Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 5. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 5
Die Rätsel mehren sich
Paul war der Erste, der offen murrte und aussprach, was die beiden anderen dachten.
»Mag diese Grotte auch wohnlicher sein als jene Höhle«, sagte er, »so hatten wir dort doch die Hauptsache: Wasser. Hier verschwenden wir hingegen unsere Zeit, die wir zu etwas anderem gebrauchen könnten. Wir hätten nicht gleich ausziehen sollen, nur weil es dem Herrn Unsichtbaren beliebte, uns eine andere Wohnung anzuweisen. In den drei Monaten, die wir für die Wasserleitung brauchen, könnten wir auch aus der Höhle etwas machen.«
Keiner der drei hatte seit dem Vorfall mit der Leitschnur und den Kleidern vor fünf Tagen wieder darüber gesprochen. Jeder wurde von einer geheimen Scheu abgehalten, seine Meinung über jenes Wesen zu äußern.
Nun war der Bann gebrochen. Zum ersten Mal begaben sie sich wieder zur Höhle.
Hier erwarteten sie neue Überraschungen.
Anstelle des einen Pflaumenbäumchens waren jetzt mehrere Reihen davon vor der Höhle gepflanzt worden. Vor der Höhle selbst war in einer Höhe von etwa einem Fuß über dem Boden eine Schnur gespannt, deren Enden lediglich über zwei Steine gelegt und mit solchen beschwert waren. Die Schnur war eindeutig als »Zutritt verboten« gekennzeichnet.
Erstaunt sahen sich die Freunde an.
»Nun sage mir einer, was das für Geschöpfe sind, die hier hausen!«, rief Oskar. »An Geister glaube ich nicht!«
Paul wollte über die Schnur steigen, doch Richard hielt ihn zurück.
»Wer auch immer es sein mag, wir wollen sein Verbot respektieren«, sagte er. »Es ist ja doch eher eine Bitte, und das geheimnisvolle Wesen hat sich uns gegenüber freundlich gezeigt.«
»Ei, so soll es uns doch auch Wasser schaffen«, rief Paul. »Hörst du, unsichtbarer Geist?«, setzte er noch lauter hinzu. »Du sollst uns Wasser verschaffen! Ein Quell soll neben unserer Grotte hervorspringen!«
Noch einmal sah sich Richard prüfend um.
»Wisst ihr, wie es mir hier vorkommt?«, sagte er. »Als wäre diese Höhle ein gehegtes und gepflegtes Heiligtum. Nehmen wir an, es gäbe Gnome oder Heinzelmännchen, so wäre das ihre Kirche.«
Sie begaben sich zurück, so klug wie zuvor. Jenes Gefühl, das den Menschen befällt, wenn er einer geheimnisvollen Macht gegenübersteht – nämlich ehrfürchtiges Staunen – ließ die Unterhaltung verstummen.
Doch welche Überraschung erwartete sie, als sie um den Felsvorsprung bogen und vor dem Eingang zu ihrer Grotte standen! Aus einem Loch des felsigen Hügels, nicht weit vom Eingang entfernt, sprang eine Quelle! Das Wasser hatte bereits ein Bett gewühlt und sich geklärt.
»Das ist wirklich Zauberei!«, flüsterte Oskar.
»Es sind Geister. Sie haben meinen Wunsch erhört und eine Quelle neben unserer Höhle aus dem Felsen springen lassen«, setzte Paul ebenso furchtsam hinzu.
Richard sagte nichts, sondern trat an das runde Loch, aus dem die Quelle in Manneshöhe hervorsprang. Er untersuchte es und fuhr auch mit einer langen Stange hinein.
»Dieses Loch war vorhin, ehe wir gingen, noch nicht vorhanden«, entschied er schließlich. »Die Felswand war ganz glatt, ohne jeden Riss, und man sieht, dass das Loch ganz frisch ausgemeißelt oder ausgebohrt worden ist.«
Paul wollte davon nichts wissen; er schien lieber an ein Wunder zu glauben – und ein solches war es schließlich doch.
Somit war die übrige Arbeit an der Wasserleitung also unnötig geworden. Wenn das geheimnisvolle Wesen aber nun Pauls Wunsch erhört und die Macht hatte, eine Quelle aus dem Felsen sprudeln zu lassen, warum hatte es dies nicht gleich getan und die drei nicht gleich hierher versetzt, sondern sie erst so lange an der Wasserleitung arbeiten lassen? Deren Zweck musste es doch erkennen, selbst wenn es die Sprache, in der sich die Freunde oft genug über ihren Plan, sich mit Wasser zu versorgen, unterhielten, nicht verstanden hatte.
»Einfach darum nicht”, erklärte Richard, »weil auch dieses geheimnisvolle Wesen fünf Tage gebraucht hat, um den Felsen zu durchbohren, und weil es aus seiner schweigsamen Unsichtbarkeit eben nicht heraustreten wollte.”
Von nun an mischte sich die rätselhafte Hand täglich – oder besser gesagt: nächtlich – in die Arbeiten der Robinsons. Dabei erkannte man immer mehr, dass man es mit einem oder mehreren irdischen Geschöpfen zu tun hatte, die auch ihre Schwächen besaßen und eigentlich gar nicht mehr konnten als die drei Freunde – nur waren sie ziemlich geschickt und sehr fleißig.
Der Name »Heinzelmännchen«, den sie ihnen gaben, war daher ganz angebracht.
Oskar hatte ein Reisfeld bestellt und da die Saat aufgegangen war, musste das Unkraut ausgejätet werden. Nachdem Oskar dies einige Tage lang getan hatte, fand er eines Morgens das ganze Feld, eine Arbeit von vielen Wochen, sauber ausgejätet und das Unkraut genau in solchen Haufen zusammengeworfen, wie es die Knaben zu tun pflegten.
Dann wurden Abzugskanäle angelegt und diejenigen, die bereits durch Furchen deutlich markiert waren, entstanden von selbst, sobald die ersten fertig waren. Man musste nur diese Furchen ziehen, also den Lauf der Gräben angeben, um sicher zu sein, dass sie am anderen Morgen fertig sein würden.
So war es stets und überall. Die Heinzelmännchen begannen nichts von selbst. Sie mussten immer erst angestellt werden und man musste es ihnen stets einige Male vormachen, ehe sie imstande waren, es nachzutun. Und selbst dann konnten sie noch irren.
Paul begann beispielsweise, einen Sonnenschirm aus Palmenblättern herzustellen. Schon mit den unsichtbaren Händen rechnend, ließ er die Arbeit am Abend in der Erwartung liegen, sie am anderen Morgen vollendet vorzufinden. Doch damit war es nichts, er musste den Sonnenschirm allein fertigmachen. Der zweite Sonnenschirm jedoch, den er in Angriff nahm, vollendete sich von allein. Jetzt musste er nur genügend Palmenblätter hinlegen und so viele Stöcke hinzufügen, wie er wollte, und über Nacht entstanden so viele tadellose Sonnenschirme, wie er hinzugefügt hatte.
Oder er flocht ein Fischnetz. Als dieses fertig war, begann er mit einem neuen Flechtwerk für eine Jagdtasche. Am nächsten Morgen war jedoch ein zweites Fischnetz daraus geworden und das wiederholte sich ein drittes Mal. Erklärungen halfen nicht, die Arbeitenden wurden nur beobachtet. Oft musste man seine Arbeit sogar vor den unsichtbaren Händen schützen.
Zuerst legte man deswegen einige schwere Steine darauf – ein Mittel, das man durch Zufall entdeckt hatte. Oder man konnte den Gegenstand, an dem man arbeitete und der nicht berührt werden sollte, hoch hängen. Dann fand man, dass es genügte, nur einen einzigen Stein daraufzulegen. Schließlich genügte es, die Arbeit an einen bestimmten Ort zu legen.
Kurz: Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen den Robinsons und dem geheimnisvollen, unsichtbaren Wesen eine Art Zeichensprache, die sich immer weiter vervollkommnete.
So war es beispielsweise nicht mehr nötig, erst ein anderes Loch zu graben, wenn man draußen im Freien ein tiefes Loch graben wollte. Man musste nur einen bestimmten roten Stein an die betreffende Stelle legen und darauf eine Schnur, die den Umfang angab. Dann musste man nur noch angeben, ob das Loch rund, eckig oder eine andere Form haben sollte. Ein danebengelegter Stock bezeichnete die Tiefe. Entweder war das Loch am anderen Morgen fertig oder es wurde jede Nacht mit großer Geschwindigkeit und genau nach Maß daran gegraben. Selbst das Verlangen, eine zwölfeckige Grube anzulegen, wurde erfüllt. Dabei bot den heimlichen Arbeiten nicht einmal der härteste Stein ein Hindernis, wenngleich es bedeutend langsamer ging. Jedenfalls mussten die arbeitenden Hände wahren Erdkünstlern angehören. Das Graben in der Erde schien wirklich ihr Element zu sein, denn sie leisteten darin Wunderbares. Aber auch andere Arbeiten mussten sie nur ein paarmal beobachten, um sich ebenfalls darin geschickt zu zeigen. Ihre Geschicklichkeit steigerte sich dabei stets.
Aus dieser Schilderung kann man ersehen, dass die drei Knaben jetzt weniger die Rolle von Robinsons spielten. Sie legten sich vielmehr auf das Beobachten der Wirkungsweise der unsichtbaren Wesen. Es wurde bereits angedeutet, dass sie von ihnen sogar Arbeiten verlangten, die sie gar nicht benötigten und die auch keinen Zweck hatten.
Natürlich wollten sie die nächtlichen Arbeiter selbst sehen, aber alle diesbezüglichen Versuche scheiterten.
Wenn sie nachts draußen auf der Lauer lagen – oder auch nur einer von ihnen –, wurde in dieser Nacht eben nicht gearbeitet. Dies war leicht erklärlich, denn da die Grotte Löcher und Felsspalten genug besaß, konnten die drei Knaben von diesen aus wohl beobachtet werden. Ebenso blieb die Arbeit liegen, draußen wie drinnen, wenn sie nachts Licht in der Höhle hatten. Die unsichtbaren Hände schafften eben nur, wenn sich alle drei Bewohner in der finsteren Höhle befanden und sich still verhielten.
Wie oft war einer von ihnen plötzlich in die mondhelle Nacht hinausgestürmt! Aber da war nichts zu sehen, und die kleinen Gestalten, die dann davonhuschten, mussten Einbildung sein, denn jeder beschrieb sie anders.
Ebenso scheiterte die List, einen Fußabdruck von ihnen zu bekommen. Eine Spur hinterließen sie allerdings: Sie glätteten den Boden stets an den Stellen, an denen sie Spuren hinterlassen konnten, sodass es aussah, als hätten sie eine feine Harke benutzt.
So wussten die Knaben gar nichts über das Aussehen der Geschöpfe, die ihnen halfen, und die Annahme, dass es winzige Menschlein, Heinzelmännchen, seien, war nur eine Fantasie. Ihr Wesen konnten die Knaben nur nach ihrer Arbeitsleistung beurteilen. Danach waren es intelligente Geschöpfe, aber wenn man alles nüchtern betrachtete, dann waren sie durchaus keine Hochbegabten. Sie verstanden beispielsweise die Sprache der Jungen nicht und schienen sie auch nicht erlernen zu können. Die einzige selbstständige Arbeit, die man von ihnen gesehen hatte, war die Pflege der Pflaumenbäumchen vor jener Höhle gewesen. Denn auch die Fäden, mit denen sie damals genäht hatten, und die große Schnur, mit der sie die Knaben hierhergeführt hatten, waren vermutlich nur Nachahmungen der Stricken, die die drei Freunde damals gefertigt hatten. Die geheimnisvollen Wesen konnten sie bei dieser Arbeit beobachtet haben.
Wenn man annahm, dass es intelligente Maulwürfe waren, die statt mit plumpen Schaufelpfoten mit Händchen ausgestattet waren und zu jeder Arbeit geschickt waren, die die Verrichtungen der Menschen nachahmten und sich von diesen freiwillig dressieren ließen, so kam man mit dieser Erklärung schließlich ebenso weit. Es konnten auch kleine, gescheite Affen sein. Die Annahme von Maulwürfen war allerdings richtiger, da sie das Licht scheuten und sehr bewandert in Erdarbeiten waren.
Letztlich musste man aber immer wieder an Heinzelmännchen, Erdgnome, Kobolde oder ähnliche Wesen denken. Außerdem gab es noch vielerlei Seltsames, zum Beispiel die von ihnen so sorgsam gehütete Höhle und die Pflaumenbäumchen.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass jene Wesen ihre nächtliche Arbeit nicht aufnahmen, wenn es draußen regnete, dass sie also auch den Regen scheuten.
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