Archive
Folgt uns auch auf

Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel VIII

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

VIII. Der Bettler von St. Eustache

Es war von d’Artagnan wohl berechnet, dass er sich nicht unmittelbar in das Palais-Royal begab. Er ließ Comminges Zeit, vor ihm dahin zu gehen und dem Kardinal die großen Dienste zu melden, die er, d’Artagnan, und sein Freund diesen Morgen der Partei der Königin geleistet hatten.

Es wurden auch beide auf die schmeichelhafteste Weise von Mazarin aufgenommen, der ihnen viele Komplimente machte und ankündigte, jeder von ihnen wäre auf dem halben Wege dessen, was er wünschte, angelangt, d. h. d’Artagnan auf dem halben Weg seiner Kapitänschaft und Porthos auf dem seiner Baronie.

D’Artagnan wäre Geld lieber gewesen als all dies, denn er wusste, dass Mazarin leicht versprach und sehr schwer hielt. Er schätzte folglich die Versprechungen des Kardinals wie taube Nüsse, schien aber darum in Gegenwart von Porthos, den er nicht entmutigen wollte, nicht minder zufrieden.

Während die zwei Freunde bei dem Kardinal waren, ließ sie die Königin rufen. Mazarin dachte, es wäre ein Mittel, den Eifer seiner zwei Verteidiger zu verdoppeln, wenn er ihnen die Danksagung der Königin selbst verschaffen würde. Er bedeutete ihnen durch ein Zeichen, sie möchten folgen. D’Artagnan und Porthos zeigten dem Kardinal ihre bestaubten und zerrissenen Kleider, aber der Kardinal schüttelte den Kopf und erwiderte: »Diese Kleider sind mehr wert als die meisten der Höflinge, welche Ihr bei der Königin finden werdet, denn es sind Schlachtgewänder.«

Der Hof der Königin Anna von Österreich war zahlreich und voll freudigen Geräusches, denn nachdem man einen Sieg über den Spanier davongetragen hatte, war man nun auch siegreich aus einem Kampf mit dem Volk hervorgegangen. Broussel war ohne Widerstand aus Paris geführt worden und musste in diesem Augenblick im Gefängnis von Saint-Germain sein, und Blancmesnil, den man ebenfalls verhaftet hatte, was jedoch ohne Lärm und Schwierigkeit ausgeführt wurde, war im Schloss von Vincennes eingekerkert.

Comminges war bei der Königin, welche ihn über die Einzelheiten der Ausführung seines Auftrags befragte, und jeder horchte auf seine Erzählung, als er an der Tür hinter dem eintretenden Kardinal d’Artagnan und Porthos erblickte.

»Ei, Madame«, sagte er, auf d’Artagnan zulaufend, »hier ist einer, der Euch das besser als ich erzählen kann, denn er ist mein Retter. Ohne ihn wäre ich in den Netzen von Saint-Cloud gefangen, denn es handelte sich um nichts Geringeres, als mich in den Fluss zu werfen. Sprecht, d’Artagnan, sprecht!«

Seit d’Artagnan Leutnant bei den Musketieren war, hatte er sich wohl hundertmal in demselben Gemach mit der Königin befunden, aber nie hatte diese mit ihm gesprochen.

»Wie, Monsieur, nachdem Ihr mir einen solchen Dienst geleistet habt, schweigt Ihr?«, sprach Anna von Österreich.

»Madame«, antwortete d’Artagnan, »ich habe nichts zu sagen, wenn nicht, dass mein Leben dem Dienst Eurer Majestät gehört, und dass ich nur an dem Tag glücklich sein werde, an welchem ich es für sie verliere.«

»Ich weiß das, Monsieur, ich weiß das«, versetzte die Königin, »und zwar seit geraumer Zeit. Ich bin auch entzückt, dass ich Euch dieses öffentliche Zeichen meiner Ächtung und Dankbarkeit geben kann.«

»Erlaubt, Madame, dass ich einen Teil auf meinen Freund, einen ehemaligen Musketier von der Kompanie de Tréville, übertrage«, sprach d’Artagnan mit einem besonderen Nachdruck auf die letzten Worte, »auf einen Mann, der Wunder getan hat«, fügte er bei.

»Der Name dieses Monsieur?«

»Bei den Musketieren«, antwortete d’Artagnan, »nannte er sich Porthos (die Königin bebte); aber sein wahrer Name ist Chevalier du Vallon.«

»De Bracieux de Pierrefonds«, fügte Porthos bei.

»Diese Namen sind zu zahlreich, als dass ich mich derselben insgesamt erinnern sollte, und ich will mich nur des Ersten erinnern«, sprach die Königin huldreich.

Porthos verbeugte sich.

D’Artagnan machte zwei Schritte rückwärts.

In diesem Augenblick meldete man den Koadjutor.

Man hörte nur einen Schrei des Erstaunens in der königlichen Versammlung. Obwohl der Monsieur Koadjutor am Morgen gepredigt hatte, so wusste man doch, dass er sich stark auf die Seite der Fronde neigte, und als Mazarin den Erzbischof von Paris ersuchte, seinen Neffen predigen zu lassen, hatte er offenbar die Absicht, Monsieur von Retz einen von den Streichen auf italienische Weise beizubringen, die ihn so sehr ergötzten.

Der Koadjutor hatte, als er Notre-Dame verließ, das Ereignis erfahren. Obwohl mit den Hauptfrondeurs in Verbindung, war er dies doch nicht so sehr, dass er sich nicht zurückziehen konnte, wenn der Hof ihm die Vorteile bot, nach denen er strebte, und wozu die Koadjutorschaft nur der Weg war. Monsieur von Retz wollte Erzbischof an der Stelle seines Oheims und Kardinal wie Mazarin werden. Die Volkspartei konnte ihm aber nur schwer diese rein königliche Gunst bewilligen. Er begab sich also in den Palast, um der Königin seinen Glückwunsch zur Schlacht von Lens darzubringen, wobei er im Voraus entschlossen war, für oder gegen den Hof zu handeln, je nachdem sein Glückwunsch gut oder schlecht aufgenommen würde.

Der Koadjutor wurde also gemeldet. Er trat ein und bei seinem Anblick verdoppelte dieser ganze triumphierende Hof seine Neugierde, um die Worte von Monsieur von Retz zu hören.

Der Koadjutor hatte für sich allein ungefähr so viel Geist, als diejenigen, welche hier versammelt waren, um seiner zu spotten. Seine Rede war auch so vollkommen geschickt abgefasst, dass, so große Lust die Anwesenden auch hatten, darüber zu lachen, sich doch hierzu keine Gelegenheit fand. Er schloss mit den Worten, er stelle seine geringen Kräfte ganz allein dem Dienst Ihrer Majestät anheim.

Die Königin schien an der Rede des Koadjutors, so lange sie dauerte, viel Geschmack zu finden. Als dieselbe aber mit dieser Phrase endete, welche allein zu Spöttereien Anlass gab, wandte sich Anna um und kündigte mit einem auf ihre Günstlinge abgeschossenen Blick diesen an, sie gebe ihnen den Koadjutor Preis. Die Witzlinge des Hofes warfen sich auch sogleich auf das Feld der Mystifikation. Nogent-Baudin, der Possenreißer des Hauses, rief, die Königin wäre sehr glücklich, in einem solchen Augenblick die Unterstützung der Religion zu finden.

Alle Anwesenden brachen in ein Gelächter aus.

Der Herzog von Villeroy sagte, er begreife nicht, wie man einen Augenblick hätte fürchten können, da man zur Verteidigung des Hofes gegen das Parlament und die Bürger von Paris den Monsieur Koadjutor hätte, der mit einem Zeichen eine Armee von Pfarrern, Türstehern und Messnern auf die Beine bringen könnte.

Der Marschall de la Meilleraie fügte bei, vorkommenden Falles, wenn man handgemein würde und der Monsieur Koadjutor losfeuern sollte, wäre es ihm nur leid, dass der Monsieur Koadjutor im Treffen nicht an einem roten Hut erkannt werden könnte, wie man Heinrich IV. an seiner weißen Feder in der Schlacht bei Ivry erkannt habe.

Gondy blieb vor diesem Sturm, der für die Spötter tödlich werden konnte, ruhig und ernst. Die Königin fragte ihn, ob er der schönen Rede, die er ihr soeben gehalten habe, etwas beizufügen hätte.

»Ja, Madame«, sprach der Koadjutor, »ich habe Euch zu bitten, Ihr möget es zweimal bedenken, ehe Ihr den Bürgerkrieg in das Königreich bringt.«

Die Königin wandte ihm den Rücken zu und das Gelächter fing wieder an.

Der Koadjutor verbeugte sich und entfernte sich aus dem Palast, indem er dem Kardinal, als er ihn anschaute, einen von den Blicken zuwarf, die man unter Todfeinden wohl versteht. Dieser Blick war so geschärft, dass er Mazarin bis in das Herz drang und dieser, wohl fühlend, es wäre eine Kriegserklärung, d’Artagnan beim Arm nahm und zu ihm sagte: »Nicht wahr, Monsieur, Ihr würdet bei Gelegenheit den Mann, der soeben weggegangen ist, wiedererkennen?«

»Ja, Monseigneur.«

Dann sich gegen Porthos umwendend, fügte er bei: »Teufel, die Sache wird ärgerlich. Ich liebe die Streitigkeiten unter Männern der Kirche nicht.«

Gondy entfernte sich, Segen auf seinem Weg ausspendend, wobei er sich das boshafte Vergnügen verschaffte, sogar die Diener seiner Feinde auf die Knie fallen zu machen.

»Oh«, murmelte er, als er über die Schwelle des Palastes schritt, »undankbarer Hof! Treuloser Hof! Ich werde dich morgen lachen lehren, aber auf einer anderen Tonart!«

Während man jedoch am Hofe von Freude übersprudelte, um die Heiterkeit der Königin zu steigern, verlor Mazarin, ein Mann von Verstand, der die ganze Vorhersehung der Furcht besaß, seine Zeit nicht mit leeren und gefährlichen Späßen. Er entfernte sich hinter dem Koadjutor, sicherte seine Rechnungen, schloss sein Gold ein und ließ durch vertraute Arbeiter Verstecke in den Wänden anbringen.

Als der Koadjutor in seine Wohnung zurückkehrte, erfuhr er, es wäre nach seinem Abgang ein junger Mann gekommen und derselbe warte auf ihn. Er fragte nach dem Namen dieses jungen Mannes und zitterte vor Freude, als er hörte, er hieße Louvières.

Sogleich lief er zu seinem Kabinett. Der Sohn von Broussel war wirklich noch ganz wütend und ganz blutend von seinem Kampf gegen die Leute des Königs da. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die er genommen hatte, um in den Palast zu gelangen, bestand darin, dass er seine Büchse bei einem Freund niederlegte.

Der Koadjutor ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der junge Mann schaute ihn an, als wollte er im Grunde seines Herzens lesen.

»Mein lieber Monsieur Louvières«, sagte der Koadjutor, »glaubt mir, ich nehme innigen Anteil an dem Unglück, das Euch widerfahren ist.«

»Ist es wahr und sprecht Ihr im Ernst?«, fragte Louvières.

»Aus dem Grunde meines Herzens«, sagte Gondy.

»Dann ist die Zeit der Worte vorüber, Monseigneur, und die Stunde des Handelns hat geschlagen. Wenn Ihr wollt, Monseigneur, ist mein Vater in drei Tagen aus dem Gefängnis und in sechs Monaten seid Ihr Kardinal.«

Der Koadjutor zitterte.

»Wir wollen frei sprechen und ein offenes Spiel spielen«, sagte Louvières. »Man spendet nicht für dreißigtausend Livres Almosen, wie Ihr es seit sechs Monaten gemacht habt, aus reiner christlicher Liebe; das wäre zu schön. Ihr seid ehrgeizig und das ist ganz einfach: Ihr seid ein Mann von Genie und fühlt Euren Wert. Ich hasse den Hof und habe in diesem Augenblick nur einen Wunsch: die Rache. Gebt uns die Geistlichkeit und das Volk, worüber Ihr verfügt, ich gebe Euch die Bürgerschaft und das Parlament. Mit diesen vier Elementen gehört Paris in acht Tagen uns, und glaubt mir, Monsieur Koadjutor, der Hof gibt aus Furcht, was er aus Wohlwollen nie geben würde.«

Der Koadjutor schaute Louvières ebenfalls mit seinem durchdringenden Auge an und versetzte: »Aber Monsieur Louvières, wisst Ihr, dass Ihr mir da ganz einfach den Bürgerkrieg vorschlagt!«

»Ihr bereitet ihn seit so geraumer Zeit vor, Monseigneur, dass er Euch willkommen sein muss.«

»Gleich viel«, sprach der Koadjutor, »Ihr begreift, dass diese Sache Überlegung fordert.«

»Wie viel Stunden verlangt Ihr zum Überlegen?«

»Zwölf, Monsieur, ist das zu viel?«

»Es ist Mittag, um Mitternacht bin ich bei Euch.«

»Wäre ich nicht zurückgekehrt, so wartet auf mich.«

»Gut, um Mitternacht, Monseigneur.«

»Um Mitternacht, mein lieber Monsieur Louvières.«

Als Gondy allein war, berief er alle Geistliche zu sich, mit denen er in Verbindung stand. Zwei Stunden danach hatte er dreißig Pfarrer von den volkreichsten und unruhigsten Kirchspielen von Paris versammelt.

Gondy erzählte ihnen die Beleidigung, die ihm im Palais-Royal widerfahren war, und sprach von den Spöttereien des Herzogs von Villeroy, des Marschalls de la Meilleraie und von Baudin. Die Geistlichen fragten ihn, was zu tun wäre.

»Das ist ganz einfach«, antwortete der Koadjutor. »Ihr leitet die Gewissen: Untergrabt das elende Vorurteil der Furcht und Achtung vor dem König, lehrt Eure Beichtkinder, die Königin sei eine Tyrannin, und wiederholt so kräftig, damit es jeder wisse. Alles Unglück von Frankreich rühre von Mazarin, ihrem Liebhaber und Verderber, her. Beginnt das Werk heute auf der Stelle und in drei Tagen erwarte ich von Euch das gewünschte Resultat. Hat einer von Euch mir einen guten Rat zu geben, so bleibe er hier und ich werde ihn mit Vergnügen anhören.«

Drei Pfarrer blieben, der von Saint-Mery, der von Saint-Sulpice und der von Saint-Eustache.

Die andern entfernten sich.

»Ihr glaubt mich also wirksamer unterstützen zu können als Eure Amtsgenossen?«, fragte Gondy.

»Wir hoffen es«, erwiderten die Pfarrer.

»Lasst hören, Monsieur Pfarrer von Saint-Mery. Fangt an.«

»Monseigneur, ich habe in meinem Quartier einen Menschen, der Euch von größtem Nutzen sein könnte.«

»Wer ist dieser Mensch?«

»Ein Kaufmann aus der Rue des Lombards, der den mächtigsten Einfluss auf das Treiben seines Quartiers ausübt.«

»Wie heißt er?«

»Es ist ein gewisser Planchet. Er hat vor ungefähr sechs Wochen ganz allein einen Aufruhr gemacht. Infolge dieses Aufruhrs aber ist er, da man ihn suchte, um ihn zu hängen, verschwunden.«

»Werdet Ihr ihn wiederfinden?«

»Ich hoffe es, denn ich glaube nicht, dass er verhaftet worden ist, und da ich Beichtiger seiner Frau bin, werde ich es wohl erfahren, wenn sie weiß, wo er ist.«

»Gut, mein lieber Monsieur Pfarrer. Sucht mir diesen Mann und bringt ihn hierher, wenn Ihr ihn findet.«

»Um welche Stunde, Monseigneur?«

»Um sechs Uhr. Wollt Ihr?«

»Wir werden um sechs Uhr bei Euch sein, Monseigneur.«

»Geht, mein lieber Pfarrer, geht, und Gott stehe Euch bei.«

Der Pfarrer entfernte sich.

»Und Ihr, Monsieur?«, sagte Gondy, sich zu dem Pfarrer von Saint-Sulpice umwendend.

»Ich, Monseigneur, ich«, erwiderte dieser, »ich kenne einen Mann, der einem bei dem Volk sehr beliebten Prinzen große Dienste geleistet hat. Er würde einen vortrefflichen Anführer von Empörungen geben, und ich kann ihn zu Eurer Verfügung stellen.«

»Wie heißt dieser Mann?«

»Monsieur Graf von Rochefort.«

»Ich kenne ihn. Leider ist er nicht in Paris.«

»Monseigneur, er ist in der Rue Cassele.«

»Seit wann?«

»Bereits seit drei Tagen.«

»Und warum hat er mich nicht besucht?«

»Man sagte ihm, … Monseigneur wird mir vergeben …«

»Allerdings, sprecht!«

»Monseigneur wäre im Begriff, mit dem Hof zu unterhandeln.«

Gondy biss sich in die Lippen.

»Man hat ihn getäuscht. Bringt ihn mir um acht Uhr, Monsieur Pfarrer, und Gott segne Euch, wie ich Euch segne.«

Der Pfarrer verbeugte sich und ging ab.

»Nun ist die Reihe an Euch, Monsieur«, sagte der Koadjutor und wandte sich zu dem letzten Zurückbleibenden um. »Habt Ihr mir auch etwas anzubieten, wie die zwei Messieurs, die uns verlassen?«

»Etwas Besseres, Monseigneur.«

»Teufel! Gebt wohl Acht, dass Ihr da nicht eine furchtbare Verbindlichkeit übernehmt. Der eine hat mir einen Kaufmann angeboten, der andere bietet mir einen Grafen an, Ihr wollt mir also einen Prinzen anbieten?«

»Ich biete Euch einen Bettler, Monseigneur.«

»Ah, ah«, sprach Gondy nachdenkend, »Ihr habt recht, Monsieur Pfarrer, ein Mensch, der diese ganze Legion von armen Teufeln, welche in den Sackgassen von Paris zusammengeschart sind, zum Aufruhr brächte und sie so laut, dass es ganz Frankreich hören müsste, schreien machen würde, Mazarin habe sie an den Bettelstab gebracht …«

»Ich habe gerade Euren Mann!«

»Bravo! Und wer ist dieser Mann?«

»Ein einfacher Bettler, wie ich Euch sagte, Monseigneur, ein Mensch, der, Weihwasser reichend, seit ungefähr sechs Jahren auf den Stufen der Saint Eustache-Kirche Almosen fordert.«

»Und Ihr sagt, er übe einen großen Einfluss auf seinesgleichen aus?«

»Weiß Monseigneur, dass die Bettlerei ein organisierter Körper, eine Art von Bund derjenigen, welche nichts besitzen, gegen diejenigen, welche etwas besitzen, ist, ein Bund, zu welchem jeder seinen Teil beiträgt und der unter einem Haupt steht?«

»Ja, ich habe hiervon sprechen hören.«

»Der Mensch, welchen ich Euch biete, ist General-Syndikus.«

»Und was wisst Ihr von diesem Menschen?«

»Nichts, Monseigneur, wenn nicht, dass er mir von Gewissensbissen geplagt zu sein scheint.«

»Was macht Euch dies glauben?«

»Immer am 28. jedes Monats lässt er mich eine Messe für die Ruhe einer Person lesen, welche eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Gestern erst habe ich diese Messe gelesen.«

»Und er nennt sich?«

»Maillard, aber ich glaube nicht, dass dies sein wahrer Name ist.«

»Meint Ihr, wir werden ihn zu dieser Stunde auf seinem Posten treffen?«

»Ganz gewiss.«

»Wir wollen Euren Bettler aufsuchen, Monsieur Pfarrer, und wenn er ist, wie Ihr sagt, so habt Ihr allerdings den wahren Schatz gefunden.«

Gondy legte eine Reitertracht an, setzte einen breitkrempigen Hut mit einer roten Feder auf den Kopf, gürtete ein langes Schwert um, schnallte die Sporen an seine Stiefeln, hüllte sich in einen weiten Mantel und folgte dem Pfarrer.

Der Koadjutor und sein Gefährte durchzogen alle Straßen, welche den erzbischöflichen Palast von der Saint-Eustache-Kirche trennten, und erforschten dabei sorgfältig die Stimmung des Volkes. Das Volk war in Bewegung, schien aber, wie ein Schwarm wild gemachter Bienen, nicht zu wissen, wo es niederfallen sollte, und es war klar, dass, wenn man nicht Führer für die Masse finden würde, alles mit einem Gesumme ablaufen müsste.

Als man in die Rue des Prouvaires gelangte, streckte der Pfarrer die Hand nach dem Vorhof der Kirche aus und sagte: »Seht, dort ist er auf seinem Posten.«

Gondy schaute in der angegebenen Richtung und erblickte einen Armen, welcher mit dem Rücken an ein Gesimse gelehnt auf einem Stuhl saß. Er hatte einen kleinen Eimer in seiner Nähe und hielt einen Sprengwedel in der Hand.

»Hat er ein Privilegium, sich hier aufzuhalten?«, fragte Gondy.

»Nein, Monseigneur«, antwortete der Pfarrer, »er hat seinem Vorgänger diesen Platz eines Weihwassergebers abgekauft.«

»Abgekauft?«

»Ja, solche Plätze werden verkauft; ich glaube, dass dieser für den seinen hundert Pistolen bezahlt hat.«

»Der Bursche ist also reich?«

»Manche von diesen Leuten hinterlassen oft bei ihrem Tod zwanzig-, fünfundzwanzig-, dreißigtausend Livres und noch mehr.«

»Hm!«, versetzte Gondy lachend, »ich glaubte nicht, dass ich meine Almosen so gut anbringen würde.«

Man näherte sich indessen dem Vorhof. In dem Augenblick, wo der Pfarrer und der Koadjutor den Fuß auf die erste Stufe der Kirche setzten, erhob sich der Bettler und überreichte seinen Sprengwedel.

Es war ein Mensch von sechsundsechzig bis achtundsechzig Jahren, klein, ziemlich dick, mit grauen Haaren und falben Augen. Auf seinem Antlitz war der Kampf zweier entgegengesetzter Prinzipien zu lesen … eine schlechte Natur, gezähmt durch den Willen, vielleicht durch die Reue.

Als er den Mann erblickte, der den Pfarrer begleitete, bebte er leicht und schaute ihn mit erstaunter Miene an.

Der Koadjutor und der Pfarrer berührten den Sprengwedel mit den Fingerspitzen und machten das Zeichen des Kreuzes. Der Koadjutor warf ein Geldstück in den auf dem Boden stehenden Hut.

»Maillard«, sagte der Pfarrer, dieser Monsieur und ich sind gekommen, um einen Augenblick mit Euch zu sprechen.«

»Mit mir?«, fragte der Bettler, »das ist eine große Ehre für einen armen Weihwassergeber.«

In dem Ton des Bettlers lag ein Ausdruck von Ironie, den er nicht zu beherrschen wusste, und worüber der Koadjutor sich wunderte.

»Ja«, fuhr der Geistliche fort, der an diesen Ton gewöhnt zu sein schien, »ja, wir wünschten zu wissen, was Ihr von den Ereignissen des Tages denkt und von den Personen habt sagen hören, welche in der Kirche ein- und ausgehen.«

Der Bettler schüttelte den Kopf. »Das sind traurige Ereignisse, Monsieur Pfarrer, welche, wie beinahe immer, auf das arme Volk zurückfallen. In Beziehung auf das, was man spricht, darf ich wohl behaupten, dass jedermann unzufrieden ist, dass jedermann klagt, aber wer sagt jedermann, sagt niemand.

»Erklärt Euch, mein Freund«, sprach der Koadjutor.

»Ich behaupte, all dieses Geschrei, all diese Klagen, all diese Verwünschungen werden einen Sturm und Blitze hervorbringen und nichts weiter; das Gewitter wird aber nur treffen, wenn es einen Führer hat, der es zu lenken weiß.«

»Mein Freund«, sagte der Koadjutor, »Ihr scheint mir ein gewandter Mensch zu sein. Wäret Ihr geneigt, Euch in einen kleinen Bürgerkrieg zu mischen, falls wir einen hätten, und zur Verfügung dieses Führers, wenn wir einen fänden, Eure persönliche Macht und den Einfluss zu stellen, den Ihr über Eure Kameraden erlangt habt?«

»Ja, Monsieur, vorausgesetzt, dass dieser Krieg von der Kirche gebilligt würde und mich folglich zu dem Ziel führen könnte, das ich zu erreichen strebe, nämlich zu der Erlassung meiner Sünden.«

»Dieser Krieg würde nicht nur von der Kirche gebilligt, sondern auch von ihr geleitet. Was die Vergebung Eurer Sünden betrifft, so haben wir den Monsieur Erzbischof von Paris, dem von Rom große Vorrechte bewilligt worden sind, und auch den Monsieur Koadjutor, welcher besondere Indulgenzen besitz. Wir werden Euch demselben empfehlen.«

»Bedenkt, Maillard, dass ich Euch diesem Monsieur, welcher allmächtig ist, empfohlen und mich gleichsam für Euch verbürgt habe.«

»Ich weiß, Monsieur Pfarrer«, erwiderte der Bettler, »dass Ihr immer sehr gut gegen mich gewesen seid; ich bin auch meinerseits ganz geneigt, Euch jeden Gefallen zu erweisen.«

»Haltet Ihr die Gewalt, die Ihr über Eure Genossen ausübt, für so groß, wie mir der Monsieur Pfarrer soeben gesagt hat?«

»Ich glaube, dass sie eine gewisse Achtung vor mir haben«, erwiderte der Bettler stolz, »und dass sie nicht nur alles tun werden, was ich ihnen befehle, sondern auch, dass sie mir überallhin folgen, wohin ich gehe.«

»Könnt Ihr mir für fünfhundert entschlossene Männer, gute, müßige Menschen, kräftige Kreischer stehen, welche imstande sind, mit ihrem Geschrei Nieder mit Mazarin! die Mauern des Palais-Royal umzustürzen, wie einst die von Jericho einstürzten?«

»Ich glaube, dass ich mit noch schwierigeren und wichtigeren Dingen beauftragt werden kann.«

»Ah! Ah! Ihr würdet es also übernehmen, in einer Nacht ein Dutzend Barrikaden zu machen?«

»Ich übernähme es, fünfzig zu machen und sie, wenn der Tag käme, zu verteidigen.«

»Bei Gott«, sagte Gondy, »Ihr sprecht mit einer Sicherheit, die mir Freude macht, und da der Monsieur Pfarrer für Euch bürgt …«

»Ich verbürge mich«, versetzte der Pfarrer.

»Dieser Sack enthält fünfhundertfünfzig Pistolen in Gold. Trefft also Eure Anstalten und sagt mir, wo ich Euch diesen Abend um zehn Uhr finden kann.«

»Es müsste eine hohe Stelle sein, von wo aus man ein Signal geben könnte, das in allen Quartieren von Paris gesehen würde.«

»Soll ich Euch ein Wort an den Vikar von Saint-Jacques-la-Boucherie geben? Er wird Euch in ein Zimmer des Turmes führen«, sagte der Pfarrer.

»Vortrefflich«, erwiderte der Bettler.

»Diesen Abend also um zehn Uhr«, sprach der Koadjutor. »Bin ich mit Euch zufrieden, so möget Ihr über einen anderen Sack von fünfhundert Pistolen verfügen.«

Die Augen des Bettlers glänzten vor Begierde, aber er drängte diese Bewegung zurück und antwortete: »Diesen Abend, Monsieur; es wird alles bereit sein.«

Und er trug seinen Stuhl in die Kirche zurück, stellte seinen Eimer und den Sprengwedel zu dem Stuhle, nahm Weihwasser aus dem Weihkessel, als ob er kein Zutrauen zu dem seinen hätte, und verließ die Kirche.