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Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 7

Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 7
Das geheimnisvolle Haus

Marc Jordan brannte darauf, den Herzog zu verlassen. Er konnte ihm ohnehin nichts Neues mehr berichten und musste die große Expedition vorbereiten, die er plante. Um den Banditen ihre Beute zu entreißen, galt es, blitzschnell und ohne Zögern zu handeln; denn wie er dem Herzog bereits gesagt hatte, fürchtete er Vergeltungsmaßnahmen. Sobald die Elenden spürten, dass man ihnen auf der Spur war, würden sie vor nichts zurückschrecken, um sich zu rächen.

Doch während der geschickte Ermittler alles organisierte, erhielt der Graf von Cazalès – sein gefährlichster Widersacher – eine Nachricht von einem vertrauenswürdigen Boten:

»Verdächtiger Bettler beim Haus bemerkt. Seid auf der Hut.«

Er leitete die Botschaft umgehend an Maudru, genannt Eiserne Faust, weiter, der antwortete:

»Kein Grund zur Sorge, ich kümmere mich darum!«

Seit einer Stunde herrschte Nacht. Der Himmel war dunkel, ein feiner Regen fiel streckenweise, und über der Seine sammelte sich dichter Nebel. Da sah man nacheinander mehrere Schatten auftauchen. Sie huschten einer nach dem anderen in die Gräben und Büsche rund um das Haus, in dem Marc Jordan die Tochter des Herzogs von der Riviera vermutete – oder vermutet zu haben glaubte.

Bald traf er selbst ein, gehüllt in einen weiten Mantel, der ihn bis zu den Augen verdeckte. Darunter trug er allerhand Ausrüstung bei sich: Waffen und Einbrecherwerkzeug. Er hatte beschlossen, wie ein Dieb in das verdächtige Anwesen einzudringen, da ein gewaltsamer Sturm das Leben derjenigen gefährdet hätte, die er retten und ihrem Vater zurückbringen wollte.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass all seine Leute auf ihren zugewiesenen Posten standen, machte er sich daran, die Mauer mithilfe von Nägeln zu erklettern, die er in die Fugen schlug. Er stellte sich dabei so geschickt an, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan – wäre er nicht der Beschützer ihrer Opfer gewesen, hätte man ihn für den gefährlichsten aller Verbrecher halten können.

Mit einer Beweglichkeit, die selbst den gewandtesten Akrobaten neidisch gemacht hätte, erreichte er in wenigen Sekunden die Mauerkrone. Er blickte sich kurz um und lauschte aufmerksam. Nichts Verdächtiges. Kein Licht im Haus. Kein Geräusch. Niemand ahnte etwas. Der Wind pfiff durch die Bäume, deren Blätter bereits zu fallen begannen. Sonst herrschte tiefe Stille. Eine lautlose Ruhe umfing den Garten, in dem alles zu schlafen oder tot zu sein schien.

Der Ermittler ließ sich vorsichtig hinabgleiten und landete ohne Verletzung auf dem feuchten, grasbewachsenen Boden. Dann steuerte er direkt auf die Eingangstür zu, die über einer kleinen Freitreppe lag. Weiterhin herrschte tiefste Stille.

Dennoch hatte Marc Jordan einen seiner Revolver gespannt in die Hand genommen. Während er mit den mitgebrachten Werkzeugen das Schloss der Tür knackte, hielt er mit der anderen Hand die Waffe schussbereit. Doch die Tür öffnete sich, ohne dass er von ihr Gebrauch machen musste, und schon stand er im Inneren des Hauses.

Er hatte eine Blendlaterne dabei, die er nun aufdeckte. Ihr Lichtstrahl traf auf von Feuchtigkeit grün angelaufene Wände. Es wirkte, als habe das Gebäude seit Jahren leer gestanden, und aus den Fluren schlug ihm ein stickiger, moderiger Geruch entgegen.

Der Detektiv versuchte sich zu orientieren und zu erinnern, wo das Zimmer lag, dessen Fenster sich öffnete, als er gesungen hatte. Als er die Treppe erblickte, stieg er sie entschlossen hinauf und achtete darauf, die Stufen nicht knarren zu lassen.

Vor einer Zimmertür angekommen, öffnete er sie mit äußerster Vorsicht. Sie war nicht abgeschlossen, aber der Raum war leer. Ebenso leer war das zweite Zimmer auf demselben Flur. Was hatte das zu bedeuten?

Beklemmung stieg in dem Detektiv auf. Er beschleunigte seine Suche. Er musste wissen, ob er sich getäuscht hatte oder hineingelegt worden war.

Er stieg in den zweiten Stock und untersuchte ein Zimmer nach dem anderen. Auch sie waren alle leer und sahen aus, als wären sie seit Jahren nicht bewohnt worden.

Und doch musste die junge Frau in einem dieser Räume gewesen sein. Marc Jordan war sich sicher. Nachdem er die Lage des Zimmers überprüft hatte, erkannte er es wieder.: Es war genau das, dessen Fenster sich geöffnet hatte – das Zimmer, in dem er die Gefangene erblickt hatte.

Doch nun war niemand mehr da. Das Bett war leer und unangetastet. Es stand fest: Das Haus war unbewohnt.

Der Vogel war ausgeflogen. Hatte man etwa Lunte gerochen?

Die Enttäuschung des Ermittlers war so tief, dass er kraftlos auf einen Stuhl sank.

Wieder ausgetrickst! Ausgetrickst von diesen elenden Banditen! Die Wut, die bei diesem Gedanken in ihm aufstieg, riss ihn sogleich wieder hoch.

Ohne jede Vorsicht und in fiebriger Eile durchsuchte er nun alles, lief durch sämtliche Räume. Doch er fand nichts. Das Haus war leer, wie tot. Es schien, als hätte hier seit langer Zeit keine Seele mehr gewohnt.

Hatte er geträumt? Hatte er Gespenster gesehen? Er verstand die Welt nicht mehr.

Nachdem er jeden Winkel durchkämmt, die Schränke inspiziert, die Wände abgeklopft und das Haus vom Keller bis zum Dachboden durchsucht hatte, ohne auf die geringste Spur zu stoßen, entschloss er sich zum Rückzug.

Doch als er gerade über die Schwelle treten wollte, meinte er, im Dunkeln ein lautes, höhnisches Lachen zu hören.

Er wirbelte herum und riss die Pistole hoch. Nichts. Er war einer Täuschung erlegen.

Doch dieses spöttische Lachen stachelte seinen Zorn nur noch weiter an. In rasender Wut kehrte er zu seinen Männern zurück.

»Nichts!«, sagte er. »Nichts. Es ist niemand im Haus. Alles wie weggeblasen. Ah, diese Banditen!«

Die anderen löcherten ihn mit Fragen.

Doch er konnte nichts sagen. Er wusste nichts, hatte nichts gefunden. Alles fing wieder von vorne an.

Er dachte an die Verzweiflung des Vaters, der auf seine Tochter wartete und dem er nun mitteilen musste, dass er ihre Spur verloren hatte.

Er wies seine Leute an, nach Paris zurückzukehren, er selbst jedoch wollte nicht weichen. Er würde warten, bis der Tag anbrach. Er wollte das Haus bei Tageslicht genauer unter die Lupe nehmen, wenn nötig noch einmal eindringen und die Nachbarn befragen. Er war überzeugt, dass er hier trotz allem etwas erfahren würde.

Im Schein seiner Laterne blickte er auf die Uhr. Es war noch nicht einmal drei Uhr. Er musste noch knapp zwei Stunden warten. Er verabschiedete sich von seinen Männern und ging an das Ufer der Seine, um allein in der Dunkelheit über das Geschehene nachzudenken.

In seiner Laufbahn als Detektiv hatte er schon viele Rückschläge erlitten, doch keiner war so erschütternd und schmerzhaft gewesen wie dieser – angesichts der Umstände und der Siegesgewissheit, die ihn noch wenige Augenblicke zuvor erfüllt hatte.

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