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MOSAIK – Jubiläen, Erinnerungen, Zukunftsperspektiven

MOSAIK – Jubiläen, Erinnerungen, Zukunftsperspektiven

Das Jahr 2025 markiert einen außergewöhnlichen Meilenstein in der Geschichte der deutschen Comiclandschaft. Die traditionsreiche Comicserie Mosaik steht gleich mehrfach im Mittelpunkt großer Jubiläen. Diese laden nicht nur langjährige Fans, sondern auch Kulturschaffende, Sammler und Comicforscher zum Innehalten und Feiern ein. Kaum eine andere deutsche Publikation ist es gelungen, über Jahrzehnte hinweg Generationen von Lesern zu prägen und dabei gleichermaßen Unterhaltung, Bildung und kulturelle Identität zu vermitteln.

Am 16. Mai 2025 jährte sich der 100. Geburtstag von Hannes Hegen, einem der wichtigsten Wegbereiter des deutschen Comics. 1925 als Johannes Hegenbarth in der nordböhmischen Stadt Böhmisch-Kamnitz geboren, entwickelte Hegen früh eine Leidenschaft für das Zeichnen und Erzählen. Sein unverwechselbarer Stil, geprägt von Detailreichtum, Humor und einer klaren Bildsprache, sollte die Kindheit und Jugend von Millionen Lesern nachhaltig beeinflussen. Mit der Schaffung der Digedags gelang ihm etwas Einzigartiges: Figuren, die zeitlos waren und dennoch stets im Dialog mit Geschichte, Wissenschaft und gesellschaftlichen Themen standen.

Die Digedags – Dig, Dag und Digedag – feierten 1955 in der neu gegründeten Reihe Mosaik ihren ersten Auftritt. Sie wurden schnell zu Ikonen eines damals völlig neuen Genres im deutschsprachigen Raum. Anders als bei vielen zeitgenössischen Comics standen bei ihren Abenteuern nicht ausschließlich Action, sondern die Kombination von Spannung und Wissensvermittlung im Vordergrund. Ihre Reisen durch historische Epochen, fremde Länder und technische Errungenschaften weckten Neugier, förderten Bildung und regten die Fantasie an. Damit schuf Hegen eine Erzählform, die weit über reine Unterhaltung hinausging.

Ein weiteres Jubiläum folgt am 23. Dezember 2025: 70 Jahre Digedags. Über sieben Jahrzehnte hinweg haben sich diese Figuren fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Sie überdauerten politische Systeme, gesellschaftliche Umbrüche und mediale Veränderungen. Ihr Einfluss reicht bis heute und ist in vielen späteren Comicproduktionen spürbar. Die Digedags stehen exemplarisch für eine eigenständige deutsche Comictradition, die sich bewusst von internationalen Vorbildern abhob und dennoch universell verständlich blieb.

Doch das Jahr 2025 blickt nicht nur zurück, sondern auch auf die erfolgreiche Weiterentwicklung der Serie. Gleichzeitig wird im Januar 2026 das 50-jährige Bestehen der Abrafaxe gefeiert, die seit dieser Zeit fester Bestandteil des Mosaik sind. Nach Hannes Hegens Ausstieg von der Serie und der Mitnahme der Rechte an den Digedags traten Abrax, Brabax und Califax als neue Protagonisten auf und eroberten rasch die Herzen der Leser. Mit frischem Charme, humorvollen Dialogen und fantasievollen Handlungen führten sie das bewährte Konzept fort und passten es zugleich an neue Erzählweisen und gesellschaftliche Entwicklungen an.

Die Abrafaxe greifen zentrale Werte wie Freundschaft, Abenteuerlust und Wissbegierde auf und stehen zugleich für Offenheit, kulturelle Vielfalt und Neugier gegenüber dem Fremden. Ihre Geschichten spiegeln eine zunehmend globalisierte Welt wider und zeigen, wie Comickunst Bildung und Unterhaltung auf zeitgemäße Weise verbinden kann. Damit sind sie nicht nur die Nachfolger der Digedags, sondern auch eine würdige Weiterentwicklung.

Die Erfolgsgeschichte des Mosaik ist untrennbar mit der Biografie Hannes Hegens verbunden, insbesondere mit seinem Wirken in der DDR. Nach seinem Umzug nach Ost-Berlin im Jahr 1951 arbeitete er als Illustrator für verschiedene Zeitschriften, darunter das Satireblatt Frischer Wind – später Eulenspiegel. Schon hier zeigte sich seine außergewöhnliche kreative Kraft, die bald nach einem größeren Projekt verlangte. Im Jahr 1955 präsentierte Hegen dem Verlag Neues Leben seine Idee eines eigenen Comics. Trotz anfänglicher Skepsis gelang es ihm, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass das Mosaik eine sozialistische Alternative zu westlichen Comics darstellen könne.

Im Dezember 1955 erschien schließlich die erste Ausgabe unter dem Titel Mosaik von Hannes Hegen. Die Serie entwickelte sich rasant zu einem Massenphänomen. Um die anspruchsvolle Produktion langfristig zu sichern, stellte Hegen ein Team aus Autoren und Zeichnern zusammen. Dieses kreative Kollektiv prägte den unverwechselbaren Stil des Mosaik und ermöglichte einen kontinuierlichen Erscheinungsrhythmus. Der Erfolg war beispiellos: Mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren wurde das Mosaik zur meistverkauften Comicreihe Deutschlands.

1975 endete diese Ära jedoch abrupt. Nach einem Konflikt mit dem Verlag Junge Welt verließ Hegen das Projekt. Ein neues Kreativteam übernahm die Serie und führte sie mit den Abrafaxen fort. Trotz dieses tiefgreifenden Einschnitts blieb die Leserschaft dem Mosaiktreu – ein Beweis für die starke Bindung zwischen Heft und Publikum.

Die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen nach der Wende stellten die Serie erneut vor große Herausforderungen. Die Auflage sank bis Ende 1990 auf rund 275.000 Exemplare und die Liquidation des Verlags Junge Welt schien unausweichlich. In dieser kritischen Phase erkannte der West-Berliner Werbefachmann Klaus D. Schleiter den kulturellen und wirtschaftlichen Wert des Mosaik. Mit finanzieller Unterstützung übernahm er die Rechte an der Serie und gründete im Oktober 1990 die Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag GmbH – ein Schritt, der das Überleben der Traditionsmarke sicherte.

Nach außen hin verlief der Übergang nahezu unbemerkt. Die Hefte erschienen weiterhin regelmäßig und Abonnements wurden zuverlässig bedient. Gleichzeitig wurde das Marketing ausgebaut und die Abrafaxe erhielten eine stärkere mediale Präsenz. Das bewährte Atelierprinzip blieb erhalten und trug dazu bei, diese besondere Arbeitsform in der deutschen Comiclandschaft zu bewahren. Zwar ging die Auflage in den folgenden Jahren weiter zurück, doch sie blieb auf einem Niveau, das mit anderen großen Comicmarken wie Micky Maus vergleichbar war.

Die Rechte an den Digedags verblieben bei Hannes Hegen, der dem Tessloff-Verlag jedoch Nachdrucke erlaubte. So existierten über Jahre hinweg zwei Mosaik-Welten nebeneinander: die klassischen Digedags und die modernen Abrafaxe. Für die Fans stellte diese Trennung keinen Widerspruch dar, sondern eine Bereicherung.

Bis heute verfügt das Mosaik über eine außergewöhnlich treue Leserschaft, darunter viele junge Leser – eine Seltenheit in der deutschen Comiclandschaft. Besonders in den neuen Bundesländern hat sich eine engagierte Fangemeinde etabliert, die sammelt, forscht und publiziert. Seit 1989 sind zahlreiche Bücher, Fanzines und Monografien entstanden, die sich mit der Geschichte, Ästhetik und Wirkung des Mosaik auseinandersetzen. Ein sichtbarer Ausdruck dieser lebendigen Fankultur ist die jährlich im November stattfindende Mosaik-Börse im sachsen-anhaltinischen Wolfen, bei der Enthusiasten ihre Schätze tauschen und verkaufen sowie ihre Begeisterung teilen.

Somit steht das Mosaik nicht nur im Zeichen großer Jubiläen, sondern auch für die anhaltende Relevanz des Comics. Die Serie ist weit mehr als ein Comic: Sie ist ein kulturelles Phänomen, ein generationsübergreifendes Erzählprojekt und ein lebendiges Stück deutscher Kulturgeschichte.

Quellen:

• Marcel Feige (Hrsg.): Das kleine Comic-Lexikon. Schwarzkopf & Schwarzkopf. Berlin 2005

abrafaxe.com

MosaPedia

 

(wb)

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