Die Jesse James Storys – Band 1 – Kapitel 7
W.B. Lawson
Die Jesse James Storys – Band 1
Jesse James, der Outlaw
Kapitel 7
Das verschwundene Kind – Jesse und seine Bande erwachen nach langem Dornröschenschlaf
Es war tatsächlich Jesse, der Gesetzlose selbst, der die ganze Szene um seine angeblichen Überreste heimlich beobachtet hatte und sich zweifellos unverzüglich die Belohnung angeeignet hätte, wäre sie seinen jugendlichen Handlangern ausgezahlt worden. Das Knallen von Dutzend Revolvern begleitete seinen Rückzug aus dem großen Raum, und ebenso viele Kugeln pfiffen ihm nach. Doch er war nicht das eigentliche Ziel, das sie in diesem Augenblick aufhalten sollten. Wir stürmten ihm allesamt hinterher. Aber er hatte sich bereits einen Weg durch den überfüllten Vorraum gebahnt, und als wir ins Freie traten, war der Gesetzlose schon über die breite Straße gelaufen, wo sein unvergleichlicher Fuchs stand, und hatte sich in den Sattel geschwungen.
»Auf Wiedersehen, Colonel Jake!«, rief er mir zu, während er unter einem wirkungslosen Kugelregen davonritt. »Jetzt kenne ich Sie – und auch den Arzttrick, den Sie bei mir angewandt haben. Wir werden noch einmal allein miteinander sein – und dann zum letzten Mal.«
Wir unternahmen keinen Versuch, ihn sofort zu verfolgen, sondern mussten uns zunächst mit unserer Enttäuschung und der entsprechend schlechten Laune abfinden. Sowohl Cutts als auch Larry das Lamm, dessen wirklicher Name, wie man später erfuhr, Finken war, legten schließlich ein Geständnis über ihre Beteiligung an dem versuchten Betrug ab. Ihrem Geständnis zufolge war Jesse James von Sheppards Kugel nur leicht am Nacken verletzt worden. Unmittelbar nach seiner Verwundung war dem Gesetzlosen jedoch der Plan gekommen, seinen Tod vorzutäuschen, um einen raffinierten weiteren Plan in Gang zu setzen, der ohne mein Eingreifen vielleicht erfolgreich zu Ende geführt worden wäre.
Daher hatte er nach Erhalt der unbedeutenden Wunde die Hände in die Höhe geworfen und war in seinem Sattel taumelnd zusammengesunken – vor allem, um George Sheppard davon zu überzeugen. Kaum war dieser außer Sichtweite, machte sich der Anführer der Bande daran, während Miller seinen Hals mit einigen Taschentüchern verband, den Überfall auf die Bank in der benachbarten Stadt S. zu planen. Noch immer entschlossen, seinen vorgetäuschten Tod durchzuziehen, beteiligte er sich jedoch nicht selbst an dem Raub. Dieser wurde auf die eigentümliche Weise, die ich bereits geschildert habe, vom Rest der Bande unter der Führung von Frank James und Jim Cummings ausgeführt.
Die erfolgreichen Schurken hatten sich später Jesse in den Blue Hills angeschlossen, wohin er gemeinsam mit Miller gegangen war. Dort wurde die Beute geteilt. Anschließend zerstreute sich die Bande vorübergehend. Jesse blieb allein in einer abgelegenen, verlassenen Hütte zurück, bis sich die beiden jungen Männer Cutts und Larry das Lamm zu ihm gesellten, nach denen er geschickt hatte und die ihm beide blind ergeben waren. Hier lebten sie verborgen, ernährten sich von dem Wild, das in der unberührten Gegend reichlich vorhanden war, und warteten die weitere Entwicklung ihres Plans ab.
Nur eines fehlte noch: eine Leiche, die sich mit hinreichender Aussicht auf Erfolg als Jesse ausgeben ließ. Doch auch diese ließ nicht lange auf sich warten.
Nach fünf oder sechs Wochen der Abgeschiedenheit schickte Jim Cummings einen gewissen Pat Moriarty hinauf zur Einsiedelei in den Blue Hills. Moriarty hatte einst der Bande angehört, sich jedoch nach einem Streit mit ihrem Anführer über die Aufteilung der Beute von ihr getrennt. Er sah Jesse erstaunlich ähnlich. Zweifellos war diese Ähnlichkeit der Grund für Cummings’ Wahl – und sie trug wesentlich dazu bei, das Schicksal des armen Moriarty zu besiegeln.
Moriarty suchte die Einsiedelei in dem Glauben auf, Jesse wolle die freundschaftlichen Beziehungen zu ihm wieder aufnehmen. Tatsächlich wurde er mit allen Zeichen der Herzlichkeit empfangen. Dennoch nahm ein passendes Kartenspiel die wiedervereinten Kumpane ohne jede Verzögerung in Anspruch. Schon bald entbrannte ein Streit mit lauten Worten. Darauf folgte eine Anschuldigung des Iren, der auf unverschämte Weise und mit absichtlicher Plumpheit betrogen worden war. Dann lieferte Jesses griffbereiter Revolver die abschließende Antwort – und der gewünschte Tote war gefunden und bereit, als Jesse James ausgeliefert zu werden.
Dies war die kurze Geschichte eines der originellsten und kühnsten Pläne in den Annalen des Verbrechens. Vielleicht scheiterte er nur durch reinen Zufall. Denn wären die weiblichen Verwandten des Gesetzlosen in den Plan eingeweiht gewesen, hätten sie bei einer Befragung zweifellos eine falsche Identifizierung vorgenommen.
Als Cutts und Larry das Lamm vor Gericht gestellt wurden, wurden sie teils aufgrund meiner Aussage, teils aufgrund ihrer eigenen Geständnisse wegen ihrer Beteiligung an zahlreichen Verbrechen verurteilt und erhielten äußerst lange Haftstrafen im Staatsgefängnis.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Netzwerk aus Bauernjungen, die mit den Gesetzlosen in Verbindung standen – wie man ihre unbesonnenen jugendlichen Bewunderer und Nacheiferer wohl nennen konnte –, ziemlich gründlich zerschlagen. Fortan mussten die Veteranen der Bande bei ihren Unternehmungen zumindest für eine gewisse Zeit vorsichtiger und umsichtiger vorgehen. Infolgedessen begann eine längere Zeitspanne, in der das nördliche Missouri von ihren organisierten Plünderungen verschont blieb.
Sobald ich Gelegenheit dazu hatte, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt der Suche nach dem Enkel des Richters Rideau zu. Schließlich fand ich mich an einem kühlen Oktobertag auf dem Gehöft der Youngers ein und bot dort in der Rolle eines wandernden jüdischen Hausierers allerlei Waren feil. Alle Younger-Jungs waren außer Haus, mit Ausnahme der altklugen Zwillinge, die dem Leser bereits flüchtig vorgestellt worden sind.
Mein Publikum bestand aus den Frauen und Mädchen des Haushalts, von denen sich einige eingefunden hatten. Ich hatte ihnen ein paar belanglose Waren verkauft, wobei ich absichtlich über die Preise feilschte, um meine angenommene Rolle glaubhaft zu machen. Schließlich saß ich auf einer der Stufen der Veranda und aß etwas Brot und kaltes Fleisch, das man mir gegeben hatte, nachdem ich erklärt hatte, ich sei sehr arm und sehr hungrig.
Während ich so beschäftigt war und mir scheinbar niemand mehr Aufmerksamkeit schenkte, ergab sich eine Gelegenheit, nach der ich mich insgeheim gesehnt hatte. Plötzlich waren aus Richtung der Ställe Hundegebell und Hufschlag zu hören. Dann kamen die altklugen Zwillinge auf ihren Ponys in Sicht – gestiefelt und gespornt, mit Gürteln und Waffen, dieselben jugendlichen Desperados, die mir als besondere Erscheinung meines ersten Besuchs auf dem Anwesen in Erinnerung geblieben waren.
Im nächsten Augenblick waren sie wie Grashüpfer aus dem Sattel gesprungen und musterten mich gierig, während ich den Inhalt meines Bündels ausbreitete. Ich tat, als hätte ich großen Spaß an ihrer Gesellschaft, und ließ sie so lange wie möglich mit mir plaudern, ehe ich jedem von ihnen ein buntes, wenig wertvolles Taschentuch schenkte.
Meine Absicht war schlicht: Ich wollte herausfinden, ob sie gelegentlich die Gesellschaft eines anderen kleinen Burschen etwa ihres Alters genossen hatten – Blanches Kind, den kleinen Tip Younger, nach dem ich schon so lange beharrlich, aber erfolglos suchte.
Schließlich musste ich jedoch seufzend feststellen, dass auch dieser Versuch, wie einige zuvor, gescheitert war. Die kleinen Raufbolde waren nicht nur vollständig von jener Atmosphäre des Verdachts und Misstrauens durchdrungen, in der sie aufgewachsen waren; sie waren auch von Natur aus scharfsinnig und für ihr Alter bemerkenswert verdorben.
Meine größte Schwierigkeit bestand darin, dass ich ihnen keine direkten Fragen stellen durfte. Was ich ihnen entlockte, hätte später gegen mich verwendet werden können – vielleicht sogar mit ernsten Folgen für meine Sicherheit. Ich konnte mit den kleinen Burschen daher nur spielerisch um den heißen Brei herumreden. Bislang war es mir nicht gelungen, ihnen die gewünschten Informationen zu entlocken. Immer stärker gewann ich den Eindruck, dass weder Bud noch Bloss den kleinen verschollenen Jungen, den ich suchte, jemals gesehen hatten oder überhaupt eine andere jugendliche Gesellschaft gekannt hatten als die des jeweils anderen.
Schließlich gab ich meine Plauderei mit den Kindern auf und begann, mein Bündel wieder zu verschnüren. Die Jungen stiegen auf ihre Ponys, nachdem sie meine Geschenke eingesteckt und mich lautstark als alten, geizigen jüdischen Halsabschneider beschimpft hatten, weil ich ihnen nicht mehr gegeben hatte.
Die Jungen waren davongaloppiert, und ich beugte mich noch immer über mein Bündel, als ich hörte, wie ein fester Schritt um die Ecke der Veranda kam. Dann sagte die Stimme eines Mannes in misstrauischem Ton: »Sie haben einen sehr seltsamen Geschmack, Jude, dass Sie so lange mit solchen Babys in Stiefeln parlieren! Wie erklären Sie sich das?«
Beim Klang dieser Stimme lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Doch ich wusste, dass meine Verkleidung vollkommen war. Als ich mich langsam umdrehte, verriet mein Blick nicht die geringste Überraschung, als ich ihm gegenüberstand: Jesse James, der Gesetzlose.
»Des sin so seldsame kleine Jungs, dass ich’s gar ned erklären kann, Misder Shames«, sagte ich demütig. »Ich hab selbst mal kleine Jungs jehabt – ich mag kleine Jungs sehr.«
Der Gesetzlose zuckte zusammen. Seine Hand glitt auf die Pistole, wenn auch offenbar eher aus Gewohnheit als in drohender Absicht.
»Sie kennen mich«, rief er aus. »Wie kommt das? Wo haben Sie mich jemals zuvor gesehen?«
»Man hat Sie mir mal jezeigt, als Sie von Kansas City wechjejalobbiert sin, und jeder Angst hatte, was zu sachen«, antwortete ich. »Und ich hab Sie noch einmal jesehn, als Sie durch Intebendence spaziert sin, als niemand wusste, dass Sie es waren, und ich hab ooch nichts jesacht«, fügte ich leiser hinzu. »Ich hab selbst meine Jründe, einige von der Bolizei nicht zu mögen.«
»Sehr wahrscheinlich, denn Sie sind zweifellos ein Schurke«, sagte er schroff, diesmal jedoch in einem weniger misstrauischen Ton. »Was haben Sie, das es wert ist, es zu haben?«
Dabei versetzte er meinem Bündel einen Tritt.
»Etwas für Sie, Misder Shames«, antwortete ich. »Aber ich muss dafür bezahlt werdn. Sie werden einen armen Mann wie mich doch nicht verjessen zu bezahlen?«
»Was haben Sie?«, knurrte er mit einem Fluch.
Ich täuschte immer größere Angst und Verzagtheit vor, schnürte mein Bündel wieder auf und brachte einen prächtigen Smith & Wesson-Revolver zum Vorschein, mit Silberfassung und Perlmuttgriff. Seine Augen glänzten. Dann riss er mir die Waffe aus der Hand, prüfte sie kritisch, steckte sie in seinen Gürtel und wollte sich mit einem höhnischen Lachen entfernen.
Obwohl mir an der Waffe eigentlich nichts lag, fiel ich dennoch auf die Knie, rang die Hände und begann, meine Armut und den drohenden Verlust in dem erbärmlichsten, jiddisch gefärbten gebrochenen Deutsch zu beklagen.
Er brach in Gelächter aus, erklärte, er werde sich nicht wirklich dazu herablassen, einen so elenden Hausierer wie mich auszurauben, und warf mir verächtlich ein paar Goldmünzen zu – mehr, als die Waffe eigentlich wert war.
Ich schnappte mir die Münzen, steckte sie ein, schulterte mein Bündel und schlurfte ohne weitere Umstände davon.
Während ich dies tat, kam eine der Frauen des Hauses auf die Veranda und begann, sich leise mit Jesse zu unterhalten. Sie hatte sich die ganze Zeit in Hörweite befunden, wie ich wusste. Damit hatte sich die Prophezeiung des Gesetzlosen, dass wir noch einmal allein miteinander sein würden, noch nicht erfüllt.
Auf meinem Weg zurück nach Kansas City holte ich Charley Ford ein. Er war als Viehtreiber verkleidet und kehrte gerade von einem Besuch auf dem Farmhaus von Mrs. Samuels zurück. Dort hatte er gehofft, den Aufenthaltsort der James-Brüder herauszufinden, was ihm jedoch, wie er mir nun mitteilte, nicht gelungen war.
Ich erzählte Charley, dass ich Jesse gesehen und mit ihm gesprochen hatte. Auf seine weiteren Fragen hin berichtete ich niedergeschlagen von meiner Suche nach dem Enkel des Richters Rideau.
»Dennoch ist der Junge mit Sicherheit irgendwo auf dem Anwesen der Youngers versteckt«, sagte er nachdenklich. »Das war die allgemeine Überzeugung innerhalb der Bande, als ich noch mit ihnen ritt. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand von ihnen den Jungen jemals gesehen hat – seine Existenz war immer eine Art Geheimnis. Aber dass er existiert, glauben sie bis heute ebenso fest wie an Jess James’ Hingabe an ihn.
So rücksichtslos er als Räuber und Mörder auch ist, Jess hat ein oder zwei gute Eigenschaften. Jedenfalls würde er für Blanches Jungen sterben. Er liebt ihn sogar mehr als die Youngers, die natürlichen Beschützer des Kindes. Aber natürlich auf eine andere Art und Weise – auf eine düstere, wilde Art, die einem jungen Menschen niemals guttun kann, verstehen Sie?«
»Ich glaube nicht, dass die Erziehungsmethoden der Youngers besser sind, wenn man nach den Zwillingen urteilt«, sagte ich ungeduldig. »Diese Bengel sind bereits kleine Ungeheuer. Sie werden reif für den Galgen sein, bevor sie ihre zweiten Zähne bekommen haben. Aber was nützt mir das alles? Wenn der Junge auf dem Gehöft versteckt ist, warum finde ich dann nicht den geringsten Hinweis auf ihn?«
»Die Youngers sind undurchschaubar«, sagte Ford. »Und gerissen – von der alten Dame an abwärts, genau wie die Jameses. Aber ich will Ihnen einen Tipp geben, Colonel. Wenn Sie jemals über einen Dritten eine Spur zu dem mysteriösen Kind finden, dann muss sie über Bob Younger führen. Merken Sie sich das.«
»Warum ausgerechnet über Bob Younger?«
»Bob ist der jüngste der Brüder«, fuhr Ford fort. »Bevor er zum Gesetzlosen wurde, hatte er eine fromme Ader. Ich mache keine Witze – ich meine eine wirklich fromme Ader, eine, die den Geist spürt und in der Versammlung in Ekstase gerät. Selbst jetzt kann er nicht ohne ständige Gewissensbisse sein. Ich weiß, dass er seinen Brüdern Vorwürfe macht, weil sie die kleinen Zwillinge auf diese skandalöse Weise erzogen haben, und der alten Dame, weil sie es zugelassen hat.
Wenn Sie Bob Younger jemals in die Enge treiben können, sage ich Ihnen, was Sie tun müssen: Überzeugen Sie ihn von der Aufrichtigkeit Ihrer Absicht, den verwaisten Jungen seines verstorbenen Bruders zu finden – den kleinen Tip, nach dem Sie suchen. Überzeugen Sie ihn davon, dass es zum moralischen und weltlichen Wohl des Kindes wäre, wenn es zu seinem Großvater zurückgebracht würde, und das Geheimnis gehört Ihnen.
Bob wird bestimmt weich werden, besonders wenn er im Sterben liegt, schwer verwundet ist oder sich in einer ähnlichen misslichen Lage befindet.«
Diese Information gab mir viel zu denken, obwohl ich damals noch nicht absehen konnte, wie sie meine Suche beschleunigen sollte. Später jedoch machte ich sie mir zu meinem Vorteil zunutze.
Als wir uns Kansas City näherten, trafen wir Jack Gorham, der ausdrücklich ausgeritten war, um uns zu begegnen.
»Beeilung!«, rief er. »Timberlake, Craig und die anderen warten im Hauptquartier auf Sie. Da ist eine große Sache im Gange.«
»Ich hoffe, es geht nicht darum, wieder mit Bomben Krieg gegen Frauen und Kinder zu führen«, sagte ich nicht gerade bester Laune. »Wenn doch, können Sie mich bei diesem Unternehmen nicht mitzählen – genauso wenig wie beim letzten.«
Ich hatte meine Beziehungen zu diesen anderen Detektiven erst kürzlich erneuert. Eine kurze Erklärung, warum ich die Verbindung zu ihnen zuvor abgebrochen hatte, wird meine ansonsten unverständliche Antwort auf Gorhams Worte verständlich machen.
Kurz gesagt, meine Kollegen hatten sich den Männern von Pinkerton bei ihrem unmännlichen und feigen Angriff auf das Haus von Mrs. Samuels angeschlossen. Es war eine Sache, mit der ich absolut nichts zu tun haben wollte und für die sich alle Beteiligten damals von Herzen schämen sollten – oder es zumindest hätten tun müssen.
Als sie erfuhren, dass Jesse und Frank James sich bei ihrer Mutter versteckten, hatte sich um Mitternacht eine große, gut ausgerüstete und unterschiedlich bewaffnete Truppe von Männern dort versammelt. Das Haus wurde umstellt, und eine schwere Handgranate wurde durch das Küchenfenster hineingeworfen.
Bei der Explosion wurde ein kleiner Sohn von Mrs. Samuels getötet und ihr eine Hand abgerissen. Selbst danach leitete und unterstützte sie ihre Diener dabei, das infolge der Explosion ausgebrochene Feuer zu löschen, während sich Jesse und Frank, Gewehr und Pistole in der Hand, erfolgreich einen Weg durch die sie umzingelnde Menge bahnten – etwas, das sie in diesem Fall gewiss verdient hatten.
Seitdem hatte Mrs. Samuels, der nur noch der Stumpf ihres linken Arms geblieben war, eine Menge Sympathie für sich und ihre Räubersöhne gewonnen, die sonst wohl nie entstanden wäre. Jesse und Frank hatten von Zeit zu Zeit grausame Rache an den auswärtigen Detektiven und anderen genommen, die in diese feige Angelegenheit verwickelt gewesen waren.
Danach waren sie in Untätigkeit versunken und hatten nur gelegentlich bei einem neuen Raubzug zugeschlagen. Die breite Öffentlichkeit schien sich kaum darum zu kümmern, ob ihre verbrecherische Laufbahn abrupt beendet wurde oder nicht. Für diese vorübergehende Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit, die den Verbrechern zugutekam und der Sache der Gerechtigkeit schadete, trugen die Beteiligten an jenem feigen Angriff unmittelbar die Verantwortung.
So war die Lage gewesen.
»Nein, nein, Colonel, nie wieder etwas Derartiges«, sagte Gorham sichtlich unbehaglich als Antwort auf meine scharfen Worte. »Die gesamte James-Bande hat beschlossen, den West-Express heute Abend auf dieser Seite von Topeka im Red Cut anzuhalten und auszurauben. Wir sollen einen der Waggons mit unseren Männern besetzen und bereit sein, ihnen die Hölle heißzumachen.«
Das war eine Art von Gespräch, die mir gefiel. Ich begleitete ihn und Ford gut gelaunt zum Hauptquartier, nachdem ich mich unterwegs meiner Verkleidung als Hausierer entledigt hatte.
Timberlake und der Rest der Beamten und Detektive waren bereits dort und bereiteten sich hastig auf die Expedition vor, denn inzwischen war es später Nachmittag.
»Lebhafte Arbeit liegt vor uns, meine Herren, selbst wenn diese Red-Cut-Falle nicht zuschnappen sollte«, sagte der Sheriff freundlich. »Die Jameses und ihre Bande sind erwacht und bösartig wie Klapperschlangen nach ihrem Winterschlaf. Dick Little und ein anderer aus ihrer Truppe haben mir in der Hoffnung auf eine Begnadigung ihre Dienste angeboten und einen ganzen Sack voll Geheimnisse ausgeplaudert.
Wenn sie mit dieser Sache durchkommen, nehmen sie sich als Nächstes das Bankprojekt in Minnesota vor, das sie schon lange im Auge haben. Kommen Sie, beeilen Sie sich. Der Zug wird in zwanzig Minuten eintreffen.«
Die Eisenbahndirektion hatte bereits einen Waggon für uns bereitgestellt. Wir betraten ihn scheinbar sorglos, einer nach dem anderen, ohne unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
Wir waren insgesamt fünfzehn Mann. Zu uns gehörten die Männer, die dem Leser bereits vorgestellt wurden, sowie sechs Sonderpolizisten – standhafte und erfahrene Männer, auf die man sich verlassen konnte.
Als der Zug eintraf, wurde unser Waggon unauffällig an ihn angekoppelt und ganz vorn, unmittelbar hinter dem Waggon des Expressboten, eingereiht. Niemand sonst im Zug erhielt einen Hinweis darauf, was zu erwarten war.
Dann setzten wir uns in Bewegung.
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