Der Welt-Detektiv – Band 14 – 3. Kapitel
Der Welt-Detektiv Nr. 14
Opir, das Gespenst der Nacht
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
3. Kapitel
Ein neuer Schurkenstreich
Genau vier Wochen später wurde Mr. Crox, dem Vorsteher der Bank von Northfield, ein Herr gemeldet, der ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte.
»Sein Name?«
»Er will nur Ihnen seinen Namen nennen!«
Er zog die Stirn in Falten. Es waren unsichere Zeiten in Arizona, und Leuten gegenüber, die man nicht kannte, war immer Vorsicht geboten. So zog er den Revolver aus dem Schreibtischfach und legte ihn neben sich. Erst dann gab er dem Clerk einen Wink, den Besucher hereinzuführen.
»Aber halten Sie sich auf alle Fälle in der Nähe auf, Wheeler!«, sagte er.
Der Clerk nickte und verschwand. Gleich darauf betrat eine hochgewachsene, breitschultrige Männergestalt den Raum, schloss die Tür hinter sich und kam langsam näher. Crox maß ihn mit prüfenden Blicken. Das Gesicht des Fremden kam ihm m bekannt vor. Er bemühte sich, seiner Erinnerung nachzuhelfen, aber es gelang ihm nicht.
»Sie wünschen mich zu sprechen?«, wandte er sich an den Unbekannten. »Bitte, ich stehe ganz zu Ihren Diensten, aber wollen Sie mir nicht erklären, warum Sie Ihren Namen verschweigen?«
»Weil es nicht nötig ist, dass jedermann sofort im Bilde ist«, erwiderte der Fremde. »Man sagt, dass Opir überall Freunde und Spione sitzen hat und …«
Crox sprang erregt auf. Die Erwähnung des berüchtigten Banditen ließ ihn erblassen.
»Was … was wollen Sie damit sagen?«, stieß er hervor.
»Ich will damit sagen, dass Sie sich, beziehungsweise Ihre Bank, in großer Gefahr befinden und dass ich gekommen bin, Ihnen zur Seite zu stehen, falls sich meine Befürchtungen bewahrheiten sollten.«
Crox starrte den Sprecher an.
»Wer … wer sind Sie?«, stieß er hervor.
»Sind wir ohne Zuhörer?«
»Vollkommen.«
»Mein Name ist Sherlock Holmes.«
Crox stieß einen Laut der Überraschung aus. Jetzt, wo der Fremde seinen Namen nannte, erkannte er dieses Antlitz wieder, das er so oft in zahlreichen Zeitungen erblickt hatte. Im nächsten Augenblick aber befiel ihn wieder Misstrauen. Konnte es sich nicht um eine zufällige Ähnlichkeit handeln, die zu verbrecherischen Zwecken ausgenutzt wurde?
Aber seine Bedenken wurden bald zerstört, als ihm der Weltdetektiv seine amtlich beglaubigten Ausweise vorlegte.
»Mr. Holmes – also wirklich Sie! Ist es möglich? Und … und mir droht Gefahr, sagen Sie? Mir und der Bank?«
»Leider. Seit Wochen bin ich mit meinen Freunden hinter Opir her. Wir haben zahllose Spuren verfolgt. Der Erfolg war gleich Null. Der Bandit besitzt mehr Helfer, als man glauben sollte. Vorgestern gelang es mir jedoch, einen Chiffrebrief abzufangen, den eine mir verdächtige Person in den Zug nach Mines warf. Ich entzifferte das Schreiben und konnte aus ihm entnehmen, dass die Schurken einen neuen Streich planen. Es fielen einige Andeutungen, die meine Aufmerksamkeit auf Sie und Ihre Bank lenkten.«
»Um Himmels willen!«
»Vorläufig seien Sie unbesorgt. Ich hoffe, rechtzeitig gekommen zu sein, um alle Vorkehrungen zu treffen, die den Halunken zum Verhängnis werden sollen.«
Crox kam erregt hinter seinem Schreibtisch hervor.
»Was soll ich tun?«, rief er. »Die Polizei verständigen?«
»Wir wollen damit noch warten. Im Übrigen seien Sie ohne Sorge. Die Bewachung der Bank übernehme ich. Aber beantworten Sie mir nun bitte einige Fragen.«
»Ich stehe ganz zu Ihren Diensten, Mr. Holmes.«
»Wie viel Bargeld befindet sich momentan in den Tresoren?«
»Etwa 120 000 Dollar.«
»Ein nettes Sümmchen!«, merkte Sherlock Holmes mit einem Lächeln an. »Opir wäre gewiss nicht unzufrieden gewesen. Aber das werden wir ihm versalzen. Und wie steht es mit Ihren Leuten? Können Sie sich auf sie verlassen?«
»Ich lege für jeden einzelnen meine Hand ins Feuer!«
»Wirklich?« Ein spöttisches Lächeln huschte für Sekunden über des Meisterkriminalisten scharfgeschnittene Züge.
»Unbedingt!«, ereiferte sich Crox. »Ich habe keine Verräter im Haus.«
»Und wenn ich Ihnen nun sage, dass die Person, die den chiffrierten Brief aufgab, zu Ihrem Personal gehört?!«
»Das ist ja unmöglich, Mr. Holmes!«, rief der Bankvorsteher außer sich.
»Verlassen Sie sich darauf, dass es so ist.«
»Wie heißt der Kerl?«, forschte Crox. »Noch heute lasse ich ihn verhaften!«
»Das werden Sie nicht tun«, erwiderte Sherlock Holmes, »denn dadurch würde Opir nur gewarnt werden. Es genügt einstweilen vollkommen, dass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.«
Der Clerk Wheeler, dem Crox befohlen hatte, sich in der Nähe aufzuhalten, verfärbte sich, als er erlauschte, welche Dinge im Zimmer des Bankvorstehers besprochen wurden. Seine Hände ballten sich in wilder Wut zu Fäusten, und seine Augen funkelten in wildem Hass. Schärfer denn je horchte er auf das Gespräch, aber man sprach drinnen immer leiser, sodass er bald nicht mehr das Geringste verstehen konnte. Wheeler knirschte mit den Zähnen.
»Sherlock Holmes also!«, stieß er hervor. »Zum Teufel, Opir wird sich freuen, wenn er das erfährt!«
Nun, Wheeler sorgte dafür, dass Opir erfuhr, was sich ereignet hatte. Noch am Abend desselben Tages empfing er die Nachricht.
Opir war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, groß und schlank und mit Augen, in denen die Tücke wohnte. Das Haus eines Farmers in der Nähe von Northfield diente ihm seit einigen Wochen als Schlupfwinkel. Hier hielten sich auch neun seiner Vertrauten auf, mit denen er den Überfall auf die Bank geplant hatte. Die Kunde, dass Sherlock Holmes, der gefürchtete Detektiv, seine Hand im Spiel hatte, gab ihm zu einer Reihe von wilden Flüchen Veranlassung. Dann freilich kehrte die ruhige Besinnung, die eine seiner großen Vorzüge war, zurück, und er überlegte mit seinen Kumpanen lange Zeit, wie man sich dieses gefährlichen und unbequemen Gegners entledigen könnte.
»Hast du in Erfahrung bringen können, wo er sich versteckt hält?«, wandte sich der Banditenführer an Wheeler.
Der Clerk nickte. »Er hält sich gar nicht versteckt, sondern wohnt mit Harry Taxon und Jonny Buston in Millers Hotel. Natürlich nicht unter seinem Namen. Er nennt sich Taggon, und die beiden anderen heißen vorübergehend Smith und Hobbins. Zimmernummer 33 – 35.«
»Und in Millers Hotel, sagst du?«
»Ganz recht. Dort, wo auch seit gestern Miss Tussand logiert. Nur scheint diese Tatsache deiner Aufmerksamkeit entgangen zu sein!«
Opirs Augen begannen zu funkeln. »Die Tussand?«, wiederholte er. »Die Tussand? Meinst du damit die – die Sängerin Tussand?«
»Ganz recht, die, deren Juwelen in aller Welt berühmt sind und die sie in ihrer Reklamesucht immer mit sich trägt.«
Opir starrte den Sprecher an.
»Zum Teufel!«, schrie er. »Hältst du mich denn zum Narren? Was soll das Frauenzimmer in Northfield?«
Wheeler lachte. »Das kommt davon, wenn du dich hier in der Farm verborgen hältst und dich nicht um das kümmerst, was in der Welt passiert. Ein Konzert gibt sie in Northfield!«
»Wann?«, fragte Opir erregt.
»Morgen Abend.«
»Und dann?«
»Dann reist sie wieder ab. Nach Frisco, wie man sich erzählt. Das Theater ist schon ausverkauft. Die Tussand in Northfield, ja, das kommt nur alle hundert Jahre einmal vor, dass eine derartige Sängerin hier gastiert!«
»Und die Juwelen? Die hat sie bei sich? Bestimmt?«
»Die ganze Stadt spricht davon! Crox, der Bankvorsteher, hat sich angeboten, sie in Verwahrung zu nehmen. Sie hat ihn ausgelacht. Die Schmucksachen, sagte sie, hätten sie schon um die ganze Welt begleitet, und niemals hätte man ihr auch nur das Geringste davon entwendet. Und den Opir, vor dem ganz Arizona zittere, den fürchte sie nicht!«
»Das … das hat sie gesagt?«
»Wortwörtlich. Und dann hat sie noch hinzugesetzt: Opir sei ein ehrlicher Bandit, der einer Frau kein Härchen krümme. Ja. Interessant, nicht wahr?«
»Wheeler«, forschte Opir, »ist es wahr, dass die Juwelen über 100 000 Dollar wert sind?«
»Das ist noch gering geschätzt. Crox sprach sogar von einer Viertelmillion.«
Opir sprang auf und durchmaß mit langen Schritten den Raum.
Wheeler schien seine Gedanken zu erraten, denn er sagte warnend: »Du musst aber bedenken, dass in Millers Hotel drei Burschen wohnen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist.«
»Pah«, machte der Bandit wegwerfend, »ich werde heute Nacht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!«
Eine Stunde darauf sprengte ein Reiter durch die Nacht, und erst dann zügelte er das dampfende Pferd, als die Lichter Northfields in der Ferne vor ihm auftauchten. Opir, das Gespenst der Nacht, hatte seinen neuen Raubzug angetreten!
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