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Der Welt-Detektiv – Band 14 – 4. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 14
Opir, das Gespenst der Nacht
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
4. Kapitel
Das Mitternachtsgespenst

Sherlock Holmes machte eine missmutige Miene. »Du hast Wheeler nicht verfolgen können, Jonny?«

»Ich habe mir die größte Mühe gegeben«, erwiderte Jonny, »zuerst ging auch alles gut, dann aber verschwand der Kerl wie ein Phantom im Dunkel. Der Kuckuck mag wissen, wie er das Kunststück fertigbrachte.«

Sherlock Holmes starrte vor sich hin.

»Ich bin überzeugt, dass Opir irgendwo in der Nähe lauert und nur einen günstigen Augenblick abpasst, in dem er den Überfall auf die Bank ausführen kann. Für diese Nacht wird er kaum einen Anschlag auf das Gebäude planen. Trotzdem wollen wir aber die Bewachung nicht aufgeben. Augenblicklich steht Harry dort auf Posten. Du wirst ihn um elf Uhr ablösen, Jonny.«

Jonny nickte.

»Du wachst bis um drei Uhr morgens«, fuhr Sherlock Holmes fort, »dann löse ich dich ab.«

Kurz vor elf verließ Jonny das Hotel. Lange litt es Sherlock Holmes nicht in seinem Zimmer. Eine seltsame Unruhe hielt ihn gefangen. Er setzte die Mütze auf und ging fort. An jene Stelle, die ihm Jonny genau beschrieben hatte und an der Wheeler so überraschend verschwunden war.

Der Weltdetektiv ließ seine Blicke forschend umherschweifen. Hier, gleich hinter der Stadt, nahm die Prärie ihren Anfang. Da diese durchaus nicht eben, sondern stark hügelig war, hatte es Wheeler wahrscheinlich verstanden, sich, durch die Bodenwellen gedeckt, zu entfernen. Aber wohin? In den Nachbarort? Oder zu einer in der Nähe liegenden Farm?

Grübelnd schritt Sherlock Holmes einige hundert Meter in die Prärie hinaus, die in nachtschwarzer Finsternis, von keinem Mondstrahl erhellt, vor ihm lag. Und wieder hatte er das unbestimmte Gefühl, den gesuchten Gegner irgendwo in der Nähe zu wissen.

Plötzlich hob er lauschend den Kopf. Ganz deutlich hatte sein scharfes Ohr das Stampfen von Pferdehufen vernommen. Das Geräusch drang nicht von der Stadt, sondern von der Prärie her. Gleich darauf war aber alles ringsumher wieder totenstill.

Sherlock Holmes starrte in die Nacht hinaus. Was bedeutete das? Hatte der Reiter urplötzlich sein Pferd gezügelt? War er aus dem Sattel gesprungen?

Der Weltdetektiv, der gewohnt war, den geringsten Anlässen seine Aufmerksamkeit zu schenken, warf sich nieder und presste das Ohr gegen den Boden. Da hörte er wieder das stampfende Geräusch. Nur dass das Pferd diesmal auf dem Fleck stand, während es sich vorhin im Galopp befunden hatte.

Seine Augen bohrten sich in die Finsternis. Und wahrhaftig! Kaum zwei, drei Minuten später gewahrte er einen dunklen Schatten, der so geräuschlos wie möglich von der Prärie her der Stadt zuglitt. Merkwürdig! Warum ritt jener Mensch nicht bis an sein Ziel, wenn er ohnehin den Ort aufsuchen wollte? Warum ließ er den Gaul im Freien und setzte den Rest des Weges zu Fuß fort? Ohne Grund geschah das nicht! Ein unbehaglicher Gedanke beschlich ihn. Hatte dieser Mensch mit Opir zu tun? War es ein Spion, den der Bandenführer ausgeschickt hatte? Ein Spion, der vielleicht auskundschaften sollte, ob die Bank bewacht wurde oder nicht?

Jedenfalls war Sherlock Holmes’ Verdacht erwacht und er war felsenfest entschlossen, den nächtlichen Reiter nicht mehr aus den Augen zu lassen. Lautlos wie eine Katze schlich er hinter ihm her. Kaum hatte der Unbekannte jedoch die ersten Häuser erreicht, als der Weltdetektiv auch schon erkannte, dass nicht die Bank das Ziel des Fremden sein konnte. Nein, der Mensch wandte sich nach Süden, wo sich Millers Hotel befand.

Sherlock Holmes durchzuckte plötzlich eine Idee. Es war nicht ausgeschlossen, dass Opir, dessen Spione fabelhaft zu arbeiten schienen, bereits wusste, wer sich in der Stadt befand. Ob dieser Mensch da, der ohne Zögern die Straßen durcheilte und sich dem Hotel immer mehr näherte, ausgesandt war, einen Anschlag auf ihn, den gefährlichen Kriminalisten, auszuführen?

Sherlock Holmes beflügelte unwillkürlich seine Schritte. Jetzt tauchte Millers Hotel auf. Zum ersten Mal beleuchtete für wenige Augenblicke eine Laterne den Mitternachtsreiter. Er trug einen langen Mantel, der seine Gestalt gänzlich verhüllte. Ein großer, breitrandiger Cowboyhut beschattete sein Gesicht vollständig. Es war ausgeschlossen, dass der Mann mit dem Mantel im Sattel gesessen haben konnte. Wahrscheinlich hatte er ihn erst dann angelegt, als er den Weg zu Fuß fortsetzte. Wer verbarg sich unter dieser Vermummung? Sherlock Holmes’ Augen leuchteten. War jener Mensch wirklich einer von Opirs Leuten, so sollte er ihm nicht entkommen!

Der Unbekannte umging das Hotel und war plötzlich verschwunden. Lautlos huschte der Weltdetektiv zu jener Stelle, wo er den Fremden soeben noch erblickt hatte. Da stolperte er. Im Niederbeugen gewahrte er den Mantel des Fremden, den dieser erst soeben abgeworfen haben konnte. Warum? Um Bewegungsfreiheit zu haben! Sherlock Holmes nickte.

Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr, dass ihm der Besuch des nächtlichen Reiters galt. Aber er sollte sich doch getäuscht haben, denn plötzlich flammte, kaum dass drei Minuten verstrichen waren, im ersten Stockwerk das elektrische Licht auf. Gleichzeitig war es Sherlock Holmes, als ob er den Aufschrei einer Frau vernommen hätte.

Seine Gestalt reckte sich empor. Was geschah dort? Das Zimmer dort oben wurde von der berühmten Sängerin bewohnt. Ob …?

Sherlock Holmes verlor keine Zeit mit Erwägungen, die in diesem Augenblick überflüssig waren. Mit zwei, drei Sätzen war er am Fallrohr, das zum Dach hinaufführte. Wie ein Wiesel enterte er, die Gefahr, der er sich aussetzte, nicht achtend, an ihm empor. Kaum eine Minute später befand er sich in Höhe des ersten Stockes. Von hier aus war es möglich, einen Blick in das erleuchtete Zimmer zu werfen, wenn er sich weit nach rechts vorbeugte. Er tat es und wurde im nämlichen Augenblick Zeuge einer unheimlichen Szene; einer Szene, die wohl jedem anderen, nur nicht ihm, Grausen und Entsetzen eingeflößt hätte.

Die Sängerin saß aufrecht im Bett, aus glasigen Augen eine gespenstische Erscheinung anstarrend, die, kaum einen Meter von ihrem Lager entfernt, regungslos dastand. Diese gespenstische Erscheinung war ein Totengerippe.

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