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Slatermans Westernkurier 03/2021

Auf ein Wort, Stranger, kennst du Santiago McKinn, diesen Jungen, den sie heute noch den weißen Apachen nennen?

Wenn nicht, dann halte einen Moment inne und lies die nachfolgenden Zeilen, denn er hat es redlich verdient, das man erneut über ihn berichtet.

Er war einer der wenigen Wanderer zwischen der Welt der Indianer und der des weißen Mannes, dem es gelang, von beiden Seiten anerkannt und geachtet zu werden. In der Pionierzeit Amerikas keine Selbstverständlichkeit, vor allem dann nicht, wenn man von Apachen geraubt, als einer der ihren großgezogen und anschließend von der US-Army mit Gewalt wieder in die Welt der Weißen zurückgeführt wurde.

 

*

 

Jimmy, wie sein eigentlicher Name lautete, erblickte am 31. März 1875 als drittes Kind der Familie McKinn auf der elterlichen Ranch am Galina Creek das Licht der Welt. Sein Vater war John McKinn, ein Ire, seine Mutter eine Mexikanerin namens Luceria.

Sein älterer Bruder hieß Martin, die Schwester Mary.

Es gibt heute noch zwei Versionen, wie er zu seinem Namen Santiago gekommen ist. Eine besagt, dass ihn seine mexikanische Mutter so genannt hatte, die andere, das ihm die Apachen diesen Namen gegeben hatten.

Die Ereignisse, die ihn über die Grenzen des Landes hinaus bekannt machten und ihm einen Eintrag in der Geschichte des Wilden Westens bescherten, begannen im Spätsommer 1885 in New-Mexiko, genauer gesagt im Südwesten des Landes, in einem kleinen Tal östlich der Mimbres Mountains.

Bis dato unterschied sich Jimmy McKinns Leben in nichts von dem der anderen Jungs in seinem Alter, die in Neu-Mexiko auf einer Ranch oder einer Farm aufwuchsen.

Es war der 11. September, als sein Vater mit einigen Nachbarn nach Las Crueces ritt, um Vorräte einzukaufen. Hauptsächlich Obst, denn es gab damals in der Gegend kaum Obstbäume. Jimmy hatte die Anweisung, zusammen mit seinem Bruder auf die Pferdeherde aufzupassen, während seine Mutter und die Schwester das Haus hüten sollten.

Es war dann so kurz nach 11, als die Brüder eine Mittagspause einlegten. Martin setzte sich unter einen Schattenbaum und las ein Buch, während Santiago zum Bach hinuntergegangen war, um dort im Wasser zu spielen.

Plötzlich hörte Santiago einen Schuss.

Er sah einen Apachen, den er später als Geronimo identifizierte, der seinem toten Bruder Hemd und Mantel auszog und selbst in die Kleidung hineinschlüpfte. Santiago versuchte zu flüchten, aber die Apachen erwischten ihn. Geronimo stellte ihm auf Spanisch Fragen über die Anzahl der Männer und Pferde in der Gegend, aber der Junge war durch den Tod seines Bruders viel zu traumatisiert, um ihnen zu antworten. Die Indianer, insgesamt acht an der Zahl, setzten ihn daraufhin auf ein Pferd und nahmen ihn mit. Unterwegs fragte Santiago, was mit seinem Bruder passiert sei. Geronimo wurde daraufhin wütend und schlug ihm einen Stein an den Kopf. Von da an redete Santiago nur noch, wenn er gefragt wurde.

Am nächsten Tag, während Santiago mit den Apachen gen Süden zog, begrub Luceria McKinn ihren ältesten Sohn und ihr Mann John schloss sich einem Aufgebot an, das Jagd auf die Apachen machte. Die Männer folgten den Indianern acht Tage lang bis tief in die Mogollons. Als sie dort einen Mantel und ein Taschentuch fanden, die Martin McKinn gehört hatten, drehten sie wieder um. Im Mantel waren ein Kugelloch und Blut, was John McKinn so zusetzte, dass er kaum noch schlief und schließlich furchtbare Kopfschmerzen bekam, wodurch er fast den Verstand verlor.

 

*

 

Geronimo und seine sieben Anhänger befanden sich auf einem Raubzug quer durch die Mimbres-Berge, ständig auf der Suche nach Pferden, Waffen und Vorräten. Bis sie mit Santiago in den Mogollons untertauchten, hatten sie bereits fünf Männer getötet und skalpiert. Eine Frau und ihre drei Kinder, die auf einem der überfallenen Gehöfte lebten, ließen sie laufen. Ihnen gelang die Flucht in ein acht Meilen entferntes Sägewerk, das von Soldaten aus dem nahegelegenen Fort Bayard betrieben wurde.

Geronimo sagte später dazu, dass es für sie ein Leichtes gewesen wäre, die Frau und ihre Kinder zu erschlagen, er aber darauf verzichtete, weil er genau wusste, dass der Mord an ihnen die Weißen viel mehr aufgebracht hätte als ihre Plünderungen und das Töten der Männer.

Trotz der Truppen aus Fort Bayard und den lokalen Milizen gelang es Geronimo und seiner Band Mitte September unbehelligt in die Wildnis der Mogollon Mountains zu fliehen, in ein Gebiet, das schon seit Generationen als natürliche Festung galt.

Doch die Apachen hatten nicht damit gerechnet, das die Regierungen in Mexiko-City und Washington inzwischen genug von ihrem Treiben hatten und zusammenarbeiteten, um die Apachengefahr endgültig zu bannen.

Am 10. Januar 1886 konnte sich auch Geronimo nicht mehr der Armee entziehen, und so war er schließlich bereit, sich mit General Crook zu treffen, um über eine Kapitulation zu verhandeln. Am 15. Januar vereinbarten alle Häuptlinge Naiche, Chihuahua, Nana und Geronimo, sich mit dem General zu treffen, um sich an einem Ort namens Canyon de los Embudos endgültig zu ergeben.

Am Morgen des 26. März des Jahres 1886 erhielt der in Tombstone ansässige Fotograf C. S. Fly, der mit Crook unterwegs war, von Geronimo die Erlaubnis, Bilder von seiner Bande und den anderen Apachen zu machen.

Während dieser Aufnahmen entdeckte Fly, das einer der Jugendlichen ein Weißer war.

Einer von Crooks Offizieren, Captain John Bourke, schrieb hierzu später:

»Am wildesten von allen Apachenjungen tobte ein kleiner Kerl umher, der einem sofort ins Auge sprang. Unter seinem Stirnband quoll sandfarbenes Haar hervor und der Anblick seiner hellen Haut und der vielen Sommersprossen sagte einem sofort, dass er kein Apache war. Bereits nach der ersten Unterhaltung erzählte er, dass sein Name Santiago McKinn sei und er in Mimbres vor etwas mehr als einem halben Jahr entführt worden war.«

Zum Erstaunen aller jedoch antwortete Santiago danach, obwohl er sowohl spanisch als auch englisch verstand, nur noch auf Apache. Als man ihm erzählte, dass er wieder nach Hause kommen würde, benahm er sich wie ein wildes Tier, weinte, kratzte, trat und fluchte.

Der junge Santiago war während seiner Gefangenschaft indianisiert worden.

Er hatte nicht nur unter Apachen gelebt, er fühlte sich auch mit ihnen verbunden.

Aus Jimmy McKinn war im Laufe seiner Gefangenschaft ein Apache geworden.

Er fand erst wieder in die Welt der Weißen zurück, als ihn seine Eltern in Deming, New Mexiko, aus dem Zug holten, jenem Zug, der die Apachen in die Gefangenenlager nach Florida bringen sollte.

 

*

 

Santiago fand danach in die weiße Gesellschaft zurück. Mehr noch, er blieb im Grant County, wurde erwachsen, heiratete Victoria Villanueva, arbeitete fortan als Schmied und zeugte vier, anderen Berichten nach zwei Kinder mit ihr. Er sah seine Enkelkinder aufwachsen und starb schließlich am 1. Oktober 1941 in Phoenix.

Er war einer der Wenigen, der von der Welt der Weißen in die der Indianer kam und wieder zurück in die der Weißen kehrte, ohne daran zu zerbrechen.

Quellenhinweis:

• Thomas Jeier: Das große Buch der Indianer, 2008 Verlag Ueberreuther Wien, ISBN 978-3-8000-1596-2

• truewestmagazine.com

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