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Adventskalender 2024 – 21. Türchen

Der Teufel und die drei jungen Slaven

Wo war es, wo war es nicht — im Slavenland war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne. Zu denen sagte er eines Tages: »Nun meine Kinder, geht einmal Land und Welt zu sehen. Es gibt ein Land, da badet sich auch die Goldammer in Wein, da ist auch der Hofzaun von Bratwürsten geflochten, und wenn ihr irgend glücklich werden wollt, müsst ihr vor allen Dingen des Landes Sprache lernen.«

Die drei Söhne hörten mit Freuden die Beschreibung des wunderbaren Lan­des an und brannten vor Begierde sich dahin auf den Weg zu machen. Ihr Vater begleitete sie bis auf einen hohen Berggipfel, dahin brauchten sie drei Tage zu gehen, und wie sie oben ankamen, waren sie an der Grenze des gesegneten Landes.

Da hing der Vater seinen Kindern einen leeren Ranzen um den Hals, und indem er dem Ältesten die Richtung Weiterlesen

Der mysteriöse Doktor Cornelius – Band 1 – Episode 5 – Kapitel 1

Gustave Le Rouge
Der mysteriöse Doktor Cornelius
La Maison du Livre, Paris, 1912 – 1913
Fünfte Episode 
Das Geheimnis der Insel der Gehenkten 
Erstes Kapitel
Die Suche nach außergewöhnlichen Empfindungen

Es war zwei Uhr morgens. Die Kunden des Lapin Rouge, eines Nachtclubs nahe den zentralen Hallen und ausschließlich von der unteren Gesellschaftsschicht von Paris frequentiert, drängten sich tumultartig im großen Saal im Erdgeschoss. Der Absinth und der Weißwein flossen in Strömen über den Zinktheken, um die sich die Zuhälter mit auffälligen Krawatten, schrägen, glänzenden Blicken und ehrlichen Arbeitern, die jede Nacht mit dem Entladen von Gemüse und frischen Waren beschäftigt waren, chaotisch vermischten.

Dort waren Lumpensammler, deren Karren, gespannt von einem magersüchtigen Esel, auf der Straße warteten, Sammler von Weiterlesen

Der Wolfsbenjamin Teil 3

Friedrich Gerstäcker
Der Wolfsbenjamin
Aus den Backwoods Amerikas

Teil 3

Der andere Morgen kam und mit ihm ein reges Leben in die kleine Gesellschaft, denn Scipio musste schon vor Tagesgrauen auf und die Pferde füttern. Mrs. Stuart selber bereitete das Frühstück und backte noch außerdem eine Quantität Maisbrote im Vorrat, damit die Wolfsjäger etwas davon mitnehmen könnten und nicht zu darben brauchten.

Um acht Uhr etwa war alles hergerichtet. Von Questen saß schon vollständig gerüstet und wartete auf seine Begleiter, als Benjamin, der ebenfalls neben seinem Pferd stand, zu dem gerade aus dem Haus tretenden Stuart sagte: »Habt Ihr vielleicht eine Büchse, Stuart, die Ihr mir heute Abend borgen könnt? Man weiß doch nicht, was vorfällt.«

»Haben Sie denn kein Gewehr bei sich?«, fragte von Questen aufs Äußerste erstaunt, einen solchen alten Jäger in einem solchen Weiterlesen

Adventskalender 2024 – 20. Türchen

Die alte Straßenlaterne

Hast du je die Geschichte von der alten Straßenlaterne gehört? So außerordentlich amüsant ist sie zwar nicht, jedoch einmal lässt sie sich schon anhören.

Es war eine recht ehrliche, alte Laterne, die viele, viele Jahre hindurch ihren Dienst versehen hatte, nun aber in Ruhestand ver­setzt werden sollte. Zum letzten Mal steckte sie auf dem Pfahl und leuchtete durch die Straße. Es war ihr zumute, wie einer alten Ballett-Figurantin, die zum letzten Mal tanzt und morgen vergessen auf ihrer Bodenkammer sitzt. Die Laterne hatte sehr große Angst wegen des anderen Tages, denn sie wusste, dass sie zum ersten Mal auf dem Rathaus erscheinen und vom Bürgermeister und Rat besichtigt werden sollte, ob sie noch zu fernerem Dienst brauchbar sei oder nicht.

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Die Kreuzfahrer – Erster Band – 5. Kapitel

Felix Dahn
Die Kreuzfahrer
Erzählung aus dem 13. Jahrhundert
Verlag Otto Janke, Berlin, 1884
Erster Band, Erstes Buch
Am Saum der Wüste
Fünftes Kapitel

»Ja«, meinte Walther, »damals ist es gar schön gewesen. Und so viel Jahre weniger grau war ich auch! Und dort weht ein besser Lüftlein als in diesem Land: Sie heißen es das Gelobte! Das Verfluchte sollten sie es nennen!«, schalt der Sänger.

»Was? Wie!«, riefen da Herr Hermann und Friedmuth zugleich.

»Ei, Herr Walther«, neckte der Erstere. »Widersprechen sich die Sänger so leicht, so bald?«

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