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Des Teufels Sohn

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Jackson – Teil 48

Die Jagd beginnt

Das Sirenengeheul kam näher und näher.

Ich zog den Kopf ein und starrte wie gebannt auf die blauroten Positionslichter der Streifenwagen, die sich deutlich am Horizont abzeichneten.

Bremsen quietschten, Motorenlärm erfüllte die Luft und dann rasten die Polizeiautos so dicht an uns vorbei, dass ich noch Sekunden später vermeinte, den Luftzug der vorbeifahrenden Wagen zu spüren.

Neben mir stieß Yalla einen Seufzer aus und sackte in ihrem Sitz zusammen.

»Alles okay?«, wollte ich wissen.

Sie nickte. Ihre zitternden Hände und der dünne Schweißfilm auf ihrer Oberlippe sagten mir allerdings etwas anderes. Ich nahm den Fuß vom Gas, ließ den Wagen am Straßenrand ausrollen und zog die Handbremse an.

Nachdem ich den Motor abgestellt hatte, musterte ich sie ein zweites Mal.

»Wirklich? Du siehst aus, als ob dich gleich der Schlag trifft.«

Yalla schnaubte wie ein junges Pferd, das vom Stall heraus auf die Koppel drängte, und lachte mich an. Die Erleichterung, die dabei in ihrer Stimme mitschwang, war nicht zu überhören.

»Ich habe mir vor Angst fast in die Hosen gemacht, als ich die Polizei vor uns sah. Einen Moment lang dachte ich, jetzt ist alles aus.«

Ich nickte stumm. Mir war es nicht anders ergangen.

»Warum wolltest du dann, dass ich anhalte?«

Yalla wischte sich den Schweiß von der Oberlippe.

»Ich kenne die australische Polizei gut genug, um zu wissen, dass man keinen Fluchtversuch riskieren sollte, wenn sie einen erst einmal ins Visier genommen haben.«

»Woher wusstest du, dass sie kommen würden? Sie waren doch noch gar nicht zu sehen, geschweige denn zu hören.«

»Für dich vielleicht nicht, aber für mich. Ich habe lange genug in der Wildnis der Area gelebt, um inzwischen sogar einen Floh husten zu hören.«

»Okay, lassen wir das jetzt. Sag mir lieber, wie es weitergehen soll.«

»Ich denke, dass wir den Wagen in einer der Vorstädte in der Darling Scarp stehen lassen und dann von dort aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die City fahren.«

»Schön und gut, aber woher willst du das Geld dafür nehmen?«

»Wofür Geld? In Perth sind die Busse bis ins Stadtzentrum kostenlos. Außerdem habe ich ja noch meinen Notgroschen.«

»Du hast was?«

Statt einer Antwort fasste sich Yalla in den Ausschnitt, fummelte ein wenig mit der Hand im Hemd herum und brachte schließlich ein Geldbündel zum Vorschein, das mir die Luft zum Atmen nahm.

Dieser sogenannte Notgroschen war gut und gerne fünftausend Dollar groß, wenn nicht sogar mehr. Die meisten der Banknoten zeigten nämlich das Konterfei von General Monash, das nur auf den Hundertdollarscheinen zu sehen war.

»Wo hast du das denn her?«

Yalla lächelte verschwörerisch.

»Erinnerst du dich noch an die Kammer, in der die Embryonen zwischengelagert wurden?«

Natürlich erinnerte ich mich an diesen Raum, aber nicht wegen der Embryonen, sondern daran, dass ich in diesem Raum das letzte Mal mit Yalla geschlafen hatte.

»Während du dich mit dem Kerl beschäftigt hast, der dort so überraschend auftauchte, habe ich mir erlaubt, die Brieftasche einzustecken, die dort auf dem Schreibtisch lag. Sie gehörte, wie ich später feststellte, dem Leiter des Labors.«

»Läuft in der Area jeder mit so einem Vermögen durch die Gegend?«

»Wie ich den Formularen, in denen das Geld eingewickelt war, entnehmen konnte, war der Mann kurz davor, eine Flugreise nach Europa anzutreten. Vielleicht hat er die Brieftasche in dem ganzen Durcheinander, das wir ausgelöst haben, einfach vergessen.«

Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber das war mir im Moment ehrlich gesagt scheißegal.

 

***

 

Wir fuhren mit dem Jeep so unauffällig wie möglich in eine der Vorstädte und nahmen den nächsten Bus nach Perth City. In der Nähe des Kings Park stiegen wir aus und stürzten uns in das Gewühl eines hoffnungslos überfüllten Kaufhauses. Zum einen konnte man sich dort in der Menge hervorragend irgendwelchen Verfolgern entledigen und zum anderen wurde es Zeit, uns neu einzukleiden. Auch wenn Perth eine moderne und aufgeklärte Stadt war, mit unserem Wüstenoutfit lenkten wir doch mehr Blicke auf uns, als uns lieb war.

Zwei Stunden später, als wir in der Bakerstreet mitten im Bankenviertel standen, waren wir nicht mehr von einem australischen Durchschnittsehepaar zu unterscheiden. Ich trug einen billigen Leinenanzug von der Stange, ein blaues Hemd und ein paar Halbschuhe, denen man ansah, dass sie nicht mehr als 15 Dollar gekostet hatten. Yalla steckte in einem schlichten hellgrauen Kleid, dessen Rocksaum züchtig bis über die Knie ging. Dazu trug sie dunkle Riemensandalen und ein kleines herzförmiges Hütchen, das sie frech auf ihrem Haar drapiert hatte.

Derart ausgestattet betraten wir die nächste Bank.

Während ich im Vorraum des Geldinstitutes wartete, steuerte sie zielstrebig einen der unzähligen Schalter an. Wir benötigten jeden Dollar, um außer Landes zu kommen. Keiner von uns war so naiv zu glauben, dass uns die Betreiber der Area so einfach davonkommen lassen würden.

Während Yalla am Schalter wartete, bis sie an die Reihe kam, steuerte ich einen der Stehpulte in der Vorhalle an, die mit allen möglichen Formularen bestückt waren. Ich schnappte mir irgendeines davon – es war ein Einzahlungsformular – und begann damit, es mit irgendwelchen Fantasienamen und aberwitzigen Geldbeträgen auszufüllen.

Ich tat also etwas, oder gab zumindest vor, etwas zu tun, was man allgemein in einer Bank macht, nämlich Geldgeschäfte abzuwickeln. Der Grund war weder Langeweile noch der Versuch, die Zeit totzuschlagen, bis Yalla endlich ihr Geld vom Konto abgehoben hatte, sondern ein hagerer Sicherheitsbeamter, der mich immer wieder neugierig musterte.

Ich war lange genug in der Branche tätig, um zu wissen, dass es kein Zufall war, dass er mich ständig beobachtete.

Aber was zum Teufel wollte er von mir? Ich hatte diesen Burschen noch nie in meinem Leben gesehen. Während ich allmählich nervös wurde, kam Yalla wieder zurück.

Als ich ihre versteinerte Miene sah, wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

»Es ist weg«, zischte sie, als sie neben mir stand. Sie zitterte dabei wie Espenlaub. »Es ist alles weg.«

Ich verstand kein Wort, jedenfalls im Moment noch nicht.

»Was ist weg?«

Yalla antwortete nicht. Sie stützte sich neben mir am Stehpult ab und hatte plötzlich wässrige Augen.

»Vor drei Wochen hatte ich noch über vierzigtausend Dollar auf dem Konto und der Mann am Schalter redete mich mit meinem Vornamen an. Jetzt gibt es das Konto nicht mehr, das Geld ist weg und die Tussi, die jetzt hinter dem Schalter sitzt, hat mir ins Gesicht gelacht und mich eine Hochstaplerin genannt.«

Ihr Gesicht war vor Verzweiflung verzerrt.

Ein stählerner Ring schien sich um meine Brust zu legen und mehr und mehr zusammenziehen. Mein Herz hämmerte.

Schlagartig wurde mir klar, dass man uns bereits auf der Spur war. Die Jagd auf uns war sozusagen eröffnet.

In diesem Moment kam jener Sicherheitsbeamte auf uns zu, der mich schon die ganze Zeit über argwöhnisch beobachtet hatte.

»Einen Moment, Sir. Dürfte ich Sie etwas fragen?«

Nein, durfte er nicht!

Ich packte Yalla am Arm und rannte mit ihr aus der Bank.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich noch, wie der Mann zum Revolver griff.

Fortsetzung folgt …

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