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Der Konstanzer Hans Teil 8

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Achtes Kapitel

Wie Hans mit einer Erzgaunerin zusammenkommt.

So war Hans zum zweiten Mal seinen Richtern entschlüpft, indem er dieselben listiger Weise täuschte. Nach seiner ersten Befreiung hatte er fest beschlossen, dem Gaunerleben zu entsagen. Dieses Mal war es anders. Anstatt noch mehr durch seine zweite Gefangenschaft abgeschreckt zu werden, wurde er im Gegenteil durch die schlaue Verteidigung nur mehr zur Fortsetzung seines wüsten und ruchlosen Lebens aufgemuntert, welcher er seine abermalige Befreiung verdankte.

Bald fand er seinen letzten Genossen Städele wieder auf und machte mit ihm und einem anderen Kameraden Streifzüge nach Oberschwaben und der Schweiz. Auch kam er um diese Zeit mit einer Frau zusammen, welche alle Laster in hohem Grade in sich vereinigte. Mit der Fertigkeit und Geschicklichkeit im Stehlen verband sie eine bezaubernde Freundlichkeit und Gefälligkeit, wodurch sie auch diejenigen an sich zu fesseln wusste, welche ihr ganz und gar abgeneigt waren. Dieser Abschaum ihres Geschlechts war das Weib des Gauners Schleifer-Toni, die Schleiferbärbel. Sie fing den Konstanzer Hans in dem Netze, das sie ihm gestellt hatte. Bald hatte sie ihn durchschaut und seine schwache Seite kennen gelernt. Diese war der Hang zum Wohlleben und zur Pracht. Hier fasste sie ihn, stahl Kleider und Geld und brachte ihm alles, machte ihm die Kleider zurecht, denn sie war auch eine gute Näherin, und bereitete ihm gestohlenes Geflügel auf das Kostbarste zu. Trotz alledem jagte sie Hans öfters fort, denn sie war ihm ganz zuwider. Sie machte es aber wie die Hunde, die auch, nachdem sie fortgejagt worden, bald wiederkommen, um sich abermals in die Gunst ihrer Herren einzuschmeicheln.

Der Umgang mit dieser Frau übte auf Hans’ Charakter den nachteiligsten Einfluss aus. Die wenigen Funken des Guten, die noch in ihm waren, erloschen nach und nach vollends ganz. Vorher sah er noch das Schändliche seiner Lebensweise ein und sein Gewissen machte ihm immer Vorwürfe nach jedem Diebstahl. Nun aber war ihm das Stehlen zum Bedürfnis und zur Leidenschaft geworden. Von Tag zu Tag wurde er roher und brutaler. Er versuchte seine körperliche Kraft an den Stärksten seiner Kameraden, prügelte sie aus Veranlassungen, die er gleichsam von der Wand riss, tüchtig durch, war aber dann gleich wieder ihr Freund, besonders wenn sie ihm den Vorrang des Stärkeren zugestanden.

Dass Hans durch die Schleiferbärbel auch noch mehr Fertigkeit und Gewandtheit im Stehlen sich aneignen konnte, geht aus Folgendem hervor. Sie hatte drei Kinder, deren ältestes, ein Knabe von sieben Jahren, es schon mit den geübtesten Dieben aufnahm. In der Verstellungskunst war sie eine Meisterin. Sie schlich sich in die Häuser ein, machte durch die ehrlichste Miene die Leute treuherzig, spähte mit verstohlenen Blicken alles aus, um zu gelegener Zeit aufzuräumen und nahm auch offen daliegende Gegenstände unversehens weg. Mit unglaublicher Geschwindigkeit wusste sie mitten in den Dörfern Hühner zu erhaschen. Kein Krämer auf den Märkten war ihr scharfsichtig genug. Dabei war sie sehr aufmerksam auf mögliche Gefahren und machte sich öfters wieder aus den Händen der Streifer los oder wurde durch die täuschendsten Lügen wieder in Freiheit gesetzt.

Mehrere Wochen lang führte Hans in Gesellschaft dieser verrufenen Person das üppigste Leben. Er hatte nicht nötig, sich um irgendetwas zu bekümmern; sie besorgte alles aufs Beste. Er brauchte nicht selbst zu stehlen. Sie versah ihn immer reichlich mit gestohlenem Geld und geraubten Kleidern. Dessen ungeachtet schämte er sich doch, länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben und gab sich alle Mühe, sie loszuwerden. Unter dem Vorwand, einen Kameraden aufzusuchen, ging er von ihr fort und bestimmte ihr, um sie zufriedenzustellen, die Stadt Überlingen als den Ort, wo sie sich wieder treffen wollten. Er begab sich auch wirklich dahin, ging aber dort durch alle Tore aus und ein, damit sie seine Spur verlieren sollte. Allein das half nichts. Hans ging mit seiner neuen Gesellschaft in die Früh messe, und siehe, die Schleiferbärbel war auch da. Mit 50 Gulden, die sie unterwegs gestohlen hatte und ihm einhändigte, besänftigte sie ihn.

Kurz zuvor war er da mit dem starken Hans zusammengekommen, der sein Diebsgenosse schon in Prag gewesen war. Zu der Gesellschaft dieses Gauners gehörten auch zwei Gaunerinnen und Julian Seppe. Dieser war besonders berüchtigt durch seine tückische Rachsucht, durch Tollkühnheit, Brutalität und Unmenschlichkeit. Kirchenraub war seine liebste Beschäftigung. Diese neuen Gesellschafter Hans’ sahen dessen nähere Verbindung mit der Schleiferbärbel sehr ungern, und Julian Seppe trug ihm seine Schwester an. Hans war bereit, einzuwilligen, und jene wurde fortgeschickt. Aber es dauerte nicht lange. Vor dem Schaffhauser Markt, der nun nahe war, hatten Hans und Seppe einige Einbrüche gemacht und gingen nun dorthin, um sich zu belustigen. In der gewöhnlichen Diebsherberge Zum Engel hatten sich viele Gauner eingefunden und schmausten weidlich, als auch die Schleiferbärbel eintrat. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Der Schul-Toni sprach zu Hans im gebieterischen Ton: »Bruder, du musst die Verbindung mit dieser Frau aufgeben.«

Obwohl nun Hans selbst über ihre Ankunft aufgebracht war und nichts mehr mit ihr zu tun zu haben beschlossen hatte, so war er doch aufs Höchste erbittert darüber, dass man ihm dies befehlen wolle.

»Jetzt soll sie erst bei mir bleiben«, sprach er trotzig, »und wer mir etwas anderes befehlen will, den schieße ich augenblicklich nieder.«

Als er seine geladene Pistole neben sich auf den Tisch legte und mit wilden Blicken um sich schaute, ließen sie ihn in Ruhe.

Julian Seppe, um ihn sich zum Freund zu machen, schlug sich auf seine Seite. Nun entspann sich erst ein heftiger Streit, der eine starke Prügelei zur Folge hatte. Der Volksauflauf, der darüber entstand, nötigte Hans zur Flucht und verhinderte weitere Auftritte.

Hans ging siegreich aus dieser Schlägerei hervor. Sein Mut und Stolz erhöhten sich durch diese Tat, da er über die Stärksten Meister geworden war.

Nun hätte er zwar gern alle Verbindung mit der Schleiferbärbel aufgehoben, um eine andere Verbindung zu schließen, aber sie hatte ihm seinen Pass zu entlocken gewusst. Ohne denselben wäre seine Sicherheit sehr gefährdet gewesen. Er forderte daher den Pass von ihr; sie gab ihn aber nicht heraus. Er drohte, er prügelte und würgte sie; umsonst. Nun zog er gelindere Saiten auf und versprach, auch ferner ihr Gesellschafter zu bleiben und die schöne Rösel wieder fortzuschicken. Auf der Messe in Zurzach wollten sie wieder zusammenkommen, sagte er.

Eine Verbindung dieser Art kann aber nicht bleibend und ungestört sein. Hans jagte bald die beiden schlechten Weibspersonen fort, die sich nun miteinander gegen ihn eng verbanden. Als er sich mit dem Schul-Toni auf dem Feld gelagert hatte, waren sie ihm nachgeschlichen und verbargen sich in einem Gebüsch. Von hier aus verhöhnten sie ihn durch spöttisches Gelächter, um ihn zu reizen und ins Gebüsch zu locken. Sie erreichten ihren Zweck. Er kam und die Schleiferbärbel empfing ihn mit einem Schlag auf den Kopf, der aber die gewünschte Wirkung nicht hatte, sondern beiden Weibern ein voll gerüttelt Maß Prügel eintrug.

Ein Schaffhauser Streifkommando zerstreute die saubere Gesellschaft. Hans ging Rottweil zu und die Schleiferbärbel zog ihm eilends nach, die letzte unzarte Behandlung vergessend.

Während dieser Händel und Streitigkeiten wurde natürlich das Diebshandwerk fortgesetzt. Besonders dienstbeflissen zeigte sich die Schleiferbärbel, um sich Hans gefällig zu erzeigen. In Rottweil stahl Hans einem Bauern 50 Gulden, die er bis auf Weniges in einer Nacht unter Lustbarkeiten durchbrachte. So üppig lebten diese Menschen von gestohlenem Geld und Gut.

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