Archiv

John Strobbins – Der Spion von Fort Angel

José Moselli
John Strobbins Buch 2
Der Spion von Fort Angel 

Das gewaltige Fort der Insel Angel – bestehend aus purem Stahlbeton, acht gepanzerten Kuppeln und sechzehn 420-Millimeter-Kanonen – das die Durchfahrt des Golden Gate in San Francisco kontrolliert, war soeben fertiggestellt worden. Alle Patrioten der Vereinigten Staaten frohlockten: Dank dieses neuen Bauwerks war San Francisco von nun an vor allen mexikanischen, japanischen oder deutschen Begehrlichkeiten geschützt.

Mit jeder Fahrt brachte das Fährschiff Scharen von Besuchern herbei, welche die Bauarbeiten bewundern wollten. Das Fort war bereits von zwei Kompanien der Marineartillerie besetzt, deren graue Uniformen das Publikum fast überall in der Umgebung bestaunen konnte.

Am 5. Juni waren die Neugierigen dank einer prachtvollen Sonne besonders zahlreich erschienen. Es mochte wohl sechs Uhr abends sein, als ein Mann in einem eleganten weißen Leinenanzug auf eine Patrouille von vier vorbeimarschierenden Soldaten zulief und ausrief: »Ich bin der Detektiv Mathias Selden! Sehen Sie den Mann dort drüben bei der kleinen Baumgruppe, der einen Fotoapparat umgehängt hat? Das ist ein mexikanischer Spion! Verhaften Sie ihn! Ich gebe Ihnen den Befehl dazu auf meine eigene Verantwortung!«

Die Soldaten sahen einander zögernd an. Doch der mutmaßliche Spion hatte die Unterredung bemerkt und entfernte sich schnellen Schrittes.

»Nun? Worauf warten Sie noch?«, schrie Mathias Selden. »Sehen Sie nicht, dass er flieht?«

Da zögerten die Soldaten nicht länger. Sie stürzten sich auf den Flüchtigen und holten ihn nach wenigen Schritten ein. Der Mann, der von zwei Artilleristen festgehalten wurde, brach in heftige Proteste aus.

»Was? Was wollen Sie von mir, meine Herren?«

Mathias Selden antwortete anstelle der Soldaten: »Sie sind ein Spion! Ich nehme Sie fest!«

»Ich? … Ah! Das ist ja unerhört! Ich bitte Sie, auf Ihre Worte zu achten: Ich bin Señor Don Miguel do Amaral, Attaché der mexikanischen Gesandtschaft, und ich werde dafür sorgen, dass Sie diesen Irrtum teuer bezahlen!«

Die Soldaten sahen einander erschrocken an und waren bereits kurz davor, den Gefangenen loszulassen. Mathias Selden bemerkte dies sofort: Er stürzte sich auf Señor Miguel, riss mit einer abrupten Bewegung die Knöpfe seiner Jacke ab und zog ein prall gefülltes Portefeuille aus einer der Taschen.

Ohne sich um die Proteste des Diplomaten zu scheren, öffnete er das Portefeuille und holte zahlreiche Skizzen und Pläne daraus hervor.

»So, jetzt könnt ihr beruhigt sein!«, sagte er und zeigte seine Entdeckung den beeindruckten Soldaten. »Und nun folgt mir mit dem Herrn … Wir werden ihn zum Fort bringen.«

Und Mathias Selden machte sich, nachdem er das Portefeuille sorgfältig in seiner eigenen Tasche verstaut hatte, auf den Weg zum Fort, gefolgt von den stolzen Soldaten und dem Gefangenen.

Da der Kommandant des Forts an diesem Tag in der Stadt aufgehalten wurde, lag die Befehlsgewalt bei einem jungen Leutnant. Als dieser informiert wurde, lobte er den Spürsinn und die Eigeninitiative des Detektivs außerordentlich und ließ den Gefangenen unter strenger Bewachung in eine Zelle sperren.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden waren, kehrte der Detektiv nach San Francisco zurück, um seine Vorgesetzten zu benachrichtigen. Zwei Stunden später war er zurück, ausgerüstet mit einem Befehl des Polizeichefs James Mollescott, der die Übergabe des Gefangenen anordnete. Er wurde von vier Polizisten in Zivil begleitet.

Angesichts dieses Befehls ließ der Leutnant den Diplomaten-Spion aus seiner Zelle holen. Don Miguel do Amaral war völlig am Ende. Wortlos ließ er sich von Mathias Selden die Handschellen anlegen und folgte fügsam den Polizisten, die ihn zu einem Motorboot führten, das am Ufer der Insel Angel festgemacht war.

Nach einem letzten Händeschütteln mit dem Offizier verabschiedete sich Mathias Selden und stieg in das Boot, das in Richtung San Francisco davonjagte.

Am nächsten Tag traf der Kommandant des Forts, Major Backville, ein. Sein Untergebener setzte ihn sofort über die Verhaftung des Diplomaten und dessen Überführung nach San Francisco in Kenntnis.

»Teufel auch!«, rief der Major. »Das ist ja bedauerlich.«

»Wenn die Sache publik wird, schadet das unser aller Beförderung … das Kriegsministerium liebt solche Geschichten nicht! Ich werde zu James Mollescott gehen, damit er versucht, diesen dämlichen Zwischenfall zu vertuschen!«

Major Backville tat, wie er gesagt hatte. Eine Stunde später klopfte er an die Tür des Büros vom Chef der Kriminalpolizei. James Mollescott empfing ihn sofort und erkundigte sich nach dem Grund seines Besuchs.

»Nun ja«, sagte der Offizier. »Es geht um den Spion, der in Fort Angel verhaftet wurde!«

»Welcher Spion?«

»Wie, welcher Spion? Derjenige, den einer Ihrer Detektive gestern Nachmittag verhaftet hat und den er dann auf Ihren Befehl hin abgeholt hat!«

»Was? Mein Befehl? Ich habe keinen solchen Befehl gegeben!«

»Aber hören Sie mal, Mister Mollescott, einer von uns beiden verliert den Verstand!« »Ich bin es nicht!«

»Wie bitte? Sie haben keinem Ihrer Detektive den Befehl gegeben, einen Spion im Fort abzuholen, den er tagsüber verhaftet und dort in eine Zelle gesperrt hatte?«

»Mir ist diese ganze Angelegenheit völlig unbekannt. Haben Sie diesen Befehl bei sich?« »Nein … aber ich habe ihn gesehen. Er war völlig korrekt. Soll ich ihn holen lassen?« »Das wäre mir sehr recht, Major!«

Der völlig fassungslose Major Backville schrieb unter dem Diktat von Mollescott eine kurze Nachricht an seinen Leutnant mit der Anweisung, dem Überbringer – einem Beamten der Kriminalpolizei – den von James Mollescott unterzeichneten Befehl auszuhändigen, in dem der Kommandant von Fort Angel gebeten worden war, den verhafteten Spion dem Detektiv zu übergeben.

»Wie heißt dieser Detektiv?«, fragte Mollescott und unterbrach sein Diktat.

»Ich weiß es nicht.«

»Gut. Schreiben Sie einfach dem Detektiv. Wollen Sie jetzt unterschreiben?«

Der Major gehorchte, während Mollescott einen Knopf drückte und dem herbeigeeilten Diener befahl, sich in aller Eile zum Fort Angel zu begeben und unverzüglich zurückzukehren. Der Mann nahm die Nachricht des Majors entgegen und verschwand.

Die beiden Männer warteten und verstanden die Welt nicht mehr. Schließlich, nach anderthalb Stunden Abwesenheit, kehrte der Diener zurück. Er brachte das mysteriöse Papier. Der Major erkannte es sofort und reichte es Mollescott. Hier ist sein Wortlaut:

Büro des Chefs der Kriminalpolizei
Staat Kalifornien
Stadt San Francisco
Dringend
San Francisco, den 5. Juni.
Der Kommandant von Fort Angel wird gebeten, dem Detektiv Mathias Selden den heute Nachmittag von ihm festgenommenen Gefangenen zu übergeben – den besagten Miguel do Amaral, Attaché der mexikanischen Gesandtschaft, der des Spionagerahmens überführt wurde.
Der Chef der Kriminalpolizei, J. Mollescott.

»Dass mich der Schlag rühre!«, fluchte der Chef der Kriminalpolizei. »Das ist tatsächlich ein offizielles Formular, und meine Unterschrift ist perfekt nachgeahmt …«

»Und nun?«, sagte Major Backville. »Was hat das alles zu bedeuten? Mir scheint, dass dieser Detektiv Mathias Selden, von dem hier die Rede ist, die Angelegenheit vielleicht aufklären könnte.«

James Mollescott lachte sarkastisch auf. »Der Detektiv Mathias Selden? Aber den gibt es gar nicht! Das ist … das ist …« – der Polizist stammelte vor Wut – »… das ist der Name, den ich benutze, wenn ich inkognito arbeite!«

»Was?«

Die beiden Männer sahen einander an. Schließlich ergriff Mollescott wieder das Wort: »Und in welche Richtung hat man den Gefangenen weggebracht?«

»Ich sagte es Ihnen bereits. Mein Leutnant berichtete mir, dass sie zu fünft zurückgekommen waren, den Señor Miguel in ein Motorboot verfrachtet hatten und in Richtung San Francisco davongefahren sind.«

»Ich muss Ihren Leutnant sprechen, Major. Er soll mir das Boot beschreiben, und wenn wir die Personenbeschreibung überallhin durchgeben, gelingt es uns vielleicht, diese kühnen Banditen dingfest zu machen!«

»Abgemacht. Ich kehre zum Fort zurück und schicke Ihnen den Leutnant … Und versuchen Sie ja, diese Kerle zu schnappen! Denken Sie doch nur: ein Spion! Wenn die Sache bekannt wird, ist meine Beförderung gestrichen, und zwar endgültig … Und dabei hatte ich gehofft, am Ende des Jahres zum Oberst befördert zu werden!«

»Ich werde mein Bestes tun, Major!«

Der Offizier erhob sich und verabschiedete sich mit sorgenvoller Miene. Obwohl der Abend bereits voranschritt, bestand Mollescott darauf, in seinem Büro auf die Ankunft des Leutnants aus Fort Angel zu warten.

Er traf gegen sieben Uhr abends ein und beschrieb dem Chef der Kriminalpolizei, nachdem er ins Bild gesetzt worden war, das Boot und dessen Insassen. Das Boot war etwa acht Meter lang, weiß gestrichen und schien sehr schnell zu sein. Sein Motor musste, dem Geräusch nach zu urteilen, aus sechs oder acht Zylindern bestehen. Was die fünf Männer betraf, so sahen sie wie Polizisten in Zivil aus.

»Und der mutmaßliche Spion? Sah er schuldig aus?«

»Oh ja!«, bestätigte der Leutnant. »Er war bleich und brachte kein Wort heraus. Außerdem haben die Soldaten, die an der Verhaftung beteiligt waren, mit eigenen Augen die Skizzen und Pläne gesehen, die der Detektiv bei ihm beschlagnahmt hat.« »Ein seltsamer Detektiv!«

»Tatsächlich!«

»Ich danke Ihnen, Leutnant!«, schloss Mollescott, der nun auch nicht klüger war als zuvor: Ein weißes Boot … aber fast alle Boote in San Francisco sind weiß!

»Hatte dieses Boot einen Namen?«, fragte der Polizeichef den jungen Offizier noch, als dieser bereits den Türknauf drehte.

»Daran erinnere ich mich nicht, Sir!«

»Auf Wiedersehen, Leutnant. Beste Grüße an Major Backville!«

Als der Offizier gegangen war, blieb Mollescott allein zurück und musste sich eingestehen, dass er von dieser Sache nicht das Geringste verstand. Rein gar nichts.

Den folgenden Tag über ließ James Mollescott, nachdem er seine fähigsten Agenten mobilisiert hatte, die Bucht von San Francisco absuchen. Auf seinen Befehl hin mussten alle Besitzer von Motorbooten, die der Beschreibung des Leutnants aus Fort Angel nahe kamen, unter Vorlage von Beweisen erklären, wie sie ihre Zeit am Tag der Entführung des Gefangenen verbracht hatten. Ihre sorgfältig geprüften Aussagen bewiesen jedoch, dass sie mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun hatten. Was konnte das für ein mysteriöses Boot gewesen sein?

Natürlich war Señor Miguel do Amaral nicht wieder in der Gesandtschaft aufgetaucht! James Mollescott verzweifelte fast daran, hinter das Geheimnis dieser seltsamen Affäre zu kommen, als er zwei Tage nach der Verhaftung des mexikanischen Spions den folgenden Brief erhielt, der mit der Schreibmaschine auf elegantem, meergrünem Papier verfasst war:

San Francisco, 7. Juni.
Falls Mister James Mollescott den besagten Miguel do Amaral, Attaché der mexikanischen Gesandtschaft und berüchtigter Spion, festnehmen möchte, muss er sich lediglich mit zwei Detektiven bei der Hausnummer 153 in der Ashland Avenue einfinden: Der Mann wird das Haus gegen acht Uhr verlassen.
Mathias Selden, ein pragmatischer Ermittler.

Das erste Wort des ehrenwerten James Mollescott beim Lesen dieser kurzen Mitteilung war: »Dieser Hundsfott! Er macht sich immer noch über mich lustig!«

Ein kräftiger Faustschlag auf den Tisch unterstrich diese treffende Feststellung. Doch der Chef der Kriminalpolizei beruhigte sich schnell und überlegte: »Alles an dieser Sache ist rätselhaft! Warum sollte ich nicht zum Treffpunkt dieses Schwindlers gehen? Schließlich riskiere ich nichts. Aber anstatt zwei Männer mitzunehmen, werde ich zwanzig mitnehmen: Man weiß ja nie, was passieren kann!«

James Mollescott war aufgestanden. Er blickte auf die kleine Kupferuhr auf seinem Schreibtisch. Sie zeigte halb sechs. »Gehen wir sofort los!«, sagte der Polizeichef laut. »Ich werde das Haus umstellen und jeden verhaften lassen!«

James Mollescott drückte auf eine Klingel. Wenige Sekunden später erschien ein Detektiv.

»Gehen Sie zur mexikanischen Gesandtschaft und lassen Sie sich ein Foto von Mister Miguel do Amaral geben. Es ist dringend. Der Konsul wird es Ihnen nicht verweigern: Sagen Sie ihm, dass wir Mister do Amaral suchen, der seit zwei Tagen verschwunden ist. Und kommen Sie danach sofort zu mir in den Saloon gegenüber der Nummer 153 in der Ashland Avenue. Beeilen Sie sich!«

Der Polizist antwortete: »Jawohl, Chef!« Und stürmte hinaus.

James Mollescott folgte ihm und hatte innerhalb weniger Augenblicke zwanzig kräftige und fähige Detektive mobilisiert, denen er befahl, sich mit ihm zur Ashland Avenue zu begeben. Die zwanzig Polizisten und ihr Chef verließen das Polizeigebäude in kleinen, getrennten Gruppen und trafen sich zehn Minuten später im Hinterzimmer des Sagamore-Saloon, einer Bar, die fast genau gegenüber der Hausnummer 153 in der Ashland Avenue lag.

Kaum waren sie dort angekommen, erschien ein weiterer Mann. Es war der Detektiv, der zur mexikanischen Gesandtschaft geschickt worden war. Er überreichte Mollescott ein Porträt von Señor Miguel do Amaral. Der Chef der Kriminalpolizei untersuchte es aufmerksam und ließ es unter seinen Männern herumreichen, wobei er sagte: »Das ist der Vogel, den wir suchen! Wir müssen ihn uns schnappen, ebenso wie alle anderen, die bei ihm sind!«

Nach diesen Worten verließ Mollescott den Saloon, um die Nummer 153 in Augenschein zu nehmen: Es war ein banales Gebäude, wie es hunderte in San Francisco gibt. Nichts an seiner achtzehn Stockwerke hohen Fassade von gewöhnlicher Hässlichkeit unterschied es von seinen Nachbarn. Wegen der Hitze waren fast alle Fenster geöffnet und durch dichte Jalousien verdeckt, durch die man hinaussehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

Es ist unmöglich, alle Bewohner dieses Hauses zu verhaften!, dachte Mollescott. Aber ich werde damit beginnen, jeden abzufangen, der herauskommt. Danach sehen wir weiter!

Der Chef der Kriminalpolizei pfiff kurz. Fast augenblicklich stellten sich zwei Detektive an seine Seite. Das Trio näherte sich dem Eingang der Nummer 153, neben dem unzählige, in die Wand eingelassene Kupferschilder den Passanten die Berufe der Mieter anzeigten. Die drei Männer hatten kaum die Tür erreicht, als ein Mann heraustrat. Die Polizisten erkannten ihn sofort: Es war Señor Miguel do Amaral!

Mollescott trat auf ihn zu und legte ihm schwer die Hand auf die Schulter: »Señor do Amaral«, sagte er, »ich nehme Sie fest!«

Der Mexikaner sprang zurück, als würde er Mollescott erkennen. »Ah! Nein!«, rief er. »Nicht noch einmal!« Und er rannte in Richtung der Fahrbahn davon.

Mollescott folgte ihm, nicht ohne seinen Männern zuvor ein Zeichen gegeben zu haben, näher zu rücken. »Keinen Skandal, Señor!«, sagte er zu dem Mexikaner. »Das ist besser für Sie, nicht wahr?«

»Hören Sie mal! Mister Mollescott, wollen Sie mich jetzt in Ruhe lassen oder nicht?« »Ich scherze nicht! Lassen Sie sich zu Ihrem eigenen Besten festnehmen!«

Der Spion blieb wie angewurzelt stehen. Er sah dem Chef der Kriminalpolizei direkt in die Augen und schrie voller Leidenschaft: »Sie sind ein Schurke! Ein Dieb! Ein Halunke! Der Skandal ist mir völlig gleich! Ich habe Sie bezahlt! Ich werde es überall herumschreien! Verräter und Betrüger! Bestochenes Pack!«

Und noch bevor Mollescott reagieren konnte, klatschte die Hand des Diplomaten-Spions lautstark in sein Gesicht. Die beiden Detektive hatten alles mitangesehen. Sie stürzten sich auf Señor Miguel do Amaral.

Dieser brüllte unentwegt: »Haltet den Dieb! Ich habe dem Polizeichef Schmiergeld gezahlt, damit er mich laufen lässt, und nun verhaftet er mich trotzdem! Er ist mein Komplize!«

Ein Menschenauflauf hatte sich gebildet. Mollescott konnte von Glück sagen, dass er zwanzig Detektive mitgenommen hatte, denn er hatte alle Mühe der Welt, des Gefangenen Herr zu werden, den die Menge befreien wollte. Schließlich gelang es ihm, ihn in einer Droschke mit zwei Detektiven wegzuschicken; er selbst stieß wenig später im Polizeipräsidium wieder zu ihnen.

Er wollte den Spion sofort verhören, da er unbedingt wissen musste, was der Zorn und die Verwünschungen des Hidalgos zu bedeuten hatten. Seine Wange brannte noch immer von der Ohrfeige des Mexikaners! An Händen und Füßen gefesselt, wurde der Diplomaten-Spion in das Büro des Polizeichefs geführt. Trotz einer gründlichen Durchsuchung hatte man absolut nichts bei ihm gefunden.

Mollescott begann sogleich mit dem Verhör.

»Sie sind Señor Miguel do Amaral, Attaché der mexikanischen Gesandtschaft?«

»Das wissen Sie besser als ich, Sie Halunke!«, brüllte Señor do Amaral. »Geben Sie mir die zehntausend Dollar zurück, die Sie mir vorhin abgepresst haben!«

»Hören Sie mal! Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig? Ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen. Sie sollten sich eine bessere Ausrede suchen!«

»Sie? Sie haben mich noch nie gesehen? Und wer war dann vorhin bei mir? Dieb, der Sie sind!«

Der Diplomat schien es wirklich ernst zu meinen. James Mollescott beschlich die Ahnung eines ungeheuerlichen Missverständnisses. Seine Stimme wurde sanfter:

»Hören Sie mir zu, Señor do Amaral. Sie stecken in einer misslichen Lage. Machen Sie sie nicht noch schlimmer. Ich bin der Chef der Kriminalpolizei von San Francisco …«

»Das weiß ich!«

»Nun gut! Wenn Sie wollen, kann ich beweisen lassen, dass ich den ganzen Nachmittag mein Büro nicht verlassen habe, bis ich mich auf den Weg zu Ihrer Verhaftung machte. Ich habe Sie nie gesehen; Sie können mir also unmöglich Geld übergeben haben, wie Sie behaupten! Nun kommen Sie schon, erzählen Sie mir Ihre Geschichte: Vielleicht gibt es einen Weg, diese bedauerliche Angelegenheit zu regeln!«

Bei diesen Worten platzte der Mexikaner erneut heraus: »Ach was! Erzählen Sie mir nichts Neues, genauso haben Sie vorhin auch schon mit mir geredet!«

»Nun … schauen Sie mich genau an! Sind Sie wirklich sicher, dass ich es war?«

Señor Miguel do Amaral zuckte mit den Schultern, so weit es seine Fesseln zuließen, und musterte den Polizeichef, fast wie um sein Gewissen zu beruhigen, ganz aufmerksam. Es herrschte Stille. Mollescott war dicht an den Gefangenen herangetreten, damit dieser ihn in aller Ruhe betrachten konnte.

Schließlich sprach der Mexikaner: »Mister Mollescott, ich bitte Sie um Entschuldigung. Nein, Sie sind es nicht … ich habe mich geirrt … aber die Ähnlichkeit war wirklich verblüffend …«

»Sprechen Sie schon, verdammt noch mal! Was ist Ihnen zugestoßen?«

»Nun gut! Also«, begann der Mexikaner, blass vor Wut, »vor zwei Tagen war ich zu meinem Vergnügen unterwegs, um das Fort auf der Insel Angel zu fotografieren, das wirklich sehr sehenswert ist. Da ließ mich ein Gentleman von Soldaten verhaften, indem er behauptete, ich sei ein Spion. Zu meinem Unglück hatte ich ein paar vage Skizzen bei mir. Kurz gesagt, mein Ankläger, der anscheinend Detektiv war, ließ mich in eine der Zellen des Forts sperren.«

»Und wo sind diese Pläne?«, konnte Mollescott nicht umhin zu unterbrechen.

»Warten Sie, Sie werden sehen. Ich blieb also einige Stunden in dieser Zelle, nach denen der Detektiv mich abholte. Er ließ mich in ein Motorboot steigen, das mich nach einer Stunde Überfahrt – während der man mir die Augen verband, um mich am Betrachten der Forts zu hindern, wie der Detektiv sagte – an einem hölzernen Kai absetzte, soweit ich das beurteilen konnte. Immer noch mit verbundenen Augen wurde ich in ein Haus nahe dem Ufer geführt. Als ich wieder sehen konnte, befand ich mich in einem großen Salon.

Ein Mann, der Ihnen täuschend ähnlich sah, erklärte mir, er sei Mister James Mollescott, der Chef der Kriminalpolizei von San Francisco. Er zwang mich unter Morddrohung, ein Papier zu unterschreiben, in dem ich gestand, ein Spion zu sein. Nachdem er mich fotografiert hatte, gestand er mir, dass er arm sei und eine Familie zu ernähren habe. Ich verstand den Wink und bot ihm fünftausend Dollar an, wenn er mir die Freiheit schenkte. Er verlangte zehntausend. Ich willigte ein. Daraufhin hielt er mich bis heute Morgen gefangen. Mit verbundenen Augen wurde ich nach San Francisco geführt, wo ich unter der Bewachung zweier Detektive zu der Bank ging, bei der meine Gelder liegen, um zehntausend Dollar abzuheben. Diese brachte ich zum Treffpunkt: Ashland Avenue 153.

Der falsche Mollescott sollte mir im Austausch für diese Summe das schriftliche Geständnis zurückgeben, das er mir abgepresst hatte. Unter der Führung der beiden Detektive stieg ich in ein Zimmer hinauf und übergab Mollescott das Geld – doch er hatte das Papier vergessen. Da ich die Sache endlich beenden wollte, händigte ich ihm die Banknoten aus. Jetzt verstehe ich auch, warum mein Mann von Zeit zu Zeit aus dem Fenster schaute. Gegen fünf Uhr verließen mich der falsche Mollescott und seine beiden Komplizen, nachdem sie mir befohlen hatten, ihnen erst nach einer halben Stunde zu folgen, da ich sonst erneut verhaftet würde.«

»Und Sie können sich meine Wut vorstellen, als ich bei meinem Hinausgehen festgenommen wurde.«

»Ihre Erregung ist verständlich!«, pflichtete Mollescott bei, der – wenn man es so ausdrücken darf – seine Ohrfeige noch nicht ganz verdaut hatte. »Ich werde versuchen, all das aufzuklären.«

Und ohne sich Weiteres anzuhören, läutete der Chef der Kriminalpolizei und ließ den Diplomaten in eine der Zellen des Justizpalastes führen.

Die Angelegenheit blieb mysteriös! Wer konnte dieser kühne Erpresser sein? Die Antwort auf das Rätsel erhielt James Mollescott, als er am nächsten Tag zum Gouverneur von Kalifornien gerufen wurde.

»Lassen Sie Mister Miguel do Amaral sofort frei!«, befahl ihm der hohe Beamte. »Ach, Mollescott … Sie sind wirklich nicht besonders helle … Hier, lesen Sie diesen Brief!«

James Mollescott las:

An den Gouverneur des Staates Kalifornien.
Ich habe die Ehre, Ihnen anbei die Dokumente zu überreichen, die Señor Miguel do Amaral abgenommen wurden – Attaché der mexikanischen Gesandtschaft und in seiner Freizeit ein berüchtigter Spion. Ebenfalls beigefügt finden Sie ein Dokument, in dem dieser Diplomat sein schändliches Handwerk gesteht. Es ist nicht nötig, mich zu belohnen; ich habe mich bereits selbst bezahlt.
Glücklich darüber, meinem Vaterland nützlich gewesen zu sein, zeichne ich:
John Strobbins, Meisterdieb-Detektiv.
P.S.: Beste Grüße an Mister James Mollescott.

Señor Miguel do Amaral wurde noch am selben Tag freigelassen und umgehend aus dem Hoheitsgebiet der Union ausgewiesen. Die von John Strobbins übersandten Dokumente waren von höchster Brisanz, und in der Tat: Der Einbrecher hatte seinem Land einen großen Dienst erwiesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert