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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 38

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

XI. Bolkenhain und Schweinhaus

21. Der Müller Weigel

Der Müller Peter Weigel in der kleinen Mühle unter dem Schloss zu Klein-Waltersdorf im Burglehn von Bolkenhain soll die Zauberei verstanden haben. Von ihm wurden zahlreiche Sagen erzählt, von denen sich insbesondere die Geschichte seines Todes bis heute erhalten hat: Am 1. Februar 1575 starb er plötzlich und wurde bald darauf begraben. Doch schon von dieser Stunde an trieb er als Gespenst sein Unwesen in der Mühle, sodass niemand mehr darin bleiben wollte.

Der Rat ließ mit Genehmigung des Fürstentums-Hauptmanns Matthiesen von Logau am 14. März die Leiche des Zauberers ausgraben. Man fand sie weder erstarrt noch verwest, sondern wie schlafend vor. Daraufhin wurde sie wieder bestattet. Am 2. April ordnete man die Exhumation erneut an. Diesmal schnitt man dem Toten das Haupt ab und legte es ihm zu Füßen, bevor man das Grab schloss. Da das Gespenst jedoch weiterhin in der Mühle spukte, befahl Herr von Logau am 29. April ein drittes Mal, die Leiche auszugraben und zu Pulver zu verbrennen. Dies sollte das richtige Mittel sein, um den Hexenmeister seiner Kräfte zu berauben. Tatsächlich hörte sein Geist auf zu spuken.

22. »Sanftmut hat die Stadt verlassen«

In Bolkenhain und anderen Orten war es Brauch, wenn jemand aufbrausend wurde, das Sprichwort zu gebrauchen: »Sanftmut hat die Stadt verlassen.«

Dieses Sprichwort soll seinen Ursprung darin haben, dass der lutherische Rektor Sanftmut im Jahre 1637 vom Landeshauptmann Grafen Stahremberg aus Bolkenhain ausgewiesen wurde.

23. Die schwedische List

Als die Schweden unter General von Wittenberg 1646 die Bolkenhainer Burg belagerten, griff dieser zu einer List, um den tapferen Kommandanten von Reiner und die braven Bürger zur Übergabe zu bewegen. Er ließ dem Kommandanten durch einen Trompeter melden, dass neue, schwere Geschütze angefahren würden, mit denen er die Festung dem Erdboden gleichmachen wollte. Bald darauf erblickten die Bolkenhainer auf der Baumgartener Höhe Ungetüme, die von 12 bis 18 Pferden bespannt waren. Lieber zogen sie der Kapitulation einer gänzlichen Vernichtung vor. Nach der Übergabe der Burg sollte sich jedoch herausstellen, dass die List aufgegangen war: Die Schweden hatten nur schwere Brettklötze statt Kanonen auf die Höhe gefahren.

24. Die einträchtigen Priester

Im fünften Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts lebten in Bolkenhain zwei hochachtbare Priester in brüderlicher Eintracht. Der gegenseitige Hass der beiden Konfessionen war während des Religionskriegs allgemein verbreitet. Dennoch hinderte dies den Erzpriester Johannes Kolbe nicht daran, seinen lutherischen Mitbürgern die Mitbenutzung der katholischen Hedwigskirche zu gestatten und ihnen mit großer Liebe und Freundlichkeit zu begegnen.

Als die Schweden 1646 den Lutheranern daraufhin die Kirche übergaben und der schwedische General dem Pfarrer Kolbe befahl, die Stadt zu verlassen, wandte sich der Pastor Elias Fiedler zum Befehlshaber. Er rühmte die christliche Gesinnung Kolbes und erwirkte Gnade für ihn. Von nun an teilte Fiedler mit Kolbe sowohl die Pfarrwohnung als auch die Kirche. Beide Priester lebten ihren Gemeinden als leuchtendes Vorbild glückseliger Eintracht vor, bis auf kaiserlichen Befehl der Pastor 1650 verjagt und der Erzpriester versetzt wurde.

25. Der erfüllte Traum

Im Haus Nr. 9 zu Bolkenhain soll einst ein Kürschner namens Eckert gewohnt haben. In der Nacht zum 29. November 1760 träumte er, dass das Haus einstürzen würde. Drei Nächte hintereinander hatte er denselben ungewöhnlichen Traum und wandte sich deshalb an den Wirt. Dieser verlachte zwar seinen Aberglauben, räumte ihm aber im Hinterhaus eine leerstehende Wohnung ein. Kaum hatte der Kürschner diese bezogen, stürzte am Morgen des 2. Dezember das besagte Haus zum größten Teil ein.

26. Die Beraubung der Gehängten

In Bolkenhain sollen 1593 zwei Hingerichtete, die fast achtzehn Monate am Galgen gehangen hatten, bestohlen worden sein. Man sagt, dass die Diebe ihnen sogar die Galgenstricke beziehungsweise die Ketten nicht gönnten und entwendeten. Die beiden Gehängten sollen Böhm und Landbaum geheißen haben

27. Der geheimnisvolle Kalender

In der Stadtpfarrkirche zu Bolkenhain befindet sich ein Kalender, den der hochgelehrte Erzpriester Johannes Langer im Jahre 1500 geschrieben hat. Nach der Sage soll dieser Kalender zahlreiche Weissagungen enthalten, die allerdings nicht mehr zu entziffern sind, da der Schlüssel dazu verloren gegangen ist.

28. Der Götzenpriest Hees

Zu Bolkenhain soll der Priester des Teut namens Hees, der 602 zu Wirchamsdorf (Würgsdorf) geboren wurde und 693 zu Bolkenhain starb, selbst wie ein Götze vom Volke verehrt und angebetet worden sein. Nach der Sage erhielt er von den Göttern die göttliche Gabe, mit den Dienern des großen Teut durch Zeichen sprechen zu können. Nach seinem Tod wurde Hees im Tempel des Teut begraben, der an der Stelle der heutigen Pfarrkirche stand.

29. Bulkos Grab

Das Grab des heidnischen Fürsten Bulko, des Gründers von Bolkenhain, der 686 starb, soll sich ebenfalls unter der heutigen Hedwigskirche befinden, an der Stelle, wo er ehedem den Götzen Teut aufgestellt hatte

30. Der Knieberg

Als Roland 807 auf seinem Zug nach Schlesien kam, errichtete er auf dem Knieberg vor dem Obertor zu Bolkenhain sein Feldlager. Er forderte die heidnischen Bewohner auf, das Christentum anzunehmen, und drohte ihnen, dass er sie wie Kraut zerreißen würde, sollten sie seinem Befehl trotzen. Er ließ den Götzen Teut vor sein Zelt bringen und verbrennen. Die Bürger aber mussten niederknien und das christliche Bekenntnis ablegen. Von dieser ersten Kniebeugung der jungen Christen soll der Berg den Namen Knieberg erhalten haben.

31. Hain

Ehe Roland mit seinen Kriegern abzog, befahl er 807 dem Rat zu Bolkenhain, die Stadt von nun an Hain zu nennen. Er befürchtete, dass das Volk durch den Namen Bolkenhain immer wieder an den heidnischen Erbauer und an den Teut-Kult erinnert werden würde, und wollte das Gedächtnis daran völlig auslöschen. Deshalb setzte er auch schwere Strafen für diejenigen fest, die den Namen des Gründers aussprechen würden.

Von 807 bis 1312 führte die Stadt tatsächlich den Namen Hain. Erst auf Befehl des Herzogs Bernhard, zu Ehren Bolkos I. von Schweidnitz, seinem Vater, wurde sie wieder in Bolkenhain umbenannt.

32. Sankt Johannes von Nepomuk

Beim Glockenhaus und auf dem Haus Nr. 68 zu Bolkenhain stehen Statuen des heiligen Johannes von Nepomuk, die der Senator Strichelius aufstellen ließ. Der Legende nach wollte dieser gern Ratsherr werden, hatte dazu jedoch keine Aussicht. Er betete zum Heiligen, gelobte ihm, Statuen zu errichten, und dieser verhalf ihm daraufhin zum Ratsherrentitel.

 

  1. Die Grafen von Reichenbach

Das berühmte Geschlecht der Grafen von Reichenbach (Goschütz) soll seine Wiege in Bolkenhain gehabt haben. Ein Urahn derselben, Stephan von Reichenbach, der sich in den Kreuzzügen besonders ausgezeichnet hatte, erhielt 1212 von Heinrich dem Bärtigen (I.) den Beinamen der vortreffliche Soldat (Miles egregius). Er war Burggraf von Bolkenhain und erhielt vom Kaiser Friedrich I. ein Wappen mit einem weißen Mühlstein in blauem Schild. Die Reichenbachs waren mehrere hundert Jahre lang auch Besitzer von Würgsdorf und Halbendorf, bis sie diese Güter am 15. Mai 1761 aufgeben mussten.

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