Felsenherz der Trapper – Teil 02.3
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
3. Kapitel
Der Geisterbüffel der Llano Estacado
Zur selben Zeit, als Felsenherz in der Schlucht seinen Braunen tränkte und seinen eigenen Durst löschte, näherten sich von Osten her drei Reiter. Ihre Pferde strauchelten vor Erschöpfung. Hinter ihnen, auf kaum weniger mitgenommenen Mustangs, jagten etwa fünfzehn Mescalero als unerbittliche Verfolger heran.
Die drei Fliehenden waren Lord Robert Barnley und seine beiden Führer, die er vor vier Wochen in Fort Reno für teures Geld angeworben hatte. Der lange Billy blickte immer öfter über die Schulter zurück. Am Mazapil waren sie den Indianern durch einige gezielte Schüsse entkommen, doch nun schrumpfte ihr Vorsprung.
»Die roten Schufte haben zähe Gäule«, stellte Billy seufzend fest. »Wir können uns wohl bald auf die Abreise in die ewigen Jagdgründe vorbereiten, Mylord. Selbst wenn Jimmy und ich sechs von ihnen abknallen, bleiben noch acht übrig. Das sind zu viele für uns zwei – da Sie im Nahkampf ja nicht mitzählen.«
Lord Barnley rief verärgert: »Nicht mitzählen?! Wofür halten Sie mich, Billy? Ich werde so gut meinen Mann stehen wie Sie!«
Der kleine Jimmy, der auf seinem mageren Falben wie ein Kind auf einem hässlichen Schaukelpferd wirkte, brummte laut: »Ich wette einen Liter Brandy, Billy, dass dort eine ganz frische Fährte neben der alten verläuft. Auf meine Augen ist Verlass!«
Billy grinste unvermittelt vergnügt. »Verdammt, das Pferd war beschlagen! Ich wette zwei Liter Brandy, dass das der Braune des jungen Mannes war. Der hat links hinten einen ganz eigenen Gang – und diese Spur hier ist eindeutig. Aha, mein Schimmel wittert Wasser! Nur zu, alter Junge! Felsenherz kann nicht weit sein.«
Die erschöpften Pferde der Flüchtlinge mobilisierten ihre letzten Reserven und fielen in einen Galopp, als sie die Schlucht erreichten.
»Hurra – Felsenherz!«, brüllte Jimmy, der mit seinem Klepper den Vorsprung hielt. »He, Master! Kommen Sie mal rauf! Hier sind ein paar Ihrer Freunde, die Appetit auf eine Portion Blei haben! Beeilen Sie sich, die Bande ist verdammt nah!«
Felsenherz hatte seinen Braunen gar nicht erst abgesattelt. Mit einem leichten Schwung saß er im Sattel und ritt die Böschung hinauf. Der lange Billy begrüßte ihn mit einem trockenen Lachen.
»Felsenherz, jetzt sind wir zu viert. Nun mag die Apachenbrut nur kommen! Sechzehn von ihnen haben uns wie Hasen über die Estacado gehetzt.«
»Mylord, steigen Sie mit den Pferden in die Schlucht hinab«, ordnete Felsenherz ruhig an. »Wir drei legen uns hier hinter die Steine. Tränken Sie die Tiere und halten Sie die Augen offen.«
»Sie sind schon da!«, rief Jimmy. »Dort biegen sie um das Kaktusfeld. Hinlegen! Verschwinden Sie, Mylord!«
Der Lord nahm die Zügel der vier Pferde und führte sie in die Tiefe der Schlucht.
»Die Apachen sind plötzlich verdammt vorsichtig geworden«, brummte Jimmy. »Sie haben nur zwei Späher vorausgeschickt. Sehen Sie – die beiden halten genau dort an, wo wir auf Ihre Fährte stießen, Felsenherz. Die Sache scheint ihnen nicht geheuer. Sie drehen um.«
Felsenherz spähte zwischen den Felsen hindurch. »Hobler ist ebenfalls hier vorbeigekommen – mit meiner Schwester und drei Packpferden«, erklärte er. »Wir müssen die Mescalero loswerden. Wir kriechen durch die Schlucht zurück; sie zieht sich in einem weiten Bogen nach Osten. So gelangen wir den Apachen in den Rücken.«
»Ein glänzender Gedanke!«, grinste Billy. »Felsenherz, Sie sind ein verdammt schlauer Fuchs. Sie gefallen mir!«
Nachdem die Pferde getränkt und die Feldflaschen gefüllt waren, ritt Felsenherz voraus. Der sandige Boden der Schlucht dämpfte den Hufschlag. Am Ostende angekommen, schlich der junge Trapper die Nordwand hinauf und beobachtete die Lage.
Hinter dem Kaktusfeld hielten die sechzehn Apachen Kriegsrat. Kurz darauf schlichen fünfzehn von ihnen zu Fuß nach links weg. Nur ein einziger blieb zurück, um die Pferde zu bewachen. Felsenherz schlug vor, den Mescalero ihre Mustangs zu rauben. Ohne ihre Tiere würden sie es niemals wagen, tiefer in die Llano Estacado vorzudringen.
Er ließ seine Büchse zurück und schlich sich an den Wächter heran. Der Apache stand regungslos da, den Blick nach Westen gerichtet. Er fühlte sich sicher, lehnte auf seiner einläufigen Flinte und sah sich nicht einmal um. Doch Felsenherz hatte nicht mit dem feinen Instinkt der Indianerpferde gerechnet. Als er noch zehn Schritte entfernt war, wurden die Tiere unruhig und schnaubten. Der Wächter fuhr misstrauisch herum und riss seine Flinte hoch.
Felsenherz sprang auf und blickte direkt in die Mündung. Die Zeit schien stillzustehen. Sein Blick fixierte den Finger des Apachen am Abzug. Im Moment des Schusses warf Felsenherz seinen Oberkörper zur Seite. Er taumelte, sank zu Boden und schlug mit den Armen um sich – scheinbar tödlich getroffen.
Der Apache, ein erfahrener Krieger mit narbigem Gesicht, stieß einen schrillen Siegesruf aus. Er zog sein Jagdmesser, stürmte vorwärts und setzte dem vermeintlich schwer verwundeten Bleichgesicht den Fuß in den Nacken, um zum Todesstoß auszuholen.
Drüben am Rand der Schlucht erstarrten Billy und Jimmy. »Er ist verloren!«, flüsterte Jimmy entsetzt. »Er ist eben doch ein Greenhorn! Wie konnte er nur …«
Doch im nächsten Augenblick rollte sich Felsenherz blitzschnell zur Seite, packte den Fuß des Apachen und riss ihn von den Beinen. Bevor der Rote begreifen konnte, was geschah, leuchtete Felsenherz’ Messer über ihm auf. Doch der Trapper besann sich eines Besseren. Er ließ die Waffe fallen, ballte die Faust und versetzte dem Mescalero einen Schlag gegen die Schläfe, der ihn sofort besinnungslos werden ließ.
Wenig später kehrte Felsenherz mit den geraubten Mustangs und dem gefesselten Gefangenen zur Schlucht zurück.
»Felsenherz, Sie können unmöglich erst drei Monate in Amerika sein!«, rief Billy bewundernd.
»Ich war bei dem alten Trapper Birth in einer guten Schule«, entgegnete Felsenherz knapp. »Vorwärts, wir müssen hier weg. Die anderen fünfzehn haben sicher schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Helft mir, die Mustangs aneinanderzubinden.«
»Und der alte Mescalero? Ich finde, wir schicken ihn in die ewigen Jagdgründe«, brummte Jimmy und lockerte sein Bowiemesser.
»Nichts da!«, befahl Felsenherz. »Er kann uns noch nützlich sein. Die Mescalero kennen die Estacado besser als wir. Wenn wir ihm das Leben schenken, zeigt er sich vielleicht erkenntlich.«
Jimmy und Billy lachten trocken. »Dankbar? Bester Felsenherz, diese Apachenhunde wissen von Dankbarkeit so viel wie ich von Physiologie – oder wie dieser gelehrte Kram heißt!«, spottete Billy. »Aber gut – wenn Sie sich mit einem Gefangenen belasten wollen, soll es mir recht sein.«
Gerade als sie die Schlucht nach Süden verließen, tauchten die übrigen Mescalero am Nordrand auf.
»Brüllt nur!«, frohlockte Jimmy, drehte sich im Sattel um und feuerte zwei Schüsse ab. »So – zwei weniger von der roten Brut!«
Felsenherz blickte ihn ernst an. »Das waren Menschen, Jimmy«, sagte er vorwurfsvoll. »Es war völlig zwecklos, sie niederzuschießen. Und dann wundert ihr euch, dass die Indianer jeden Trapper zu Tode martern, der ihnen in die Hände fällt?«
Die Mescalero feuerten zurück, doch ihre alten Steinschlossflinten reichten auf diese Entfernung nicht aus. Jimmy wirkte nach Felsenherz’ Worten sichtlich verlegen.
»Hm, Sie haben wohl recht, Old Boy. Ich werde mich bessern – zumal wir mit Pulver und Blei ohnehin sparsam sein müssen.«
Jäh ertönte hinter ihnen eine raue Stimme. Der gefangene Apache war wieder zu sich gekommen. »Felsenherz wird einst der berühmteste Jäger des Westens sein«, sagte Koromitu mit feierlicher Würde. »Ich habe sechzigmal die Büffel nach Süden wandern sehen. Ich kenne die Weißen. Ich habe noch nie ein Bleichgesicht getroffen, das einen Mescalero schont, wenn dieser schon auf ihn gefeuert hat. Felsenherz hat das Auge des Adlers, die Kraft des Bären und ein Herz für die roten Kinder Manitus.«
»Ein schöner Lobgesang!«, grinste Billy.
Lord Barnley fügte hinzu: »Der alte Mann hat recht. Felsenherz, Sie sind das, was man in England einen Gentleman nennt.«
Er wollte dem Trapper die Hand reichen, doch dieser wehrte ab. Er fragte den Apachen streng: »Koromitu, warst du dabei, als die Farm meines Onkels überfallen wurde?«
»Nein«, antwortete der Indianer mit offenem Blick. »Ich gehörte zu Wattamis Truppe, die erst später eintraf.«
Felsenherz nickte. »Ich glaube dir. Aber von den Mördern meiner Familie wird keiner der Strafe entgehen. Das Gesetz der Wildnis lautet: Auge um Auge!«
Sie schwenkten nach Westen ab und fanden bald Hoblers Fährte wieder, die der Pfahlreihe folgte. Als der Abend anbrach, lagerten sie im Schutz einer Felsengruppe. Koromitu erhielt Wasser und Fleisch, und Felsenherz lockerte seine Fesseln, um ihm unnötige Schmerzen zu ersparen.
Während Jimmy die erste Wache übernahm, erzählte der Lord von seinem Bruder Edward. »Er war Forschungsreisender. Vor vier Jahren schrieb er mir aus Galveston, dass er die Llano Estacado durchqueren wollte. Seitdem ist er verschollen. In Fort Reno hörte ich Gerüchte, die mich erst recht hierherführten. Haben Sie schon vom Geisterbüffel gehört, Felsenherz?«
»Sicher, Mylord. Mein Lehrer Birth erzählte davon. Ein weißer Büffel, der über die Prärie rast, ohne Spuren zu hinterlassen. Aber das sind wohl nur Legenden über ein Albino-Tier.«
»Oh, da irren Sie sich«, warf der Lord eifrig ein. »Dieser Büffel erscheint nur nachts und leuchtet!«
»Lassen Sie mich erzählen«, unterbrach ihn Billy. »Ich habe das Ding vor genau einem Jahr gesehen, einen Tagesritt südlich vom Apache-Spring. Jimmy und ich kamen vom Rio Pecos mit fünfhundert Fellen. Dort trafen wir den roten Hobler, der von Wacos gehetzt wurde. Wir lagerten gemeinsam auf einem Hügel.«
Billys Gesicht wurde ernst. »Hobler übernahm die zweite Wache. Mitten in der Nacht bekam ich einen Schlag auf den Schädel, dass mir die Sinne schwanden. Als ich aufwachte, lag ich gefesselt in der Sonne. Und dann – sperrt die Ohren auf! – sah ich in der Dunkelheit einen gewaltigen Büffelbullen, der ein geheimnisvolles Licht ausstrahlte. Er war keine fünf Meter entfernt! Als ich brüllte, verschwand das Vieh im Nu.«
Er hielt inne. »Aber das Merkwürdigste war: Als ich das nächste Mal erwachte, hatte mir jemand die Fesseln abgenommen und einen vollen Wasserschlauch neben mich gelegt. Es gab keine Spuren. Hobler hatte uns bestohlen und im Stich gelassen, aber irgendetwas oder irgendwer hat uns gerettet. Und alle Trapper sind sich einig: Dieser Büffel ist nicht bloß weiß – er leuchtet von selbst!«
Koromitu bestätigte aus dem Hintergrund: »Der weiße Mann sagt die Wahrheit. Ich habe den Geisterbüffel zweimal am Apache-Spring gesehen. Wer ihm zu nahe kommt, verliert den Verstand. Zwei Krieger meines Stammes wollten ihn erlegen – man fand sie einen Monat später, wahnsinnig vor Angst.«
Ein schweres Schweigen legte sich über die Gruppe. Lord Barnley brach es schließlich: »Ich werde dieses Geheimnis lüften, Felsenherz. Genau wie das Schicksal meines Bruders.«
»Wir werden sehen«, sagte Felsenherz nachdenklich. »Morgen bei Sonnenaufgang reiten wir weiter. Die Mustangs der Apachen lassen wir frei; ihr Instinkt wird sie zurückführen. Ich übernehme die Wache ab zwei Uhr morgens. Billy, wecken Sie mich dann.«
Kurz darauf waren die Männer in ihre Decken gehüllt und schliefen fest, während draußen die unendliche Stille der Llano Estacado lag.
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