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Varney, der Vampir – Kapitel 61

Thomas Preskett Prest
Varney, der Vampir
oder: Das Blutfest

Ursprünglich als penny dreadful von 1845 bis 1847 veröffentlicht, als es zum ersten Mal in Buchform erschien, ist Varney, der Vampir ein Vorläufer von Vampirgeschichten wie Dracula, die es stark beeinflusst hat.

Kapitel 61

Der geheimnisvolle Fremde – Die Einzelheiten des Selbstmordes in Bannerworth Hall

»Hallo! Wo zum Teufel ist er geblieben?«, rief der Admiral. »Gab es jemals eine so verdammte Gaunerei?«

»Nun, ich weiß es wirklich nicht«, sagte Mr. Chillingworth, »aber mir scheint, er muss durch jene Tür hinter ihm verschwunden sein.« Wissen Sie, Admiral, ich fange an zu wünschen …«

»Was?«

»Dass wir niemals hierhergekommen wären. Und ich denke, je eher wir von hier verschwinden, desto besser.«

»Ja, aber ich lasse mich nicht auf diese Weise foppen und hinter das Licht führen. Ich verlange Genugtuung, aber nicht mit diesen verfluchten Sensen und Dingen, von denen er in der Dunkelkammer faselt. Gebt mir helles Tageslicht und keine Bevorzugung. Rah an Rah. Breitseite gegen Breitseite. Handgranaten und Marlspieker!«

»Schon gut, aber genau das wird er nicht tun. Nun, Admiral, hören Sie mir zu.«

»Schon gut, fahren Sie fort, was kommt als Nächstes?«

»Wir sollten unverzüglich verschwinden.«

»Oh, das sagten Sie bereits.«

»Ja, aber ich wollte noch etwas anderes sagen. Sehen Sie sich um. Finden Sie nicht auch, dass dies ein großer, wissenschaftlich anmutender Raum ist?«

»Was hat das damit zu tun?«

»Was wäre, wenn es hier plötzlich so finster wie im Grab würde, Varney mit seiner Sense hereinkäme und anfinge, uns die Beine abzumähen?«

»Der Teufel auch! Kommen Sie!«

In diesem Moment öffnete sich die Tür, durch die sie eingetreten waren, und die alte Frau erschien.

»Bitte, Herrschaften«, rief sie, »hier ist ein gewisser Mr. Mortimer. Oh, Sir Francis ist gar nicht hier! Wo ist er hin, meine Herren?«

»Zum Teufel!«, sagte der Admiral. »Wer mag dieser Mr. Mortimer wohl sein?«

Ein stämmiger, stattlich aussehender Mann schritt an der Frau vorbei. Er war gut gekleidet, hatte aber einen sehr seltsamen Gesichtsausdruck. Das lag an einer Fehlstellung seiner Augen, durch die es unmöglich war zu erkennen, wohin er eigentlich blickte.

»Ich muss ihn sehen«, sagte er. »Ich muss ihn sehen.«

Mr. Chillingworth wich wie vor Erstaunen zurück.

»Gütiger Gott!«, rief er aus. »Sie hier?«

»Verdammt!«, entfuhr es Mortimer. »Sind Sie Dr. … Dr. …«

»Chillingworth.«

»Derselbe. Still! Es gibt keinen Anlass, mein Geheimnis zu verraten – das heißt, preiszugeben.«

»Und das meine ebenso«, entgegnete Chillingworth. »Aber was führt Sie hierher?«

»Ich kann und darf es Ihnen nicht sagen. Leben Sie wohl!«

Er wandte sich abrupt um, um den Raum zu verlassen, doch am Eingang stieß er mit jemandem zusammen. Im nächsten Moment erschien Henry Bannerworth, erhitzt und fast atemlos vor offensichtlicher Eile.

»Hallo! Bravo!«, rief der Admiral. »Je mehr, desto lustiger! Hier haben wir ja ein ganzes Geschwader! Sagen Sie, wie kommen Sie hierher, Mr. Henry Bannerworth?«

»Bannerworth!«, stellte Mortimer fest. »Ist der Name dieses jungen Mannes Bannerworth?«

»Ja«, sagte Henry. »Kennen Sie mich, Sir?«

»Nein, nein, ich muss fort. Weiß jemand etwas über Sir Francis Varney?«

»Bis vor Kurzem wussten wir etwas über ihn«, sagte der Admiral, »aber er hat sich aus dem Staub gemacht. Tun Sie das nicht. Wenn Sie etwas zu sagen haben, bleiben Sie und sagen Sie es wie ein Engländer.«

»Unsinn! Unsinn!«, ereiferte sich Mortimer. »Was wollen Sie alle hier?«

»Nun, Sir Francis Varney«, sagte Henry, »und es ist mir gleich, ob es die ganze Welt hört, ist der Verfolger meiner Familie.«

»Wie? Auf welche Weise?«

»Er steht im Ruf, ein Vampir zu sein. Er hat mich und meine Familie von Haus und Hof gejagt.«

»Tatsächlich!«

»Ja«, rief Dr. Chillingworth, »und mit diesen oder jenen Mitteln scheint er entschlossen zu sein, in den Besitz von Bannerworth Hall zu gelangen.«

»Nun, meine Herren«, sagte Mortimer, »ich verspreche Ihnen, dass ich der Sache nachgehen werde. Mr. Chillingworth, ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir so wenig wie möglich miteinander sprechen.«

»Lassen Sie mich nur eine Frage stellen«, fiel Dr. Chillingworth ihm flehentlich ins Wort.

»Fragen Sie.«

»Lebte er noch nach …?«

»Er lebte.«

»Sie haben mir immer das Gegenteil behauptet.«

»Ja, ich hatte meine Gründe. Das Spiel ist aus. Leben Sie wohl, und, meine Herren, da ich mich nun entferne, tun Sie es mit einem Sinnspruch: Die Gesellschaft ist im Großen und Ganzen in zwei Klassen geteilt.«

»Und welche mögen das sein?«, fragte der Admiral.

»Jene, die gehängt wurden, und jene, die es noch nicht wurden. Adieu!«

Er wandte sich ab und verließ den Raum. Mr. Chillingworth sank auf einen Stuhl und sagte mit leiser Stimme: »Das ist ungemein wahr, und ich habe gerade einen Bekannten aus der erstgenannten Klasse ausfindig gemacht.«

»Verdammt! Ihr scheint mir alle verrückt zu sein«, entfuhr es dem Admiral. »Ich verstehe nicht, was hier vorgeht. Wie kommen Sie hierher, Mr. Henry Bannerworth?«

»Rein zufällig hörte ich«, sagte Henry, »dass Sie in der Halle Wache hielten. Admiral, es war grausam und nicht recht von Ihnen, ein solches Unternehmen zu wagen, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Glaubten Sie etwa einen Augenblick lang, dass ich, der ich das größte Interesse an dieser Angelegenheit habe, vor einer Gefahr zurückgewichen wäre, sofern es eine gibt, oder dass es mir an Ausdauer gemangelt hätte, wenn diese Eigenschaft nötig gewesen wäre, um einen Plan auszuführen, durch den die Sicherheit und die Ehre meiner Familie gewahrt werden könnten?«

»Aber, mein junger Freund«, wandte Mr. Chillingworth ein.

»Mag sein, Sir, aber ich nehme es übel, dass ich aus dieser Sache herausgehalten und dass sie mir gegenüber so beharrlich als Geheimnis gehütet wurde.«

»Lass ihn reden, wie er will«, erklärte der Admiral. »Die Jugend ist nun mal so. Schließlich, wissen Sie, Doktor, ist es meine Angelegenheit und nicht die Ihre. Lassen Sie ihn sagen, was er will, was macht das schon? Es ist ohne Belang.«

»Ich erwarte nicht, Admiral Bell, dass es für Sie von Belang ist, aber für mich ist es das.«

»Pah!«

»So sehr ich Sie auch schätze, Mr. …«

»Quatsch!«

»Ich muss gestehen, dass ich doch erwartet hatte …«

»Was Sie nicht bekamen, also ist das erledigt. Nun, Henry, ich sage Ihnen was: Sir Francis Varney befindet sich in diesem Haus, zumindest habe ich Grund zu dieser Annahme.«

»Dann«, fuhr Henry ungestüm dazwischen, »werde ich Antworten auf verschiedene Fragen aus ihm herauspressen, die meinen Frieden und mein Glück betreffen.«

»Bitte, meine Herren«, sagte Frau Deborah, die gerade erschien, »Sir Francis Varney ist ausgegangen und hat gesagt, ich solle Ihnen die Tür weisen, sobald Sie gehen möchten.«

»Ich bin überzeugt«, erklärte Mr. Chillingworth, »dass es jetzt zwecklos wäre, Sir Francis Varney hier suchen zu wollen. Ich bitte Sie alle, mit mir zu kommen. Glauben Sie mir, ich spreche nicht leichtfertig oder in der Absicht, Sie von hier fortzulocken. Nachdem ich Ihren Bericht gehört habe, Henry, so schmerzlich er auch sein mag, werde ich in der Lage sein, eine Erklärung für viele Dinge vorzuschlagen, die derzeit im Dunkeln liegen. Ich werde Ihnen einen Weg aufzeigen, wie Sie sich von den Schwierigkeiten befreien können, die Sie umgeben. Einen solchen Weg hätte ich mir kaum erhoffen können.«

»Ich werde Ihrem Rat folgen, Mr. Chillingworth«, sagte Henry, »denn ich habe immer festgestellt, dass er von gutem Gefühl und richtigem Urteil diktiert wurde. Admiral Bell, Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie jetzt mit mir kämen.«

»Nun«, bemerkte der Admiral, »wenn der Doktor wirklich etwas zu sagen hat, ändert das die Sachlage, und ich habe natürlich nichts dagegen.«

Daraufhin verließen alle drei sogleich den Ort. Es war offensichtlich, dass Mr. Chillingworth etwas Unbehagliches auf dem Herzen hatte. Er war ungewöhnlich schweigsam und reserviert. Wenn er sprach, schien er eher geneigt, das Gespräch auf gleichgültige Themen zu lenken, als etwas zu dem zutiefst interessanten Punkt hinzuzufügen, der in ihren aller Gedanken an vorderster Stelle stand.

»Wie geht es Flora jetzt, seit ihrem Umzug?«, fragte er Henry.

»Sie ist immer noch ängstlich«, sagte Henry, »aber, wie ich glaube, geht es ihr besser.«

»Das ist gut. Ich bemerke, dass wir alle drei natürlich in Richtung Bannerworth Hall gehen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich Sie, Henry, genau dort um ein Vertrauen bitte, wie ich es unter gewöhnlichen Umständen keinesfalls für gerechtfertigt hielte, von Ihnen zu verlangen.«

»Worauf bezieht es sich?«, wollte Henry wissen. »Seien Sie versichert, Mr. Chillingworth, dass ich Ihnen mein Vertrauen wohl kaum verweigern werde, da ich allen Grund habe, Sie als einen treuen Freund meiner selbst und meiner Familie zu achten.«

»Sie haben hoffentlich auch nichts dagegen«, fügte Mr. Chillingworth hinzu, »dieses Vertrauen auf Admiral Bell auszudehnen, denn wie Sie wissen, gibt es keinen ehrlicheren und herzlicheren Mann als ihn.«

»Was erwarten Sie für dieses Kompliment, Doktor?«, witzelte der Admiral.

»Es gibt nichts«, erwiderte Henry, »das ich überhaupt erzählen könnte und vor dessen Erzählung gegenüber Admiral Bell ich zurückschrecken würde.«

»Nun, mein Junge«, sagte der Admiral, »und alles, was ich darauf antworten kann, ist: Sie haben völlig recht, denn es kann nichts geben, das Sie mir nicht anvertrauen könntest.«

»Dessen bin ich gewiss.«

»Ein britischer Offizier, der einmal sein Wort gegeben hat, zieht den Tod dem Wortbruch vor. Was immer Sie in Ihrer Mitteilung geheim halten wollen, sagen Sie es, und es wird niemals über meine Lippen kommen.«

»Nun, Sir, die Tatsache ist«, erwiderte Henry, »dass das, was ich Ihnen zu berichten habe, weniger aus Geheimnissen besteht als vielmehr aus Dingen, über die zu sprechen für meine Gefühle schmerzlicher wäre als unbedingt nötig.«

»Ich verstehe Sie.«

»Lassen Sie mich für einen Moment etwas klarstellen, Mr. Chillingworth. Ich vermute nicht, Mr. Henry Bannerworth, dass Sie glauben, ich bäte Sie aus irgendeinem müßigen Motiv um die Schilderung von Umständen, die für Sie schmerzlich sein müssen. Aber lassen Sie mich erklären, dass ich jetzt einen stärkeren Impuls verspüre, der mich dazu drängt, aus Ihrem eigenen Mund jene Angelegenheiten zu hören, welche das Volksgerücht vielleicht stark übertrieben oder entstellt hat.«

»Es ist kaum möglich«, bemerkte Henry traurig, »dass das Volksgerücht die Tatsachen übertreiben könnte.«

»Tatsächlich!«

»Nein, sie sind unglücklicherweise schon in ihrer nackten Wahrheit so voll von allem, was für jene, die in irgendeiner Weise mit ihnen verbunden sind, bekümmernd sein kann, dass es keiner Übertreibung bedarf, um sie mit noch mehr Schrecken oder jener Traurigkeit zu bekleiden, die eine Erinnerung an sie in meinem Geist ewig begleiten muss.«

Während sie so sprachen, erreichten Henry Bannerworth und seine Freunde erneut die Hall, aus der er mit seiner Familie erst vor Kurzem geflohen war, infolge der furchtbaren Verfolgung, der sie ausgesetzt gewesen waren.

Sie betraten wieder den Garten, den sie alle so gut kannten. Dann hielt Henry inne, seufzte tief und blickte umher.

Als Antwort auf einen fragenden Blick von Mr. Chillingworth sprach er: »Ist es nicht seltsam, dass ich nur eine Zeitspanne von hier fort war, die man nach Stunden zählen kann, und doch scheint alles verändert. Ich könnte mir fast einbilden, es seien Jahre vergangen, seit ich es das letzte Mal betrachtete.«

»Oh«, bemerkte der Doktor, »die Zeit wird von der Einbildungskraft immer nach der Anzahl der Ereignisse gemessen, die in einen bestimmten Zeitraum gedrängt sind, und nicht nach ihrer tatsächlichen Dauer. Kommen Sie ins Haus. Dort werden Sie alles so vorfinden, wie Sie es verlassen haben, Henry. Sie können uns Ihre Geschichte in aller Ruhe erzählen.«

»Die Luft hier draußen ist frisch und angenehm«, stellte Henry fest. »Lassen Sie uns dort drüben im Sommerhaus Platz nehmen, dann werde ich Ihnen alles erzählen. Es hat auch ein lokales Interesse, das mit dieser Geschichte verbunden ist.«

Man war einverstanden, und nach wenigen Augenblicken saßen der Admiral, Mr. Chillingworth und Henry in jenem Sommerhaus, das Zeuge der seltsamen Begegnung zwischen Sir Francis Varney und Flora Bannerworth gewesen war – jener Begegnung, in der er sie glauben gemacht hatte, er empfinde Mitgefühl für die Not, die er ihr bereitet hatte, und sei tief beeindruckt von der Ungerechtigkeit ihrer Leiden.

Henry schwieg einige Augenblicke lang und sagte dann mit einem tiefen Seufzer und traurigem Blick:

»An diesem Ort hauchte mein Vater sein Leben aus. Deshalb sagte ich, dass dieser Ort ein lokales Interesse an der Geschichte hat, die ich zu erzählen habe. Es ist der passendste Ort, um sie zu berichten.«

»Oh?«, hakte der Admiral nach. »Er starb hier, nicht wahr?«

»Ja, genau dort, wo Sie jetzt sitzen.«

»Sehr wohl. Ich habe in meiner Zeit manch tapferen Mann sterben sehen und hoffe, noch ein paar mehr zu sehen. Allerdings muss ich zugeben, dass der Tod in der Hitze des Gefechts, kämpfend für das Vaterland, eine ganz andere Sache ist als diese landrattenhafte Art, die Welt zu verlassen.«

»Ja«, gab Henry zur Antwort, als folge er eher seinen eigenen Gedanken als dem Admiral. »Ja, genau von diesem Fleck aus warf mein Vater seinen letzten Blick auf das alte Haus seines Geschlechts. Was wir jetzt davon sehen können, sah er mit seinen sterbenden Augen. Manchmal habe ich hier gesessen und mir die schrecklichen Gedanken ausgemalt, die ihm in einem solchen Moment durch den Kopf gegangen sein müssen.«

»Das kann man sich wohl vorstellen«, sagte der Doktor.

»Sie sehen«, fügte Henry hinzu, »dass man von hier aus die beste Sicht auf jenes Fenster des Hauses hat, das wir immer Floras Zimmer genannt haben, weil sie es jahrelang als ihr Schlafgemach innehatte. Wenn im Sommer die Vegetation in voller Blüte steht und der Wein, der an diesem Sommerhaus emporrankt, voller Laub und Früchte ist, ist die Sicht so behindert, dass es schwierig ist, ohne eine künstliche Lücke in das dichte Laub zu reißen, überhaupt etwas außer dem Fenster zu sehen.«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte Mr. Chillingworth.

»Ihnen, Doktor«, fügte Henry hinzu, »der Sie viel über meine Familie wissen, brauche ich nicht zu sagen, was für ein Mann mein Vater war.«

»Nein, wahrlich nicht.«

»Aber Ihnen, Admiral Bell, der Sie es nicht wissen, muss es gesagt werden. Und so schmerzlich es für mich auch ist, es aussprechen zu müssen: Ich muss Sie informieren, dass er kein Mann war, der Ihre Achtung verdient hätte.«

»Nun«, meinte der Admiral, »Sie wissen, mein Junge, das kann in den Augen von niemandem, der auch nur den Verstand einer Eule besitzt, einen Unterschied für Sie ausmachen. Das Ansehen, der Charakter und die Ehre eines jeden Mannes liegen meiner Meinung nach in seiner eigenen Obhut. Was immer Ihr Vater gewesen sein mag, ich sehe nicht ein, warum irgendein Verhalten seinerseits die Schamesröte auf ihre Wangen treiben oder Ihnen mehr Unbehagen bereiten sollte, als es das gewöhnliche Mitgefühl für die Irrtümer eines Mitmenschen gebietet.«

»Wenn die ganze Welt«, erwiderte Henry, »so großzügige und umfassende Ansichten wie Sie vertreten würde, Admiral, wäre sie viel glücklicher. Aber dem ist nicht so, und die Leute sind nur allzu schnell bereit, einer Person die Schuld für das Übel zu geben, das eine andere getan hat.«

»Ach, aber«, sagte Mr. Chillingworth, »es trifft sich so, dass genau das die Leute sind, deren Meinung von allerkleinstem Belang ist.«

»Darin liegt eine gewisse Wahrheit«, seufzte Henry, »aber wie dem auch sei, lassen Sie mich fortfahren. Da ich die Geschichte erzählen muss, wünschte ich, sie wäre bereits vorüber. Mein Vater, Admiral Bell, war in jungen Jahren nicht mit Lastern behaftet, stürzte sich aber durch den Einfluss schlechter Gefährten und eine gewisse Unvereinbarkeit der Gefühle zwischen ihm und meiner Mutter in alle Ausschweifungen seiner Zeit. Diese Ausschweifungen waren allesamt von jener Art, die sich am leichtesten eines unreflektierten Geistes bemächtigen, da sie sich stets im Gewande der Geselligkeit präsentierten. Im Namen der Kameradschaft wurde der Weinbecher geleert, Geld, das für rechtmäßige Zwecke benötigt wurde, wurde unter der Maske einer edlen und freien Großzügigkeit vergeudet und alles, was die geringe Vorstellungskraft einer Reihe von Personen mit pervertiertem Verstand ermöglichte, wurde von Zeit zu Zeit getan, um der Unmäßigkeit und all ihren schrecklichen und kriminellen Folgen einen gewissen Glanz zu verleihen. Nachdem mein Vater in die Gesellschaft jener geraten war, die er für geistreich und schneidig hielt, war er bald völlig verdorben. Er war fast der Einzige in jener Gruppe, unter der er sein vermeintlich hochgeselliges Dasein verbrachte, der finanziell wirklich etwas wert war. Einige von ihnen hätten achtbare Männer sein können und sich vielleicht ein Vermögen erarbeitet, andere waren mit gutem Erbe ins Leben gestartet. Aber er, mein Vater, war zu der Zeit, als er sich ihnen anschloss, der Einzige, der – um einen Satz zu gebrauchen, den ich selbst aus seinem Munde über sie gehört habe – noch Federn zum Fliegen hatte. Die Folge davon war, dass seine Gesellschaft allein um des animalischen Vergnügens willen gesucht wurde, um auf seine Kosten zu trinken. Er wurde sehr umschmeichelt, was er seinen eigenen Verdiensten zuschrieb, die von diesen Bonvivants entdeckt und gebührend gewürdigt worden seien. Die ernsten Ermahnungen seiner wahren Freunde betrachtete er hingegen als Neid und Bosheit. Ein solcher Zustand konnte nicht lange anhalten. Die Gefährten meines Vaters verlangten nach Geld ebenso wie nach Wein. Also führten sie ihn an den Spieltisch. Er wurde von diesem furchtbaren Laster in einem Maße fasziniert, das seinen eigenen Untergang und den Ruin eines jeden vorhersagte, der in irgendeiner Weise von ihm abhängig war. Er konnte Bannerworth Hall nicht ohne Weiteres verkaufen, es sei denn, ich hätte meine Zustimmung gegeben, was ich verweigerte. Aber er häufte Schulden auf Schulden und plünderte das Herrenhaus von Zeit zu Zeit seiner kostbarsten Inhalte. Mit wechselndem Glück setzte er diese schreckliche und unheilvolle Karriere lange Zeit fort, bis er sich schließlich völlig und unrettbar ruiniert sah. Er kam in einer Qual der Verzweiflung nach Hause. Er war so geschwächt und konstitutionell am Ende, dass er viele Tage das Bett hütete. Es schien jedoch, als sei in diesem Augenblick etwas geschehen, das ihm tatsächlich Geld verschaffte – oder ihm zumindest die Hoffnung gab, er würde welches besitzen und wieder in der Lage sein, sein Glück am Spieltisch zu versuchen. Er erhob sich, stärkte sich noch einmal mit Wein und Spirituosen, verließ sein Heim und blieb etwa zwei Monate lang fern. Was ihm während dieser Zeit widerfuhr, erfuhren wir nie. Spät in einer Nacht kam er nach Hause. Er wirkte sehr gehetzt und als ob etwas geschehen sei, das ihn halb wahnsinnig gemacht hatte. Er wollte mit niemandem sprechen, sondern schloss sich die ganze Nacht in jenem Zimmer ein, in dem das Porträt hängt, das Sir Francis Varney so täuschend ähnlich sieht. Dort blieb er bis zum Morgen. Als er herauskam, sagte er kurz, er beabsichtige, das Land zu verlassen. Er befand sich in einem furchtbaren Zustand nervöser Erregung. Meine Mutter erzählt mir, er habe gezittert wie jemand im Wechselfieber. Er sei bei jedem kleinen Geräusch im Haus zusammengeschreckt und habe so wild umhergestarrt, dass es entsetzlich gewesen sei, ihn zu sehen oder mit ihm im selben Raum zu sitzen.

Sie sagte, der ganze Morgen sei so vergangen, bis ein Brief für ihn eintraf. Dessen Inhalt versetzte ihn anscheinend in einen wahren Krampf des Schreckens. Er zog sich wieder in das Zimmer mit dem Porträt zurück. Einige Stunden später kam er heraus – wie ein Gespenst, so totenbleich und hager. Er ging in den Garten hinaus und man sah, wie er sich in das Sommerhaus setzte und seine Augen auf das Fenster des Zimmers richtete, in dem das Porträt hing.«

Henry hielt für einige Augenblicke inne, dann fügte er hinzu: »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich nicht auf die Einzelheiten dessen eingehe, was als Nächstes in dieser melancholischen Geschichte geschah. Mein Vater beging hier Selbstmord. Man fand ihn im Sterben, und die einzigen Worte, die er sprach, waren: ›Das Geld ist versteckt!‹ Der Tod forderte sein Opfer, und mit einem krampfhaften Zucken gab er seinen Geist auf. Das, was er zu sagen beabsichtigt hatte, blieb im Vergessen des Grabes verborgen.«

»Das war eine seltsame Angelegenheit«, entgegnete der Admiral.

»Das war sie in der Tat. Wir haben alle tief darüber nachgedacht, und im Großen und Ganzen neigten wir zu der Ansicht, dass diese Worte lediglich das Ergebnis der zu erwartenden geistigen Verwirrung in einem solchen Moment waren und sich in Wirklichkeit auf keine vorangegangene Tatsache bezogen; ebenso wenig wie die unzusammenhängenden Worte, die ein Mann im Traum murmelt.«

»Es mag so sein.«

»Ich beabsichtige nicht«, bemerkte Mr. Chillingworth, »auch nur für einen Moment die Vernünftigkeit einer solchen Meinung, wie Sie sie gerade geäußert haben, Henry, in Abrede zu stellen. Aber Sie vergessen, dass noch ein anderer Umstand eintrat, der den Worten Ihres Vaters eine Bedeutung verlieh.«

»Ja, ich weiß, worauf Sie anspielen.«

»Seien Sie so gut und berichten Sie es dem Admiral.«

»Das werde ich. Am Abend desselben Tages kam ein Mann hierher, der in scheinbarer Unkenntnis dessen, was geschehen war – obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits in der ganzen Nachbarschaft bekannt war – meinen Vater sprechen wollte. Als man ihm sagte, er sei tot, wich er zurück – entweder mit gut gespielter oder echter Überraschung – und schien ungeheuer verärgert zu sein. Er verlangte zu erfahren, ob mein Vater über sein Eigentum verfügt habe, erhielt jedoch keine Auskunft und ging fort. Dabei stieß er die diabolischsten Flüche und Verwünschungen aus, die man sich vorstellen kann. Er bestieg sein Pferd – denn er war zur Halle geritten – und seine letzten Worte waren, wie man mir sagte: ›Wo, im Namen alles Verdammten, kann er nur das Geld hingetan haben?‹«

»Und haben Sie nie herausgefunden, wer dieser Mann war?«, fragte der Admiral.

»Niemals.«

»Es ist eine seltsame Angelegenheit.«

»Das ist sie«, meinte Mr. Chillingworth, »und voller Geheimnisse. Die öffentliche Aufmerksamkeit war zu der Zeit stark von anderen Dingen beansprucht, sonst wäre der Tod von Mr. Bannerworth zum Gegenstand weit zahlreicherer Kommentare geworden. So aber wurde doch einiges darüber gesagt, und die ganze Grafschaft befand sich noch wochenlang in Aufregung.«

»Ja«, sagte Henry, »es traf sich, dass genau zu jener Zeit ein Mord in der Nähe von London begangen wurde, bei dem es den Behörden nicht gelang, die Täter zu finden. Es war der Mord an Lord Lorne.«

»Oh, ich erinnere mich«, stellte der Admiral fest, »die Zeitungen waren lange Zeit voll davon.«

»Das waren sie. Und wie Mr. Chillingworth sagt, lenkte das noch größere Interesse, das jene Angelegenheit weckte, die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Maße vom Selbstmord meines Vaters ab. Wir hatten somit nicht so sehr unter öffentlichem Gerede und unverschämter Neugier zu leiden, wie zu erwarten gewesen wäre.«

»Und zudem«, sagte Mr. Chillingworth und seine Gesichtsfarbe veränderte sich leicht, während er sprach, »gab es kurz darauf eine Hinrichtung.«

»Ja«, bestätigte Henry.

»Die Hinrichtung eines Mannes namens Angerstein«, fügte Mr. Chillingworth hinzu, »wegen eines Straßenraubs, der mit brutalster Gewalt einherging.«

»Wahrhaftig, alle Ereignisse jener Zeit sind meinem Gedächtnis tief eingeprägt«, sagte Henry. »Aber Sie scheinen sich nicht wohlzufühlen, Mr. Chillingworth.«

»Oh doch, mir geht es ausgezeichnet – Sie täuschen sich.«

Sowohl der Admiral als auch Henry blickten den Doktor forschend an. Er erschien ihnen wahrlich so, als leide er unter großer geistiger Erregung, die er nur mit Mühe zu unterdrücken vermochte.

»Ich sage Ihnen was, Doktor«, fuhr der Admiral fort, »ich behaupte nicht und habe es nie getan, tiefer in ein Teerfass blicken zu können als meine Nachbarn, aber ich kann weit genug sehen, um überzeugt zu sein, dass Sie etwas auf dem Herzen haben, das irgendwie mit dieser Angelegenheit zu tun hat.«

»Ist es so?«, fragte Henry.

»Ich könnte es nicht verbergen, selbst wenn ich wollte«, antwortete Mr. Chillingworth. »Und ich kann Ihnen versichern, dass ich nichts im Schilde führe, das mit dieser Sache zusammenhängt. Aber lassen Sie mich Ihnen sagen, dass es verfrüht wäre, wenn ich Ihnen davon erzählte.«

»Verfrüht soll der Teufel holen!«, rief der Admiral. »Raus damit!«

»Nein, nein, werter Herr, ich bin derzeit nicht in der Lage, Ihnen zu sagen, was mir durch den Kopf geht.«

»Dann ändern Sie Ihre Lage, und der Blitz soll Sie treffen!«, schrie Jack Pringle plötzlich und versetzte dem Doktor einen Stoß, sodass dieser fast durch eine der Wände des Sommerhauses flog.

»Was, du Schurke!«, rief der Admiral. »Wie kommst du hierher?«

»Auf meinen Beinen«, gab Jack zurück. »Glauben Sie, niemand außer Ihnen will etwas wissen? Ich bin genauso vernarrt in Seemannsgarn wie jeder andere.«

»Aber selbst wenn«, warf Mr. Chillingworth ein, »hatten Sie keinen Anlass, mich anzurempeln, als wollten Sie ein Haus versetzen.«

»Sie sagten, Sie seien nicht in der Lage, etwas zu sagen, das ich hören wollte. Also dachte ich, ich ändere das mal für Sie.«

»Ist dieser Kerl«, fragte der Doktor kopfschüttelnd den Admiral, »eher listig oder eher dumm?«

»Ein bisschen von beidem«, sagte Admiral Bell. »Ein bisschen von beidem, Doktor. Er ist ein großer Narr und ein großer Lump.«

»Gleichfalls«, konterte Jack, »Sie sind auch einer. Wenn Sie sich weiterhin so lächerlich machen, werde ich Sie bald hassen. Nun, passen Sie auf, ich gebe Ihnen nur noch eine Woche zur Probe. Wenn Sie sich in dieser Zeit nicht in Ihrer Ausdrucksweise zügeln, verlasse ich Sie.«

Jack schlenderte mit den Händen in den Taschen zum Haus davon, während der Admiral vor Wut fast erstickte und ihm nur hinterherstarren konnte, ohne ein Wort herauszubringen.

Unter allen anderen Umständen außer der gegenwärtigen Not, Schwierigkeit und tiefen Sorge hätte Henry Bannerworth über diese sonderbaren kleinen Episoden zwischen Jack und dem Admiral lachen müssen, doch sein Geist war nun viel zu sehr bedrückt, um dies zuzulassen.

»Lassen Sie ihn gehen, mein lieber Herr«, meinte Mr. Chillingworth zum Admiral, der Anstalten machte, Jack zu verfolgen. »Er hat zweifellos wieder getrunken.«

»Ich werde ihn rauswerfen, sobald ich ihn nüchtern genug erwische, um mich zu verstehen«, erklärte der Admiral.

»Schon gut, schon gut. Tun Sie, was Ihnen beliebt. Aber nun lassen Sie mich Sie beide um einen Gefallen bitten.«

»Welchen?«

»Dass Sie mir Bannerworth Hall für eine Woche überlassen.«

»Wozu?«

»Ich hoffe, einige Entdeckungen im Zusammenhang damit zu machen, die Sie für die Mühe reichlich entschädigen werden.«

»Es ist keine Mühe«, versicherte Henry. »Was mich betrifft, so habe ich volles Vertrauen in Ihr Urteilsvermögen und Ihre Freundschaft, Doktor. Ich werde jeder Bitte von Ihnen nachkommen.«

»Und ich auch«, sagte der Admiral. »So sei es – so sei es. Für eine Woche, sagen Sie?«

»Ja, für eine Woche. Ich hoffe, bis dahin etwas erreicht zu haben, das der Rede wert ist. Und ich verspreche Ihnen, sollte ich in meinen Erwartungen enttäuscht werden, dass ich Ihnen offen und frei alles mitteilen werde, was ich weiß und was ich vermute.«

»Dann ist das abgemacht.«

»Abgemacht.«

»Und was ist sofort zu tun?«

»Nun, nichts, außer peinlich genau darauf zu achten, dass Bannerworth Hall keine weitere Stunde unbewacht bleibt. Damit dies gewährleistet ist, bitte ich Sie beide, hier zu bleiben, bis ich in die Stadt gehe, um Vorbereitungen zu treffen. In höchstens zwei Stunden werde ich selbst in aller Ruhe Besitz davon ergreifen.«

»Lassen Sie sich nicht länger Zeit«, mahnte der Admiral, »denn ich bin so hungrig, dass ich anfangen werde, jemanden aufzufressen, wenn Sie nicht bald zurück sind.«

»Verlassen Sie sich auf mich.«

»Sehr wohl«, sagte Henry. »Sie können sich darauf verlassen, dass wir hier warten, bis Sie zurückkommen.«

Der Doktor eilte sogleich aus dem Garten und ließ Henry und den Admiral zurück. Sie amüsierten sich so gut es ging mit Vermutungen darüber, was er wohl eigentlich vorhatte, bis er zurückkehrte.

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