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Im Zauberbann des Harzgebirges – Teil 6

Im Zauberbann des Harzgebirges
Sagen und Geschichten, gesammelt von Marie Kutschmann

Die Daneilshöhle

Es kam einmal, dass der alte steinerne Roland auf dem Markt zu Halberstadt ein Beichtvater wurde, und zwar der Beichtvater eines armen geängstigten Weibes, welches dadurch aus seinem Unglück gerettet wurde.

Die Sache aber verhielt sich so: Nördlich von der Stadt, etwa eine Meile Weges, breitet sich ein dunkler, bewaldeter Höhenzug aus. Von seinem Gipfel grüßen die Türme eines alten Klosters den Wanderer, der aus den Toren tritt und durch die sonnige, lachende Ebene gegen die blauen Berge pilgert, wo bald kühler Buchenschatten den Müden aufnimmt. Gar viel hat der Wald da geschaut in alter, wildbewegter Zeit. Ritter und fromme Mönche, Wegelagerer und allerlei verlorenes Volk haben hier gehaust. Dröhnende Schwerthiebe tapferer Krieger mischten sich mit Orgeltönen, Kampfrufe und Schelmenlieder mit dem frommen Ave der Mönche.

Was könnten die Bäume alles erzählen, deren liebliches Rauschen so wohltuend uns umfängt! Selbst auf den großen Schwedenkönig haben sie einst herabgeschaut und haben ihm Schatten gespendet auf beschwerlichem Marsche, als den Helden sein Siegeszug durch ihr Revier führte. Von dieser Rast meldet noch ein Denkstein im Wald, der unter drei mächtigen Buchen liegt und folgende Inschrift trägt:

Mit Ehrfurcht Wand’rer zieh den Hut
Denn unterm Dome dieser Buchen
Hat Schatten, so wie du zu suchen,
Held Gustav Adolf einst geruht.

Am nördlichen Abhang des Berges nun, auf welchem sich das Kloster erhebt, findet man eine künstlich ausgehauene Felsenhöhle, welche in zwei Räume geteilt ist. Von diesen diente der eine wohl als Wohnung, der andere aber als Pferdestall, wie die noch vorhandene steinerne Krippe beweist, welche in den Felsen gehauen ist.

Hier lebte einst ein Räuber, Daneil geheißen, ein grimmiger Geselle, der die ganze Umgegend in Angst und Schrecken versetzte und der durch seine Schlauheit sich jeder Entdeckung zu entziehen wusste. Keiner hatte eine Ahnung, wo sich sein Schlupfwinkel befand. Wohlweislich verschonte er die nächste Nachbarschaft mit seinen Überfällen und Raubzügen. Zudem war er so vorsichtig, seinem Pferd die Hufeisen verkehrt aufzuschlagen, damit dessen Spuren nicht zu Verrätern werden könnten, ja, unmittelbar vor der Höhle verdeckte sogar weiches Rasenland jegliche Spuren.

Diesen Schlupfwinkel hatte er seinem Bruder zu verdanken, der ihn einst entdeckte, und, da er ein sehr geschickter Schlosser war, mit schweren Türen sowie sicheren Riegeln und Schlössern versah. Hoch erfreut war Daneil über die Art und Weise, wie der kluge Bruder die Höhle gegen

jeden Eindringling gesichert hatte; aber anstatt ihm seine Dankbarkeit zu bezeugen, ermordete der Unmensch den eigenen Bruder, nur damit kein lebendes Wesen von seinem Raubnest eine Ahnung habe.

Spät am Abend, wenn es dunkelte, zog er hinaus und vor Tagesanbruch kehrte er schon heim. Kein Mensch in dieser Gegend sollte ihn erblicken. Er selbst aber sah jeden, der sich seiner Höhle näherte, denn verborgene Drähte, welche im Inneren mit kleinen Glocken in Verbindung standen, hatte er mit großer Schlauheit rings um seine Behausung gelegt. So wie ein Fuß diese Drähte berührte, gaben ihm die Glöckchen ein Zeichen. Eines Morgens hatte er sich eben zum Schlafen hingestreckt, denn der weite Ritt der vergangenen Nacht hatte ihn sehr ermüdet, als der Ton einer Glocke ihn störte. Schnell sprang er auf, um zu sehen, ob ihm Gefahr drohe, als er zu seinem größten Erstaunen ein anmutiges Mädchen gewahrte, welches emsig beschäftigt war, Haselnüsse zu pflücken.

Leise schlüpfte Daneil aus der Höhle. Unbemerkt gelangte er in die Nähe der Ärmsten, die keine Ahnung von der Gegenwart des Räubers hatte und unbekümmert weiterschritt. Rücklings überfiel er das erschreckte Mädchen und trug es mit seinen starken Armen in die Höhle. Kein Flehen, kein Bitten erlöste die Maid aus der Gefangenschaft. Die Klagen, dass ihre armen Eltern vor Gram umkommen würden, wenn ihr einziges Kind, die Stütze ihrer alten Tage, ihnen genommen würde, fand kein Gehör bei dem Bösewicht.

Das trostlose Hannchen musste bei ihm bleiben. Schon lange hatte der Wilde sich nach einer Frau gesehnt, die ihm das Essen kochen und seinen Schlupfwinkel behaglicher gestalten sollte. Auch fühlte er oft an den langen Tagen, die er einsam in der Höhle verbringen musste, die drückendste Langeweile. So war er glücklich über seinen Fang, den keine Macht der Erde ihm hätte entreißen mögen. Hannchen wurde also die Frau des Räubers. Er zwang sie, ihm heilige Schwüre zu leisten, dass sie ihn nie verlassen noch irgendwelchem lebenden Wesen verraten werde. Der Schwur des armen Weibes beruhigte Daneil vollkommen, denn er hatte bald erkannt, wie gottesfürchtig und fromm sie war und dass sie nie eine so schwere Sünde wie den Bruch solch eines feierlichen Gelöbnisses begehen werde.

Das gefangene Hannchen aber war sehr unglücklich, dass es so allein bleiben musste bei dem, der ihr in tiefster Seele verhasst war. Schenkte der liebe Gott ihr zum Trost ein Kindlein, so tötete der Unmensch es sofort, damit das Geschrei desselben ihn nicht verraten könnte.

Sechs Jahre hatte Hannchen schon in der Höhle zugebracht. Alle Bitten, ihr doch zu gestatten, nur noch einmal wieder durch den schönen Wald zu wandern, waren ihr stets entschieden abgeschlagen worden. Aber immer inniger bat und flehte sie, sodass selbst das kalte Herz ihres grausamen Gatten eine menschliche Regung empfand. Daneil erlaubte ihr endlich, bis nach Halberstadt zu gehen. Doch musste sie zuvor noch einmal ihre Schwüre wiederholen und ihm geloben, dass sie sofort nach Sonnenaufgang zurückkehren werde. So schritt sie hinaus in die Dämmerung eines herrlichen Sommermorgens. Die Schleier der Nacht lagen noch leicht auf Wald und Feld. Kein Laut, nicht einmal der Gesang der gefiederten Bewohner des Waldes, unterbrach die Stille. Aber mächtig wirkte die Freiheit auf Hannchens Gemüt, entsetzlich bang wurde ihr bei dem Gedanken, in einigen Stunden in ihr finsteres Gefängnis heimkehren zu müssen. Wie gebannt blickte sie auf das sich über ihr erhebende Kloster. O, könnten sich die Pforten des heiligen Hauses nicht öffnen und ein Mönch ihr entgegenkommen, der sie ihres Schwures entbände? Doch vergeblich war ihre Sehnsucht, ihr Hoffen. Nichts rührte sich, alles lag noch im festen Schlummer. Da eilte die arme Gequälte hastigen Schrittes weiter. Sie wollte die Vaterstadt wiedersehen und durfte sich nicht verspäten. Aber immer wieder hielt sie inne. Das über sie verhängte Leid schien ihr zu schwer. Sie fühlte sich frei und doch hielt der Schwur sie wie mit eisernen Ketten gefesselt. Es war ein entsetzliches Schicksal.

Nun trat die Sonne aus dem Nebel hervor. Wie berauscht blickte Hannchen auf die wunderschöne Landschaft, auf die Blumen und Sträucher, auf denen der Tau wie Edelsteine flimmerte. Entzückt lauschte sie dem Vogelgesang und eine unendliche Sehnsucht nach der Heimat ergriff sie.

So erreichte sie Halberstadt, wo noch kein menschliches Wesen die Ruhe des frühen Morgens unterbrach. Träumend von vergangenen Zeiten durchschritt die arme Frau langsam die stillen Straßen. Schon wollte sie heimkehren und schritt eben über den Marktplatz, als vor ihren Augen plötzlich der mächtige Roland stand, das Schwert hoch erhoben, mit drohenden Blicken auf sie niederstarrend. Entsetzt schaute die Unglückliche auf den steinernen Riesen, vor dem schon manche verborgene Sünde ans Tageslicht gekommen war. Es zwang sie wie mit eiserner Gewalt, sich vor demselben niederzuwerfen und um Rettung zu flehen. Ihr Herz war zu voll von erduldetem Leid. Sie musste es erleichtern. Der Roland war ja kein lebendes Wesen, ihm durfte sie beichten. Alles Schreckliche, das sie in den sechs Jahren ihrer Gefangenschaft erduldet hatte, teilte sie dem stummen Beichtiger mit. In der Aufregung sprach sie lauter und lauter.

Ein Diener des Gerichts aber, der schon am frühen Morgen der Pflicht seines Amtes nachgehen musste, kam des Weges und sah vor dem Roland das kniende Weib. Erstaunt blieb er stehen, denn der Anblick dünkte ihm gar zu wunderbar. Er konnte nicht begreifen, was eine Frau von dem steinernen Gesellen erbitten konnte. Leise schlich er daher näher, um die Kniende nicht zu stören. Aber sein Staunen steigerte sich noch, als er hörte, dass sie eine förmliche Beichte ablegte. Immer lauter klangen die Worte der Frau zu seinen Ohren. Als er sie endlich von Totschlag und Mord sprechen hörte, da wurde es ihm klar, dass die Aussagen dieser Beichtenden zur Entdeckung eines schrecklichen Geheimnisses führen müssten.

Er fasste sie am Arm, dass sie erschreckt auffuhr. Sie glaubte, es sei ihr Gatte, der sie verfolgt habe, aber noch größer wurde ihr Schreck, als sie einen fremdem Mann vor sich sah, der ihr befahl, ihm zu folgen. Ohne Widerstreben ging die zitternde Fran mit dem Diener der Gerechtigkeit, der sie vor den Schöffen führte. Dieser bot alle Beredungskunst auf, das Geheimnis aus dem jungen Weib herauszulocken; aber umsonst. Sie bestand darauf, dass es ihr unmöglich sei, den geleisteten Schwur zu brechen. Da wurde ein Priester geholt. Erst nachdem dieser sie ihres Schwures entbunden hatte, offenbarte die Unglückliche dem Schöffen ihr schreckliches Leid.

Wie froh war man, endlich des gefürchteten Daneil habhaft zu werden. Hannchen musste versprechen, bei dem Einfangen des Schlauen behilflich zu sein. Um nicht den Argwohn des Räubers zu wecken, kehrte seine Frau zu ihm zurück, unterwegs Erbsen streuend, damit die später folgenden Stadtknechte den Weg zur Höhle finden und sich in der Umgebung verbergen könnten.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, hörten die Lauschenden auch bald das verabredete Zeichen. Als sie durch die Zweige blickten, bemerkten sie Hannchen, die, von dem Räuber gefolgt, aus der Höhle trat. Als dann sein Weib sich auf den Rasen gesetzt hatte, legte der große Daneil sich ebenfalls nieder, indem er seinen Kopf in Hannchens Schoß bettete. Jedem Späherauge war er an diesem Ort durch dichtes Gestrüpp verborgen, weshalb er gern an schönen Tagen hier seine Mittagsruhe hielt. Sobald er eingeschlafen war, gab seine Frau den Knechten abermals ein Zeichen. Geräuschlos schlichen sie näher. Das böse Gewissen aber, welches Daneil um jeden festen Schlaf brachte, ließ ihn auch nun sofort auffahren, als er das Knistern und Rauschen der Sträucher vernahm.

Schnell sprang er vom Boden empor. Sofort die Gefahr, die ihn bedrohte, erkennend, stürzte er seiner Höhle zu und versuchte, sein Weib mit sich zu ziehen. Dieser aber gab die Hoffnung auf baldige Erlösung aus den Händen des Grausamen übermenschliche Kräfte. Sie wehrte sich mit solcher Macht, dass Daneil sein Vorhaben aufgeben und allein den Rückzug antreten musste.

Wütend, dass Hannchen seiner Rache entgangen war, schloss er mit furchtbarem Gerassel seine Behausung und verrammelte sie dermaßen, dass an ein Eindringen nicht zu denken war. Einer der Hauptleute meinte, man solle den Räuber aushungern, doch erfuhr er bald von Hannchen, dass ein solches Vorhaben sehr langwierig werden müsse, da die Höhle für lange Zeit Speise und Trank berge.

Sinnend blickten die Hauptleute und Stadtknechte einander an, jeder suchte sich durch Erfindung eines guten Eroberungsplanes hervorzutun. Aber alle die vorgebrachten Gedanken waren unausführbar, vielmehr erhob sich bald unter den Beratenden ein heftiges Wortgefecht.

Daneil, der Zeuge der Verhandlungen war, freute sich hämisch über den Streit und hoffte, dass derselbe bis zum Anbruch der Nacht währen würde. Wenn sich dann die Mehrzahl der Gesellen zurückgezogen hätte, wollte er heimlich entwischen oder falls ihm dies nicht gelänge, sich mit seinen kampfgewohnten Fäusten durchschlagen, um sich in anderer, entfernterer Gegend zu verbergen.

Wirklich brach die Nacht herein, ohne dass es den Hauptleuten gelungen wäre, einig zu werden. Mehrere derselben zogen sich zurück. Triumphierend bemerkte Daneil, dass es kam, wie er es gewünscht hatte. Aber trotz der guten Aussichten, die sich ihm für seine Flucht boten, sollte dennoch sein Vorhaben vereitelt werden.

In der Stadt sowie in den umliegenden Dörfern hatte sich die Kunde von der Entdeckung der Räuberhöhle schnell verbreitet. Die Angst vor dem großen Daneil war so übertrieben, dass man nun auf das Gerücht hin, dass der Gefürchtete gefangen sei, in lauten Jubel ausbrach.

Jung und Alt strömte denn hinaus zum Hag, um sich selbst von dem Geschehenen zu überzeugen und schadenfroh den Räuber gefesselt zu sehen, der ihnen schon so viel Leid zugefügt hatte. Ärgerlich bemerkte Daneil diesen Andrang der Menge, die ihm für diese Nacht das Entwischen unmöglich machte, aber er tröstete sich damit, dass die Aufregung und Neugier des Volkes bald verraucht sein werde. Bis dahin wollte er geduldig warten. Ihm selbst war ja nicht beizukommen. Weshalb sollte er sich also um diesen kleinen Zeitverlust grämen? Mit großem Behagen verspeiste er sein Abendessen und legte sich dann, nicht gerade viel beunruhigter als gewöhnlich, aufs Ohr, innerlich lachend über die ohnmächtige Wut der lärmenden Menge.

Da machte einer der Hauptleute den Vorschlag, man solle Wasser in die Höhle gießen, um den schlauen Patron zu ertränken. Beifällig wurde dieser Plan aufgenommen. Unzählige Hände rührten sich, um denselben auszuführen, nachdem zuvor eine Öffnung in den Felsen der Decke gebohrt worden war. Doch bald sahen die Arbeitenden das Nutzlose ihrer Bemühungen, denn durch alle Ritzen und Spalten rann die hineingegossene Flüssigkeit wieder fort. Im Grunde schien aber der Gedanke, den Riesen zu ertränken, den Leuten doch so einleuchtend und für ihr eigenes Leben so gefahrlos, dass sie immer wieder nachdachten, wie es wohl ins Werk zu setzen und es zu erreichen sei, dass das Wasser in der Höhle blieb. Schließlich kamen sie auf den Gedanken, dass ein Gemisch von Wasser und Erde den gewünschten Erfolg haben müsse. Um die Wirkung des Schlammes zu erhöhen, wurde aus dem Kloster ein großer Braukessel geholt, ein Feuer vor der Höhle angefacht und mit dem Sieden des Schlammes begonnen. War er kochend, so wurde er sofort in die Öffnung gegossen. Die grausige Arbeit erwies sich bald als erfolgreich. Das Toben des Räubers, welches anfangs zu den Ohren der Horchenden drang, verstummte. Nun wagte man den Eingang zu zersprengen und fand den gefürchteten Räuber tot vor der Tür liegen. Die gerechte, wenn auch grausame Strafe für seine vielen Verbrechen hatte ihn ereilt.

Hannchen aber kehrte zu ihren alten Eltern zurück, die das Glück, ihre tot geglaubte Tochter wieder in ihrer Mitte zu sehen, kaum fassen konnten.

Die Zeiten und Menschen, welche diese Vorgänge erlebten, sind längst dahin, nur die Felsenhöhle im Wald und der Roland auf dem Markt erzählen noch von jenen Tagen.

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