Cyril Hare – Der Tote im Wohnzimmer
Cyril Hare – Der Tote im Wohnzimmer
Die Geschichte spielt im London des beginnenden 20. Jahrhunderts. In Daylesford Gardens, South Western, einem ruhigen Viertel in London, stehen Häuser, die zu dieser Zeit nicht neu und nicht im Entferntesten elegant sind. Am nördlichen Ende des Viertels hat der Zeitungsverkäufer Jackie Roach seinen Stand.
Die meisten Hausbesitzer von Daylesford Gardens kennen ihn vom Sehen, aber wieviel er über sie alle weiß, ahnen die wenigsten von ihnen.
An einem kühlen, windigen Abend im November hätte sich Roach über ein Schwätzchen mit jedem der Bewohner des Viertels gefreut, das ihn von dem Rheuma abgelenkt hätte, welches ihn zu dieser Jahreszeit immer ganz besonders plagte. Aber niemand wollte im Augenblick innehalten und mit ihm sprechen. Die Leute blieben gerade so lange, um ihm eine Münze in die Hand zu drücken und sich eine Zeitung zu schnappen, als wäre er ein Automat.
Rosa, das Dienstmädchen von Miss Penrose aus der Nummer 27, das jeden Abend um Punkt sechs Uhr kam, um den Standard zu kaufen, war nicht so. Auf sie war stets Verlass, wenn man den neusten Klatsch und Tratsch erfahren wollte.
Aber an diesem Abend würde Rosa nicht kommen. Miss Penrose war nämlich seit einem Monat verreist. Rosa war zu ihrer Familie aufs Land gefahren, weil sich ihre Arbeitgeberin im Ausland aufhielt.
Das Haus war möbliert an einen Colin James vermietet worden, den Roach vom Namen her kannte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern von Daylesford Gardens war Colin James noch berufstätig. Roach war er deshalb nicht sympathischer.
An diesem Abend gegen halb sieben, als der lang ersehnte Regen niederzuprasseln begann, sah Roach Mister James auf der anderen Straßenseite. Es war ganz sicher Mister James, wie Roach später daran Interessierten Leuten erklärte, denn James war der einzige Bewohner von Daylesford Gardens, der einen Bart hatte, eine buschige Masse brauner Haare, die sein Gesicht vom Mund abwärts bedeckte. Und er war auffallend dick, wobei sein Bauch in keinem Verhältnis zu seinen dünnen Beinen stand, sodass sein Gang ein vorsichtiges Watscheln war, als befürchte er, sein Gewicht werde ihn aus dem Gleichgewicht bringen.
Mister James wurde an diesem Abend von einem anderen Mann begleitet, ein Umstand, der sonst nie vorkam, da er lieber für sich blieb, allein lebte und nie Besuch bekam.
Roach hätte gern in Erfahrung gebracht, wer der Bekannte war, den James mit sich in sein Haus nahm, aber da er gerade Zeitungen verkaufen musste, und James mit seiner Körperfülle seinen Begleiter verdeckte, wurde daraus nichts.
Als Roach schließlich seinen Stand verließ, um sich ins Warme zu flüchten, ließ ihn das Geräusch einer zufallenden Haustür aufblicken. Aus der Nummer 27 erschien eine ihm vertraute Gestalt mit Bart, Bauch und Tasche und ging eilig davon. Der Zeitungsverkäufer fragte sich noch, wo er seinen Begleiter gelassen hatte und bemerkte, dass er Mister James noch nie so schnell hatte fortgehen sehen.
Drei Tage später wurde im Wohnzimmer des Hauses Nummer 27 die Leiche des bekannten Börsenspekulanten Lionel Ballantine gefunden.
Der Autor schafft mit Der Tote im Wohnzimmer einen Kriminalroman mit typisch britischem Flair, der an seine große Kollegin, Agatha Christie, erinnert.
Wie diese eröffnet er dem Leser einen verwickelten und vielschichtigen Fall und lässt einen genialen Ermittler, Inspektor Mallett, den Spuren, die der Täter hinterlassen hat, nachspüren.
Bei seinen Ermittlungen bekommt es Mallett mit gewöhnlichen Leuten, aber auch mit Lords aus der Upper Class, Ladies und jungen Damen zu tun, kurzum mit einem Querschnitt der englischen Gesellschaft, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte.
Zudem beschreibt der Erzähler die damalige Londoner Metropole sehr genau und intensiv, sodass der Leser eine gewisse Vorstellung von Örtlichkeiten und Menschen bekommt.
Die Lösung der Geschichte birgt – wie bei dieser Art der Kriminalliteratur zu erwarten war – eine Überraschung, die Inspektor Mallett mit einer gewissen Genialität aufdeckt.
Dennoch endet der Mord für den Täter nicht so, wie es zu dieser Zeit üblich war, nämlich mit dem Galgen, und der Inspektor hat eine gewisse Sympathie für ihn und das Glück eines jungen Paares, das in den Fall verwickelt ist.
Fazit:
Der vorliegende Kriminalroman erschien zuerst 1937 und lehnt sich an die damalige Kriminalliteratur um Agatha Christie und Dorothy L Sayers an. Die englische Gesellschaft und das damalige London werden liebevoll geschrieben und eröffnen dem Leser das typische britische Flair jener Zeit. Der Plot ist schwierig und verwickelt, und die Auflösung ist überraschend.
Ich kann diesen 2025 neu aufgelegten Krimi dem Leser empfehlen, der typisch britische Krimis liebt und sich gerne von guten Ideen überraschen lässt.
Cyril Hare ist das Pseudonym des 1958 an Tuberkulose verstorbenen Anwalts Alfred Alexander Gordon Clark. Er ist im September 1900 in Surrey geboren und studierte in Rugby und Oxford. Er gehörte zur Anwaltskammer Inner Temple, wurde 1924 als Anwalt vor Gericht zugelassen und schloss sich einer Kanzlei an, die in den 1920er Jahren eine Reihe von großen Kriminalfällen betreute. Er praktizierte bis zum Zweiten Weltkrieg als Anwalt und war danach in verschiedenen juristischen Funktionen und als Richter tätig, zeitweilig als Richter am Bezirksgericht der Grafschaft Surrey.
Er starb auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Richter und seines Schaffens als Kriminalschriftsteller.
Sein Werk umfasst neun Kriminalromane, ein Kinderbuch, ein Theaterstück und Kurzgeschichten. Der Tote im Wohnzimmer ist sein erster Kriminalroman, der zuerst 1937 veröffentlicht und 2025 in der Übersetzung von Holger Hanowell bei Lübbe in Köln neu aufgelegt wurde.
Quellen:
• Cyril Hare, Der Tote im Wohnzimmer. Inspector Malletts erster Fall, Bastei Lübbe AG, Köln 2025.
• de.wikipedia.org
• bastei-luebbe.de
Bilder:
• Cover des Romans. Mit freundlicher Genehmigung der Bastei Lübbe AG.
• Foto des Autors. Copyright: Lotte Meintner-Graff. Ebenfalls mit freundlicher Genehmigung der Bastei Lübbe AG.
(ww)

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