Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 9
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 9
Der Einbruch im Museum
»Hände hoch!«, befahl einer der Männer mit unterdrückter Stimme. Der ohnehin aufgeregte Jeremy Stone, welcher von der Anwesenheit der fünf Unbekannten natürlich keine Ahnung hatte, machte, kaum dass der Befehl laut geworden war, einen Luftsprung, welcher jedem Akrobaten zur Ehre gereicht hätte und den er für kein Geld in seinem Museum hätte zeigen wollen.
Doch ehe er sich umwenden konnte, sagte die raue Männerstimme im vorigen ruhigen Ton wieder: »Wenn Ihr Euch umzudrehen wagt, Nick Carter, so schieße ich Euch in Euren Stiefeln nieder.«
Doch Nick Carter war nicht gewillt, sich kampflos der Übermacht zu ergeben, selbst wenn diese doppelt und dreifach so stark gewesen wäre. Allerdings hob Nick Carter seine Hände ebenso schnell wie sein Freund in die Höhe, doch nicht etwa, um dadurch seine Unterwürfigkeit zu zeigen. Der große Detektiv war schon allzu häufig in seinem Leben in großer Lebensgefahr gewesen, als dass er nicht jederzeit auf ein derartiges, bei ihm alltäglich erscheinendes Vorkommnis gerüstet und vorbereitet gewesen wäre.
Er versäumte nie, unter seinem Rock seine eigene Erfindung anzuschnallen: eine Vorrichtung, versehen mit einem sinnreichen Mechanismus, mittels dessen zwei unter seinem Rock verborgene Revolver sofort innerhalb der Ärmel emporglitten, sobald er die Arme hochhielt. Er hatte nichts weiter zu tun, als die schussfertig in die Hände gleitenden Waffen festzuhalten und sich ihrer zu bedienen. Auf diese Weise erschien es, als flögen dem Detektiv die Kugeln aus den Fingerspitzen.
So kam es, dass die an Jeremy Stone von dem einen Einbrecher gerichteten Worte noch nicht völlig über dessen Lippen gekommen waren, als auch schon das in nachdrücklichem Schweigen liegende Museum von einem wahren Kreuzfeuer blitzschnell hintereinander folgender Revolverschüsse durchhallt wurde, die sämtlich von den Händen des Detektivs stammten.
Der Mann, welcher ihm befohlen hatte, die Hände hochzuhalten, wurde von der ersten Kugel getroffen. Das Geschoss streifte seine Schläfe und ließ ihn um die eigene Achse wirbeln, als ob er einen furchtbaren Knüppelhieb empfangen habe; in der nächsten Sekunde fiel der Getroffene wie ein schwerer Holzklotz auf die Dielen.
Die anderen hatten augenscheinlich darauf gerechnet, dass ihre vorgehaltenen Revolver schon genügend Schrecken verbreiten würden, und kaum daran gedacht, sich ihrer wirklich zu bedienen. Auf alle Fälle gab auch nicht ein einziger von ihnen einen Schuss ab. Drei der Männer lagen auch schon am Boden, ehe sie Gelegenheit dazu gefunden hatten, ihre Schusswaffen abzufeuern; zwei von ihnen mit Kopfwunden und der dritte mit einer Kugel in der Schulter.
Die beiden anderen wandten sich schleunigst zur Flucht, doch ehe sie auch nur ein halbes Dutzend Schritte hätten zurücklegen können, lagen sie, durch die Beine geschossen, kampfunfähig auf dem Boden.
»Der Erste, welcher von Euch auch nur einen Finger zu rühren wagt oder gar die Waffe hebt, wird durch den Kopf geschossen!«, erklärte Nick Carter mit fürchterlicher Entschlossenheit. »Macht voran, Jeremy«, setzte er hinzu, »während ich die Kerle in Schach halte, nehmt Ihr ihnen die Waffen ab und bindet sie!«
Ein berüchtigter Zugräuber in Missouri rühmte sich einst, dass er mit Leichtigkeit ein halbes Dutzend unerfahrener Männer zu töten vermochte, ehe sie überhaupt dazu kamen, auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern, selbst wenn diese ihn mit Revolvern bedrohten. Er erklärte dies mit seiner großen Gewandtheit im Schießen und seiner Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart, welche ihn auch im Augenblick höchster Gefahr nicht verließ. Ehe die Bedrohten auch nur zur Erkenntnis dessen kamen, was eigentlich geschah, fanden sie sich schon von den Kugeln durchbohrt am Boden wieder.
Diese Erfahrung hatte auch Nick Carter schon häufig gemacht, und sie hatte ihn gelehrt, im Augenblick der Gefahr blitzschnell zu handeln. Daher kam es, dass fünf kräftige, wohlbewaffnete Verbrecher in der Mehrzahl das Hasenpanier in dem Moment ergriffen, in dem sie des berühmten Detektivs ansichtig wurden, und es aus lauter Furcht, über den Haufen geschossen zu werden, gar nicht wagten, sich der eigenen Waffen zu bedienen.
In solch furchtbarer Weise hatte Nick Carter auch jetzt wieder den fünf Einbrechern heimgeleuchtet, die sich nun im Schmerz auf den Dielen wälzten und kampfunfähig gemacht worden waren. Selbstverständlich verlor Jeremy Stone keine Zeit, um Nicks Befehlen pünktlich Folge zu leisten. Er brachte Stricke herbei, mit welchen sie die Einbrecher fesselten. Dann wurden sie von Nick und dem Museumspfleger in dessen Büro gebracht, und dort wurden ihnen von beiden Männern ihre Wunden notdürftig verbunden. Keiner von ihnen war indessen ernsthaft verwundet.
»Donnerwetter!«, rief Jeremy, die fünf Kerle anschauend und sich dann schmunzelnd die Hände reibend. »Ich wollte wohl, Nick, wir könnten jede Nacht eine solche Vorstellung zum Besten geben, das wäre eine Riesenreklame für mein Museum.«
Nick lächelte nur schwach; dann aber trat er mit grimmiger Miene vor die fünf Gefangenen. »Ihr Burschen kamt gerade im richtigen Moment, in dem ich Eurer Anwesenheit am meisten bedurfte«, versetzte er kalt. »Eigentlich erwartete ich Euren Besuch schon früher, doch als es drei Uhr geworden war, nahm ich an, Ihr hättet Euch die Sache anders überlegt.«
Der Anführer der Einbrecher, dessen Schläfe von der Kugel des Detektivs gestreift worden war und der sich von seiner Betäubung inzwischen wieder völlig erholt hatte, lachte wild auf; doch er schwieg.
»Es ist eigentlich jammervoll, Ihr Kerle könntet einem leidtun, denn Ihr seid ja sämtlich nur das Werkzeug eines anderen, keiner von Euch ist der Anführer«, fuhr der Detektiv mit einem leichten Lächeln fort. »Nun, Ihr Burschen, wenn es gefällig ist, wollen wir uns jetzt einmal in verständlichem Englisch unterhalten! Wollt Ihr, so könnt Ihr Euch viele Unannehmlichkeiten ersparen; im anderen Falle werden Euch die Jungen später vor Gericht kennenlernen. An keinem von Euch liegt mir sonderlich viel, Ihr seid mir vielmehr im Wege. Versteht Ihr mich?«
»Ich hörte, was Ihr gesagt habt«, knurrte der Mann.
»Umso besser, dann sprecht Ihr jetzt und gesteht alles, was Ihr wisst. Dann würde ich Euch vielleicht laufen lassen, um dafür einen anderen, an dem mir mehr gelegen ist, beim Kragen zu nehmen. Versteht Ihr mich?«
»Ja, ich verstehe Euch!«, wiederholte der Wortführer.
»Gut! Ihr scheint mir vernünftig zu sein. Vor allen Dingen sagt: Wisst Ihr, was das Innere der Car birgt?«
»Ich weiß nur, was ich vorhin, solange noch Licht in der Car brannte, sah – und das war verh… wenig!«
»Was habt Ihr gesehen?«, wollte der Detektiv wissen.
»Ein paar Wachsfiguren!«
»Stimmt auffallend. Weiter, was hattet Ihr hier zu suchen?«
»Ich hatte hier nichts zu suchen, im Gegenteil, ich wollte dafür sorgen, dass auch kein anderer mehr hier etwas zu finden hat.«
»Drückt Euch weniger unklar aus«, ermahnte Nick Carter ihm einen drohenden Blick zuwerfend, der von dem Burschen augenblicklich gewürdigt wurde, denn er beeilte sich hinzuzufügen:
»Nun, ich kann es ja sagen. Wir sollten den ganzen Museumsplunder hier in die Luft sprengen. Ja, das sollten wir!«
»Was?«, versetzte Nick Carter und trat einen Schritt zurück.
»Gewiss«, meinte der Mann gelassen. »Es ist nun mal unser Geschäft. Ob man im Steinbruch Steine sprengt oder hier im Museum jene Car dort, das bleibt sich für unsereinen gleich – wenn man nur tüchtig bezahlt wird.«
Nick Carter trat dicht an den gelassen Sprechenden heran. »Ich will Euch was sagen«, versetzte er scharf, »das Leben ist zu kurz, um mir von Euch Rätsel aufgeben zu lassen, besonders in dieser Nacht. Wenn Ihr mich nicht von einer ganz unangenehmen Seite kennenlernen wollt, so gesteht mir sofort, wer Euch den nichtswürdigen Auftrag erteilt hat, jene Car dort mitsamt dem Museum in die Luft zu sprengen.«
»Nun, vorgestellt hat er sich weiter nicht, sondern er gab jedem von uns hundert Dollar und versprach uns weitere hundert, sobald wir die Arbeit zu seiner Zufriedenheit ausgeführt haben würden.«
»Ihr solltet also Dynamit unter die Car legen, was?«
»Ja, das ist es. Dynamit sollten wir legen. Es ist auch bereits gelegt, und ich hätte Euch ein Dutzend Mal in die Luft sprengen können, während Ihr Euch in der Car befandet; doch ich bin vielleicht ein raubsinniger Kerl, aber kein Mörder. Ich wurde nicht dafür bezahlt, Euch ums Leben zu bringen, so was macht unsereiner nicht unter tausend Dollar. Man muss auch in unserem Geschäft auf den Preis achten. Da Ihr nur zu zweit wart, so dachte ich, es würde uns ein Leichtes sein, Euch zum Teufel zu jagen. War dies geschehen, konnte ja die Geschichte in die Luft gehen.«
»Wirklich recht nett von Euch. Besonders hübsch finde ich es, dass Ihr auf Preise haltet«, sagte der Detektiv belustigt. »Im Übrigen werdet Ihr Euch wohl gesagt haben, dass eine Dynamitsprengung, welche außer großem Sachschaden zwei Menschenleben forderte, Euch ungleich schlimmer bekäme als ein gewöhnliches Dynamitattentat.«
»Nun, wenn Ihr es so auffassen wollt, ist es mir recht«, murrte der Verbrecher. »Ich habe mir noch nie viel aus anderer Leute Meinung gemacht.«
»Heraus mit der Sprache«, drängte Nick Carter, »wo habt Ihr denn Euren Auftraggeber treffen sollen, um den Rest Eures Geldes zu erhalten?«
»In dem Wartezimmer für Ladies drunten in der Bahnstation.«
»Solltet Ihr Euch dorthin sämtlich begeben?«
»Nein, ich sollte allein hingehen.«
»Um wie viel Uhr?«
»Heute Morgen um sechs Uhr. Doch hört, es würde Euch nichts nützen, wenn Ihr Euch nun dorthin begeben würdet, denn der Betreffende würde nicht dort sein. Er weiß recht gut, ob hier im Museum eine Explosion stattgefunden hat oder nicht. Und hört er nichts, so wird er sich köstlich in Acht nehmen!«
»Wo lebt Ihr?«, fragte Nick Carter weiter.
»Hier in Kansas City. Ich bin der Polizei gut bekannt, und wenn Ihr alles über mich auskundschaften wollt, so schaut Euch nur das Verbrecheralbum an, denn da nehme ich einen Ehrenplatz ein und bin sogar in verschiedenen Stellungen fotografiert. Ihr seht, ich bin offenherzig, denn ich denke, Ihr werdet wie ein anständiger Kerl handeln und uns laufen lassen. Ich bin ein Desperado, wie die braven Bürger sagen; nach meiner Meinung bin ich ein schwerer Junge. Nun, das ist Ansichtssache. Doch die Boys hier sind meine Geschäftskollegen und von keiner schlechten Sorte. Einige von uns möchte die Polizei gern sprechen, einige nicht. Mich so ein paar Jahre kaltstellen zu dürfen, würde den schlafmützigen Blauen einen Riesenspaß bereiten.«
»Sagt, wusste der Mann, der Euch beauftragte, was sich in jener Car befindet?«
»Nein, er sagte nichts darüber, und ich weiß es nicht.«
»Ihr seid wenigstens offenherzig«, meinte Nick Carter lächelnd. »Wenn ich Euch laufen lasse, wollt Ihr mir dann versprechen, die Stadt sofort zu verlassen und mindestens ein Jahr fernzubleiben?«
»Mit dem größten Vergnügen, denn das Pflaster in Kansas City ist augenblicklich heiß, und Jungs wie wir finden überall etwas zu tun!«
»Abgemacht. Zwei Eurer Gefährten können laufen, und die beiden anderen dürfen ein wenig hinken. Sagt ihnen, sie sollen machen, dass sie fortkommen. Ihr dagegen bleibt hier.«
»Warum soll ich denn nicht auch gehen dürfen?«, fragte der Mann störrisch.
»Ich will Euch nur so lange festhalten, bis Ihr mir Euren Auftraggeber gezeigt habt«, erklärte Nick bestimmt. »Ihr könnt und werdet dies tun.«
»All right. Bin ich auch ein Spitzbube, so pflege ich doch Wort zu halten. Doch darauf könnt Ihr rechnen: Habe ich getan, was Ihr von mir verlangt, dann komme ich nach Kansas City in zehn Jahren nicht wieder zurück! Mit allen Spitzbuben zwischen den beiden großen Weltmeeren will ich mich einlassen, und der Teufel soll mich holen, führte ich sie nicht allesamt an der Nase herum. Doch an diesem Dr. Quarz könnte ich mir den Magen verderben!«
»Von wem sprecht Ihr?«, fragte Nick Carter, voll Erstaunen unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.
»Unser Auftraggeber heißt Dr. Quarz.«
»Es ist nicht zu fassen!«, stammelte Jeremy Stone, der seiner Gewohnheit zufolge fleißig wieder die Hände gerieben hatte, sich nun aber jäh in dieser Beschäftigung unterbrach. »Der tote Doktor!«
»Ihr sprecht von Dr. Quarz?«, vergewisserte sich der Detektiv nochmals.
»Allerdings. Um die ganze Wahrheit zu sagen: Er gab mir nicht selbst den Auftrag, doch ich wusste, dass der Mittelmann von ihm kam. Es ist ohnehin nicht das erste Stück Arbeit, das ich für ihn ausgeführt habe.«
Nick Carter schlug die Hände zusammen. »Dr. Quarz«, sagte er kopfschüttelnd. »Wirklich, ein zweiter Dr. Quarz!«
»Genauso nennt er sich«, bestätigte der Mann.
»Nun, lebt er hier in Kansas City?«
»Gewiss, Miller!«
»Wo liegt das?«
»Auch das weiß ich!«
»Gut, Ihr werdet mich hinführen!«
»Werde ich? Nein, bester Herr, lieber spaziere ich ins Gefängnis. Alles, was ich tun will, ist, Euch das Haus von fern zu zeigen, doch dann schlage ich mich in die Büsche, so schnell mich meine Füße tragen können. Danach richtet Euch.«
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