Die Hexen von Lancashire Band 1 – Kapitel 10
Die Hexen von Lancashire
Erster Band
Ein Roman aus dem Pendle-Wald von William Harrison Ainsworth
Leipzig, 1849
Einleitung
Der letzte Abt von Whalley
Zehntes Kapitel
Der Holehouses-Hügel
In diesem Augenblick ertönte Trompetenklang vom Tor her, und der Earl von Derby mit dem Sheriff zu seiner Rechten und Assheton zur Linken kam auf einem reich geschirrten Ross hervor. Vor ihm her schritten vier Wurfspießträger, und hinterher kamen zwei Herolde in ihren Wappenröcken.
Bei dem Trauergeläute der Glocken, bei feierlicher Musik, bei den von den Mönchen angestimmten Klagegesängen und dem Wirbeln gedämpfter Trommeln in gemessenen Zwischenräumen machte sich der Zug auf den Weg. Das laute Geschrei der Umstehenden bezeichnete seinen Aufbruch. Einige davon folgten, aber viele wendeten sich ab, denn sie waren nicht imstande, den Anblick des grauenhaften Schauspiels zu ertragen, welches nun folgen sollte. Unter denen, welche sich entfernten, befand sich auch Hal o’ Nabs; er trug jedoch Sorge, der Wache nicht in den Weg zu kommen, obschon es infolge seiner Verkleidung unwahrscheinlich war, dass man ihn erkennen würde.
Ungeachtet des furchtbaren Wetters hatte sich eine große Menschenmasse am Platz der Hinrichtung versammelt und erwartete den herannahenden Zug mit dumpfer Neugier. Um alle Ruhestörungen zu verhüten, waren Arkebusiere an einzelnen Posten hier und da postiert, und der Weg für den Zug wurde durch zwei Reihen Hellebardiere mit gekreuzten Piken freigehalten. Dessen ungeachtet hatte doch das Ersteigen des Berges seine Schwierigkeiten. Durch die Nässe und mehr noch durch das Umherlaufen der Zuschauer schlüpfrig gemacht, war die Straße an einigen Stellen so schlecht, dass die Pferde den Schleifschlitten kaum hinaufzuziehen vermochten, und mehr als einmal kam es zu Unterbrechungen. Bei jeder dieser Verzögerungen ließ sich ein lautes Schreien und Heulen der versammelten Menge vernehmen, was weder durch die Drohungen des Earl von Derby noch durch die Maßnahmen der Wachmannschaft unterdrückt werden konnte.
Endlich jedoch kam der Zug an den Ort seiner Bestimmung. Die Menge der Zuschauer drängte sich nun vor und bildete einen dichten Kreis um den hölzernen Verschlag, der den Richtplatz umgab. Innerhalb dessen befanden sich der Earl von Derby, der Sheriff, Assheton und die vornehmsten Offiziere nebst Demdike und seinen Gehilfen, während die Söldner einen drei Mann tiefen Ring um sie geschlossen hielten.
Paslew wurde zuerst losgebunden. Als er aufstand, sah er Vater Smith, den vormaligen Prior, neben sich und umarmte ihn zärtlich. »Seid guten Mutes, Vater Abt«, sagte der Prior, »noch wenige Augenblicke, und Ihr werdet zu den Gerechten gezählt sein.«
»Ich hoffe auf die unendliche Barmherzigkeit des Himmels, Vater«, entgegnete Paslew tief aufseufzend. »Betet für mich in meinen letzten Augenblicken.«
»Zweifelt nicht daran«, entgegnete der Prior mit Wärme, »ich werde jetzt und immer für Euch beten.«
Mittlerweile wurden die Bande der beiden anderen Gefangenen ebenfalls gelöst, aber diese waren durchaus nicht imstande, ohne fremde Hilfe aufzustehen. Eine hohe Leiter war an das Mittelgerüst angelehnt, und auf diese stieg Demdike, nachdem er seinen Mantel abgeworfen hatte, hinauf und machte den Strick zurecht. Seine lange, hagere Gestalt, die in der enganliegenden Tracht deutlich hervortrat, gab ihm das Ansehen einer entsetzlichen Vogelscheuche. Sein Erscheinen wurde von der Menge mit einem Sturm entrüsteten Geschreis begrüßt. Aber er achtete nicht darauf, sondern verrichtete ruhig seine Arbeit. Über ihm kreisten die beiden Raben, welche diesen Ort seit Tagesanbruch nicht verlassen hatten, und stießen ihr misstönendes Gekrächze aus.
Als alles fertig war, stieg er einige Sprossen hinunter, nahm eine schwarze Kappe von seinem Gürtel, um sie seinem Opfer über den Kopf zu ziehen, und rief mit einer Stimme, in deren Ton wenig Menschliches lag: »Ich warte auf Euch, John Paslew.«
»Seid Ihr bereit, Paslew?«, fragte der Earl von Derby.
»Ich bin es, Mylord«, entgegnete der Abt. Er umarmte den Prior zum letzten Mal und setzte hinzu: »Vale, carissime frater, in aeternum vale! Et Dominus tecum sit in ultionem inimicorum nostrorum!«1
»Es ist der Wille des Königs, dass Ihr kein Wort zu Eurer Rechtfertigung an den Pöbel richtet, Paslew«, bemerkte der Earl.
»Das war auch nicht meine Absicht, Mylord«, entgegnete der Abt entschlossen. Er stieg die Leiter hinauf, und zwar mit einer Würde, als ob er die Stufen einer Kanzel beträte.
Bisher hatten Fluchen und Heulen die Ohren der Zuschauer betäubt, und mehrmals waren Unrat und Steine nach Demdike geschleudert worden. Doch als der Abt über den Köpfen der Wache erschien, schwieg der Tumult sofort; es trat eine tiefe Stille ein. Die Zuschauer schienen kaum zu atmen. Nur die Raben setzten ihr ominöses Gekrächze fort.
Hal o’ Nabs, der außerhalb des Kreises stand, hatte bis jetzt zugesehen, aber nun konnte er es nicht mehr ertragen und stürzte den Hügel hinab. Gerade als er die Ebene erreichte, wurde oben am Tor eine Feldschlange abgefeuert, und im nächsten Augenblick verkündete ein lauter Wehruf der Menge, dass der Abt der Ewigkeit entgegengeschleudert worden war.
Hal schaute sich nicht um, sondern ging langsam weiter. Gleich darauf schlugen andere entsetzliche Töne an sein Ohr und verrieten ihm, dass es nun auch mit den beiden anderen Duldern vorüber war. Halb ohnmächtig musste er sich an eine Mauer lehnen. Er hörte den Zug den Berg herabkommen und sah den Earl von Derby und sein Gefolge vorüberreiten. Als er einen Blick nach dem Richtplatz warf, bemerkte er, dass der Abt bereits abgeschnitten worden war. Er ermannte sich und erfuhr, dass Paslews Leiche in die Klosterkirche gebracht werden sollte. Er hörte auch, dass ausgerechnet Demdike mit der Fortschaffung beauftragt war.
Diese Mitteilung entzündete in ihm einen wilden Racheplan. Er eilte zur Kirche, kroch durch ein Fenster auf das Dach der Vorhalle und versteckte sich hinter der schweren Bildsäule des heiligen Gregor. Es dauerte nicht lange, da näherte sich der Zug. An der Spitze der Träger befand sich Demdike. Er trat an die Bahre heran und betrachtete die verzerrten Züge des Toten.
»Endlich bin ich vollständig gerächt«, sagte er.
»Und der Abt Paslew auch!«, rief eine Stimme über ihm.
Demdike blickte auf, aber es war sein letzter Blick. Die schwere Bildsäule, von ihrem Sockel gestoßen, stürzte ihm auf den Kopf und schmetterte ihn zu Boden.
Man erhielt erst viele Jahre später Gewissheit über den Täter, als Hal o’ Nabs auf seinem Sterbebett das Geständnis ablegte. Er zeigte keine Reue, und die Absolution wurde ihm nicht verweigert. So geschah es, dass der Abt und sein Feind miteinander umkamen. Die Überreste des Schwarzkünstlers wurden ohne Gebet in ein Grab geworfen. Die Leiche Paslews hingegen wurde anständig in der Gemeindekirche von Whalley begraben, unter einem Stein mit der Inschrift: Miserere mei.2
Doch nach dem Glauben des Volkes fand der Abt keine Ruhe. Viele Jahre lang sah man eine weiß gekleidete Mönchsgestalt durch die Ruinen streifen. Was das Kind betraf, auf welches der Fluch des Abtes fiel, so war es für das schwarze Geschick aufbehalten, das in den furchtbaren Worten angedeutet war. Dieses Kind und seine Nachkommen wurden die Hexen von Lancashire.
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