Nordische Mythologie – Band 1 – Teil 2
Benjamin Thorpe
Nordische Mythologie, umfassend die wichtigsten Volksüberlieferungen und den Volksglauben Skandinaviens, Norddeutschlands und der Niederlande Zusammengestellt aus Original- und anderen Quellen. In drei Bänden
Band 1
London 1851
Abschnitt I.
Erster Teil
Eine Betrachtung der Mythologie des Nordens beginnt mit der Schöpfung. Am Anfang der Zeit existierte im Norden eine Welt namens Niflheim (Niflheimr), in deren Mitte ein Brunnen namens Hvergelmir lag, aus dem zwölf Flüsse1 entsprangen. Im südlichen Teil gab es eine andere Welt, Muspellheim (Muspellzheimr)2, eine helle und heiße, eine flammende und strahlende Welt, deren Grenze von Surt (Surtr) mit einem flammenden Schwert bewacht wurde.
Kälte und Hitze kämpften miteinander. Aus Niflheim flossen die giftigen, kalten Ströme, Elivágar genannt, die zu Eis erstarrten, sodass in Ginnungagap, dem Abgrund der Abgründe, der dem Norden zugewandt war, eine Eisschicht auf die andere getürmt wurde. Doch aus dem Süden drang Hitze aus Muspellheim, und die Funken glitzerten so sehr, dass der südliche Teil von Ginnungagap so hell wie die reinste Luft war.
Die Hitze traf auf das Eis, welches schmolz und tropfte; durch die Kraft dessen, der die Hitze aussandte, empfingen die Tropfen daraufhin Leben, und eine menschliche Gestalt entstand, genannt Ymir, der Stammvater der Reifriesen (Hrímþursar), der von den Reifriesen auch Aurgelmir genannt wird, das heißt: die uralte Masse oder das Chaos. Er war kein Gott, sondern böse, zusammen mit seinem ganzen Geschlecht. Noch gab es weder Sand noch Meer noch kühle Wellen, weder Erde noch Gras noch das gewölbte Himmelszelt existierten, sondern nur Ginnungagap, der Abgrund der Abgründe. Ymir wurde von vier Milchströmen ernährt, die dem Euter der Kuh Audhumla entflossen – ein Wesen, das durch die Macht Surts ins Dasein trat.
Während Ymir schlief, brachte er Nachkommen hervor: Er geriet in Schweiß, und unter seinem linken Arm wuchsen ein Mann und eine Frau hervor, und einer seiner Füße zeugte mit dem anderen einen Sohn. Zu jener Zeit, bevor Himmel und Erde existierten, weilte der Allvater (Alföðr) unter den Hrimthursen, den Frostriesen.
Die Kuh Audhumla leckte die frostbedeckten Steine, die salzig waren; am ersten Tag, gegen Abend, kam daraus das Haar eines Mannes hervor, am zweiten Tag ein Kopf und am dritten Tag ein ganzer Mann. Er wurde Buri (der Erzeugende) genannt; er war von ansehnlichem Antlitz, groß und mächtig. Sein Sohn Bor (der Erzeugte) vermählte sich mit Bestla, einer Tochter des Riesen Bölthorn, und sie hatten drei Söhne: Odin, Vili und Ve. Diese Brüder waren Götter und erschufen Himmel und Erde.
Bors Söhne erschlugen den Riesen Ymir, und aus seiner Wunde floss so viel Blut, dass alle Frostriesen darin ertranken – außer dem Riesen Bergelmir, der mit seiner Frau auf einem Boot (Lúðr) entkam und das Geschlecht der Frostriesen fortführte. Bors Söhne aber trugen den Leichnam Ymirs in die Mitte von Ginnungagap und formten aus ihm die Erde, aus seinem Blut die Meere und Gewässer, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Zähnen und jenen Knochen, die gebrochen waren, formten sie Steine und Geröll.
Aus dem Blut, das aus seinen Wunden strömte, schufen sie den großen, unpassierbaren Ozean, in welchem sie die Erde befestigten, um welche er in einem Kreis liegt. Aus seinem Schädel formten sie den Himmel und setzten ihn über die Erde mit vier Regionen; unter jede Ecke stellten sie einen Zwerg, deren Namen Austri, Vestri, Nordri und Sudri waren. Aus seinem Gehirn schufen sie die schweren Wolken, aus seinem Haar die Pflanzenwelt und aus seinen Augenbrauen einen Schutzwall gegen die Riesen rings um Midgard, dem mittelsten Teil der Erde und Wohnstatt der Menschensöhne.
Dann nahmen sie die Funken und glühende Asche, die aus Muspellheim hinausgeschleudert worden waren, und setzten sie an den Himmel, sowohl oben als auch unten, um Himmel und Erde zu erleuchten. Sie wiesen auch dem Blitz und den feurigen Meteoren Plätze zu – einige fest am Himmel, andere frei unter dem Himmel – und ordneten ihnen eine Bahn zu. Daher rührt, wie es in der alten Weltweisheit heißt, die Einteilung von Jahren und Tagen. So erhoben Bors Söhne die Himmelsscheiben, und die Sonne schien auf die kalten Steine, sodass die Erde mit grünem Kraut geschmückt wurde.
Die Sonne folgte von Süden her dem Mond und warf ihren rechten Arm um die Tür der Himmelspferde (den Osten); doch sie wusste nicht, wo ihre Behausung lag, der Mond kannte seine Macht noch nicht, und auch die Sterne wussten nicht, wo ihre Stätte war. Da hielten die heiligen Götter Rat und gaben jedem Licht seinen Platz: Sie benannten den Neumond (Nyi) und den abnehmenden Mond (Nithi) und gaben dem Morgen und dem Mittag, dem Vormittag und dem Abend Namen, damit die Menschenkinder, die Söhne der Zeit, danach die Jahre berechnen konnten.
Nacht (Nott) und Tag (Dagr) waren von entgegengesetztem Geschlecht. Die Nacht, aus dem Geschlecht der Riesen, war dunkel wie ihr Vater, der Riese Norvi (oder Narfi). Sie war zuerst mit Naglfari verheiratet und hatte mit ihm einen Sohn namens Aud; danach mit Anar (oder Onar); ihre Tochter war die Erde (Jörd). Zuletzt war sie mit Delling verheiratet, der vom Geschlecht der Asen abstammte; ihr gemeinsamer Sohn war Tag (Dagr), der durch seine väterliche Abstammung hell, glänzend und schön war.
Allvater nahm Nacht und Tag, gab ihnen zwei Pferde und zwei Wagen und setzte sie an den Himmel, damit sie nacheinander in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden um die Erde reiten sollten. Die Nacht reitet zuerst mit ihrem Pferd namens Hrimfaxi, das jeden Morgen die Erde mit den Tropfen aus seinem Gebiss betaut. Er wird auch Fjörsvartnir genannt. Das Pferd des Tages heißt Skinfaxi, von dessen glänzender Mähne Lichtstrahlen über Himmel und Erde ausstrahlen. Er wird auch Glad und Drösull genannt.
Mond und Sonne sind Bruder und Schwester; sie sind die Kinder von Mundilfari, der aufgrund ihrer Schönheit seinen Sohn Mani (Mond) und seine Tochter Sol (Sonne) nannte. Wegen dieser Vermessenheit nahmen die Götter in ihrem Zorn Bruder und Schwester, setzten sie an den Himmel und bestimmten Sol dazu, die Pferde zu lenken, die den Sonnenwagen ziehen – welchen die Götter aus den Funken von Muspellheim erschaffen hatten, um der Welt Licht zu spenden.
Sol war mit einem Mann namens Glen vermählt; vor ihrem Wagen ziehen die Pferde Arvakur (der Frühwache) und Alsvith (der Allgeschwinde), unter deren Schultern die Götter eine eiskalte Brise zur Kühlung platzierten. Svalin (der Kühlende) ist der Name eines Schildes, der vor der Sonne steht, da diese sonst Wellen und Berge in Brand setzen würde.
Mani lenkt den Lauf des Mondes und regelt Neumond und abnehmenden Mond. Er nahm einst zwei Kinder von der Erde zu sich, Bil und Hiuki, als diese vom Brunnen Byrgir kamen und auf ihren Schultern den Eimer Säg und die Stange Simul trugen. Ihr Vater war Vidfinn; sie folgen Mani, wie man von der Erde aus beobachten kann.
Es sind auch zwei Wölfe zu erwähnen: Einer namens Sköll folgt der Sonne, und sie fürchtet, dass er sie verschlingen wird. Der andere namens Hati, der Sohn von Hrodvitnir, läuft vor der Sonne her und trachtet danach, den Mond zu packen – und so wird es am Ende auch geschehen. Die Mutter dieser Wölfe ist eine Riesin, die in einem Wald östlich von Midgard wohnt, welcher Jarnvid (Eisenwald) genannt wird; dort hausen jene Dämoninnen (Trullkonur), die man Jarnvids (Eisenwald-Leute) nennt. Sie brachte viele Söhne zur Welt, die Riesen sind und allesamt die Gestalt von Wölfen haben.
Einer aus diesem Geschlecht, genannt Managarm (Mondhund), soll der mächtigste von ihnen sein; er wird sich am Leben aller Sterbenden sättigen. Er wird den Mond verschlingen und dadurch sowohl den Himmel als auch die Luft mit Blut besprengen. Dann wird die Sonne ihren Glanz verlieren und die Winde werden in alle Richtungen rasen und heulen, wie es heißt:
Im Osten saß die Alte im Eisenwald,
und gebar dort Fenrirs Nachkommen.
Davon wird einer der Schlimmste von allen sein,
der Verschlinger des Mondes in Dämonengestalt.
Gefüllt wird er sein mit dem Leben der Todgeweihten,
des Götter Sitz mit rotem Blut beflecken.
Dann wird der Sommersonne Licht verdunkelt,
und alles Wetter schlägt in Sturm um.
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