Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 8. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
8. Kapitel
Das Geheimnis des Schlosses Dunsinam
In diesem Augenblick kamen leise Schritte über die Wendeltreppe herauf. Sherlock Holmes wollte schon rufen: »Harry, bist du es?«, als sein ausgezeichnetes Ohr genau unterschied, dass das nicht der Schritt seines Famulus sein konnte.
Blitzschnell huschte der Detektiv hinter den Koffer und kauerte sich so tief wie möglich auf den Boden.
Draußen hatte der Mond lange mit den Wolken gekämpft, aber nun gelang es ihm, den Schleier der Wolken zu zerreißen, und das Licht der Nacht strömte durch ein kleines Fenster in den Bodenraum.
In diesem Licht tauchte vor Sherlock Holmes die Gestalt Lord Dungraves auf.
Der Lord war in einen weißen Mantel gehüllt, der ihm von der Schulter bis auf die Füße herabfiel.
Er trug auch eine weiße Mütze auf dem Kopf. Sherlock Holmes konnte sich diese seltsame Kleidung jedoch sofort erklären.
Der Lord wollte bei allen, die ihn beobachteten – vielleicht sogar bei Samuel und Kate, seinen Dienern –, falls diese ihm einmal auf seinen nächtlichen Wegen begegneten, Gespensterfurcht erregen.
Er selbst wollte wie eine gespenstische Gestalt aussehen. Deshalb hatte er das Mitführen jeder Kerze verschmäht und bewegte sich zuerst im Dunkeln und nun im Mondlicht mit größter Sicherheit.
Vor dem Koffer, in dem sich der kleine Dandy befand und hinter dem Sherlock Holmes saß, blieb der Lord stehen.
Sein bleiches Schurkengesicht verzerrte sich zu einem höhnischen Lächeln, als er die Hand auf den Koffer legte und mit leiser Stimme, die Sherlock Holmes jedoch deutlich hören konnte, vor sich hin murmelte: »Er hat also die Annahme verweigert – umso besser, darauf wagte ich nicht einmal zu hoffen.« Noch niemals habe ich in größerer Gefahr geschwebt als in jener Stunde, in der ich von Mary Haltons Flucht erfuhr! Ha, wenn ich daran denke, wie ich damals auf meinem wildesten Renner durch die Nacht stürmte, um noch vor ihr Ashkirk zu erreichen! Mein Pferd stürzte tot unter mir nieder, als ich vor dem Bahnhof in Ashkirk ankam. Ich fragte, ich forschte – niemand hatte eine Dame den Zug besteigen sehen. Und in Ashkirk steigen so wenige Personen ein, dass Mary Halton nicht hätte verborgen bleiben können.
In der Stadt befand sie sich auch nicht. Das hätte mich nicht sehr überrascht, denn die Leute nennen mich nicht umsonst den Fürsten von Ashkirk. Dort durfte sie sich niemandem anvertrauen. Da durchzuckte mich ein Gedanke: Hat sie beim Spediteur in Ashkirk nicht noch einen Koffer stehen, der, als sie ihre Brautausstattung ins Schloss schaffen ließ, irrtümlicherweise zurückgeblieben ist?
Ganz recht – in diesem Koffer hält sie sich verborgen!
Ich stürmte zum Spediteur.
»Wo ist der Koffer der Lady?«, frage ich ihn.
»Den haben wir doch auf Befehl der Lady vor drei Tagen nach London geschickt!«
»Den Koffer? Unmöglich! War die Lady bei Ihnen?«
»Sie war bei mir. Sie gab mir diesen Auftrag und verweilte dann für einige Minuten allein im Schuppen, in dem ihr Koffer stand.
Noch am selben Tag ist der Koffer aber nach London abgegangen.«
»An welche Adresse?«
»An die Adresse eines gewissen Sherlock Holmes!«
Der Narr wusste nicht einmal, dass Sherlock Holmes der berühmteste Detektiv der Welt war. Ich aber wusste es und ein kaltes Fieber befiel mich.
»Nun, ich habe mich davon befreit«, schloss der Lord sein Selbstgespräch.
Mit dem nächsten Zug fuhr ich nach London. Ich erinnerte mich daran, früher eine Dirne namens Ketty Ross gekannt zu haben, die mit Verbrechern bekannt war.
Ich suchte sie auf und lernte durch sie jenes Ungeheuer kennen, das jetzt berauscht auf dem Strohsack liegt und morgen früh schon bei den Toten liegen wird.
Mit Nick Dowers Hilfe gelang es mir, in den Güterboden der Great Northern Railway einzubrechen. Dort stand der Koffer, und ich kam gerade noch zur rechten Zeit. Ich fand Mary Halton darin verborgen.
Und dann tötete ich sie.
Aber wir konnten die Leiche nicht mitnehmen, das wäre zu gefährlich gewesen. Noch weniger durften wir daran denken, den Koffer fortzubringen.
Also begnügte ich mich damit, alle Hinweise zu vernichten, die auf die Identität der Toten hätten schließen lassen. Dann – verdammt, ich hatte damit gerechnet, dass die Leiche in London für Aufsehen sorgen würde – aber ich hatte Glück, denn selbst der gewiefteste Detektiv, der sonst das Verwegenste wittert, lehnte die Annahme des Koffers ab, da er niemanden in Ashkirk kennt.
Es lohnte sich nicht einmal, die geringen Frachtspesen für den Koffer zu begleichen. So wurde der Koffer wieder in mein Haus zurückgestellt. Noch heute Nacht würde ich die Leiche Mary Haltons in den See versenken.
In diesem Moment wusste auch Sherlock Holmes, dass er es nicht nur mit einem Verbrecher, sondern wahrscheinlich mit einem Verbrecher und Wahnsinnigen zugleich zu tun hatte!
Denn die Gesichtszüge des Lords verzerrten sich, ein irrsinniges Lächeln mit grausamer Sinneslust umspielte seine Lippen. Dann wandte er dem Koffer plötzlich den Rücken zu und schritt zur anderen Seite des Raumes hinüber.
Im nächsten Moment verspürte Sherlock Holmes einen starken Luftzug.
Der Lord hatte eine Taste gedrückt und damit eine Tür in der Mauer geöffnet.
Der Lord schritt durch diese Tür und verschwand.
Aber Sherlock Holmes hatte ebenfalls schon die geheime Tür erreicht, denn der Lord hatte sie nur angelehnt. Er konnte ihm deshalb wie sein Schatten folgen.
Gerade im selben Moment, in dem Sherlock Holmes die Tür hinter sich ließ, überzogen wieder dunkle Wolken den Mond und gespenstische Finsternis lag über Schloss Dunsinam.
Aber so viel konnte Sherlock Holmes erkennen, dass er sich auf einer Galerie befand, die an der Außenmauer entlanglief und über einem Hof oder Garten zu liegen schien.
Die weiße Gestalt des Lords leuchtete ihm von fern entgegen. Er ließ sie nicht aus den Augen und zählte genau die Schritte, die er von der Tür zur Mauer zurücklegte.
Als er 22 Schritte gemacht hatte, blieb der Lord stehen.
Der Detektiv warf sich lautlos zu Boden.
Deutlich sah er nun die große Kuppel des Turmes, die sich über einer schräg aufsteigenden Mauer erhob.
Dann hörte er etwas Metallisches klirren – der Lord richtete eine schmale Feuerleiter auf, die wahrscheinlich seitlich am Gitter der Galerie befestigt gewesen war.
Die eiserne Leiter reichte gerade bis hinauf zur Turmkuppel.
Und jetzt – Sherlock Holmes traute seinen Augen kaum – stieg die weiße Gestalt des Lords über diese schmale Leiter empor, immer höher, bis er die Kuppel erreicht hatte.
»Es ist klar«, sagte sich der Detektiv, »das Turmgemach ist nicht durch eine Tür zu erreichen.
Vielleicht hat der Lord die Tür vermauern lassen oder die alte Bauart hat eine solche überhaupt nicht vorgesehen.
Lord Dungrave weiß sich zu helfen – er dringt von oben durch die Kuppel in das Turmzimmer hinein!«
Langsam schob sich Sherlock Holmes vorwärts.
Er selbst war wahnsinnig erregt, denn er war fest entschlossen, Dungrave zu folgen, selbst wenn es in den Schlund der Hölle ginge.
Der Lord rutschte auf dem Leib über die Turmglocke dahin.
Eiserne Klammern, die wahrscheinlich zu diesem Zweck in den Schiefer, mit dem der Turm bedeckt war, eingefügt worden waren, dienten ihm als Stütze und Halt.
Sherlock Holmes hatte bereits die Leiter erreicht und kletterte nun geräuschlos von Sprosse zu Sprosse aufwärts.
Plötzlich ertönte ein Geräusch, als ob ein Riegel zurückgeschoben würde, dann ein Rasseln. Ein großes Fenster oder eine Falltür öffnete sich und die weiße Gestalt des Lords verschwand in der Tiefe des Turmes.
Doch schon hatte der Detektiv die Kuppel erreicht und nahm denselben Weg, den Lord Dungrave soeben genommen hatte.
Der Herr des Schlosses hatte es offenbar nicht für nötig gehalten, die Falltür hinter sich zu schließen. Sie stand geöffnet, und Sherlock Holmes blickte vorsichtig in einen in Dunkel gehüllten Raum hinab.
Von Dungrave keine Spur. Er musste durch eine Tür bereits aus diesem ersten Raum verschwunden sein, denn die Turmkuppel war groß genug, um mehrere Gemächer zu überdecken.
»Jetzt gilt es«, sagte sich Sherlock Holmes.
Ohne zu zögern, ließ er sich durch die Falltür hinabgleiten.
Sobald seine Füße den Boden berührten, blieb er stehen.
Wohin er auch blickte, glänzte ihm durch die Finsternis ein langgestreckter, ganz gleichartig weißer Gegenstand entgegen.
»Ich muss Klarheit haben«, sagte sich der Detektiv, »und koste es mein Leben – das Geheimnis dieses Turmgemachs muss ich ergründen!«
Er drückte die Blendlaterne, ein Lichtschein blitzte auf und Sherlock Holmes zuckte zusammen.
Ein Schrei wollte sich seinen Lippen entringen, doch mit der Geistesgegenwart, die ihn stets auszeichnete, erfüllte sich seine Brust.
Ein furchtbarer Anblick, der Wahnsinn zu erwecken oder nervenschwache Menschen durch einen Herzschlag hinzurichten, bot sich ihm: Zur Rechten, zur Linken, vor und hinter ihm befanden sich fünf gläserne Särge, in denen jeweils eine weibliche Leiche lag.
Es dauerte eine volle Minute, bis Sherlock Holmes sich so weit gefasst hatte, dass er das, was er sah, erfassen, begreifen und ausdenken konnte.
Das also war das Geheimnis des Schlosses Dunsinam – in diesen fünf Särgen stellte es sich ihm dar: Diese fünf toten Frauen, die in der Blüte ihrer Schönheit und Jugend dahingerafft worden waren – nicht vom allbezwingenden Tod, der früher oder später von jedem Menschen Tribut fordert, sondern durch die Hand eines Schurken – verrieten alles.
Der Besitzer dieses Schlosses war einer jener perversen Menschen, die immer nach einer neuen Frauenschönheit dürsten. Er war ein männlicher Vampir, der sich nur Mädchen zu eigen machte, um ihnen den letzten Blutstropfen der Liebe auszusaugen. Er schreckte auch vor Mord nicht zurück, um ein Liebchen, dessen er überdrüssig geworden war, zu beseitigen und ein neues Opfer in sein Netz zu locken.
Sherlock Holmes trat an einen der Särge heran. Eine schöne, blonde, junge Frau, die wohl kaum 20 Jahre alt gewesen war, als sie dem furchtbaren Schicksal verfiel, Lord Dungraves Geliebte zu werden, ruhte hier auf weißen, seidenen Kissen. Da die Glassärge so gearbeitet waren, dass keine Luft an die Leichen gelangen konnte, waren die Toten vor schneller Verwesung bewahrt.
Diese Unglücklichen sahen nun aus, als würden sie schlafen.
An jedem Sarg war ein kleines Holztäfelchen angebracht, auf dem der Name der Verstorbenen stand – ohne Zweifel der Name, den sie als Mädchen geführt hatte.
Und nun erinnerte sich Sherlock Holmes, dass in den letzten Jahren oft Mädchen aus besseren und besten Familien spurlos verschwunden waren. Sie waren nach Schloss Dunsinam gelockt, hier geliebt und gemordet worden.
»Du hast mir mein Kind gestohlen. Du hältst mich seit vier Jahren in diesem Turmzimmer grausam gefangen, erbärmlicher Schurke, den ich einst Gatte genannt habe. Sei doch wenigstens so mitleidig und versammle mich zu jenen Unglücklichen drinnen, die so ruhig und friedlich in den gläsernen Särgen schlummern!«
»Edith, ich liebe dich noch immer«, presste der Lord hervor. »Stoße mich nicht zurück, die alten Triebe sind in mir erwacht, die mich einst zu deinen Füßen niederzogen. In deine Arme will ich eilen, Geliebte, wohlan denn …«
»Zurück, Scheusal! Lieber den Tod als deine Liebe!«
In wahnsinniger Erregung wurden diese Worte im Nebengemach gewechselt. Sherlock Holmes hörte jede Silbe, doch ihm starrten nur nackte Mauern entgegen.
Er sah keine Tür, keinen Eingang, keine Möglichkeit, zu der unglücklichen Frau zu gelangen.
Durch eine Mauer war er von ihr getrennt.
Nun rang sie mit dem Lord, kämpfte – in einem furchtbaren, verzweifelten Kampf.
»Du stößt mich zurück?«, brüllte Lord Dungrave und seine Stimme klang in diesem Moment wie die eines Wahnsinnigen.
»Nun wohl, so täte ich dich — erdrossele ich dich!«
»Und ich kann sie nicht retten«, rief Sherlock Holmes, »ich kann den Schurken nicht packen, verdammte Mauer, willst du denn nicht weichen?«
Aber im selben Moment, in dem er diese Worte rief, sprang er plötzlich zurück.
Denn dicht vor seinen Füßen hatte sich plötzlich eine Falltür geöffnet, und aus dem geheimen Gang, der zweifellos ins Nebenzimmer führte, sprang eine weibliche Gestalt in flatternden, weißen Gewändern von unten heraus.
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