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Buffalo Bill Der letzte große Kundschafter – 21. Kapitel

Buffalo Bill
Der letzte große Kundschafter
Ein Lebensbild des Obersten William F. Cody, erzählt von seiner Schwester Helen Cody Wetmore
Meidingers Jugendschriften Verlag, Berlin 1902

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Jagd des Großfürsten Alexis

Am 12. Januar 1872 brachte ein Sonderzug den Großfürsten Alexis und sein Gefolge an die nördlichen Plateaus. Will, den General Sheridan dem hohen Gast vorstellte, fasste sofort großes Interesse für ihn. Er freute sich auch, dass General Custer an der Expedition teilnahm.

Als der Zug heranbrauste, hatte Will alle Vorbereitungen abgeschlossen. Gleich nach dem Frühstück begaben sich der Großfürst und seine Begleiter zu den Pferden oder zu den für sie bestimmten Plätzen in den Ambulanzwagen. Genau dem Rang entsprechend reihten sich die Reiter aneinander. Will hatte einen seiner Kundschafter vorausgeschickt, während er selbst den Zug beschloss, um sich zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Gerade als sie sich in Bewegung setzen wollten, kam ein Schaffner des großfürstlichen Extrazuges auf Will zu und sagte, dass Herr Thompson kein Pferd erhalten habe.

»Wer ist Herr Thompson?«, fragte Will.

»Nun, Herr Frank Thompson, der Direktor des großfürstlichen Extrazuges.«

Will sah die ihm von General Sheridan übersandte Liste derer nach, für die Reitpferde gestellt werden sollten, fand den Namen Thompson darauf jedoch nicht. Trotzdem wollte er nicht zulassen, dass Herr Thompson oder jemand anderes leer ausgehen sollte. Wie immer ließ sich Will auch diesmal sein berühmtes Jagdpferd Buckskin Joe nachführen. Dieses Pferd hatte aber bekanntlich kein besonders ansprechendes Äußeres, sondern sah mit seiner trüben Lederfarbe eher wenig vertrauenerweckend aus. Dafür war es in den Grenzgebieten weithin als bestes und ausdauerndstes Jagdpferd bekannt. Will hatte noch nie jemand anderem gestattet, dieses Pferd zu besteigen. Da er aber augenblicklich kein anderes Pferd zur Verfügung hatte, ließ er Sattel und Zaumzeug bringen und Buckskin Joe satteln. Er sagte Herrn Thompson, dass er das Pferd so lange reiten möge, bis er ihm ein anderes zur Verfügung stellen könne. Dieses Pferd sah so anders aus als die prächtigen Tiere, auf denen die übrigen Jagdteilnehmer ritten, dass Thompson es ziemlich unhöflich fand, ihm ein solches Tier anzubieten. Trotzdem bestieg er es und Will sagte ihm, dass er es nur anspornen solle, wenn er zum General an die Spitze reiten wolle. Als Thompson an den Proviant- und Ambulanzwagen vorbeikam, bemerkte er, dass die Kutscher auf ihn deuteten. Da er glaubte, sie verspotteten ihn, fragte er: »Reite ich vielleicht nicht, wie es sich gehört?«

»Oh doch, Herr, Sie reiten es ganz richtig«, antwortete der Kutscher.

»Nun«, sagte Thompson, »machen Sie sich etwa über das Pferd lustig?«

»Ich und mich über dieses Pferd lustig machen?«, erwiderte der Mann. »Das fällt mir auf tausend Stunden nicht ein.«

»Ja, aber warum haben Sie mich denn alle so sonderbar angesehen?«

»Nun, mein Herr, sind Sie denn nicht der König?«

»Der König? Wie kommen Sie dazu, mich für den König zu halten?«

»Weil Sie dieses Pferd reiten. Mir scheint, Sie wissen gar nicht, was das für ein Pferd ist. Das darf niemand reiten außer Buffalo Bill. Als wir Sie plötzlich auf diesem Pferd daherkommen sahen, dachten wir alle, Sie seien der König, denn dieses Pferd ist Buckskin Joe.«

Thompson hatte General Sheridan von Buckskin Joe sprechen hören und davon, dass Buffalo Bill einmal auf der Flucht vor Indianern achtzig Meilen auf seinem Rücken zurückgelegt habe. Später erzählte er Will, er habe sich förmlich wachsen fühlen, als er erfuhr, dass er das berühmteste Pferd der Prärie ritt. Sofort galoppierte er zu Will zurück und dankte ihm aufs Herzlichste für die ihm erwiesene Ehre. Will sagte ihm, dass er dem Großfürsten anbieten wolle, seinen ersten Büffel auf Buckskin Joe zu erlegen.

»Da hätte ich wohl auch noch eine große Bitte an Sie«, antwortete Thompson. »Erlauben Sie auch mir, einen Büffel auf diesem Pferd zu schießen.«

Will erwiderte, dass er es ihm mit größter Freude gestatten werde. Während dieser denkwürdigen Jagd wurde Buckskin Joe mit Ruhm überschüttet. Sowohl der Großfürst von Russland als auch Frank Thompson, späterer Direktor der Pennsylvania-Bahn, erlegten auf seinem Rücken ihren ersten Büffel. Mein Bruder schreibt dem guten Joe die Freundschaft mit Frank Thompson fürs Leben zu. Die ganze Jagd, bei der sich kein einziger unglücklicher Zwischenfall ereignete, wurde von sämtlichen Teilnehmern als im höchsten Grade gelungen angesehen.

Der Gefleckte Schwanz hielt sein Versprechen. In strahlendem Kriegsschmuck, mit Federbüschen und bemalten Gesichtern, erschienen er und seine hundert Indianer. Sie führten ihren Kriegstanz auf, der des Großfürsten und seiner Begleiter höchstes Interesse erregte. Die eigentümlichen Schlangenbewegungen und Gesichtsverzerrungen der Indianer, ihr Springen und Kriechen, ihr teuflisches Schlachtgeschrei und Gejohle – all dies bildete ein fremdartiges Durcheinander von Farben und Tönen, das sich nicht so leicht wieder vergisst.

Den europäischen Gästen erschien diese wilde Szene eher malerisch als schrecken einflößend; die erfahrenen Indianerkämpfer, die ihr beiwohnten, wurden davon jedoch alles andere als angenehm berührt. Die Vergangenheit hatte zu viel Mord und Blutvergießen gebracht, und wie viele Kämpfe standen ihnen noch bevor!

Dem lärmenden Kriegstanz folgte die Büffeljagd der Indianer, bei der sich jeder an der Kraft und Geschicklichkeit der rothäutigen Jäger ergötzen konnte. Ein Krieger namens Doppellanze führte ein Kunststück auf, das kein anderer Indianer ihm nachmachen konnte. Er schoss einen Pfeil mit solcher Macht auf einen Büffel, der sich im vollen Lauf befand, dass der Pfeil auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam.

General Sheridan wollte den Großfürsten jede Phase des Grenzlebens näherbringen. Als die Jagdgäste sich anschickten, zur Eisenbahnstation zurückzukehren, wurde Will aufgefordert, ihnen zu zeigen, wie man früher mit einem sechsspännigen Postwagen durch die Rocky Mountains fuhr.

Will nahm die Idee voller Begeisterung auf, ebenso Alexis, der natürlich nur eine schwache Ahnung davon hatte, was ihn erwartete. Der Großfürst und der General wurden gebeten, in einem geschlossenen Wagen, der mit sechs Pferden bespannt war, Platz zu nehmen und sich leicht nach vorne zu neigen. Daraufhin kletterte Will auf den Bock.

»Ich bitte Sie, sich jetzt einzubilden«, sagte er zu seinen Fahrgästen, »es seien fünfzig Indianer hinter uns her.«

Und davon jagten die Pferde mit einem Satz, der die Insassen des Wagens, wenn dieser nicht geschlossen gewesen wäre, unbedingt auf die Straße geschleudert hätte.

Die drei Meilen bis zur Station wurden in genau zehn Minuten zurückgelegt – für den Großfürsten eine Fahrt wie auf Leben und Tod. Der Wagen schwankte und schaukelte wie ein Schiff auf sturmgepeitschtem Ozean, und niemals hat sich eine bedrohte Schiffsmannschaft mit verzweifeltem Griff an die Rettungsboote geklammert als Wills Passagiere an ihre Sitze. Wären die nur in der Fantasie des Kutschers vorhandenen fünfzig Indianer ihnen wirklich auf den Fersen gewesen, so hätte er die Peitsche nicht fleißiger gebrauchen oder sich dem Jammern und Rufen seiner Fahrgäste gegenüber nicht taub stellen können. Als der Wagen dann endlich mit einem erneuten Stoß, bei dem den Passagieren die Zähne aufeinander schlugen, anhielt, öffnete Will den Wagenschlag und erkundigte sich, wie Seiner Kaiserlichen Hoheit die Fahrt gefallen habe.

Der Großfürst erwiderte mit etwas zweifelhafter Begeisterung: »Ich möchte dieses Erlebnis nicht um viel Geld missen. Allein, um es ein zweites Mal durchzumachen, da kehrte ich schon lieber über Alaska nach Russland zurück, schwamm durch die Beringstraße und legte den Rest meiner Reise auf einem Ihrer Staatsmaultiere zurück.«

Diese Fahrt bildete den Abschluss eines Ausflugs, über den sich die vornehme Gesellschaft in jeder Hinsicht zufrieden aussprach. Der Großfürst forderte Will auf, in seinen Salonwagen zu kommen. Dort nahm er den Dank aller Herren für die als Führer einer Jagdgesellschaft bewiesene Geschicklichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Auch wurde er von Alexis eingeladen, ihn in seinem Schloss zu besuchen, falls er einmal nach Russland käme. Darüber hinaus erhielt er eine Reihe wertvoller Andenken.

Zu jener Zeit hatte Will noch nicht im Entferntesten den Gedanken gefasst, eine Reise übers Meer zu machen, führte jedoch den längst gehegten Plan aus, auch den Osten Amerikas kennenzulernen. Die Indianer verhielten sich ruhig, sodass ihm der Urlaub gerne bewilligt wurde.

Zunächst hielt er sich in Chicago auf, wo er bei General Sheridan zu Gast war. Anschließend begab er sich nach New York, wo er von James Gordon Bennett, Leonard und Lawrence Jerome, J. G. Heckscher und anderen, die sich, wie die Leser sich erinnern werden, im vorhergehenden Jahr an der Jagdpartie beteiligt hatten, aufs Freundlichste empfangen wurde. Auch die Anwesenheit Ned Buntlines trug dazu bei, Wills Aufenthalt in der Metropole in jeder Hinsicht angenehm zu gestalten. Der Schriftsteller hatte seinen Plan ausgeführt, den Kundschafter Cody zum Helden einer im Wilden Westen spielenden Erzählung zu machen. Die Geschichte war sogar dramatisiert worden und erlebte zur Zeit von Wills Aufenthalt in New York in einem der Theater der Stadt einen glänzenden Erfolg. Auch Will besuchte eines Abends mit einer größeren Gesellschaft eine Vorstellung und bald wurde im Saal geflüstert, Buffalo Bill selbst befinde sich unter den Zuschauern. Gewöhnlich ist es Sitte, den Verfasser eines Stückes vor die Rampe zu rufen. Ohne Zweifel war dies auch bei diesem Stück schon verschiedentlich der Fall gewesen, doch an diesem Abend verlangte das Publikum den Helden zu sehen. Diese Aufforderung kam für Will natürlich völlig überraschend, aber da half kein Sträuben, er musste sich zeigen, und ein wahrer Sturm von Beifallsrufen begrüßte ihn. Der Theaterdirektor bot Will sofort 500 Dollar wöchentlich an, wenn er in New York bleiben und die Rolle des Buffalo Bill selbst spielen wolle. Will lehnte den Vorschlag jedoch dankend ab.

Während seines Aufenthalts in der Hauptstadt veranstalteten seine reichen Bekannten eine große Anzahl üppiger Festmahle zu seinen Ehren. Anfangs gefiel ihm die großstädtische Zeiteinteilung nicht, doch bald gewöhnte er sich auch an die ihm unvernünftig erscheinenden Stunden, zu denen die New Yorker frühstückten, zu Mittag und zu Abend aßen. Das Gefühl seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen lastete indes bald so schwer auf ihm, dass er beschloss, sich mit einem Diner, bei dem er der Wirt sein wollte, zu revanchieren. Eine Zählung seiner Barschaft ergab, dass er sich erlauben konnte, fünfzig Dollar zu opfern und sich die Freude zu gönnen, einmal den Lukullus zu spielen.

Natürlich würde nicht all dieses Geld erforderlich sein, um zehn bis zwölf Männer zu sättigen.

»Wird es aber dennoch aufgebraucht«, sagte er zu sich selbst, »dann schadet es auch nichts. So etwas kommt ja nicht alle Tage vor.«

Vertrauensvoll eilte er zu Delmonico, einem berühmten Restaurateur, wo ihn seine Freunde so oft bewirtet hatten. Er bestellte das feinste Mittagessen für zwölf Personen und setzte den Abend vor seiner Abreise in den Westen als Zeitpunkt fest. Mit der in den fernen Grenzgebieten üblichen Herzlichkeit lud er seine Bekannten ein. Diese hatten ihn mit Aufmerksamkeiten überschüttet, nun wollte er ihnen zeigen, dass ein Mann aus dem Wilden Westen solche Freundlichkeiten nicht nur zu schätzen, sondern auch zu erwidern wusste.

Das Dinner nahm einen äußerst günstigen Verlauf. Kein Gast hatte abgesagt. Die Unterhaltung sprühte. Man ließ Reden und Gegenreden los, und in heiterster Stimmung trennte man sich, sodass stolze Befriedigung den Gastgeber erfüllte. Am nächsten Morgen begab er sich mit der Miene sorgloser Freigebigkeit zu Delmonicos Kassierer.

»Meine Rechnung, bitte«, sagte er. Nachdem er sie erhalten hatte, starrte er mehrere Minuten lang darauf nieder. Allmählich dämmerte ihm, dass seine fünfzig Dollar ungefähr ausreichten, um einen einzigen Gang zu bezahlen. Wie er uns später eingestand, habe ihn dieses Fetzchen Papier mehr erschreckt als die Aussicht auf einen Kampf mit einem ganzen Stamm Sioux-Indianer.

Wie dieser Streich doch Will wieder ähnlich sah! Jetzt erst wurde ihm so richtig klar, wie groß der Unterschied zwischen einem Essen bei Delmonico und einem Essen in der Prärie ist. Zum einen müssen Produkte von allen vier Enden der Erde herangezogen werden, um die Speisekarte zusammenzustellen, zum anderen genügen eine Unze Blei, eine Ladung Pulver, ein Reisigbündel und ein Streichholz.

Unter keinen Umständen durfte der Kassierer des Restaurants jedoch merken, dass der noble Gastgeber vom Abend zuvor über die verlangte Summe erstaunt war. Will bat deshalb darum, ihm die Rechnung ins Hotel zu schicken, und flüchtete sich dann tief aufatmend ins Freie.

In ganz New York gab es nur einen einzigen Mann, an den er sich in seiner Verlegenheit wenden durfte, wie ihm sein Gefühl sagte, und das war Ned Buntline. Wenn jemand verwickelte Geschichten erfinden und seine Personen aus allerlei schwierigen Lagen befreien konnte, dann war er auch imstande, ihm bei einer vergleichsweise einfachen Sache wie der Bezahlung einer Hotelrechnung zu helfen. Wills Vertrauen in die Klugheit seines Freundes wurde nicht enttäuscht. Sein erster großer finanzieller Schrecken war glücklich beseitigt worden – wie dies aber geschah, weiß ich bis heute nicht.

Einer der Hauptgründe für Wills Reise in den Osten war, unsere einzigen noch lebenden Verwandten mütterlicherseits aufzusuchen: Oberst Henry R. Guß und seine Familie, die in Westchester in Pennsylvania wohnten. Die Schwester unserer Mutter, die mit diesem Herrn verheiratet war, lebte nicht mehr und wir hatten weder ihn noch jemanden aus seiner Familie je gesehen. Ned Buntline begleitete Will auf seiner Reise nach Westchester.

Wer schon einmal in einem fremden Empfangszimmer auf das Erscheinen von Verwandten gewartet hat, die man nie gesehen hat und von denen man nur eine unklare Vorstellung hat, weiß, wie peinlich solch ein Warten ist. Wird der Empfang offen und herzlich oder kalt und steif sein? Während der wenigen Minuten, die nach der Übergabe seiner und Buntlines Karte an den Diener verstrichen, wünschte Will sich fast, der elegante Salon würde sich in die wilde Prärie verwandeln. Doch kaum war dieser Wunsch in ihm aufgestiegen, erschien im Türrahmen des Nebenzimmers das lieblichste Mädchen, das Wills Augen je erblickt hatten. Ihr folgte ein höflich und elegant aussehender Herr. Es waren Cousine Lizzie und Onkel Henry. Über die Art des Empfangs konnte kein Zweifel bestehen, er war überaus herzlich, und Will verlebte eine reizende Zeit mit seinen Verwandten. Seine Cousine aber gewann sofort sein ganzes Herz. Die Liebe, die er für seine Mutter gehegt hatte – die reinste und stärkste seiner Neigungen – übertrug sich auf dieses schöne Mädchen.

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