Der Märkische Eulenspiegel 28
Der Märkische Eulenspiegel
Seltsame und kurzweilige Geschichten von Hans Clauert in Trebbin
Niedergeschrieben von Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Leipzig, 1847
Überarbeitete Ausgabe
Hans Clauert, Schlosser aus Trebbin
Wie Clauert an seiner Stelle den Kerkermeister gefangen nahm
Nach dem großen Brandschaden, den die Stadt Trebbin im Jahr 1565 erlitt, erlaubte ihr Landesfürst und Herr, der Kurfürst von Brandenburg, den Bürgern, auf den Zossen’schen Haiden einige Schock Stämme Bauholz abzuhauen, da auf den Trebbinischen Haiden nicht genug Holz zum Wiederaufbau der Stadt zu finden war. Nachdem jeder seine ihm zugewiesene Anzahl an Stämmen gefällt hatte, gab es viele, die aus Armut das Holz nicht nach Hause schaffen konnten, sodass vieles davon dort verfaulte. Darüber wurde Eustachius von Schlieben, der Hauptmann von Zossen, sehr erzürnt und schwor, den ersten, der wieder aus Trebbin käme und ihn um Holz ansprechen würde, ins Gefängnis werfen zu lassen.
Dies wurde den Ratsherren in Trebbin gemeldet, die befürchteten, der Hauptmann werde sein Versprechen halten. Deshalb wussten sie nicht, wen sie an den Hauptmann absenden sollten, der bei ihm in Gunst stünde, denn die Stadt war noch nicht wieder aufgebaut. Schließlich fiel die Wahl auf Clauert, der beim Hauptmann sehr beliebt war. Sie versprachen ihm eine doppelte Belohnung und seine freie Verpflegung und schickten ihn dann ab, um dem Hauptmann einen Brief nach Zossen zu überbringen. Clauert ahnte nicht, wie gefährlich die Sache sein würde. Er ließ sich den Botenlohn gefallen und nahm den Brief an. Als er in Zossen ankam und dem Hauptmann den Brief überreichte, sagte dieser zu ihm: »Du loser Schelm! Musst du denn gerade der Erste sein, der zu mir kommt, um Holz nachzusuchen? Nun, ich habe es geschworen und muss meinen Schwur also halten!«
Er ließ sogleich den Wächter rufen und sagte zu ihm: »Komm her und führe diesen Menschen in den Turm hinaus!«
Ungeachtet dessen, dass Clauert sonst bei dem Hauptmann in großer Gunst stand.
Auf dem Schloss zu Zossen wurden nämlich stets zwei Wächter gehalten, die tagsüber das Wasser in die Küche trugen und dann die Gefangenen beaufsichtigen mussten.
Der Wächter tat, wie ihm der Hauptmann befohlen hatte, und führte Clauert zum Turm hinaus. Dieser war sehr hoch und damals außen mit zwei Leitern versehen, sodass es ziemlich gefährlich war, hinaufzusteigen.
Clauert stellte sich als gehorsamer Untertan dar und ging mit dem Wächter bis zu den beiden Leitern. Dort angekommen, sagte er zu dem Wächter: »Lieber Peter, steige du voran, ich will dir nachfolgen. Zeige mir nur wenigstens, wo ich in den Turm hineingehen soll, damit ich nicht hinabfalle. Ich kann mich nicht gut mit dem Gesicht behelfen. Wie ich gehört habe, soll es oben im Turm ein Loch geben, durch das man die Übeltäter hindurchlässt.« Dabei kannte er die Verhältnisse besser, als man es ihm hätte sagen können.
Der Wächter glaubte seinen schalkhaften Worten, stieg vor ihm hinauf und kam in die Tür.
Da sagte er zu Clauert: »Hans, folge mir hierher!«
Unterdessen ergriff Clauert die Tür und schlug sie hinter dem Wächter zu. Er achtete nicht auf dessen Schreien und Rufen, stieg wieder zur Leiter hinab und ließ seinen Kerkermeister gefangen sitzen.
Da es nun Zeit fürs Abendessen war, setzte sich Clauert zu den Dienern des Hauptmanns, schwieg und gedachte, die Mahlzeit zu genießen. Die Diener aber konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Deshalb wurde die Hausfrau veranlasst, nachzusehen, was geschehen war. Als sie Clauert sitzen sah, sprach sie zu dem Hauptmann: »Junker, habt ihr Clauert denn nicht gefangen nehmen lassen?«
Er antwortete: »Ja, ich bin neugierig, was der Schalk denken wird.«
Die Frau sagte: »Clauert sitzt doch bei unseren Dienstleuten an dem Tisch.«
Da drehte sich der Hauptmann mit seinem Stuhl, auf dem er vor dem Tisch saß, zu Clauert um und sagte: »Siehe da, Clauert, was machst du denn hier? Habe ich dich nicht in den Turm stecken lassen?«
Clauert antwortete ihm: »Ach ja, Herr Hauptmann, aber ich habe einen anderen an meine Stelle gebracht. Er soll so lange für mich gefangen sitzen, bis ich gegessen habe. Die Abendmahlzeit war nämlich bereits bereitet, aber ich habe den ganzen Tag hindurch nicht viel gegessen. Deshalb musste ich mir Mittel und Wege überlegen, um zur Mahlzeit zu gelangen.«
Der Herr von Schlieben mutmaßte: »Ich würde wetten, du hast den Wächter eingesperrt.«
Clauert antwortete: »Ja, Herr Hauptmann, ich habe sonst niemanden finden können, der mir diese Gefälligkeit hätte erweisen wollen.«
Da sprach der Hauptmann zu seiner Mutter Catharina: »Das kann nicht ungestraft bleiben. Ich will ihn dir übergeben.«
Die Hausfrau forderte Clauert an ihren Tisch und ließ eine kupferne Kanne voll Wein bringen, die er zur Strafe austrinken sollte.
Da sagte Clauert: »Ach, gnädige Frau! Solche Strafe wollte ich alle Tage leiden.«
Der Wächter musste jedoch an Clauerts Stelle zwei Tage und zwei Nächte im Turm gefangen liegen.
Schreibe einen Kommentar