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Kommissar Rosic – Band 1.01

Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 1: Das Abenteuer des Streckenwärters Frégière

Wie jeden Morgen stand Monsieur Lahuche, der Bahnmeister von Pierrelatte, rauchend vor der Tür seines Büros.

Bekleidet mit einer russischen Mütze aus blauem Tuch, den kräftigen Oberkörper in eine Uniformjacke aus Cord gehüllt und die robusten Waden in Ledergamaschen steckend, vertrieb er sich vor Beginn seines Tagewerks die Zeit damit, die Einfahrt des Zuges um 8:46 Uhr zu beobachten und das rege Treiben der ein- und aussteigenden Fahrgäste zu verfolgen.

An jenem Morgen jedoch war Monsieur Lahuche recht erstaunt, als er sah, wie der Streckenwärter Frégière aus einem Abteil der dritten Klasse sprang und hastig auf ihn zukam – das Gesicht völlig verstört und sichtlich unter dem Eindruck einer gewaltigen Erregung.

»Nun, Frégière! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«, fragte der Bahnmeister, während er seinen Untergebenen in sein Büro bat.

Der andere ließ sich auf einen Stuhl fallen und sagte nach einem kurzen Schweigen: »Meiner Treu, Monsieur Lahuche, mir ist etwas ganz Außergewöhnliches passiert.« »Ein Unfall? Jemand überfahren?«

»Nichts dergleichen! Zum Glück gab es weder eine Entgleisung noch Tote. Aber dennoch …«

»Na hören Sie mal«, sagte Monsieur Lahuche, halbwegs beruhigt, da die Angelegenheit den Dienstbetrieb anscheinend nicht betraf, »erzählen Sie mir doch, Frégière, was Sie in diesen Zustand versetzt hat.«

Der Streckenwärter fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn, als wolle er seine Erinnerungen ordnen, und begann: »Letzte Nacht, gegen zehn Uhr, ging ich meine übliche Runde im Abschnitt Le Robinet. Der B-14 war gerade vorbeigefahren und hatte mir den ganzen Schotter der Gleise ins Gesicht gespuckt. Es herrschte ein solcher Mondschein, dass man hätte meinen können, es sei heller Tag. Plötzlich, etwa auf der Höhe von Kilometer 654, blieb ich stehen, irritiert durch einen wahrlich unerwarteten Anblick.

Ich brauche Ihnen ja wohl nicht zu beschreiben, Monsieur Lahuche, wie es am Kilometer 654 und überhaupt im gesamten Engpass von Le Robinet aussieht. Auf der einen Seite die steilen Felsen, auf der anderen die Rhone mit hie und da ein paar Weidenbüschen.

Nun, in einem dieser Weidenbüsche lag etwas Schwarzes … ein großes Bündel Kleider … ein Tier … ich wusste nicht, was! Überrascht stieg ich vorsichtig hinunter, um nicht kopfüber in die Strömung zu stürzen. Ich näherte mich, und … wissen Sie, was es war? Ein Mann!«

»Ein Toter?«, fragte Monsieur Lahuche.

»Das glaubte ich zuerst. Tatsächlich gab er kein Lebenszeichen von sich. Ich befreite ihn aus den Zweigen, in denen er feststeckte, und trug ihn an den Rand der Gleise, um nachzusehen, was mit ihm los war. Dort bemerkte ich, dass er noch atmete. Zudem schien er keinerlei Verletzungen zu haben.«

»Ein Reisender, der aus dem Zug gefallen ist«, schlussfolgerte M. Lahuche.

»Sicherlich, denn wissen Sie, er konnte weder aus der Rhone noch von den Felsen gekommen sein, nicht wahr? Und was den Weg über die Schienen betrifft …«

»Und was haben Sie dann mit diesem Mann gemacht?«

»Meiner Treu, da ich nur fünfhundert Meter vom Bahnwärterhäuschen am Bahnübergang entfernt war, habe ich ihn mir auf die Schultern geladen und zum Haus getragen. Sie können sich sicher vorstellen, Monsieur, wie erschrocken die Mutter Frégière war, als sie mich mit dem Geschäftsmann auf dem Rücken ankommen sah. Ich habe ihr die Sache erklärt. Dann hat sie sich alle Mühe gegeben, den guten Mann wieder zu sich zu bringen … ein Glas Schnaps … ein Lindenblütentee … ich weiß nicht was … kurzum, er hat schließlich die Augen aufgeschlagen.

›Wo bin ich?‹, stammelte er, als er zu sich kam.

›Keine Angst‹, antworte ich ihm, ›hier sind Sie besser aufgehoben als auf Ihrem Baum, wo Sie wie eine dicke Amsel hockten.‹

›Mein Baum?‹

Er schien völlig neben sich zu stehen.

›Ja‹, erkläre ich ihm, ›ich habe Sie im Robinet gefunden, bewusstlos in einem Haufen alter Weiden … wahrscheinlich sind Sie aus dem Zug gefallen.‹

Da, Monsieur, fuhr er sich so mit der Hand über die Stirn, und dann wurde er noch blasser, als er es während seiner Ohnmacht gewesen war. Er schrie zwei oder drei Worte in irgendeinem Kauderwelsch heraus … dann sah er uns beide an, die Frégière und mich, und fing an zu lachen.

›Ja …‹, sagte er, ›es ist ein Unfall … ich erinnere mich … ich saß im Bombay-Express, halb im Schlaf, ich muss wohl eine Waggontür geöffnet haben, und im Glauben, auf die Toilette zu gehen, bin ich auf die Strecke gestürzt.‹

›Sicherlich‹, entgegne ich, ›und zum Glück sind Sie, statt auf den Schotter zu prallen, wo Sie sich tödlich hätten verletzen können, in diesen Weidenbüschen gelandet, die den Sturz abgefedert haben.‹

›Und zum Glück kamen Sie auch gerade vorbei … um mich aufzulesen … Danke, mein guter Freund … ich werde es Ihnen nicht vergessen.‹

Während er das sagte, machte er die Bewegung, in die Innentasche seines Jacketts zu greifen. Aber plötzlich wurde er wieder ganz grün im Gesicht, stieß erneut zwei oder drei Ausrufe in einer Sprache aus, die ich nicht kenne, dann lachte er wieder und sagte ganz ruhig: ›Wir werden das morgen regeln. Im Moment halte ich es für das Beste, zu schlafen. Ich möchte Sie nicht länger aufhalten. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich die Nacht hier verbringen, und morgen …‹

›Warten Sie, Monsieur‹, sagt die Frégière, ›ich werde frische Laken auf unser Bett ziehen.‹

›Nein, nein‹, wehrte er ab, ›dieser Sessel genügt mir … eine Nacht geht schnell vorbei.‹

Er ließ sich nicht davon abbringen. Also gab man ihm eine Decke, weil die Nächte kühl sind, stellte die Flasche Schnaps und ein Glas auf den Tisch, wünschte ihm eine gute Nacht, und die Frégière und ich gingen schlafen.«

Lahuche starrte den Streckenwärter an, und ein gewaltiger Lachreiz verzerrte sein Gesicht. Schließlich platzte es aus ihm heraus: »Und nur um mir das alles zu erzählen, kommen Sie extra aus Donzère hergereist, mit einer Miene der Verzweiflung, dass ich schon glaubte, der ganze Robinet-Abschnitt sei in die Rhone gestürzt!«

»Aber warten Sie doch, Monsieur«, entgegnete Frégière. »Heute Morgen, als die Frégière und ich aufstanden – tja, da war unser Mann verschwunden.«

»Und hat Ihre Möbel mitgenommen?«, spottete Monsieur Lahuche.

»Er hat gar nichts mitgenommen … zum Glück … aber er hat dieses Papier hier hinterlassen.«

Und er reichte M. Lahuche eine Visitenkarte, auf der der Name sorgfältig weggekratzt worden war. Mit Bleistift standen darauf die Worte:

Ich werde nicht vergessen, dass Sie mir das Leben gerettet haben! Crystal Dagger.

Da brach der Bahnmeister in schallendes Gelächter aus. »Mein armer Frégière, da sind Sie an einen Undankbaren geraten. Der Herr hat sich heimlich aus dem Staub gemacht, um Ihnen die am Vorabend versprochene Belohnung nicht geben zu müssen. Es sei denn, Sie hatten es mit einem Witzbold zu tun.«

»Ich sehe nicht, wo da der Witz sein soll«, antwortete der Streckenwärter gekränkt. »Wie auch immer«, schloss Monsieur Lahuche, »diese ganze Angelegenheit betrifft den Dienst in keiner Weise. Sie gehen jetzt also ganz ruhig nach Hause, und das nächste Mal, wenn Sie jemanden aus den Zweigen einer Weide fischen, dann sperren Sie ihn bei sich ein und schließen doppelt ab, denn Vögel dieser Art pflegen beim ersten Morgengrauen davonzufliegen.«

Und er verabschiedete Frégière, der brummend von dannen zog.

»Wie dem auch sei, Monsieur Lahuche mag sagen, was er will, aber die ganze Sache kommt mir nicht ganz koscher vor.«

»Der arme Frégière … er ist unverbesserlich«, schlussfolgerte M. Lahuche, als er wieder allein war, während er den NOUVELLISTE DE LYON aufschlug, den ihm die Bibliothekarin des Bahnhofs gerade gebracht hatte.

Mit einem Blick überflog er die erste und zweite Seite, die der Politik und den großen Nachrichten gewidmet waren, und schickte sich an, bei der dritten Seite zu verweilen, auf der die Vermischten Meldungen der Region standen. Da erregte unter einer fettgedruckten Überschrift eine kursiv gesetzte Kurzmeldung seine Aufmerksamkeit. Die Überschrift lautete:

Ermordet in einem Luxuszug

Und der Artikel war wie folgt abgefasst:

Valence. Heute Nacht um elf Uhr, als der Luxuszug mit der Bezeichnung B-14 in den Bahnhof von Valence einfuhr, bemerkte der stellvertretende Bahnhofsvorsteher, dass Blut aus einer der beiden Einstiegstüren eines der Schlafwagen sickerte, aus denen der Zug besteht. Nachdem er den Wagen in Begleitung einiger Männer und der Stewards betreten hatte, stellte er fest, dass eine lange Blutspur den gesamten Korridor des Schlafwagens besudelte; sie stammte aus einem der Abteile. Als die Tür dieses Abteils geöffnet wurde, bot sich den Angestellten ein tragischer Anblick: Ein Mann lag auf dem Teppich, die Kehle durchschnitten, der Kopf fast vollständig vom Rumpf getrennt. Der Bahnhofsvorsteher ließ diesen Wagen sofort vom Zug abkoppeln und auf ein Abstellgleis rangieren, um das Eintreffen der Staatsanwaltschaft abzuwarten. Wir werden unsere Leser über diese wahrlich sensationelle Angelegenheit auf dem Laufenden halten.

Man wird die Erregung von Monsieur Lahuche leicht verstehen, als er diese eilige Depesche der letzten Stunde las; der Bericht, den Frégière ihm gerade erst erstattet hatte, war noch ganz frisch in seinem Geist. Der Zusammenhang zwischen den beiden Fakten traf ihn unmittelbar, und er erhob sich, ganz bleich im Gesicht.

»Aber dann … ist dieser Mann von Frégière etwa der Mörder?«

Ein Zweifel war kaum möglich, und der Schluss lag auf der Hand: dieser Mann, der bei den Felsen von Le Robinet aus dem B-14 gesprungen war, und jene Leiche, die man eine Stunde später noch ganz blutig in eben diesem B-14 gefunden hatte.

Völlig kopflos stürzte er aus seinem Büro und rief einem Bahnmitarbeiter zu, der sich auf den Bahnsteigen befand: »He! Bellon, haben Sie Frégière, meinen Streckenwärter, gesehen?«

»Monsieur, ich komme gerade von ihm. Er ist bei Larmande und trinkt ein Glas, während er auf den Gegenzug wartet.«

Ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen, seine Mütze aufzusetzen, rannte Monsieur Lahuche über die Gleise und den Bahnhofsvorplatz und stürmte wie ein Wirbelwind in das Hotel Larmande, wo Frégière gerade eifrig dabei war, einigen Freunden von dem Ereignis zu berichten, das seine Nacht so durcheinandergebracht hatte.

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