihren wahren Herrn wieder! Vor einem Jahr stahlt Ihr sie mir dort oben im Felsengebirge, Ihr einäugiger Schuft! Monatelang habe ich damals nach Euch gesucht! Macht, dass Ihr verschwindet! Oder so wahr ich der lange Billy heiße: Ich schieße Euch noch ein zweites Loch in den Schädel, auf dass ihr Euch schwarz bepflastern könnt!«
Auch der Skalpierte meldete sich jetzt zu Wort: »Dieser Mann hat mich einst auszuplündern versucht! Billy, brennt ihm eins auf den Pelz, falls er nicht sofort verduftet!«
Der Einäugige rannte nun tatsächlich hastig davon. Felsenherz war jedoch nicht entgangen, dass er zuvor noch einen vielsagenden, heimlichen Blick mit dem gelben Tom ausgetauscht hatte. Hundert Meter entfernt blieb Jonny stehen, drohte mit der Faust zu ihnen herüber und brüllte: »Ich werd’s euch anstreichen, ihr Schurken! Einem ehrlichen Mann Büchse und Pferd zu stehlen! Unglaublich! Der Strang gebührt euch dafür!«
Er hätte diese Unverschämtheit wohl kaum gewagt, wenn er nicht gesehen hätte, dass sich vom befestigten Lager aus drei Reiter im Galopp näherten. Der Vorderste war Captain Tobbler, die beiden anderen trugen die Abzeichen von Unteroffizieren des Freiwilligenkorps.
Felsenherz wandte sich an Billy: »Ich denke, wir weichen einem Zusammenstoß mit den Texanern besser aus. Dieser Tobbler ist ein jähzorniger, törichter Mensch.«
»Mir soll’s recht sein!«, gab Billy mit einem Nicken zu verstehen.
Der Skalpierte pflichtete ihm bei: »Der alte Schuft wird Tobbler gehörig anlügen und ihm so die Gelegenheit geben, sich weiter an Euch zu reiben, Felsenherz!«
Nur der gelbe Tom sagte etwas kleinlaut: »Ich möchte doch lieber in kultivierte Gegenden zurückkehren. Vielleicht auf ein baldiges Wiedersehen!«
»Lebt wohl!«, rief ihm als Einziger der Skalpierte zu. Felsenherz jagte auf dem Mustang des Schwarzen Panthers bereits davon, und Billy folgte ihm auf seiner Himmelsziege dichtauf. Tobbler und die beiden Texaner machten derweil mit Jonny und Tom Pickparell kehrt.
Die drei Gefährten ritten bald im Schritt weiter. Die Sonne stand fast senkrecht über ihnen, und kein Luftzug regte sich. Über der endlosen Prärie lastete eine drückende Hitze.
»Was nun?«, fragte Billy, nachdem er sich seine Pfeife angezündet hatte. »Es ist klar, dass unserem Freund, dem Schwarzen Panther, irgendetwas zugestoßen ist. Wenn nur Barnley eine Büchse hätte! Dann wären wir zu dritt und könnten …«
Felsenherz unterbrach ihn: »Billy, eine Büchse für Barnley, Pulver und Blei werden wir sehr bald haben! Wir werden jetzt in diesem Bach eine Meile nordwärts reiten, um unsere Spuren zu verwischen. Dann werden wir eine Stunde lagern und danach im Bogen nach Osten unseren Weg fortsetzen. Ich werde euch beweisen, Freunde, dass dieser Tobbler ein blinder Dummkopf ist! Wartet ab, was passiert, und fragt vorerst nichts mehr.«
Billy kicherte und blinzelte den blonden Trapper pfiffig an: »Weiß schon, weiß schon, old Boy! Der gelbe Tom ist ein Kerl, der mit uns ein böses Spiel trieb und sich von den Apachen nur zum Schein gefangen nehmen ließ!«
»Gut kombiniert, Billy – aber ihr wisst nicht alles. Wartet ab! Ich bin überzeugt, dass wir noch heute den Großen Bär in sehr ehrenwerter Gesellschaft wiedersehen werden!«
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