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Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

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Crossover – es wird dich verändern

Crossover – es wird dich verändern

Man kommt an ihnen nicht mehr vorbei. Sie sind nicht zu übersehen. Seit der Gründung von Smashwords durch Mark Coker im Jahr 2008 hat sich ein Sinneswandel in puncto Selbstverlag vollzogen. Self-Publishing Dienstleister schießen wie Pilze aus dem Boden und bieten ihren Service an. Die Beweggründe von Autoren, ihre Werke nicht in einem klassischen Verlag zu veröffentlichen, sind vielschichtiger geworden. Höhere Flexibilität und günstige Konditionen sind unter anderem wichtige Gründe dafür, diesen Schritt einzuschlagen. Doch bei allem technischen Know-how der Self-Publishing-Dienstleister ist es für den Autor unvermeidbar, ein in hoher Qualität erarbeitetes Manuskript zu liefern. Und dazu gehört unumstritten das Redigieren des zu veröffentlichenden Werkes. Dass dies durchaus entweder mit der nötigen Selbstdisziplin oder über ein professionelles Lektorat/Korrektorat machbar ist und prinzipiell die gleichen Arbeitsschritte erforderlich sind, als ob man das Werk bei einem Verlag veröffentlicht, beweist der Autor Fred Ink in seinem Horrorthriller Crossover – es wird dich verändern, welchen ich gern vorstellen möchte.

Das Buch

Fred Ink
Crossover – es wird dich verändern
Horrorthriller,
CreateSpace Independent Publishing Platform, Taschenbuch, Januar 2015, 288 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 9781505930597, E-Book, Kindle Edition, 583 KB, 2,99 Euro, Covergestaltung: Adrijus Guscia
Kurzinhalt:
Sechs Menschen kommen in einem verfallenen Laborkomplex zu sich. Sie erinnern sich an nichts, aber eines ist klar: Etwas ist gewaltig schief gelaufen. Mutierte Affen bevölkern die Korridore, draußen streifen riesige Kreaturen umher. Auf der Suche nach dem Weg zurück muss die Gruppe ums nackte Überleben kämpfen. Die außergewöhnliche Situation führt dazu, dass jeder von ihnen einen extremen Wandel durchlebt. Und allmählich wird klar, dass die größte Gefahr von einem der ihren ausgeht …

Der Autor

Fred Ink wurde im Mai 1980 in der schwäbischen Universitätsstadt Tübingen geboren und lebt in seiner Wahlheimat Finnland in der Nähe von Helsinki.
Nach erfolgreich abgeschlossenem Abitur und den darauf folgenden Wehrersatzdienst ließ er sich zum Ergotherapeuten ausbilden, fand in diesem Beruf jedoch nicht die Erfüllung seines weiteren Lebens. Infolgedessen absolvierte Fred Ink ein Studium in Berlin und darf sich seit diesem Abschluss Diplombiologe nennen. Von Kindheit an kostet er sein Fable für die Phantastik aus. Wer sich bereits in jungen Jahren »Nightmare on Elm Street« oder »Critters« reinzieht, hat mit weich Gespültem nicht viel im Sinn. Seine Bücher decken das gesamte Spektrum der Spannungsliteratur ab. Von klassischen Gruselnovellen wie »Das Grauen in den Bergen« und »Wurmstichig« über knallharte Thriller wie »Uppercut« bis hin zum modernen, verrückten und den Magen strapazierenden Horror-Roman »Fünf Tode« ist alles vertreten. In seinem Hirn kursieren bereits viele Ideen für weitere fiese Geschichten.


Leseprobe

Harald Strehlau war tot. Er musste tot sein, weil nichts mehr stimmte.

Weder lag er in seinem Bett, noch baumelte der triangelförmige Griff über ihm, an dem er sich für gewöhnlich in die Höhe zog. Die weiß gestrichene Zimmerdecke war einem verwaschenen Durcheinander aus Braun und Grau gewichen. Als Harald nach seiner Brille tastete, um den trüben Augen auf die Sprünge zu helfen, griff er ins Leere. Das Merkwürdigste an der Situation war aber, dass er nicht urinieren musste. Seit Ewigkeiten war Harald nicht mehr aufgewacht, ohne dass seine apfelsinengroße Prostata ihm auf die Blase drückte.

Heute musste er nicht. Er war vertrocknet, inner- wie äußerlich.

Nach einer Phase der Verwunderung, gefolgt von Ungewissheit und Furcht, machte sich eine fundamentale Ruhe in ihm breit. Es war also endlich soweit. Er hatte es hinter sich.

Ich werde Utta wiedersehen.

Der Anflug eines Lächelns bahnte sich den Weg durch tief eingegrabene Falten, während Harald versuchte, sich hochzustemmen.

Ihm wurde bewusst, dass manche Dinge sich nicht verändert hatten. Die Arthritis, Geißel seines Lebensabends, plagte ihn nach wie vor. Tausend winzige Schlangen schienen sich in seine Gelenke zu bohren und dort in den Nervenenden zu verbeißen, als er steife Finger auf kühlen Untergrund presste. Da es ihnen an Schmiere mangelte, knirschten seine Schultern, als würde jemand altbackenes Brot zerbröseln. Die Wirbel in seinem Rücken knackten wie Holzscheite in einem lodernden Kaminfeuer. Sein Atem ging flach und pfeifend. Die Anstrengung, sich in eine sitzende Position aufzurichten, ließ schwarze Punkte vor Haralds Augen tanzen.

»Das ist nicht fair«, stöhnte er und verabscheute das asthmatische Zittern seiner Stimme. Es war lange her, dass sein Mund Worte voller Kraft und Zuversicht geformt hatte. Schwäche und Hilfsbedürftigkeit schwangen heutzutage in allem, was er ausstieß.

Und dann sein Atem: Er roch nach angetrockneter Spucke, ach was, nach Sabber. Und er trug diesen irgendwie heimeligen und doch schrecklichen Hauch mit sich; etwas, das man als Kind gerne wahrnahm, weil es der unverwechselbare Geruch von Omi oder Opi war. Wenn man aber erst selbst danach stank, lernte man es schnell hassen.

Ich bin noch immer ein alter Knacker.

War es womöglich doch nicht vorbei? Befand sich Utta nach wie vor in unerreichbarer Ferne?

Aber falls ja, was war das hier?

Er sah sich um. Ohne Brille war nicht viel zu erkennen, nur grobe Umrisse. Aber die Farben … und die Lichtverhältnisse … es konnte nicht seine Wohnung sein.

Er befand sich in einem Zimmer, so viel war klar, denn zu seiner rechten Seite fiel trübes Licht herein. Es war kränklich und schwach, wie an einem Wintertag. Was die Einrichtung betraf, herrschten düstere Töne vor. Von Braun über Grau bis Schwarz fand sich jede Nuance von Schmutz und Zerfall.

Harald kniff die Augen zusammen und zwang die Welt in einen geringfügig schärferen Zustand. »Wie bei Hempels unterm Sofa«, murmelte er.

Überall schienen Dinge herumzuliegen. Die verschiedensten Formen waren kreuz und quer im Raum verteilt wie weggeworfener Unrat.

Und vielleicht war es ja genau das.

Irgendwie fühlte sich der Gedanke, in einem verwahrlosten Zimmer voller Müll zu liegen, stimmig an. Als Harald länger darüber nachdachte, wurde ihm auch klar, warum.

Er war unter der durchdringenden Note des Alters, die Harald selbst verströmte, nicht leicht wahrzunehmen, aber er war definitiv vorhanden: Der Gestank von Schimmel und Gärung. Harald war umgeben von vermoderndem Gerümpel.

»Was ist das hier für ein Mumpitz?«

Plötzlich erscholl eine Stimme, volltönend und durchdringend. Harald konnte nicht sagen, ob sie durch den Raum dröhnte oder nur in seinem Kopf zu hören war.

BEFREIE MICH!

Der Befehl schmerzte, als er überlaut in sein Gehirn fuhr. Harald riss reflexartig die Hände an die Ohren.

»Was … wer …?«

Niemand antwortete.

»Wo bin ich? Was wollen Sie von mir?«

Das Zimmer reagierte mit Schweigen auf seine Fragen. Der Forderungen stellende Sprecher – so es ihn denn jemals gegeben hatte –, gab sich nicht zu erkennen.

So leicht lasse ich mich nicht einschüchtern.

Harald hatte Schützengräben, russische Gefängnisse, Hippies und Computerfreaks überlebt. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Während er die Beine über die Kante von dem schwang, worauf auch immer er gelegen hatte, spürte er ein schmerzhaftes Scheuern. Er tastete prüfend um sich und versuchte, seinen von Hornhaut überzogenen Fingerspitzen etwas Gefühl zu entlocken. Unter seinen Händen blätterte eine Substanz ab. Er nahm etwas davon zwischen die Finger, worauf es zu Krümeln zerfiel. Was darunterlag, war pockig und rau. Harald besah sich seine Hände. Wenn er sie dicht vor die Augen hielt, konnte er sie einigermaßen scharf erkennen. Die Kuppen seiner Finger hatten sich rötlich-braun gefärbt.

»Rost.«

Er saß auf einer korrodierten Metallfläche.

Ein Blick hinab zu der Stelle, an der seine Füße baumelten, enthüllte verschwommene, bleiche Dinger. Krumm und steif sahen sie aus, vom Alter entstellt. Gelbe Flecken hingen im trüben Weiß – Zehennägel. Wo waren seine Strümpfe geblieben?

Harald bemerkte, dass sein Pyjama ebenfalls fehlte. Das einzige Kleidungsstück, das an seinem Körper hing, war eine fleckige Unterhose. So ging er niemals zu Bett! Wenn er sich hinlegte, dann …

Ja, was dann? Was trug er, welche Rituale pflegte er? Putzte er sich die Zähne? Las er noch ein wenig? Oder schaute er sich den überdrehten Mist an, der im Fernsehen lief? Nahm er sein Gebiss heraus? Hatte er überhaupt ein Gebiss oder genoss er das Privileg, selbst im hohen Alter noch im Besitz seiner eigenen Zähne zu sein?

Furcht erkannte die Gelegenheit und kehrte zurück. Weshalb konnte er sich an nichts erinnern?

Er öffnete den Mund und umschloss die oberen Schneidezähne mit den Fingern. Ein saugendes Geräusch erklang, als er daran zog.

»Gebiss«, murmelte er. Wenigstens eine der Fragen war somit beantwortet. Was gab es abgesehen davon?

Harald wusste, dass er sich nicht in seiner Wohnung befand, er entsann sich der Farbe seiner Zimmerdecke und auch der Haltegriff über dem Bett war ihm nicht entfallen … aber sonst?

In welcher Stadt wohnte er?

Was tat er den lieben langen Tag?

Wie alt war er genau?

»Oh Gott, ich weiß es nicht«, stammelte er. »Mein Gedächtnis …«

Ein schockierender Gedanke folgte: Was, wenn ich mich doch am richtigen Ort befinde? Wenn ich nur vergessen habe, weshalb ich hier bin?

Jeder Mensch, der sich im Herbst seines Lebens befand, fürchtete ein Schreckgespenst mehr als jedes andere. Jetzt umkreiste es Harald wie eine aggressive Hornisse.

Demenz.

Womöglich befand er sich schon jahrelang hier, wachte jeden Morgen ohne Erinnerung auf und durchlebte diesen Mist. War dies hier ein heruntergekommenes Altersheim, eine schäbige Anstalt, in die man ihn abgeschoben hatte, damit er dort starb?

Harald hatte keine Angst vor dem Tod. Er wartete schon lange auf ihn, dessen entsann er sich. Aber auf diese Weise wollte er ihm nicht gegenübertreten.

Existierten Verwandte, die skrupellos genug waren, ihm so etwas anzutun? Hatte er überhaupt Verwandtschaft?

Das Gefühl der Unwissenheit war schrecklich. Obwohl er sich an einem Punkt seines Lebens befand, der von diesem Stadium weit entfernt war, kam Harald sich wie ein Neugeborenes vor, das unsanft aus dem Körper der Mutter gerissen worden war und nichts von der Welt verstand.

»Ich bin Harald Strehlau«, verkündete er, um sich selbst vor Augen zu führen, dass er nicht alles vergessen hatte. »Und ich bin kein Hasenfuß.«

Mit diesen Worten stand er auf.

Seine Füße trafen auf kaltes, hartes Material, Beton vielleicht. Steinchen bohrten sich in seine Haut, doch er verzog keine Miene. Haralds Körper hatte im Lauf der Jahre an Empfindsamkeit eingebüßt, und außerdem war er Schmerzen gewohnt.

Er schlurfte los, in Richtung des Fensters. Vielleicht würde ein Blick nach draußen seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen.

Bei jedem stolpernden Schritt kickte er versehentlich Gegenstände vor sich her. Manche boten kaum Widerstand und verursachten keinerlei Geräusche. Sie glitten beiseite wie weggeworfene Taschentücher. Andere klapperten oder rasselten, als wären es Schrauben und Kettenglieder. Wieder andere klangen hohl und hell, Harald dachte an leere Joghurtbecher und dergleichen.

Er mochte Joghurt nicht. Daran erinnerte er sich.

Der Gedanke an kühle Milchprodukte gab ihm das nächste Rätsel auf: Obwohl er praktisch nackt war, fror er nicht. Dabei wurde ihm eigentlich nie wirklich warm. Weshalb war ihm nicht kalt, obwohl der Boden ihm offensichtlich Wärme entzog?

Es war die Luft, wurde ihm klar. Das Klima innerhalb des Zimmers war schwül, dampfig, wie im Dschungel. Als würden die Verwesungsgase, die ringsum aufstiegen, die Umgebung aufheizen.

Er erreichte das Fenster. Der Sims auf Bauchhöhe war nur noch teilweise vorhanden. Morsche Splitter brachen unter Haralds Fingern ab. Die Scheibe selbst war etwa einen Quadratmeter groß und vollkommen verdreckt.

Er rieb mit dem Daumen darüber, und nachdem er zuerst rostrote Farbtöne in das Grau geschmiert hatte, legte er allmählich eine klare Stelle frei. Ein Lichtstrahl stach durch die entstandene Lücke.

Harald nahm jetzt die gesamte Hand zur Hilfe. Es war ihm egal, ob er schmutzig wurde – immerhin trug er keine Kleidung, die er dabei hätte ruinieren können. Das Glas knirschte immer wieder, und mit der Zeit erkannte Harald den Grund dafür: Ein Spinnennetz aus Rissen durchzog es. Er gab acht, nicht zu fest zu drücken, damit die Scheibe nicht unter seiner Hand zerbrach und ihm womöglich die Pulsadern aufschnitt. Auch so wollte er dem Tod nämlich nicht gegenübertreten.

Langsam tat sich eine kreisförmige Fläche auf. Warmer Schein fiel herein und brachte Harald zum Schwitzen. Auch das noch! Er konnte sich nicht erinnern, wann seine Schweißdrüsen zuletzt etwas abgesondert hatten. Aber was hieß das schon – immerhin erinnerte er sich auch sonst an kaum etwas.

Er stützte sich keuchend auf die Überreste des Simses, beugte sich vor und spähte hinaus. Seine altersschwachen Augen offenbarten nicht viel, aber was sie sahen, war nicht dazu angetan, ihn zu beruhigen.

Wie es schien, befand er sich auf dem Land. Bis zum Horizont ragte nicht ein Umriss auf, der wie ein Gebäude wirkte. Stattdessen standen dort knorrige, verästelte Gebilde, die zu unregelmäßig geformt waren, um Bäume zu sein. Aus irgendeinem Grund glaubte Harald, in den verkrümmten, kauernden Formen eine Präsenz zu erkennen. Etwas, das sprungbereit lauerte. Aber das lag bestimmt an seinen Augen, immerhin sah er alles verschwommen.

Der Boden, der sich zwischen den Umrissen ausbreitete, schien bewachsen zu sein. Er war von einer Masse bedeckt, die leicht hin und her wogte, wenn der Wind durch sie strich.

Aber sie hatte die falsche Farbe.

»Gras ist nicht rot«, flüsterte Harald sich selbst zu.

Und der Himmel darüber, wolkenlos, mit der unerbittlich brennenden Sonne darin …

»Lila?«

Die Glasscheibe musste schuld sein. Oder seine Augen. Aber mit Farben hatte er eigentlich nie ein Problem gehabt, eher mit der Nah- und Fernsicht.

Dann spuckte Haralds Verstand eine Erklärung für sämtliche Unstimmigkeiten aus, und diese Erklärung klang so schlüssig und gleichzeitig erschreckend, dass sich etwas in ihm zusammenzog.

Bin ich vielleicht das Problem?

Er hatte offensichtlich nicht alle Tassen im Schrank. Wieso sollte er sonst in dieser Müllkippe hausen? Womöglich war alles genau so, wie es sein sollte, wie es schon immer gewesen war … bis auf ihn. Was, wenn er sich in seinem Wahn nur ausmalte, dass der Himmel blau und das Gras grün sein müssten?

Er begann zu zittern. Ein frustrierter Aufschrei brach sich Bahn. Haralds rechte Hand schlug, einem zornigen Impuls folgend, auf die verschmutzte Fensterscheibe ein.

Das Glas splitterte, eine Scherbe schnitt tief in die Handfläche hinein. Während Harald ein zischender Schmerzenslaut entwich, fiel gut die Hälfte der Scheibe in sich zusammen und verschaffte ihm zwei beunruhigende Erkenntnisse: Erstens ging draußen kein Wind. Nicht das leiseste Lüftchen kam durch die gezackte Öffnung hereingeweht.

Was immer das Gras bewegt, strömende Luft ist es nicht.

Zweitens war keine Änderung bei den Farben auszumachen. Die Fensterscheibe war nicht der Grund für Haralds gestörte Wahrnehmung.

Entweder bin ich also tatsächlich verrückt, oder … oder …

Er hielt sich die blutende Hand. Verzweifelt legte er den Kopf in den Nacken, sah hinauf in den lilafarbenen Himmel … und keuchte entsetzt. Seine Augen waren zwar schlecht, aber nicht so sehr, dass er doppelt sah.

»Zwei«, stammelte er, »zwei Sonnen.«

Nichts stimmte, und doch war er nicht tot. Obwohl der Horror, der Harald plagte, geistiger Natur war, empfand er ihn als belastender als alles, was er in seinem Leben hatte ausstehen müssen. Nichts kam diesem Entsetzen gleich, nicht einmal das Kauern im Graben, über ihm das Dröhnen von Geschützfeuer und die Blitze von Explosionen; kalter Schlamm im Nacken und stinkendes Gummi vor dem Gesicht, während um ihn herum seine Kameraden zerfetzt wurden oder Blut erbrachen, weil sie etwas von dem Gas abbekommen hatten …

Das war schrecklich gewesen, über alle Maßen falsch und grässlicher, als Harald es sich vor dem Krieg hätte träumen lassen. Aber es war trotz allem rational erfassbar gewesen. Es hatte an seinem Verstand genagt, aber er hatte es nachvollziehen und somit irgendwann abschütteln können. Was er damals gesehen hatte, war das Schlimmste gewesen, zu dem die menschliche Rasse imstande war. Hier schienen jedoch Kräfte am Werk zu sein, die weit über die Fähigkeiten von Menschen hinausgingen, und das ließ Harald bis ins Mark erschauern.

Nun musste er doch urinieren, aber es lag nicht daran, dass seine Prostata noch weiter angeschwollen wäre. Die Angst drückte auf seine Blase.

Während er noch angestrengt versuchte, sein einziges Kleidungsstück nicht zu beschmutzen, geschah das Schlimmste.

Erst spürte er es mehr, als dass er es hörte. Sinne, die im grausamen Überlebenskampf geschärft worden waren, ließen sich auch vom Alter nicht gänzlich abstellen. Mit plötzlicher Gewissheit wusste Harald, dass sich etwas näherte. Etwas Bedrohliches. Es musste das Klirren des Glases gehört haben, oder sein Gejammer. In wenigen Sekunden würde es vor dem Fenster stehen.

Harald biss sich auf die Unterlippe und ging in die Hocke. Seine Oberschenkel brannten, die Muskeln waren seit Ewigkeiten nicht dermaßen gedehnt worden. Die Knie knallten so laut, dass der Feind es mit Sicherheit hörte. Schmerzen schossen in die Gelenke. Harald musste sämtliche Willenskraft aufbieten, um den Mund geschlossen zu halten. Er presste sich an die fleckige Wand unterhalb der Fensterscheibe und versuchte, seinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.

Ein Schnauben ertönte, tief und voluminös. Was immer dieses Geräusch ausstieß, verfügte über einen Brustkorb, der mindestens so groß wie der eines Elefanten war. Dann folgte das Schnüffeln. Langsam, fast gemächlich, feucht und zischend. Ein Schatten verdunkelte das Fenster und tauchte das Zimmer in Zwielicht. Harald nahm die blutende Hand vors Gesicht und biss sich auf die Knöchel. Panik mit Schmerz zu überlagern war ein Trick, den er schon in jungen Jahren gelernt hatte.

Das Ding klang wie ein monströser Hund. Und gleichzeitig nach so viel mehr. Bilder blitzten vor Harald auf, und im Gegensatz zu seiner Umgebung sah er sie gestochen scharf: Pelz. Schuppen. Zähne. Gezackte Mundwerkzeuge. Hörner. Antennen. Klauen und Giftdrüsen. Borsten. Gierige, rote Augen.

Das Wesen mochte sämtliche dieser Merkmale in sich vereinen oder keines davon. Klar war nur, dass es nicht stimmte. Genau wie alles hier.

Im nächsten Moment erzitterte die Wand in Haralds Rücken, als etwas Kolossales sich dagegen warf. Die Überreste der Fensterscheibe rieselten auf ihn herab, etwas schob sich in die Öffnung und füllte sie aus.

Harald konnte später nicht sagen, ob er deswegen nicht aufschrie, weil er im Kern noch immer ein abgebrühter Soldat war, oder weil der Schreck ihn lähmte. Er starrte nach oben, die Arme um den hageren Körper geschlungen, die Knie zitternd.

Es war eine Art Bein. Eine Extremität, mit einem zangenförmigen Greifwerkzeug am Ende. Sie war anthrazitfarben und gepanzert. Wie die Platten einer Ritterrüstung umschloss festes Material das Ding, nur an den Gelenkstellen klafften Lücken. In diesen Spalten war helles Fleisch zu sehen, voller Schleim und durchzogen von fingerdicken, türkisfarbenen Blutgefäßen. Die Zange selbst bestand aus drei Gliedern, einem größeren und zwei kleinen. Jedes davon hätte Harald problemlos umfassen können. Und jetzt stocherten sie hinter dem Fenster herum.

Ein fürchterlicher Gestank nach Fisch und Erbrochenem senkte sich herab, während die Greifwerkzeuge krachend aufeinander schlugen und Harald sich so tief duckte, wie es ihm möglich war. Dass er sich dabei an weiteren Scherben schnitt, nahm er kaum wahr.

Zwei-, dreimal fuhr die monströse Zange dicht über ihn hinweg, während das Wesen versuchte, noch tiefer in den Raum hineinzugreifen. Es verdeckte die Fensteröffnung jetzt vollständig und verwandelte das Zimmer in ein Durcheinander entsetzlicher Schatten.

Das Schnauben steigerte sich. Zuerst zu einem Grollen, dann zu einem dröhnenden, alles durchdringenden Fauchen. Staub rieselte herab, der Boden erbebte.

Harald schloss die Augen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, bedeckte seine Ohren mit den Unterarmen und ließ sich zur Seite fallen. Er konnte und wollte das nicht länger miterleben. Zwischen seinen Beinen wurde es feucht.

Dann herrschte plötzlich Stille.

Licht fiel auf Haralds geschlossene Lider. Ungläubig öffnete er sie und spähte nach oben. Das Wesen war fort, er hörte seine stampfenden Schritte in der Ferne verklingen. Es hatte den Versuch eingestellt, seiner habhaft zu werden.

Fürs Erste.

»Ich weiß jetzt, wo ich bin«, stöhnte Harald. Voller Scham sah er an sich hinab.

Er war tot und alles war anders. Aber das hier war nicht der Himmel. Er hätte sich denken können, dass einem Mann wie ihm etwas anderes blühte.