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Mörder und Gespenster – Band 1 – 27. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 3

Am folgenden Morgen frühstückte Frau von S. allein. Traurigkeit und Unruhe waren in ihren Gesichtszügen zu lesen, und ihr Blick verlor sich starr in die Ferne, als hafte er auf einem Gegenstand, den niemand außer ihr erblicken konnte und der sie von ihrer unmittelbaren Umgebung ablenkte. Eine leichte braune Schattierung, die sich halbkreisförmig um ihre schönen Augen zog, deutete auf langes Wachhalten in der Nacht hin. In lebhafter Unruhe trat sie wiederholt ans Fenster, als erwarte sie von dort die sehnsüchtig gewünschte Lösung eines Geheimnisses; dann sank sie wieder in ihren Lehnstuhl zurück und drückte die Hand aufs Herz, als wollte sie dessen ungestümem Schlagen Einhalt gebieten.

Nachdem dies schon lange so gegangen war, nahm sich das Kammermädchen schließlich die Freiheit, anzumerken, dass das Frühstück kalt werde. Da schien die Frau wie aus einem Traum zu erwachen. Sie fasste sich wieder und entschloss sich, etwas zu sich zu nehmen, um vor den Bediensteten nicht ihre qualvolle Ungeduld zu verraten.

Das Mädchen zerschnitt ein Geflügel, das auf dem Tisch dampfte, und reichte ihrer Gebieterin die Stücke. Frau von S. bemerkte einen Zettel unter dem Flügel und löste ihn mit dem Messer. In ihrer gegenwärtigen Verfassung musste diese Seltsamkeit sie tief ergreifen. Ihr Herz schlug hörbar; eine böse Vorahnung enthüllte ihr beinahe schon die fürchterliche Wahrheit. Der Inhalt des Zettels offenbarte das Unglück nicht erst, das sie getroffen hatte, sondern bestätigte es lediglich. Sie las:

Ich habe Ihren Geliebten getötet, oder vielmehr ermordet; der Schuss, den Sie heute Nacht gehört haben, war auf sein Herz gerichtet. Aber meine Rache ist noch nicht beendet. Hören Sie meinen Entschluss, den nichts auf der Welt umstoßen kann. Ich fordere Folgendes von Ihnen: Der Leichnam Ihres Geliebten harrt in der künstlichen Grotte am Ende des Englischen Gartens der Bestattung durch eine Freundeshand. Diese Hand ist die Ihre. Sie werden heute den ganzen Tag über in der Nähe jener Grotte verweilen, damit sich kein Neugieriger ihr nähert. Wenn die Nacht angebrochen ist, öffnen Sie die Schleuse des kleinen Wasserbeckens, das sich am Ende des Parks in der Mitte des Rasenplatzes befindet. Sobald das gesamte Wasser abgelaufen ist, graben Sie mit einem Spaten eine Grube, deren Größe Sie nach dem Körper des Toten ausrichten müssen. Der feuchte, sandige Boden wird Ihnen diese Arbeit erleichtern. Ist die Grube fertig, tragen Sie den Leichnam dorthin, legen ihn hinein und bedecken ihn mit Erde. Tragen Sie anschließend Sorge dafür, alles gehörig einzuebnen, damit nichts Ihr nächtliches Werk verrät. Es ist unnötig hinzuzufügen, dass Sie das Wasser danach wieder in das Bassin laufen lassen. Dies sind meine Befehle. Leisten Sie ihnen keine Folge, sehen wir uns vor Gericht wieder. Die Stärke Ihres Geistes ist mir nicht unbekannt, und ich vertraue ihr. Kein Wort darf mehr über diesen Vorfall zwischen uns gewechselt werden.

Frau von S. las dieses schreckliche Billet, ohne dass eine Träne über ihre Wangen rann oder ein Seufzer ihrer Brust entwich. Mit ruhiger Beherrschung steckte sie das Papier in ihren Busen; nur ihre Blässe und das fieberhafte Zucken ihrer Lippen verrieten den fürchterlichen Schmerz in ihrem Inneren. Mit einem Buch unter dem Arm ging sie in den Garten hinab und setzte sich auf einen einfachen Stuhl, der am Eingang der geheimnisvollen Grotte stand. Ohne auch nur ein einziges Mal den Kopf zu erheben, blieb sie wie im Lesen versunken bis fünf Uhr abends an ihrem Platz.

Das Läuten der Glocke rief sie zu Tisch. Sie war überzeugt, dass die Dienerschaft zu dieser Stunde in Küche und Speisesaal beschäftigt war. Um keinen Argwohn zu erwecken, aß sie ein wenig und begab sich daraufhin sogleich wieder auf ihren furchtbaren Posten.

Um neun Uhr abends schickte sie all ihre Leute zur Ruhe, ließ sich von ihrem Kammermädchen entkleiden und zu Bett bringen. Sobald sich diese jedoch entfernt hatte, erhob sich die unglückliche Frau mit einer einzigen, schnellen Bewegung von ihrem Lager. Krampfhaft griff sie an ihre Schläfen, die spürbar gegen ihre aufgepressten Hände hämmerten, und ein lang angehaltener Schrei brach hervor – so furchtbar wie der mächtige Schmerz, der sie zerfleischte. Das lange unterdrückte Schluchzen entströmte ihrer Brust, und ein Strom von Tränen stürzte aus ihren Augen. Eine halbe Stunde lang beherrschte sie der Ausbruch verzweifelten Leidens.

Plötzlich versiegten die Tränen, und eine fast übernatürliche Kraft kam über sie. Sie verließ das Bett, kleidete sich an, öffnete leise die Schlafzimmertür und huschte mit leichten Schritten im Schatten der Mauer dahin, die das Anwesen umschloss. Als sie das Gehölz erreichte, suchte sie in der Hütte, in der der Gärtner seine Geräte aufzubewahren pflegte, nach dem Spaten, den sie benötigte. In wenigen Augenblicken war das Wasserbecken mitten auf dem Rasenstück abgelassen, und die unglückliche Frau begann den furchtbarsten Teil ihrer Arbeit.

Man stelle sich diese feingebildete Frau vor: zierlich und schmächtig, wie sie mit ihren zarten, weißen Händen den groben Spaten führte, fast erliege unter der Last des entsetzlichen Tagwerks, das Herz zerrissen von einem Schmerz, den keine Beschreibung zu mildern vermag.

Sie hatte jedoch beschlossen, zu ihrer Buße alles zu Ende zu führen. Sie betrachtete den grausamen Befehl, den ihr Gatte ihr auferlegt hatte, als Sühne und war ihm sogar dankbar dafür. Zwischen ihr und ihrem Mann herrschte für alle Zukunft eine Kluft, die durch nichts mehr zu überbrücken war – das fühlte sie wohl. Der Mörder des einzigen Mannes, der jemals ihre Liebe besessen hatte, konnte ihr nur verabscheuungswürdig erscheinen. Dennoch fühlte sie sich schuldig und wollte die Strafe allein erdulden.

Nach fünfstündiger, mühevoller Arbeit war die Grube endlich fertig. Frau von S. stand da mit herabhängenden Haaren, kaltem Schweiß auf der Stirn, zerrissenen Händen und tief im schlammigen Boden eingesunken. Sie sank schließlich, an allen Gliedern wie zerschmettert, auf dem aufgeworfenen Erdhügel nieder. Auf ihrem Gesicht glänzte ein zauberhafter Schimmer, der aus einer Mischung von Entsagung des Irdischen und Hoffnung auf das Himmlische entstanden war. Der Engel der Sühne schwebte zu ihr herab, trocknete mit dem leisen Wehen seiner Flügel die Tropfen, die von ihrer Stirn perlten, und hauchte Worte des Trostes sowie der Vergebung in ihre Seele.

Sie erhob sich und ging mutig zu dem Ort, an dem der Leichnam ihres Geliebten ruhte.

Der Mond warf durch Wolkenstreifen seine bleichen Strahlen und leuchtete der Unglücklichen den Weg.

Der fürchterlichste Augenblick war gekommen, als sie den Teil des Mantels entfernte, der das Gesicht des jungen Mannes verdeckte. Sie blickte ihn lange voller warmer Leidenschaft an. Viele heiße Tränen überströmten das kalte Antlitz des Toten, bis sie schließlich daran dachte, ihn von der Stelle zu heben. Doch die schwache Frau war außerstande, den Körper zu tragen. So musste sie sich dazu entschließen, ihn über den Boden durch Gebüsch und Gestrüpp bis zum Grab zu schleifen. Einige Male fühlte sie ihren Entschluss mit schwindenden Kräften weichen. Dann entfernte sie sich, von Entsetzen gepackt, mit einem krampfhaften Sprung weit von dem furchtbaren Anblick. Doch die unerbittliche Notwendigkeit führte sie stets wieder zurück.

Endlich lag die Leiche, von spitzen Steinen und Dornen zerrissen, am Rande der Grube. Hier strich die Unglückliche dem Geliebten das schmutzige Haar von der Stirn und hauchte ihre ganze liebende Seele in einem letzten Kuss auf ihn aus. Mit von Andacht gestärktem Gemüt erhob sie sich, schöpfte mit hohler Hand einige Tropfen des angestauten Wassers, besprengte damit den Toten und schlug das Kreuzzeichen über ihm. Dann begann sie entschlossen, Erde in die Grube zu schaufeln, die ihn aufgenommen hatte.

Nun jedoch waren die Erhebung und die Kraft der armen Frau gebrochen. Nur noch langsam vollendete sie ihr Werk. Doch noch bevor die ersten Strahlen der bleichen Oktobersonne am Horizont erschienen, war sie fertig. Das angestaute Wasser stürzte nun mit Gewalt durch die gezogene Schleuse in das Becken zurück, und der Tagesanbruch beschien alles im gewohnten Zustand.

Frau von S. legte sich wieder zu Bett und verfiel in eine schwere Krankheit, von der sie der Tod jedoch nicht mitleidig erlösen wollte.

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