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Die Gespenster – Dritter Teil – 26. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Sechsundzwanzigste Erzählung

Das klopfende kleine Gespenst

Zu E. im Zelleschen erhielt der Pastor M. die erledigte Predigerstelle eines seiner gewesenen Amtsgehilfen. Er bewohnte anfangs ein sehr altes und baufälliges Haus, in welchem, nach der allgemeinen Sage, ein spukendes Wesen hauste. So lächerlich diese Sage einem so vernünftigen und aufgeklärten Mann, wie der Prediger war, auch vorkommen musste, so erlebte er doch bald ein Ereignis in dieser Wohnung, welches jenen Ruf des Hauses vollkommen zu rechtfertigen schien.

Einige Tage nach seiner Ankunft nämlich saß er des Abends spät in seiner Studierstube und las. Alles im Haus hatte sich bereits zur Ruhe begeben. Und schon war die bedeutungsreiche Mitternachtsstunde erschienen, als es unverhofft an seine Stubentür laut anklopfte. Er öffnete sie, um zu sehen, wer so spät noch bei ihm etwas zu suchen habe. Aber es fand sich niemand; auch waren die Haustüren auf das Beste verschlossen. Kopfschüttelnd und nachdenkend eilte er zu seinen Geschäften zurück. Nach Verlauf einiger Minuten klopfte es abermals, und zwar ebenso vernehmlich und hell wie vorhin. Er untersuchte zum zweiten Mal und fand alles wie vorhin in der besten Ordnung.

So täuschte ihn das unsichtbar und ihm unbegreiflich klopfende Wesen zu verschiedenen Malen. Er gab die Hoffnung zur Entdeckung des seiner festen Meinung nach natürlichen Wunders für diese Nacht auf und entschloss sich, zu Bett zu gehen.

Vielleicht gelingt es mir, dachte er, diese sonderbare Erscheinung zu einer anderen Zeit glücklicher zu untersuchen, als es mir allein jetzt möglich ist.

So nahm er sein Licht und ein Kleidungsstück, das über einen Stuhl gelegt war, der nahe bei der Tür vor einer Wanduhr stand, und wollte sich zu seiner Schlafkammer verfügen. In diesem Augenblick entdeckte ihm zufälligerweise eine Maus das Geheimnis. Sie sprang aus dem Kleidungsstück und eilte in das Uhrgehäuse. Kaum war sie hinein, so hörte er wieder das Klopfen wie vorhin, nur mit dem Unterschied, dass er diesmal deutlich bemerkte und völlig überzeugt wurde, dass es nicht an die nahe Stubentür klopfte, wie es bisher jedes Mal den Schein hatte, sondern an das Uhrgehäuse. Geschwind öffnete er die Uhr und sah die schlaffe Leine noch in Bewegung, deren unteres Emde mit einer kleinen hölzernen Kugel versehen war, und an welcher das entflohene Mäuschen und die Menge ihrer vierfüßigen Hausgenossen auf- und abzulaufen pflegte. Diese Bewegung verursachte, dass jene Kugel zu wiederholten Malen an die inwendigen Seiten des Uhrgehäuses anschlug.

Oft schon hatte man jenes Anklopfen spukhaft vernommen, bei der Untersuchung aber nie den natürlichen Ursprung desselben entdecken können. Wäre diesmal nicht der Zufall dem Prediger günstig gewesen, vielleicht wäre auch er fürs Erste noch nicht hinter die Wahrheit gekommen.