Mörder und Gespenster – Band 1 – 18. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels
Kapitel 8
In der Zwischenzeit hatte der alte Jüdel große Mühe, seine Leute auf die Beine zu bringen. Zuerst weckte er seine Familie auf: Männer, Frauen und Kinder. Sein Sohn war groß und kräftig gewachsen, hatte einen schwarzen, gekräuselten Bart und ein blasses Gesicht. Er war keiner von denen, die einer Waffentat aus dem Weg gehen oder vor einer Gefahr zurückschrecken. Auf seinen Reisen nach Wilna, Grodno, Warschau oder noch weiter nach Lemberg oder Krakau galt es, viele meilenlange Wälder zu durchziehen, in denen Gefahren aller Art lauerten. Mit diesem nicht geringen Grad eines rühmlichen Mutes verband er die nötige Gegenwart des Geistes, ohne die jener zu nichts nützt. Der scharfe Überblick, die Fertigkeit im Kombinieren, die gewöhnlich den Begabteren seines Volkes innewohnt, hatten bei ihm, dem im Handel und Wandel Geübten, eine bedeutende Ausbildung erfahren.
Bei ihm lebte der Eidam Jüdels, der wegen seines langen Aufenthalts in England den Spitznamen der Engländer trug. Er war ein sehr erfahrener Geschäftsmann und einer der Listigsten, wenn es darum ging, einen Schlag auszuführen. Jüdels Tochter und seine Schnur standen ihren Männern mit Rat und Tat zur Seite, und ihre sehr zahlreiche Nachkommenschaft – da bekanntlich die Juden in Polen ihre Kinder schon im Alter von dreizehn Jahren verheiraten – zeigte deutlich, dass sie nicht aus der Art schlagen würden.
Dieser Familienkongress hatte sich nun vollständig versammelt und horchte der bedenklichen Nachricht, die Jüdel überbrachte, mit großer Aufmerksamkeit zu. Man erkundigte sich nach allen Umständen, die die nächtliche Warnung begleitet hatten, und erwog, ob nicht irgendeine Täuschung zugrunde liegen könne und welche Täuschung der Warner beabsichtigt habe. Nachdem man sich darüber klar geworden war, dass sich tatsächlich ein bedeutender Wert an Diamanten und anderen Kostbarkeiten im Haus befand, wurde beschlossen, die zwei Kettenhunde im Hof loszumachen, die zwei christlichen Packknechte, die im Warenlager benötigt wurden, zu wecken, die alte Rüstkammer zu öffnen und alles mit den nötigen Waffen zu versehen. Bis zum Morgen sollte eine wachsame Runde gehalten werden.
Wir sehen nun den alten, bleichen, zusammengekrümmten Rabbi Jüdel mit einer kleinen Laterne in der Hand die morsche Stiege zum Boden hinaufsteigen. Dort in einer entlegenen Kammer lagen Waffen aus verschiedenen Jahrhunderten und in mannigfacher Ausführung aufgehäuft, eine Sammlung, die so mancher unserer heutigen Raritätensammler mit neidischem Blick betrachtet haben würde. Es war ein langer Zug, der sich ungeduldig wegen der Langsamkeit des Alten zur Kammer bewegte, denn selbst die Kleinsten der Familie waren dabei, um die Herrlichkeiten, die sie so selten zu sehen bekamen, einmal wieder zu betrachten. Während sich alle auf die Lust freuten, waren Sohn und Eidam voller mutigen Grimms. Sie wollten die Bösewichter, die nach ihrer Habe trachteten, blutig züchtigen. Jüdel und die Frauen jammerten und ächzten jedoch nicht wenig wegen der bevorstehenden Gefahr. So unterschiedlich waren die Gefühle dieser Menschen, als sie in die Waffenkammer traten.
Man wählte die sichersten und mörderischsten Waffen aus, jedoch so leise und still wie möglich, um der Nachbarschaft keinen Stoff zum Gerede zu geben. Die Nachbarn konnten sich sonst irgendwelche Geschichten ausdenken, die zu allen Zeiten und in jedem Land den Fanatismus gegen das arme Volk befeuern konnten.
Für die beiden christlichen Knechte suchte man mit Stacheln besetzte Keulen von schwerer Wucht hervor, eine furchtbar zerschmetternde Waffe, die aus den alten Schlachten mit dem Deutschen Orden bis in ihre Zeit erhalten worden war. Die Bauern gruben dergleichen noch manchmal beim Umpflügen ihrer Äcker aus. Jubels Sohn wählte einen prächtigen Damaszener, der einst einem Tataren-Khan gehört haben mochte, als dieser mit seinen Horden in dieses Land kam. Es war eine funkelnde Waffe aus einem so harten Stahl, dass er einen Stein zerschlagen konnte. In den Händen eines kräftigen Mannes konnte er tödliche Wunden zufügen. Der Engländer wählte einen langen Dolch mit florentinischer Klinge, den Jüdel vielleicht aus dem Nachlass eines Woiwoden, der in Italien gereist war, erstanden hatte. Mit diesem tückischen Instrument wollte er hinzuspringen, nachdem die anderen vorgearbeitet hatten, um den Erfolg der ganzen Unternehmung mit einem kühnen Stoß zu sichern.
Man wollte gerade mit diesen Gegenständen in aller Eile die Kammer verlassen, als plötzlich ein ängstlich-quickendes Geschrei die Aufmerksamkeit aller nach einer Ecke der Kammer lenkte, in der ein Haufen altes Eisenwerk vergessen dalag. Die unangenehme Störung war durch zwei Kinder des Hauses verursacht worden, von denen das eine dem anderen einen Helm aufgesetzt hatte, dessen Visier zugeklappt war und nun allen Bestrebungen zum Trotz nicht mehr aufgehen wollte. Der kleine Zitzig glaubte, ersticken zu müssen. Da jedoch keine Zeit zu verlieren war, musste er in dem kriegerischen Schmuck hinabgetragen werden, als erstes Opfer dieses nächtlichen Feldzugs.
Man weckte die Knechte, übergab ihnen die Streitkolben und während sich die Männer nun in dem mit vielen schattigen Bäumen bepflanzten Hof verteilten, waren die Zurückgebliebenen beschäftigt, teils warmen Wein zu bereiten und zu beten, teils am leicht geöffneten Fensterladen mit pochendem Herzen zu lauschen.
Die beiden, Franz und der Kapitän, schritten derweil rüstig nach dem Hause des Juden. Jener mutig im Vorgefühl seines Sieges. Dieser unbesorgt und voller Freude über die gehoffte Beute. Sie sprachen nicht, um ihre Lungen beim starken Schritt nicht noch übermäßig anzustrengen. Als sie sich Jüdels Wohnung näherten, drückten sie sich fest an die Mauer und huschten wie Eidechsen daran entlang.
Sie waren jetzt an der Stelle, wo ein mächtiger Baum seine Zweige ausstreckte. Ein leises Zeichen des Schäfers gab dem hart hinter ihm gehenden Kapitän zu verstehen, dass er hier den vergrabenen Hort finden könne. Zugleich stemmte er sich mit Kraft gegen die Mauer, damit sein Begleiter sich über diese schwingen könne. Mit Behändigkeit sprang der Kapitän hinauf, erfasste einen Zweig des Baumes und war mit einem Satz drüben. Doch einer der Knechte, der hier Wache hielt, versetzte ihm sogleich einen so furchtbaren Schlag mit seiner Waffe, dass er zurücktaumelte. Ein Schwächerer als der Kapitän wäre davon besinnungslos zu Boden gestürzt, doch er war noch so bei Sinnen, dass er den Rückweg über die Mauer antreten wollte. Da sprang Jüdels Sohn hinzu, holte mit dem Damaszener weit aus und hieb ihm das Genick durch.
Der Schäfer, der den Ausgang abwarten wollte, hörte das Sausen der Klinge in der Luft und schrie, von teuflischer Lust beseelt, dass ihm die Rache so wohl gelungen war, dem Sterbenden die Worte zu, die er ihm zugedacht hatte: »Jetzt setze dir deinen Kopf auf, Freund!«
Mit dem Engländer, der nun auch herbeieilte, um zur völligen Sicherung des Hauses seinen Dolch im Herzen des Diebes umzudrehen, kamen auch Lichter herbei. Die Familie des Juden sah jetzt mit großem Schrecken, dass es der Kapitän Sembrowski gewesen war, mit dem sie oft in Handelsverbindung gestanden hatten, der unter ihren Streichen gerade den Geist ausgehaucht hatte.
Während sich auf diese Weise Bedrängnis und Jammer der Juden bemächtigten und sie sorglich daran dachten, den drohenden Schlag mit listiger Geschicklichkeit auszuweichen, hatte sich Franz, der Schäfer, eiligst auf den Rückweg begeben. Der Doppelmord, der jetzt auf ihm lastete, erschütterte ihn nicht, sondern erregte vielmehr eine vollkommene Beruhigung in ihm. Er dachte nur mit heiterem Gemüt an die Erbschaft seines Oheims, die er in dieser einen Nacht zu seinem alleinigen Besitz gemacht hatte.
Er war schon weit weg von der Mauer, an deren Fuß der tote Kapitän in seinem Blut lag. Er schritt nun eilig über die Brücke, unter deren Bögen der Advokat in seinem Schrank auf dem Grund ruhte. Plötzlich sah er im Nebel des grauenden Morgens einen Schatten an seiner Seite, der die Gestalt des alten Kanonikers angenommen hatte, aber riesige Proportionen zeigte. Je schneller er sich bewegte, desto höher wuchs der Schatten, dessen Kopf bis zu den Dächern der höchsten Gebäude ragte und dessen Hände bis zum Boden hingen. Franz senkte seinen Blick zur Erde, allein eine unwiderstehliche Macht zog ihn dann wieder empor, sodass er hinaufblicken musste zu dem grinsenden Mund des Phantoms, zu den feuernden Augen, zu der im Morgenwind flatternden Mähne. Er vernahm, von Hohngelächter begleitet, die Worte: »Brav getan, mein Söhnchen! Nun hast du alles! Ich muss dich loben!«
Von dieser Erscheinung gefoltert, erreichte er das stille Haus am Dom, öffnete leise die Tür und stieg die Treppe hinauf. Hier hatte ihn die Erscheinung verlassen. Beruhigter trat er an das Bett seines Oheims. Dort lag der Alte mit den weißen Härchen um den bleichen Kopf und den gefalteten Händen, ein ehrwürdiges Bild der Ruhe und des Seelenfriedens. Er schaute so lange auf ihn hin, bis alle bösen Eindrücke wieder von ihm geschwunden waren. Dann legte er sich wie gewöhnlich zu den Füßen des Bettes nieder und schlief bald einen ruhigen, stärkenden Schlaf. Aus diesem wurde er vom hustenden Kanonikus geweckt, der vielleicht angekleidet sein wollte, um sich zur Morgenandacht in die Hauskapelle zu begeben.
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