Wundersame Abenteuer zweier Scholaren durch die Welt – Kapitel 1
Ralph Alexander, Serge Patrice
Wundersame Abenteuer zweier Scholaren durch die Welt
Eine Abenteuergeschichte im 15. Jahrhundert ist gewiss recht alltäglich. Doch etwas gewiss Selteneres ist ein Reisebericht in jener Art, die der modernen Jugend so sehr und so zu Recht gefällt, und dessen Handlung in jener interessanten Epoche spielt.
Wir bieten unseren Lesern diese unbestreitbare Neuheit an, in der Gewissheit, dass sie das Thema schätzen werden.
In den verschiedensten Regionen, auf den drei damals allein bekannten Kontinenten, in den ungewöhnlichsten Umgebungen, werden die beiden Helden dieses packenden Romans – zwei Studenten (Scholaren) der Sorbonne, turbulente Vorfahren unserer heutigen Studenten – ihren Weg durch zahlreiche Gefahren und spannende Schicksalswendungen finden.
Eine köstliche sentimentale Handlung, die sich behutsam in diese bewegende Erzählung einfügt, wird unsere Leser vollends bezaubern und rühren; sie werden – muss man es überhaupt sagen? – von einem recht unerwarteten Ende überrascht werden …
… Sorge, Vergnügen, Angst, Freude, Hass, kindliche und idyllische Liebe: Das ist es, was die sympathischen Helden dieser wahren Geschichte durchstehen, erleben und empfinden werden.
Und genau das werden auch unsere sympathischen Leser empfinden und durchmachen! …“
Erster Teil
Die verhängnisvolle Barmherzigkeit
Kapitel 1
In dem der Leser Bekanntschaft mit unserem Helden macht, von denen einer große Gefahr läuft, nicht alt zu werden
Was war die Ursache dieser Schlägerei, in deren Verlauf sich etwa zwanzig Scholaren jeden Alters, aufgeteilt in zwei feindliche Lager, derart heftig beschimpften und traktierten? Nur wenige unter ihnen wären wohl in der Lage gewesen, darüber Auskunft zu geben! Wie all jene Tumulte, die in diesem unruhigen „Pays Latin“ des alten Paris allenthalben ausbrachen, entsprang sie einer Nichtigkeit – oder vielleicht gar nichts! Eine Geste, ein Wort, ein Lachen führte oft zu den schlimmsten Prügeleien.
Manchmal nahmen diese einen unbestreitbar ernsten Charakter an. Dies war glücklicherweise nicht der Fall bei jenem Zusammenstoß, der als Ausgangspunkt für den wahrheitsgetreuen Bericht dient, den wir hier wiedergeben. Obwohl dieser Kampf weniger umfangreich war, so war er doch nicht weniger gewalttätig, urteilte man nach dem Interesse, das mehrere Bogenschützen der königlichen Garde dem Schauspiel entgegenbrachten. Letztere hatten an der Ecke der Rue Galande und der alten Rue du Fouarre haltgemacht, wo sich an einem Herbstabend des Jahres 1491 jene Schlacht abspielte. Sie regte die Soldaten zu mancherlei Scherzen und belustigten Bemerkungen an, die sie munter mit den umstehenden Bürgern austauschten.
„Aber sie bringen sich ja gegenseitig um, diese Taugenichtse!“, rief eine rundliche Gevatterin entsetzt aus.
„Das ist ein wahrer Segen!“, erwiderte ein spöttischer Bogenschütze.
„Sollen sie sich doch die Därme aus dem Leib schneiden, sie können sich gar nicht genug aufschlitzen!“
„Ein wahres Massaker!“, stöhnte die Gevatterin.
Die Angelegenheit war in der Tat hitzig. Bereits lagen mehrere Kämpfer übel zugerichtet auf dem Pflaster. Die anderen bildeten ein wildes Gemenge, umklammerten sich voller Wut und stießen betäubendes Geschrei aus.
Bald schwächte sich eine der Parteien sichtlich ab. Nur noch vier oder fünf von ihnen standen aufrecht und kämpften mit grimmiger Zähigkeit gegen ein gutes Dutzend Wütender. Doch in eine Straßenecke gedrängt, waren sie dem Untergang geweiht…
In diesem Augenblick kamen zwei Scholaren, die sich ruhig unterhielten, aus der Rue de la Bûcherie und bogen in die Rue du Fouarre ein.
„Zu Hilfe!“, brüllte verzweifelt einer der Kämpfer, der zu Boden geworfen worden war.
Auf diesen Hilferuf hin tauschten die Neuankömmlinge einen schnellen Blick und stürzten sich ohne weiteres Zögern auf die Gruppe, während sie riefen: „Zur Rettung! Montfort, stich und schlag drein!“
Und indem sie bis in das Zentrum des Getümmels vordrangen, teilten sie ungestüm gewaltige Hiebe aus.
Überrascht von diesem unvorhergesehenen Angriff begannen die Gegner, völlig demoralisiert, kopflos zu brüllen: „Die Wache! Hilfe! Zu uns!“
Ihre Rufe blieben nicht ohne Echo. Eine unerwartete Hilfe erlaubte ihnen, wieder Atem zu schöpfen – sofern man denn die Ablenkung als Hilfe bezeichnen kann, welche das plötzliche Einschreiten zweier Stabträger der Universität brachte, die mit kräftigen Rutenschlägen wahllos auf alle Beteiligten einschlugen!
Einige Schritte entfernt, auf einem weißen Maultier, beobachtete ein Mann in violetten Gewändern die Szene mit strengem Blick. Er trug jenen alten Chaperon (eine Kopfbedeckung), der unter den Leuten der Sorbonne noch üblich war … Es war der Rektor der Universität von Paris.
Unter dem plötzlichen Angriff der universitären Pedelle verbündeten sich die Scholaren – die eben noch Gegner gewesen waren – augenblicklich.
Umringt von der brüllenden Bande, die ihn mit groben Beleidigungen und boshaften Spötteleien überhäufte, versuchte der Rektor vergeblich, den Sturm zu besänftigen. Doch jedes seiner Worte schien die Wut seiner Angreifer nur noch zu steigern, die sich gegenseitig anstachelten und begannen, ihn auf sehr unschöne Weise zu bedrängen.
Währenddessen diskutierten ein wenig abseits die beiden Scholaren, deren rechtzeitiges Eingreifen den Lauf der Dinge so mühelos verändert hatte, mit lebhaften Gesten.
Trotz der glorreichen Unordnung ihrer Kleidung konnte man leicht bemerken, dass sie ordentlicher gekleidet waren als die meisten anderen Scholaren, die zum Großteil arm und zerlumpt wirkten.
Beide waren von hohem Wuchs und besaßen jene stolze Eleganz im Auftreten, das erbliche Vorrecht einer vornehmen Herkunft.
Der eine, von robusterer Statur, dessen Gesicht von einer prächtigen, feurig-roten Mähne eingerahmt wurde, blickte seinen Freund aus klaren, blauen Augen an. Dieser wiederum war schlank und geschmeidig. Sein Gesicht von bemerkenswerter Schönheit wurde von zwei großen, sehr sanften Augen erhellt.
„Tiburce, ich bitte dich“, sagte er zu seinem Gefährten, „lass uns gehen.“
„Niemals! Ventre-Mahon!“, fluchte der andere wütend, während er mit dem Aufschlag seines Ärmels das Blut abwischte, das ihm über das Gesicht rann. „Dieser Rektor scheint mir mit äußerster Unverschämtheit gehandelt zu haben. Mich mit Rutenschlägen schlagen zu lassen – mich, der ich bereits meine Déterminance erlangt habe und dem der Kanzler von Sainte-Geneviève bald die Lizenz erteilen wird! Bei den Hörnern des Teufels! Das geht zu weit! Und du willst, dass ich ihn ungestraft davonkommen lasse, ohne meinen Teil beizutragen! Beim Tode Christi!“
„Komm schon, Tiburce, beruhige dich. Es ist noch nicht lange her, da warst du bloß ein Baccalaureus, und die Ruten waren dir vertraut. Komm mit mir. Du wirst dir nur wieder allerlei Ärger einhandeln!“
„Was tut das zur Sache! Ich will es diesem pedantischen Schuft zumindest ins Gesicht sagen …“
„Gut, ich werde dir nicht länger zuhören“, erwiderte Amaury entschieden. „Du bleibst? Ich gehe! Möge Unsere Liebe Frau dich beschützen.“
Tiburce war bereits wieder mitten im Getümmel.
„Was für ein Narr!“, monologisierte Amaury, der sich mit großen Schritten entfernte. „Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich noch einmal in solchen Lärm einmischen lasse. Warum muss Tiburce auch immer die Wut haben, sich überall hineinzustürzen? Was mich betrifft, so werde ich ihm fortan bei seinen närrischen Abenteuern nicht mehr beistehen!“
Während er so dahin schritt, wollte der junge Mann mit einer ihm gewohnten Geste unwillkürlich die Hand an den Dolch legen, der an seinem Gürtel hing. Doch seine Finger berührten nur die leere Scheide.
„Gottes Blut!“, rief der Scholar ganz bestürzt aus, „sollte ich etwa meinen Gnadgott in diesem unglückseligen Handgemenge verloren haben?“
Zutiefst erschüttert ging er langsam den Weg zurück, den er gekommen war, und untersuchte den Boden mit aufmerksamem Blick.
„Mein Gott“, stöhnte er, „hoffentlich finde ich ihn wieder! Heiliger Antonius, ich verspreche dir die schönste Kerze aus dem Laden von Meister Fravoli, wenn du ihn mich finden lässt!“
Nach und nach näherte er sich wieder dem Ort des Streits. Dieser schien sich sonderbar zu verschlimmern. Doch der Scholar achtete nicht darauf; ganz in seine Suche vertieft, setzte er seinen Selbstbereich fort.
„Ich erinnere mich noch an die Worte meiner Mutter, als sie ihn mir übergab: ‚Mein Sohn‘, sagte sie zu mir, ‚möge dieser Gnadgott dich niemals verlassen! Er ist eine treue Waffe. Du kennst seine geheimnisvolle Geschichte: Wenn du diesen Dolch verlierst, ist das Unglück über dir!‘“
Kaum hatte er sich diese Worte wiederholt, als ein schrecklicher Schrei den Tumult durchdrang.
In der Gruppe der Unruhestifter entstand eine plötzliche Bewegung, aus der man jäh einen blutüberströmten Stabträger entkommen sah, der verzweifelt schreiend auf die Bogenschützen zulief.
„Mord! Zu Hilfe! Sie haben den Herrn Rektor getötet!“
Die Bande der Scholaren hatte sich bereits zerstreut. Amaury blieb allein zurück, wie versteint. Was war geschehen? Diese Schreie … Diese Flucht … Ganz in seine düsteren Sorgen vertieft, verstand der junge Mann nicht, was vorging.
„He! Mein Herr! Folgt uns, bitte!“
Amaury hob den Kopf. Ein Dutzend Bogenschützen umringten ihn. Derjenige, der ihn zuvor so spöttisch angesprochen hatte, packte ihn bereits am Kragen. Mit einem heftigen Stoß befreite sich der Scholar.
„Sachte, sachte, meine Herren!“, rief er zornig aus. „Seht Ihr nicht, mit wem Ihr es zu tun habt? Würde es Euch gefallen, gehängt zu werden? Seit wann nehmen die Leute des Herrn Prévôt ohne Vergehen einen Kleriker der Universität fest?“
„He da! Junger Mann! Beruhigen Sie sich!“, erwiderte der Anführer der Truppe. „Es ist ein Diener Ihrer eigenen Universität, der uns zur Hilfe ruft. Außerdem wurde ein Mord begangen. Wir sind Zeugen: Wir haben Sie auf frischer Tat gestellt!“
„Aber ich bin nicht schuldig!“
„Das werden wir ja sehen.“
Und die Bogenschützen versuchten, den jungen Mann mitzuziehen, der aufbrauste: »Potztausend, ja! Wir werden ja sehen! Und bei meinem Glauben, Ihr werdet es büßen! Ich werde Euch also folgen, aber nicht, bevor ich den Gnadengott wiedergefunden habe, den ich hier verloren haben muss!«
»Da erzählst du uns ja eine schöne Geschichte, du Elender!«, rief grob ein Bogenschütze aus, der gerade die am Boden liegenden Körper inspiziert hatte. Deinen Dolch? Hier! Erkennst du ihn?«
Amaury machte einen Schritt, um seinen Beleidiger an der Kehle zu packen. Doch instinktiv waren seine Blicke bereits der Geste des Bewaffneten gefolgt … und was er sah, ließ ihn taumeln.
In der Gosse lag der Körper des unglücklichen Rektors, leblos. Und in seiner blutroten Brust steckte ein Dolch bis zum Heft!
Es war der Dolch von Amaury …
*
In einem jener schrecklichen Kerker des Grand-Châtelet, unterirdische Verschläge, so eng und dunkel, dass sie wie Gräber wirkten, grübelte Amaury schmerzvoll.
In einer Ecke seines Gefängnisses hockend, glaubte er einen furchtbaren Albtraum zu durchleben! Vor seinen Augen zog immer wieder die schreckliche Vision jenes Leichnams vorbei, den die Hand eines anderen mit seinem Dolch – dem verlorenen Dolch – ermordet hatte!
Denn er verstand nun alles, nachdem der erste Moment des Entsetzens vorüber war! Er rekonstruierte die verhängnisvolle Szene, als ob er dabei gewesen wäre: Im Getümmel musste ihm sein Dolch von einem der Wüteriche entrissen worden sein, der damit anschließend den Rektor niedergestochen hatte!
»Es ist entsetzlich!«, weinte der arme Student, »es ist entsetzlich! Das Unheil ist über mich gekommen! Ich habe meinen Dolch nicht mehr; ich bin verloren!«
Dann schöpfte er wieder Hoffnung. »Und doch ist es unmöglich … ich werde meine Unschuld beweisen … Ich werde erzählen, was geschehen ist … Und ich werde Worte finden, die Wahrheit, dass man mir glauben muss und dass man mir die Tür dieses schändlichen Gefängnisses öffnen wird!«
Und seine verstörten Augen wanderten zu jener dicken, verriegelten Pforte, die ihn von den Lebenden trennte! Plötzlich schien es ihm, ein leises Geräusch zu hören. Tief beunruhigt horchte Amaury auf, und inmitten der düsteren Klagen, die beständig aus den Nachbarzellen zu ihm drangen, vernahm er ein seltsames Scharren.
Kurz darauf erkannte er ein Papier, das man unter der Tür hindurchgeschoben hatte. Ein Papier! … Was bedeutete das? … Was konnte es enthalten? … Wer hatte es gebracht? … Zu welchem Zweck? … Tausend brennende Fragen wirbelten in Amaurys Geist, die er fieberhaft zu klären suchte. Offensichtlich konnte es nur eine Nachricht sein, eine Nachricht, gesandt von einem Freund … Tiburce, zweifellos!
Eine wahnsinnige Hoffnung durchflutete Amaurys Herz. So war er also doch nicht völlig verlassen! Jemand im Verborgenen arbeitete an seiner Befreiung … an seiner Rechtfertigung! Erst jetzt kam dem Studenten, belebt durch diesen tröstlichen Gedanken, die Idee, den schicksalhaften Zettel aufzuheben. Er entfaltete ihn fieberhaft.
Durch einen schmalen Schacht, der sich zehn Fuß weiter oben zu einem Innenhof öffnete, drang das Tageslicht nur matt herein. Amaury hatte große Mühe, den geheimnisvollen Zettel zu entziffern. Doch kaum hatte er den Sinn erfasst, erblasste er… führte die Hand an seine Brust… und brach ohne einen Schrei leblos zusammen…
Als Amaury das Bewusstsein wiedererlangte, blieb er einen Moment lang benommen. Allmählich jedoch erinnerte er sich an die vorangegangenen Ereignisse, und die Erinnerung an den Ort, an dem er sich befand, sowie an den verhängnisvollen Zettel kehrte zurück!
Das Unheil lastet auf mir, dachte er schmerzlich. Und er öffnete die Augen.
Entsetzen! Über sein Gesicht war eine finstere Gestalt gebeugt. Starr vor Schreck schloss Amaury hastig seine Lider wieder. Einige Sekunden lang packte ihn eine unsagbare Angst. Dann, einen grauenhaften Albtraum vermutend, fasste er sich wieder und blickte hin: Die höllische Vision bestand fort!
Amaury war tapfer. Dennoch hatte er Angst! Er wäre nicht ein Kind seiner Zeit gewesen, hätte er nicht unter dem Einfluss des bizarren Aberglaubens des Mittelalters gestanden. Daher machte der Student fast instinktiv ein schnelles Kreuzzeichen und sprach im Geist eine Exorzismusformel. Der Schatten wich zurück.
Amaury richtete sich auf. Der Schatten bewegte sich auf ihn zu.
»Weiche, Satan!«, stieß der junge Mann hervor, in schrecklicher Ergebenheit.
»Ich bin es nicht! Ich glaube an Gott!«, antwortete mit dumpfer Stimme der beeindruckende Besucher, der sich ebenfalls bekreuzigte.
»Aber wer seid Ihr?«, fragte der Gefangene ängstlich.
Feierlich erwiderte der andere: »Ein Freund!«
Der Scholar, dessen Augen sich allmählich an die ihn umgebende Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte nun die dunkle Silhouette erkennen, die ihn so sehr in Aufregung versetzt hatte. Der Unbekannte war in eine undurchdringliche Kapuzengewandung gehüllt, die ihn von Kopf bis Fuß bedeckte. In der Kapuze waren auf Augenhöhe zwei Löcher ausgespart, aus denen Augen wie zwei glühende Kohlen in der Finsternis leuchteten.
Ein lastendes Schweigen war den Worten des Kapuzenmannes gefolgt.
„Ein Freund!“, hatte er gesagt.
Amaury ließ sich auf die Knie nieder. »Seid Ihr es also«, rief er aus, »der mir diesen Zettel zugeschoben hat?«
»Pst! Sprechen wir leise!«, sagte der seltsame Besucher. »Ja, ich bin es.«
»Oh! Danke! Danke!«, hauchte der dankbare Gefangene. »Und doch hat sie mir so weh getan, diese barmherzige Nachricht! Aber ich flehe Euch an, erklärt mir vor allem … Schwebt meine Mutter in Gefahr? Ich beschwöre Euch. Sprecht! Was ist mit ihr?« »Geduld!«, sprach die Kapuzengestalt kalt. »Du hast gelitten? Du leidest?«
»Wie ein Verdammter!«
»Bald wirst du nicht mehr leiden! Die Mauern dieses Gefängnisses lasten auf dir? Sie werden sich vor dir öffnen: Morgen wirst du frei sein! Morgen wirst du deiner Mutter zu Hilfe eilen können!«
»Was!«, stammelte Amaury vor Freude. »Ihr würdet mir zur Flucht verhelfen?«
» Ja«, sagte der Mann, noch immer unbeweglich. »Aber du wirst schnell handeln müssen, wenn du rechtzeitig ankommen willst! Sei zuversichtlich: Morgen wirst du alles wissen.«
Nachdem er dies gesagt hatte, wich der Kapuzenmann langsam bis zur Tür zurück.
»Werdet Ihr mir nicht wenigstens sagen, wer Ihr seid, o mein Wohltäter, damit ich Euren Namen in meine Gebete einschließen kann!«
»Ich habe es dir gesagt: ein Freund.«
Geräuschlos öffnete sich die Tür.
»Wer Ihr auch seid, o geheimnisvoller Beschützer!«, sagte Amaury, noch immer auf den Knien, »mein Leben gehört Euch … ich biete es Euch als Opfer dar! Seid gesegnet! Seid gesegnet!«
Die Tür hatte sich wieder geschlossen.
Der Student war allein. Er begann nachzudenken. Seine Unruhe war extrem. Das Ausweichende des Kapuzenmannes hatte ihn in einen Zustand großer Nervosität versetzt. Wie sehr wünschte er sich, bereits am nächsten Tag zu sein, um Bescheid zu wissen und zu handeln! Und wie langsam verstrichen die Stunden nach seinem Geschmack! Er wusste, dass eine Gefahr seine Mutter bedrohte, aber er kannte ihre Art nicht. Der Unbekannte hatte ihm zu viel oder zu wenig gesagt! Und obwohl er ihm geraten hatte, zuversichtlich zu sein, konnte Amaury eine tiefe Beunruhigung nicht abwehren. Hatte er nicht seinen Dolch verloren? Lag nicht das Unglück auf ihm?
Trotz allem schien es Amaury, als würde dieser lakonische Zettel ihn einen weiteren Schritt ins Verderben führen.
Und sehr ängstlich suchte der Scholar, während er das Papier zwischen seinen fiebrigen Fingern hin und her drehte, das Geheimnis dieser brutalen Zeilen zu ergründen:
Ihre Mutter ist in Lebensgefahr. Rettet sie: Es ist noch Zeit.
Ein Freund.
Was mochte wohl diese unmittelbar bevorstehende Gefahr sein? Amaury fragte sich das vergeblich, all seine Nerven waren angespannt. Sollte seine kindliche Liebe erneut auf die Probe gestellt werden, und wäre es möglich, dass er das Kostbarste verlor, was er auf der Welt hatte? Angesichts dieser schrecklichen Möglichkeit fühlte sich der Gefangene entsetzlich unglücklich! Seine augenblickliche Ohnmacht ließ ihn Tränen der Wut vergießen.
Und während er die Härte des Schicksals verfluchte, das ihn vielleicht zum zweiten Mal zur Waise machen würde, erinnerte sich der Unglückliche an die Umstände, unter denen sein armer Vater einige Monate zuvor den Tod gefunden hatte.
Dies war für den am Boden zerstörten Sohn eine doppelte Ursache zur Trauer; denn zu dem ganz natürlichen Schmerz, den ein solcher Verlust in ihm auslöste, gesellte sich das Bedauern, das Andenken seines Vaters nicht – wie er es geschworen hatte – gerächt haben zu können! Enguerrand de Preuilly-Montfort, Herr von Pressigny, Mézières, Tournon und anderen Orten, war tatsächlich in einem Hinterhalt feige ermordet worden!
Der Anstifter des Verbrechens war bekannt. Doch trotz seiner akribischen Nachforschungen hatte Amaury ihn nie finden können. Man hätte sagen können, dass Tancrède de Saint-Rièze, der ewige Rivale des Grafen von Preuilly-Montfort, dank eines teuflischen Zaubertranks verschwunden war, sobald er seine kriminelle Tat vollbracht hatte.
Doch obwohl er verschwunden war, konnte Amaury nicht umhin, nicht ohne zu erschaudern, eine Verbindung zwischen dem einstigen Verbrechen und jenem herzustellen, das sich vielleicht gerade anbahnte. Würde Saint-Rièze es wirklich wagen, die Witwe seines Opfers zu bedrohen? Nein, das war unmöglich: Er hatte sie einst zu leidenschaftlich geliebt! Und außerdem war Madame de Preuilly-Montfort, ordnungsgemäß gewarnt, vor seinen Schlägen sicher.
So vertrieb Amaury schließlich diesen bösen Gedanken. Ein anderer kam ihm, der ihn beinahe beruhigte.
»Habe ich nicht«, sagte er sich, »einen Freund, der mir ein feierliches Versprechen gegeben hat? Einen Beschützer, dank dem ich meine geliebte Mutter werde retten können?«
Bestärkt durch diesen Gedanken beruhigte sich der Scholar allmählich, und als die Nacht hereinbrach, schlief Amaury, erschöpft von so vielen aufeinanderfolgenden Emotionen, völlig zuversichtlich ein.
Bei seinem Erwachen fühlte sich der Student frischer. Er setzte sich auf das zweifelhafte Lager, das ihm als Bett diente, und begann über die Handlungsmöglichkeiten nachzudenken, die sich ihm nach seiner Befreiung bieten würden.
Plötzlich spürte er eine Hand, die sich auf seine Schulter legte: Die Kapuzengestalt war da!
»Ihr! Ihr seid es!« rief Amaury freudig aus. »Die Stunde ist gekommen, nicht wahr?«
»Ja. Die Stunde ist gekommen«, antwortete der andere in einem Tonfall, den der Scholar nicht wiedererkannte.
»Endlich! Werdet Ihr mir nun sagen, was meine Mutter bedroht?«
»Nun gut. Deine Mutter war so unvorsichtig, einem Edelmann Unterschlupf zu gewähren, der sich in offener Revolte gegen den König befindet.«
»Der Marquis d’Orsoy! Ach! Mein Gott! Man weiß es also?«
»Ja. Er glaubte, im Schloss von Preuilly-Montfort eine sichere Zuflucht gefunden zu haben; deine Mutter glaubte das auch, denn die Sache war geheim gehalten worden. Aber jemand hat das Geheimnis entdeckt, und durch diesen Jemand hat es der König erfahren. Charles ist unerbittlich: Seine Majestät hat sofort die schlimmsten Vergeltungsmaßnahmen angeordnet! Das Schloss wird dem Erdboden gleichgemacht! D’Orsoy wird hingerichtet! Und deine Mutter.«
»Um Himmels willen! Sprecht nicht weiter!«, stöhnte der Student. »Es ist entsetzlich.«
»Noch am heutigen Tag«, fuhr der Unbekannte fort, »wird sich ein Trupp in Marsch setzen, um die Befehle des Königs auszuführen! Aber du wirst vor ihm aufbrechen; ein gutes Pferd erwartet dich am Tor Saint-Jacques, und …«
»Aber wie soll ich von hier entkommen?«, erkundigte sich Amaury ängstlich.
»Genauso leicht, wie ich hereingekommen bin. Du musst mir nur folgen! Bist du bereit? Wir gehen!«
Amaury machte einen Schritt nach vorn: »Ich verdanke Euch mein ganzes Leben«, sagte er schlicht.
Doch trotz der Bemühungen, ruhig zu wirken, konnte der Scholar die Zeichen freudigster Ungeduld nicht verbergen. Er konnte nicht umhin, sofort hinzuzufügen: »Seht nur! Ich muss es Euch sagen. Man wirft mich auf den Grund eines Kerkers: Ihr öffnet diesen Kerker. Ich bin frei! Man bedroht meine Mutter. Ihr gebt mir die Mittel, ihr beizustehen. Ihr rettet ihr Leben und das meine; Ihr rettet mir zweimal das Leben!«
Und in einem Ausbruch unendlicher Dankbarkeit ging Amaury auf den Kapuzenmann zu und nahm dessen Hände, um sie an seine Lippen zu führen.
Doch der Freund riss sich gewaltsam los! Ein höllisches Kichern, das den Scholaren vor Entsetzen erstarren ließ, drang aus der dunklen Kapuze, in der die Augen aufblitzten! Amaury wich fassungslos bis zur Wand zurück.
»Ah! Ah!«, grollte der Mann, während er auf ihn zuging. »Du hast dich also in die Falle locken lassen, genau wie der andere! Ich konnte dich mit dieser törichten Hoffnung einlullen, dass du entkommen würdest, mir entkommen würdest! Du hast geglaubt, dass deine Mutter gerettet würde! Und das durch dich! Armer Narr! Aber ich bin es, der dir zweimal das Leben nimmt! In weniger als einer Stunde wirst du gerichtet, verurteilt sein! Du wirst dein Verbrechen gestehen müssen! Wenn nicht: die Peinliche Befragung! Und während man dich foltert, werde ich über dir stehen und deine Klagen auskosten! Ich werde über deine Schreie lachen! Ich werde deine Tränen zählen!«
»Aber wer seid Ihr denn?«, fragte der alarmierte Scholar entsetzt.
„Dann, in der Touraine«, brüllte der andere, ohne zu antworten, »werden Bewaffnete das Schloss deiner Väter einnehmen! Sie werden es in Schutt und Asche legen! Deine Mutter kann nicht fliehen. Sie wird gefasst werden! Und enthauptet! Und weißt du, wer sie verraten hat? Ich war es!«
»Aber wer bist du denn, abscheuliches Monster?«, schrie Amaury, wahnsinnig vor Entsetzen.
»Wer ich bin?«, schäumte die finstere Gestalt. „Hör zu: Du hattest einen Bruder: Jehan. Deine Mutter liebte ihn, so wie sie dich liebt. Eines Tages kehrte er nicht zurück. Man fand seine Leiche in der Claize. Man glaubte an einen Unfall. Nun gut! Nein! Ich war es, der ihn ertränkt hat!«
»Elender! Du …«
»Hör weiter zu: Du hattest einen Vater …«
Der unglückliche Gefangene sprang auf! »Saint-Rièze!«, donnerte er.
Und während er sich auf seinen Peiniger stürzte, riss er ihm die Kapuze vom Kopf. Ein glatter, kahler Kopf kam zum Vorschein.
»Mörder!«, spie Amaury ihm entgegen.
Der Mann lächelte nur …
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