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Mörder und Gespenster – Band 1 – 19. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 9

Franz erwachte gewöhnlich sehr früh, ganz wie es die Schäfer tun, die mit der Sonne aufzustehen oder ihr gar zuvorzukommen pflegen. Die schauerlichen Begebenheiten der vergangenen Nacht lagen wie ein Traum hinter ihm und sein Herz fühlte sich wunderbar erleichtert. Welche Macht diese Ruhe über ihn gebracht hatte, kümmerte ihn nicht sehr.

Er sprang auf und sah nach dem Alten, der mit klaren Augen dalag, ohne ihn zu fragen, wo er die Nacht verbracht hatte. Auch dies fiel Franz nicht auf, da er wusste, dass der Alte manchmal Gedächtnislücken hatte und oft nicht imstande war, einen Gedanken festzuhalten.

Der Kanonikus war nicht gut gelaunt, das merkte Franz sofort, und deshalb vermied er es, die nächtlichen Vorfälle zu erwähnen.

Nachdem der Tag weiter vorgeschritten war und sich das Leben auf den Straßen zu mehren begann, trieb es den Schäfer hinab, um zu erfahren, was das Volk über das Verschwinden der Brüder Sembrowski sagte. Die Sorge um seinen Oheim überließ er der alten Wirtschafterin desselben und eilte fort, um hierhin und dorthin zu laufen. Doch alles war ruhig in der Stadt: Der Fluss hielt seine Beute auf tiefem Grund gefangen, und die Juden hatten den Leichnam des Kapitäns so weit von ihrer Wohnung entfernt begraben, dass er noch nicht aufgefunden werden konnte. Niemand sprach von den Verschwundenen und diese Stille, die über diesen Ereignissen brütete, verstärkte mächtig die Ruhe, die in des Schäfers Gemüt herrschte.

Seltsamerweise hatten ihn seine Nachforschungen so sehr in Anspruch genommen, dass er den Lauf der Stunden übersah. So bemerkte er beim Umhergehen von einem Laden zum anderen und von einem Wirtshaus zum anderen nicht, wie der Abend heranbrach. Plötzlich dachte er mit Besorgnis daran, seinen alten Oheim so ganz allein gelassen zu haben und nun tüchtig von ihm gescholten zu werden, wenn er nach Hause kam. Eilig trat er den Heimweg an.

Beim Eintritt ins Haus fand er die alte Wirtschafterin vor, die ihm sogleich meldete, dass sein Oheim, als er das Vesperläuten hörte, aufgebrochen sei, um in den Dom zu gehen. Heute sei Sankt Mauritius, der Schutzpatron des alten Herrn und der Domkirche zugleich. Da wollte er der Einladung des Herrn Domprobst folgen, bei dem das ganze Kapitel eingeladen war.

»Wie?«, rief Franz erstaunt aus. »Ist mein Herr Oheim nicht recht bei Trost, sich solcher Erkältung auszusetzen? Will der alte Mann kalte Füße bekommen, um noch ärger zu husten, als es schon der Fall ist? Will er sterben, bevor es seine Zeit ist? Da will ich nur hineingehen, ihm ein großes Feuer im Kamin anzünden und das Bett wärmen, damit er wieder zu Kräften kommt!«

Mit diesen Worten sprang er die paar Stufen hinauf, die zu dem Saal führten, in dem sich der Kanonikus gewöhnlich aufzuhalten pflegte. Er riss die Tür heftig auf, weil er niemanden zu stören wähnte – doch wie sehr erschrak er, als er seinen Oheim im großen Lehnstuhl neben dem Kamin sitzen sah!

»Dachte ich es mir doch gleich«, sprach er zu sich selbst, nachdem er sich ein wenig erholt hatte. »Die Alte hat mich zum Besten gehalten. Ich wusste es ja wohl, dass mein Oheim gescheiter ist, als abends Gesellschaften zu besuchen.«

Der Kanonikus sah ihn starr an und sprach kein Wort.

Der Schäfer, der wie alle Leute seines Standes viel Mutterwitz und eine gute Beobachtungsgabe besaß, wusste wohl, dass solche Greise sich manchmal in einem erleuchteten Zustand befinden, gleichsam in einer anderen Welt schweben, mit den Urstoffen der Natur in engere Verbindung treten und in ihrem Inneren Gespräche führen, von denen andere Menschen nichts begreifen. Dies bedenkend, zog Franz sich ehrfurchtsvoll in eine Ecke des Zimmers zurück, um das Ende dieses nachdenklichen Zustandes bei seinem Oheim abzuwarten. Dieser behielt immerfort seine Stellung bei, betrachtete Franz durchdringend und verharrte in seinem Schweigen.

Nun wurde es dem Schäfer auf einmal ängstlich und beklommen. Das hereinbrechende Dunkel wurde immer tiefer und auf dem schwarzen Grund zogen in lebendigen Farben, gleich Phantasmagorien, die Ereignisse der Nacht vorüber.

Da sitzt mein frommer Oheim, dachte Franz, und weiß nicht, welche Blutschuld auf seinem Neffen ruht, der ihm allein noch übrig blieb, der ihm seine zwei Liebsten morden ließ!

Ein stilles Gebet folgte auf diesen Gedanken und mit der Beruhigung, die es ihm verschaffte, hob es sich immer höher und höher und nahm so sehr sein ganzes Wesen ein, dass er ganz zur inbrünstigen Andacht wurde. Da zog ein leises Wehen durch das Gemach und er musste seine Blicke unwillkürlich zum Kamin wenden, wo der alte Kanonikus saß. Nun fiel ihm plötzlich die Gestalt desselben auf. Die langen Nägel an den Füßen, die ihm früher schon sonderbar erschienen waren, drohten die Pantoffeln zu durchbohren, und nun wurden die Beine glühend heiß, sodass ihr roter Widerschein durch die Hose drang und alles umher wie in Flammen zu stehen schien.

»Was ist das?«, schrie Franz entsetzt. »Kann der Tod so verwandeln? Ist mein guter Oheim denn gestorben?«

Da erhob sich die Gestalt langsam aus dem Sessel. Immer größer werdend wollte sie auf ihn zuschreiten. In der fürchterlichsten Angst seines Herzens rief Franz Gott und alle Heiligen an. Die Tür öffnete sich und der alte Kanonikus trat mit dem Gebetbuch in der Hand und einer rot gefrorenen Nase noch einmal ins Zimmer.

»Da ist ja mein lieber Oheim!«, schrie Franz freudig. »Aber was ist das, Herr Kanonikus, dass Ihr zur gleichen Zeit hier am Feuer sitzt, um die Leute zu erschrecken, und zur gleichen Zeit beim Herrn Domprobst sein könnt? Gibt es denn zwei Kanoniker wie Sie in der Welt?«

»Mein guter Franz«, sprach der Eintretende, »es gibt eine Zeit im Leben, in der man sich wünscht, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Ein solches Glück ist dem Menschen aber nicht beschieden. Bist du denn toll oder blind, mein lieber Sohn? Wo siehst du mich denn doppelt? Bin ich nicht allein hier?«

Schnell wandte Franz den Kopf dem Kamin zu und fand den Sessel leer. Als er sich der Stelle näherte, befremdet, wie man sich denken kann, fand er am Boden ein Häufchen Asche, aus dem ihm ein starker Schwefelgeruch entgegendunstete.

Bebend erhob er sich, denn nun wusste er, mit wem er es zu tun gehabt hatte und wer ihm die verhängnisvollen Ratschläge gegeben hatte, sich seiner beiden Miterben zu entledigen. Das Einzige, was ihn trösten konnte, war, dass er nur aus Notwehr gehandelt hatte, da seine schlechten Vettern ihm nach dem Leben trachteten.

Er beichtete alles kurz und knapp seinem alten Onkel, der es als eine weise Fügung Gottes ansah und hinzufügte, dass das Böse und das Gute gleichmäßig in der Welt verteilt seien und sich dem Guten ebenso viel Böses wie dem Bösen Gutes beigemischt finde. Hier hatte der Teufel selbst dazu dienen müssen, Verbrechen zu bestrafen; als er sich aber der Tugend bemächtigen wollte, sei ihm die größere Macht entscheidend entgegengetreten.

Noch in derselben Nacht segnete der Kanonikus das Zeitliche. Franz, von den letzten Ereignissen heftig ergriffen, drückte ihm weinend die Augen zu. Von dem reichen Erbe, das ihm zufiel, wandte er einen bedeutenden Teil dem Franziskanerkloster zu. In dessen Orden ließ er sich aufnehmen und begrub alle seine weltlichen Wünsche und Hoffnungen für immer in dessen Schoß.

Der andere Teil der Erbschaft fiel einer Seitenlinie des Sembrowskischen Hauses zu, die bald darauf eine schöne Brücke über das Flüsschen Bialy bauen ließ. In deren Mitte erhob sich der Erzengel Michael, wie er Satan bekämpft. Dies geschah zum Andenken an die Begebenheit, die dem Lebenswandel ihres Verwandten die fromme Richtung und ihnen die reiche Erbschaft verschafft hatte, und als ein fortwährendes Wahrzeichen für kommende Geschlechter.

*

Als Herr S. einst in Danzig an einer schweren Augenkrankheit litt, erzählte er diese Geschichte einigen Freunden, die ihn besuchten. Später teilte er ihnen eine Familienchronik mit, in der diese Geschichte wahrheitsgetreu und genau so, wie hier wiedergegeben, verzeichnet war.

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