Archiv

Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 7. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 7
Der Ausfall

Die Nacht brach an; die Eingeschlossenen hielten abwechselnd Wache. Als Richard an die Reihe kam, ging er wieder einmal durch den Engpass, der in völliger Dunkelheit und tiefster Stille dalag. Das machte ihn stutzig. Er erreichte den Steinwall und kletterte vorsichtig hinauf – nichts regte sich.

Das Ersteigen des Gerölls ging allerdings nicht ohne Geräusch ab; dennoch ertönte kein Zuruf, kein Schuss fiel, kein Poltern verkündete das Herabstürzen von Steinen.

Was war das? Sollte die Belagerung aufgegeben worden sein? Richard dachte nicht an eine solche Möglichkeit – und ebenso wenig daran, den scheinbar freien Weg zu benutzen, wenigstens jetzt noch nicht. Hier war eine Falle gebaut worden, und solange man deren Beschaffenheit nicht kannte, durfte man keinen Ausfall wagen.

Zu weit wollte Richard auch nicht gehen, da er selbst in die Schlinge geraten konnte, und so begab er sich nachdenkend wieder zurück.

»Mister Richard!«, kam ihm Anna, die er vorhin abgelöst hatte, atemlos entgegen. »Ich habe einen geheimen Gang unter der Erde entdeckt. Ich habe vorhin nach Lichtern gesucht, öffnete einen Schrank und sah eine Leiter in einen Schacht hinabführen. Erst dachte ich, es sei ein Brunnen, stieg aber hinab und bemerkte, dass der Schacht weiter unten trocken aufhört und sich seitwärts abzweigt. Weiter verfolgt habe ich ihn noch nicht.«

»Ist der Schacht weit genug, um das Stahlross hindurch zu lenken?«, fragte Richard hastig.

»Leider nicht, er ist sehr eng und niedrig.«

»Auch gut, dann wird es eben anders gemacht – vorausgesetzt, dass der Gang ins Freie mündet. Ist dies der Fall, sind wir gerettet. Und wenn das Stahlross ihnen auch in die Hände fällt: Lange sollen sie sich nicht daran erfreuen.«

Sie weckten Georg, der jedoch als Wächter zurückbleiben musste, verabredeten ein Signal, und Richard ließ sich von Anna zu dem geheimnisvollen Wandschrank führen. Er fand alles so vor, wie sie es beschrieben hatte. Beide stiegen hinab und krochen in dem Seitengang unter der Erde weiter, bis sie in einen ausgebohrten Steintunnel gelangten und nach zehn Minuten einen Lichtschein sahen, der wahrscheinlich von einer Blendlaterne ausging.

Der Steintunnel war ein ausgezeichneter Schallleiter. Sie hörten plötzlich deutlich Worte:

»Er hat den Steindamm untersucht«, sagte eine Stimme. »Passt auf, heute Nacht noch werden sie auf dem Stahlross den Ausfall versuchen und in die Fallgrube stürzen; der Hauptmann bereitet schon alles vor.«

Auch andere Stimmen redeten, doch nichts von Bedeutung.

Richard hieß Anna zurückbleiben und kroch noch weiter vor. Dann kam er zurück und teilte schnell mit, was er beobachtet hatte, um erst später – als sie oben bei Georg eingetroffen waren – ausführlich zu berichten.

Sein Plan war fertig und wurde sofort ausgeführt, denn es war fünf Uhr morgens – eine Zeit, zu der in jener Gegend noch finstere Nacht herrscht. Dort auf dem Wendekreis bricht der Tag fast punkt sechs Uhr und dann mit einem Schlag an. Diese Zeit war am günstigsten; keine Minute durfte versäumt werden.

Georg und Anna gingen, mit den schärfsten Werkzeugen versehen, in den geheimen Gang zurück. Richard aber machte sich an dem Stahlross zu schaffen, stellte einige Hebel ein, schwang sich in den Sattel und trabte dem Engpass zu. Schon auf der weichen Erde hörte man laut den Hufschlag des schweren Eisenpferdes, und als es im Engpass selbst gar in Galopp gesetzt wurde, erscholl es zwischen den Felswänden wie Donner.

Jetzt begann es das Geröll hinaufzustürmen. Wie dieses auch unter den Hufen wich: Es kam hinauf, es war oben – noch ein Hebeldruck, und Richard glitt aus dem Sattel, rollte den Abhang, den er eben erklommen hatte, wieder hinab und eilte in die Finsternis zurück!

Ein Lärm von Stimmen erscholl, ein Poltern und Krachen, aber Richard ließ sich nicht beirren, sondern begab sich in den unterirdischen Tunnel und vereinigte sich mit Georg und Anna.

»Schnell vorwärts!«, drängte er. »Jetzt oder nie! Ehe die Engländer zur Überzeugung gelangen, dass sich gar niemand auf dem Rücken des Rosses befindet – und ob dieses nun gefangen ist oder nicht –, müssen wir uns draußen befinden.«

Sie krochen so schnell wie möglich weiter, an der Blendlaterne vorbei. Dann durchschnitt Richard einen elektrischen Draht, der eine Mine zur Explosion bringen sollte, falls die Gefangenen den geheimen Weg entdeckten und benutzten, und erreichte glücklich das Freie. Richard hatte sich nicht verrechnet: Das Stahlross war in einer Fallgrube gefangen worden, und die Aufregung darüber war so groß, dass auch die hier aufgestellten Soldaten ihren Posten verlassen hatten.

Sie rannten hinaus und warfen sich in ein Gebüsch – gerade noch zur rechten Zeit, denn im Osten flammte es auf und es wurde schlagartig Tag. Nun konnten sie alles überblicken.

Nur wenige Meter waren sie noch von der Grube entfernt, die direkt vor dem Engpass im freien Gelände angelegt worden war. Das Stahlross war hineingestürzt und lag regungslos da, während die Feinde aufgeregte Reden führten.

»Ob es noch lebt? Ob es schon tot ist? Wenn wir es nun heraufziehen und es plötzlich wieder lebendig wird? Wir müssten ihm erst die Gurgel durchstechen!«, klang es wirr durcheinander.

Dass man die drei Menschen nicht mitgefangen hatte, ließ man außer Acht. Die mussten noch zur rechten Zeit abgesprungen und zurückgeflüchtet sein, denn einige Soldaten beschworen, Menschen auf dem Stahlross gesehen zu haben, als es das Geröll hinaufgaloppierte. Nun, die drei saßen ja immer noch sicher in der Falle!

Unter Mister Littons Leitung wurden Vorbereitungen getroffen, das Höllentier heraufzuschaffen. Sie brachten dies wirklich zustande, doch es war lächerlich, wie es geschah: Unter tausend Kniffen hatte man Stricke unter den eisernen Leib geschoben, und als man es endlich mit vereinten Kräften und Winden ganz heraufgezogen hatte, schob man ihm mit einer langen Stange ein Tuch in das offenstehende Maul. Es stand auch schon ein eiserner Käfig bereit – kurzum, man benahm sich, als habe man es mit einem lebenden Löwen zu tun, der mit einem Alligatorenschwanz und den Zähnen einer Giftschlange ausgestattet war.

Darüber waren einige Stunden vergangen.

»Diese Arbeit haben sie für uns getan«, flüsterte Richard. »Die Dummköpfe haben meinem Ross selbst zur Freiheit verholfen; nur in den Käfig dürfen wir es nicht kommen lassen.«

»Drauf und dran, keine Schonung!«, brüllte er dann, und die Versteckten stürmten hervor, während sie ihre Pistolen abfeuerten.

Tödlich getroffen stürzten einige Soldaten nieder – teils von Revolverkugeln, teils von einer unsichtbaren Gewalt getroffen. Die übrigen dachten an keine Gegenwehr; alles eilte zu den Pferden.

Richard hatte sein Stahlross erreicht. Ein Druck seiner Hand auf einen Hebel, und das Ross wälzte sich ein wenig, sprang wie eine Feder auf, zerriss die vielen Stricke wie Spinnweben und raste davon – während Richard in den Sattel sprang, Anna vor sich warf und auch Georg sich hinter ihnen in den Sattel schwang.

»Ihnen nach, sie entkommen uns nicht!«, schrie Litton hinter ihnen, und gleich darauf vernahm man Pferdehufe.

Die Flüchtlinge wollten kein weiteres Blut vergießen, denn dort tauchten schon der Grenzstrom und die darüber führende Holzbrücke auf.

Nur Richard wandte sich noch einmal im Sattel und hob die kleine Waffe, die keine Mündung zeigte. Ein Knistern ertönte, und der Polizeihauptmann stürzte vom Pferd.

Nun hatte das Stahlross die Brücke erreicht und donnerte über das Holz. Da – ein Krachen! Die Planken wichen unter den Hufen, und Richard fühlte sich von Wasser umgeben …

… und machte Schwimmbewegungen in seinem Bett!

Er hatte im Traum mit einer heftigen Bewegung die Wasserflasche vom Nachttisch gerissen und sich das Wasser über den Kopf gegossen.

»Aber gerettet sind wir doch«, sagte er befriedigt. »Mein Stahlross konnte nämlich auch schwimmen – dafür hatte ich gestern Abend schon gesorgt, als ich mir den Traum zurechtlegte. Wenn ich jetzt nur selbst wüsste, wie es im Leib meiner wunderbaren Erfindung eigentlich ausgesehen hat!«

Heft 8 enthält die Erzählung

Die Ansiedelung auf dem Meeresgrund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert