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Farmer und Goldsucher – Kapitel 7

Farmer und Goldsucher
Abenteuer und Erlebnisse eines jungen Auswanderers in Virginia und Kalifornien

Kapitel 7

Ein Monat war seit unserer Ankunft in Kalifornien verflossen. Die unversöhnlichsten Leidenschaften waren unter dieser, an einem Ort und zu einem Zweck vereinigten Menge ausgebrochen: Habsucht, Gier, Mutlosigkeit und Furcht übten ihre verderblichen Folgen aus. Der Charakter des Amerikaners hatte sich sozusagen total gewandelt. Ein vermischtes Geschlecht schien unter meinen Augen entstanden zu sein. Die Geradheit und der männliche Ernst der angelsächsischen Rasse waren einer vollständigen Ruchlosigkeit und Sittenverderbnis gewichen. Man fand hier nun alle Laster der ihrer angeborenen Gutmütigkeit beraubten Mexikaner. Unter dem Himmel Kaliforniens, rings umgeben von Felsen mit strotzenden Goldadern, befreiten sich die von den Ufern des Ohio und Hudson hierher gewanderten Menschen von ihren bescheidenen Tugenden, welche so lange der Stolz ihrer Vorfahren gewesen waren. Sie wurden herrschsüchtig, heuchlerisch, liederlich. Sich die Kunst der Goldsucher aneignend, ererbten sie auch deren Sittenlosigkeit. Es waren nicht mehr die rüstigen Holzfäller, die arbeitsamen Farmer, die ich früher so geachtet hatte, es waren wirkliche lasterhafte Gambusinos.

Die Überfälle der Indianer, welche sich fast in jeder Nacht wiederholten, trugen nur dazu bei, die Verwilderung und Verwirrung zu vergrößern. Man lebte in beständiger Unruhe und wilder Aufregung, ein Zustand, der bei langer Dauer auch die stärksten Charaktere zu brechen vermochte. Jede Gruppe der Auswanderer hatte sich in zwei Hälften geteilt, von denen die eine zum Schutz der Zelte zurückbleiben musste, während die andere zu ihrer täglichen Beschäftigung auszog. Die Strapazen und die Gefahren dieses militärischen Lebens waren mit den beschwerlichsten Arbeiten unseres Kolonistenlebens verbunden. Ich für meine Person zog den Dienst als Soldat dem Goldsuchen vor, während der Squatter mit seinen Söhnen ganze Tage hindurch an den Ufern arbeitete, den Sand feuchtete und auswusch, während Furchtlos und der Dichter gemeinschaftlich in den benachbarten Wäldern jagten, verbrachte ich die langen Stunden als getreue Wache, die Flinte auf der Schulter, um unsere Zelte und Wagen herum auf- und abwandelnd. Mich überkam zuweilen der Wunsch, dass sich mir eine Gelegenheit bieten würde, unsere Ansiedelung gegen einen der seit einigen Tagen immer zahlreicher werdenden Angriffsversuche verteidigen zu können. Ich hoffte dadurch meinen Gefährten zur Abreise zu bewegen und auch Township durch das Vorhandensein ernstlicher Gefahren zu bestimmen, die Existenz seiner ganzen Familie der Rache der Indianer nicht auszusetzen. Die erwünschte Gelegenheit bot sich endlich, jedoch nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, denn ich konnte die traurigen Folgen nicht vorhersehen, welche nach einem Monat langen ängstlichen Warten unsere kaum gebildete Vereinigung vernichten sollte.

Es war zwei Tage nach der Unterredung mit Township, in welcher ich den Vorfall mit dem Stierjäger erfahren hatte. Ich bewachte nach unserer Übereinkunft unsere Zelte, Township und seine Söhne gruben nach Gold, mein französischer Freund und Furchtlos jagten.

Die Sonne ging langsam am Horizont unter, und die Jäger als auch die Goldsucher mussten bald zurückkommen. Schon warfen die Schneegipfel der Berge tiefe Schatten in die Täler, aus denen sich bläuliche Dünste erhoben. Der Doppelberg der beiden Schwestern, der Mount Linne und im Norden der Schneegipfel des Berges Mount Shasta, welcher das Tal des Sacramento beherrscht, glänzten in den Strahlen der sinkenden Sonne. Ich hatte mich auf einer kleinen Erhöhung postiert, von welcher aus ich die ganze Talfläche des Sees überblicke konnte. Im Mittelpunkt erhoben sich die bunten Zelte und die aus Büffelhäuten errichteten Wigwams der verschiedenen Gruppen der Goldgräber. Menschen von allen Rassen und Farben wachten, das Gewehr im Arm, vor den Türen dieser Wohnungen. Ich überließ mich, die Büchse in der Hand, den süßen Träumereien, welche einen oft am Ende eines mühsamen Tages überkommen. Das Ende eines Tages ist in der Wüste ein erhebender, feierlicher Anblick. Von dem Hügel aus, der mir als Beobachtungspunkt diente, hatte ich ebenfalls die Hütte des Squatter im Auge, in welcher ich von Zeit zu Zeit die blonden Haarflechten und das stille Lächeln der jungen Virginierin bemerkte. Reihen von Arbeitern, die vom Feld zurückkehrten, eilten an mir vorüber. Ich tauschte mit einem reich beladenen Goldsucher, der mit heiterer Stirn und leichten Schrittes in das Lager heimkehrte, freundliche Grüße aus, später bedauerte ich den Unglücklichen, welcher von seinem weiten und mühsamen Ausflug nur getäuschte Hoffnungen und Fieberschauer zurückbrachte.

Ich wunderte mich, weder Squatter noch meine beiden Gefährten ankommen zu sehen. Endlich aber gewahrte ich Townships ältesten Sohn, denselben wackeren jungen Mann, mit welchem ich in der ersten Nacht zu Red Maple in so nahe Berührung gekommen war. Terry suchte seit einiger Zeit meine Gesellschaft umso mehr und um so lieber, je mehr er von der Kälte und der fast bis zur Ungerechtigkeit getriebenen Strenge seines Vaters zu leiden hatte. Er war es immer, an dem der Squatter seinem von Kummer und Zorn niedergedrückten Geist durch Schelten und Strafe Erleichterung zu schaffen suchte. Terry setzte dem väterlichen Tadel nur ein respektvolles Schweigen entgegen. Aber im Grunde seines Herzens fühlte er, dass das Band zwischen ihm und seinem Vater brüchig wurde. Voller Sehnsucht erwartete er den Tag, an welchem auch er die elterliche Hütte verlassen und das abenteuerliche und nomadenhafte Leben der Squatter beginnen konnte.

Ich bemerkte, dass er zum ersten Mal mit leeren Händen von der Arbeit kam. Ich fragte ihn deshalb und der junge Mensch setzte sich zu mir, aber ohne auf meine Frage zu antworten, erging er sich in Klagen und Ausrufungen, welche seine mühsam zu bewältigende Ungeduld verrieten. Sein Herz ergoss sich in einfachen Beschwerden über die Langweiligkeit einer eintönigen Beschäftigung, wie die eines Goldsuchers. Ich suchte ihn zu trösten und seine traurigen Besorgnisse zu zerstreuen.

»Ihr habt gut Reden«, entgegnete er, »es ist aber ein erbärmliches Geschäft, das wir hier betreiben, und der Squatter kann sich nicht von seinen Gewohnheiten losreißen, weite Reisen zu unternehmen, dichte Wälder abzutreiben, Wüsten urbar zu machen, das ist seine Freude. Ich zähle dreiundzwanzig Jahre, und mein Vater war kaum achtzehn Jahre alt, als er bereits weit entfernt von seiner Familie war. Geduld, die Reihe wird auch an mich kommen.«

Ich erkannte in diesen Äußerungen den amerikanischen Charakter in all seiner Kühnheit und konnte dem jungen Squatter nur eine zustimmende Antwort geben.·

Terry, der wenig Neigung verriet, die Unterhaltung fortzusetzen, bot sich an, meinen Platz einzunehmen. Ich war erfreut, meinen Gefährten entgegeneilen zu können, deren langes Ausbleiben mich zu beunruhigen anfing. Ich lief zu einer Art Schankzelt, in welchem Furchtlos und mein Reisegenosse bei ihrer Rückkehr von der Jagd gewöhnlich einzukehren pflegten. Um zu diesem Zelt zu gelangen, hatte ich eine Strecke freies Feld zu durchschreiten.

Die Nacht war angebrochen, und ich musste mich unseren Wachen kenntlich machen, da Order erteilt war, auf jede irgendwie verdächtige Person zu schießen. Der größte Teil der Arbeiter war zurück, die Feuer leuchteten überall, und vor jeder Hütte wurde mit den verschiedenartigsten Gerätschaften von oft unförmlicher Größe der goldhaltige Sand noch einmal durchsiebt und durchwühlt. Um ihre Herde gekauert, die Gesichtszüge vom Schein der Feuer düster erhellt, den Körper von der Glut der Leidenschaft gebeugt, glichen die Goldsucher mehr Dämonen, als Menschen von Fleisch und Blut. Wenn auch das Goldfieber überall wüste Leidenschaften hervorgerufen zu haben schien, so hatten doch auch sanftere Gefühle zu Zeiten ihren Einfluss noch nicht ganz verloren. Ich habe schon erwähnt, dass unser Tross aus Auswanderern aller Länder bestand. Viele befanden sich nun unter diesen, welche die Lieder ihrer Heimat nicht vergessen hatten und sie in der Stille der Nacht zu wiederholen pflegten. Zuweilen hallten die Berge der Sierra Nevada von den Echos eines jener Schweizerlieder wider, die voll Sehnsucht nach den Gletschern ihrer Heimat verlangen, oder die melodischen Stimmen deutscher Landsleute erklangen unter dem Himmel Kaliforniens in den melancholischen schwäbischen oder Tiroler Volksweisen.

Ich war am Schankzelt angelangt, in welchem ich meine Gefährten zu finden hoffte. Dieses Zelt war etwas geräumiger als unsere übrigen, und man verkaufte darin den Pisco, den Branntwein des Landes, von welchem fast jeder Tropfen mit einem Dollar bezahlt wurde, und den Resino, gereinigten katalonischen Branntwein, der nur mit Goldstücken aufgewogen werden konnte. Als ich eintrat, fand ich sämtliche Tische ringsum wie gewöhnlich mit Zechern besetzt, deren Gesichter mir alle ziemlich bekannt waren. Von meinen Freunden sah ich keine Spur und wollte bereits umkehren, als eine Gruppe von drei Personen meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Einer von diesen drei Zechern trug die runde, mit Seide gestickte Weste, den breiten Hut und die weiten Hosen der Mexikaner Kaliforniens, während die beiden anderen mit einer ganz außergewöhnlichen Tracht bekleidet waren. Auf dem Kopf trugen sie Hüte mit silbernen Streifen, aber nur mit einer Umhüllung von Lumpen bedeckten sie den nackten Körper, dessen rote Haut mit pockenartigen Narben überzogen war. Lange Haare fielen unordentlich und wild über die finsteren Gestalten, sodass ihre Gesichtszüge kaum zu sehen waren. Einer dieser Vagabunden steckte oft seine mit langen spitzen Nägeln versehenen Hände in einen goldgefüllten Gürtel, den er um die Hüften trug, und rief lärmend nach dem Wirt.

»Was befehlen die Herren?«, fragte der Gerufene geschäftig. »Pisco oder Resino?«

»Pisco? Pfui Teufel!«, entgegnete der Vagabund mit seiner Art komischer Würde, »haltet Ihr uns für Piscotrinker? Resino verlangen wir, echten. Ihr bewirtet hier den Herrn Alkaden.«

Die Benennung »Alkade« erinnerte mich an das Abenteuer des Romandichters und ich beobachtete die drei Zecher etwas aufmerksamer. Der Alkade nahm nachlässig aus einem Gürtel, wie ihn auch der langhaarige Gauner trug, eine Handvoll Goldstaub, welche der Besitzer des Schankzeltes in der Hand wog und darauf eine Flasche Liqueur herbeibrachte, die man ihm fast so teuer wie ein ganzes Fass bezahlen musste. Darauf streckte der frühere Sprecher seinen Arm aus seiner Umhüllung heraus, füllte rasch sein und seines Gefährten Glas, dachte aber nicht daran, dem Alkaden auch nur einen Tropfen einzuschenken.

»Ihr seid wahrhaftig jetzt zu sparsam«, wandte dieser sich an den Letzteren. Wenn Ihr aber trinken wollt, so müsst Ihr Euch noch eine andere Flasche kaufen.«

Während der Alkade mit schlecht verhehltem Ärger lachte, stießen die beiden Gauner dicht vor seiner Nase mit ihren Gläsern an, leerten diese in raschen Zügen, tranken aber nicht einmal auf das Wohl der hohen Gerichtsperson.

Nur in Mexiko konnte es vorkommen, dass sich zwei solcher abgefeimten Schurken über die Würde einer Amtsperson lustig machen und ihre Unverschämtheiten an diesen ausüben konnten. Ich beobachtete diese lächerliche Szene sehr aufmerksam, als ich neben mir den Namen des kanadischen Jägers nennen hörte. Ich wandte mich rasch um und bemerkte Townships jüngsten Sohn.

»Ist Furchtlos hier?«, fragte er mich.

»Er ist noch nicht zurück, aber was will man von ihm?«

»Ach Gott«, rief der Knabe, »in unserem Zelt gibt es ein Unglück. Mein Bruder, mein Bruder Terry … Kommt, kommt!«

Ich begleitete den Knaben, der vor Schrecken nicht reden konnte. Plötzlich fiel ein Schuss.

»Er hat ihn getötet!«, schrie der Knabe und stürzte jammernd auf unsere Zelte zu. Als ich in der Nähe unserer Wohnungen war, sah ich Terry herausspringen und zu meinem großen Erstaunen mehr die Richtung Berge als zum Ufer des Sees zu einschlagen.

Er eilte sicher in sein Verderben. Vergebens rief ich dem jungen Mann nach, aber er sah und hörte mich nicht.

Mit zitternder Hand hob ich den Vorhang, der das Zelt des Squatter verhüllte. Bleich und mit entstellten Zügen, die Augen voller Tränen, hielt das junge Mädchen die Knie ihres Vaters umschlungen. Die Mutter lag weinend in einem Winkel des Zeltes und Terrys Brüder standen in schmerzlicher Aufregung neben den Squatter. Dieser, dessen Gesicht vom Genuss des Whisky dunkel gefärbt war, hielt die noch rauchende Büchse in der Hand und war in ein dumpfes Hinbrüten versunken. Township war in einem jener Momente, wo er an seinem Sohn die Ausbrüche seiner üblen Laune ausließ. Durch eine bescheidene Erwiderung seines Sohnes Terry in volle Wut geraten, hatte seine Büchse ergriffen und in blinder Leidenschaft auf ihn geschossen. Die Tochter war dem Vater in den Arm gefallen und hatte so dem Schusse eine andere Richtung gegeben. Terry aber hatte nach diesem furchtbaren Augenblick seinem Vater feierlich »Lebewohl« gesagt.

Ich fand die unglückliche Familie von diesem furchtbaren Vorfall noch ganz niedergeschlagen vor. Eine Totenstille herrschte im ganzen Zelt und außer dem krampfhaften Schluchzen des jungen Mädchens hörte man keinen Atemzug. Der jüngste Knabe hatte mir mit leiser Stimme und in wenigen Worten die Veranlassung zu diesem fürchterlichen Streite mitgeteilt. Township schien mich nicht zu bemerken. Hoch aufgerichtet und unbeweglich, mit stieren Augen saß er da und schien keinen Anteil an der gemeinschaftlichen Aufregung und Trauer zu nehmen. Ein unvorhergesehenes Ereignis sollte ihn aus dieser Lethargie aufschrecken. Einer der zur Sicherheit des Lagers ausgestellten Wachposten trat rasch in das Zelt und benachrichtigte uns, dass man für die Nacht große Unruhen befürchtete. Mehrere Jäger und Goldsucher seien am Morgen ausgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Die außerhalb des Lagers postierten Wachen hätten verdächtige Gestalten in der Nähe herumschleichen sehen, welche beim ersten Schuss in die Berge geflohen wären. Sicherlich beabsichtigten die Indianer einen umfassenden Angriff und wir sollten daher auf unserer Hut, sein. Der Mensch, welcher uns diese Nachricht überbrachte, forderte uns auf, unsere Wagen nicht zu verlassen. Township antwortete nicht, und auch ich machte nur eine beistimmende Kopfbewegung. Kaum aber war der Wächter aus dem Zelt, erfasste der Squatter krampfhaft meine Hand und seine wogende Brust zeigte deutlich, dass die Vaterliebe mit aller Gewalt bei ihm erwacht und sein Zorn besiegt war.

»Eilen wir«, stammelte er, »eilen wir, in einigen Minuten kommen wir vielleicht zu spät.«

Ohne sich nach seiner Familie umzuschauen, stürzte der raue Kolonist aus dem Zelt. Ich folgte ihm, nachdem ich mich aus seinen kleinen Waffenlager mit einer Flinte bewaffnet hatte. Ich war nicht nur um Terry, sondern auch um meinen Gefährten und den Kanadier besorgt. Wir liefen mehr, als wir gingen, bis wir den Fuß des Gebirges erreichten, welchem sich Townships Sohn zugewandt hatte. Wir hielten einen Augenblick an, denn ehe wir mitten in der Nacht in diese wilden Schluchten weiter eindrangen, mussten wir erst einen Plan fassen.

Die Finsternis, welche uns umgab, ließ uns Terrys Spur nicht entdecken und somit nichts über die Richtung auffinden, welche er in den Bergen genommen haben konnte. Hatte er einen der Fußwege eingeschlagen, welche in die Täler des Sacramento führten, oder hatte er sich nach den entgegengesetzten Ebenen gewandt? Auf keinen Fall konnte er weit entfernt sein und zufällig waren ihm vielleicht mein Freund und Furchtlos begegnet. Wir beschlossen auf jede Gefahr hin unsere Erkennungsrufe zu versuchen.

Die Präriejäger haben, wie alle alten Reiter und Krieger, ihre Kriegssignale, welche sie ausstoßen, um sich in den Stunden der Gefahr Hilfe zu verschaffen. Die Mehrzahl dieser Signale rufen einen Lärm hervor, den man sehr häufig in den Wüsten vernimmt. Wir ahmten den Schrei unseres kanadischen Freundes nach, der dem Geheul des Wolfes glich. Dieses Geheul, in gleichen Zwischenräumen dreimal ausgestoßen, zeigte die Anwesenheit eines der Unsrigen an. Der Dichter und ich wünschten öfters, uns in diesen musikalischen Übungen versuchen zu können, der Squatter und Furchtlos jedoch lockten am liebsten damit wirkliche Wölfe herbei. Township gab das verabredete Signal, aber eine Minute verstrich, ohne dass eine Antwort erfolgte. Ein zweiter Versuch blieb ebenfalls erfolglos, und nur das Echo der Berge gab uns unser Geheul vielfach zurück. Ein drittes Signal schien glücklichere Wirkung zu haben, denn drei ähnliche Rufe antworteten. Wir wandten uns eiligst in die Richtung, von welcher die so sehr ersehnten Töne herkamen. Unglücklicherweise bildeten die Bergwege eine Art Labyrinth, welche wir nicht direkt nehmen konnten, und wir verloren viel Zeit, um alle auf unserem Wege sich erhebenden Hindernisse zu überwinden.

Bald galt es einen Felsblock zu überklettern, bald einen Schlund zu vermeiden. Keuchend und stumm eilten wir vorwärts, bis wir an den Eingang einer Felsschlucht gelangten, vor welcher wir anhielten und unserem Ziel ferner als näher gekommen zu sein fürchteten. Und in der Tat antwortete uns ein neuer Ruf von einer Seite her, welche der früheren ganz entgegen lag. Diesmal klang das Geheul so klagend, dass wir uns eines kalten Schauers nicht erwehren konnten.

Wir hatten einen falschen Weg eingeschlagen und mussten wieder umkehren. Ich eilte dem Squatter voran und machte ihn aufmerksam, dass die beiden erhaltenen Antworten wegen der ganz entgegengesetzten Richtungen nicht von ein und demselben Individuum herrühren könnten. Das erste Signal musste der kanadische Jäger, das zweite Terry gegeben haben. Als wir von Neuem einen jener tausendfach verschlungenen Bergwege verfolgten, erschallte wiederum ein dreimaliges Geheul, jedoch ebenfalls aus einer anderen Richtung, als die beiden früheren. War mein Gefährte von dem Jäger getrennt worden und war er es, der uns jetzt antwortete?

»Nein, nein«, sagte Township, dessen Stirn vom kalten Schweiße feucht war, »Euer Gefährte, der Franzose, heult in der Regel wie ein Tier, welches blökt, und da wir von drei verschiedenen Seiten her dieses Geheul vernommen haben, so glaube ich, dass es von einem wirklichen Wolfe herrührt, der …«

Ein Schuss unterbrach den Squatter, ein neuer Ruf erfolgte, ein zweimaliges Heulen war zu hören.

In der fürchterlichsten Angst erwarteten wir den dritten Ruf, aber die Stille wurde nicht unterbrochen. Diese entsetzliche Einöde, diese steilen Berge, diese gähnenden Abgründe boten des Nachts einen so drohenden Anblick, dass ich meinen Mut bei dem Gedanken zu verlieren fürchtete, wenn vielleicht aus diesen Felsenwänden unsichtbare Feinde unsere Spur verfolgten, um uns, wie unseren unglücklichen Gefährten, dessen Stimme plötzlich verstummt war, dem sicheren Tod in die Arme zu liefern.

Wer war dem Tod nah? Terry, Furchtlos oder mein fröhlicher Freund? Wir eilten weiter, ohne unsere Gedanken auszutauschen. Der Atem des Squatters, fliegend und tief, verriet die quälende Angst seines Herzens. Wir durchirrten erfolglos einen Teil der Nacht und eilten ununterbrochen immer der Stimme nach, welche beständig vor uns her zu fliehen schien, als endlich auf ein erneutes Signal Townships die Rufe sich näherten und zwei Männer uns entgegenkamen. Es waren Furchtlos und sein Jagdgenosse.

Beide waren nach dem Lager zurückgekehrt, ohne Terry gesehen zu haben, nachdem sie gleich uns viel Zeit mit erfolglosem Suchen verloren hatten. Freiwillig schlossen sie sich uns an. Mit dieser Verstärkung begannen wir unsere gefahrvolle Unternehmung aufs Neue und wir wandten uns der Gegend zu, in welcher der Schuss gefallen war. Der Kanadier, eine Pechfackel in der Hand, führte unsere kleine Gruppe und hielt plötzlich an, um den Boden genau zu untersuchen. Endlich stieß er einen gellenden Schrei aus.

»Seht Ihr nicht diese Spuren hier?«, begann er, »ich erkenne hier deutlich die Tritte der mit Eisen beschlagenen Pferde weißer Räuber und die der nicht beschlagenen indianischen. Diese Schurken haben sich zu Plünderungen vereinigt.« Der Jäger unterbrach sich plötzlich. Ein klagender Ton, ähnlich dem des Totenvogels, durchdrang die Stille der Nacht.

»Die Töne kommen dicht bei uns aus dem Tal«, erläuterte der Jäger, »aber es ist sonderbar, noch nie habe ich den Schrei dieses Vogels vernommen.«

Ich machte den Kanadier auf den Squatter aufmerksam, welcher bei dem ersten Klang dieser ungewöhnlichen Laute den Kopf in seine beiden Hände sinken ließ und unter der Wucht eines gewaltigen Schmerzes zu erliegen schien. Dieser Zustand der Verzweiflung hielt indessen nur einen Augenblick an.

Der Squatter hob den Kopf wieder und antwortete dem Klageton des geheimnisvollen Vogels in gleicher trauriger Weise. Darauf lauschte er mit einer angstvollen Spannung, als wenn Tod oder Leben von der Erwiderung dieser Laute abhingen.

»Es ist das Familienzeichen«, sagte der Jäger leise zu mir. »Der Squatter wird die Stimme seines Sohnes erkannt haben.«

Eine Wiederholung dieses Tones, so schwach wie das leise Wehen eines Luftzuges in der Tiefe der Ebene bestätigte die Vermutung des Kanadiers.

»Er ist es, es ist Terry!«, schrie der Squatter und stürzte in Richtung dieses klagenden Tones.

Nach wenigen Augenblicken fanden wir den unglücklichen jungen Mann. Der väterliche Fluch schien zu frühzeitig seine traurigen Früchte hervorgebracht zu haben.

Terry lag getroffen, unbeweglich, erstarrt auf dem steinigen Boden. Townships Kraft war gebrochen. Der rohe Amerikaner warf sich, vom Vatergefühl überwältigt, über den Körper seines Sohnes, dessen bleiches Gesicht von den Strahlen des Mondes matt beleuchtet wurde. Township, von den schmerzlichsten Gefühlen gepeinigt, starrte sprachlos in das regungslose Antlitz seines Erstgeborenen und lauschte atemlos auf ein aufflackerndes Lebenszeichen. Terry schlug noch einmal die Augen auf. Hastig fragte ihn der Squatter, um den Ursache seiner tödlichen Verletzung zu erfahren.

Nach einigen Minuten konnte der sterbende junge Mann seinem Vater mit leiser Stimme eine kurze Aufklärung geben, von welcher ich nur die Worte »die Nacht am Arkansas« vernehmen konnte. Dies war das letzte Lebenszeichen des jungen Menschen, denn einen Wimpernschlag später hielt Township eine Leiche in seinen Armen.

Der Squatter war nicht der Mann, der lange Zeit unnütze Tränen über ein Opfer vergießt, dessen Mörder er nun kannte. Beim Anblick des toten Körpers erwachte das Verlangen nach einer fürchterlichen Rache in ihm. Vor allem galt es, dass der Leichnam nicht in die Hände der Indianer fiel. Wir machten eine Bahre von unseren Gewehren, legten den Toten darüber und schlugen den Weg zum See ein.

Der unerschrockene Jäger, durch mehrere verdächtige Anzeichen besorgt gemacht, trennte sich trotz unserer Bitten von uns und versprach, bald wieder zu uns zu stoßen. Township, der Dichter und ich kehrten allein ins Lager zurück. Nach einem raschen und beschwerlichen Marsch kamen wir dort an. Die größte Verwirrung herrschte an den Ufern des Sees, alles war in furchtbarer Aufregung. Fackeln, welche überall angezündet waren, warfen ein unheimliches Licht auf die bestürzten Gestalten der Goldsucher. Nachdem wir nicht weit vom Zelt des Squatter Terrys Leichnam niedergelegt hatten, ließen wir Township, dessen Schmerz wir ehren zu müssen glaubten, seine Familie allein aufsuchen. Ein Blick auf unsere Wagen zeigte uns, dass bisher noch kein Angriff versucht worden war. Wir eilten daher beruhigt dem See zu, um uns unter die verschiedenen Gruppen zu mischen und uns über den Grund des nächtlichen Aufruhrs zu erkundigen. Die einen behaupteten, dass die Veranlassung zu diesem Lärm durch ein in den Bergen vernommenes Kleingewehrfeuer entstanden sei, während andere versicherten, dass mehrere seit dem Morgen abwesende Goldsucher Opfer eines durch Indianer unternommenen Überfalls geworden sind. Während wir uns bemühten, die aufgekommenen Gerüchte durch den wahren Tatbestand aufzuklären, entstand plötzlich eine neue ungewöhnliche Bewegung in dem Haufen.

Zwei Männer wurden von einer wild erregten Menge herbeigebracht und mit den heftigsten Verwünschungen von allen Seiten überschüttet. Ich erkannte den Alkaden und seinen unverschämten Begleiter wieder. Man klagte sie an, gemeinsame Sache mit den Räubern gemacht zu haben, welche einen Handstreich auf das Lager versucht hatten, aber in die Berge zurückgetrieben worden waren.

»Meine Herren«, jammerte der Alkade, »ist es nicht traurig genug, dass eine Gerichtsperson im Dienste eines Gauners sein muss, den er schon dreimal zum Tode verurteilt hat? Ich suche Gold auf dessen Rechnung, der mich bezahlt, und im Übrigen bin ich unschuldig.«

»Was habe ich verbrochen?«, rief der langhaarige Taugenichts. »Ich habe die Idee gehabt, mich der Dienste eines Alkaden zu bedienen. Das ist rechtens, das ist erlaubt. Ich verbürge mich für diesen Mann. Ich, ein dreimal zum Tode Verurteilter, bin gewiss nicht zu verachten, wie mir scheint.«

Der Gauner warf einen beschützenden Blick auf den Alkaden. Aber trotz ihrer erdichteten Ausreden hätten die beiden Unglücklichen der rächenden Hand der einmal misstrauischen Goldsucher nicht entrinnen können, wenn nicht ein dritter Gefangener die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Furchtlos kehrte von seiner Exkursion zurück und brachte den mexikanischen Vaquero, den er mit Stricken an sein Pferd gebunden hatte, mit sich. Der Alkade und sein würdiger Genosse benutzten diese plötzliche neue Situation und flohen mit einer staunenswerten Behändigkeit, welche allen Mexikanern angeboren ist.

Der Jäger ritt auf mich zu. »Ich bringe hier«, rief er, »einen Menschen, für den es gut sein wird, wenn er unserem Freund Township gegenübersteht. Es ist ein alter Bekannter von uns aus jener Nacht am Arkansas.«

Der Vaqueros machte einen Versuch, sich loszureißen.

»Ruhig!«, schrie der Kanadier ihm zu und riss den Mantel ab, welche die Figur des Gefangenen bedeckte, der von Blut und Staub befleckt fast nicht wiederzuerkennen war.

»Caramba!«, fluchte der Bandit mit matter Stimme. »Seit meiner Fahrt auf dem Arkansas bin ich niemals so fest gebunden worden.«

»Ihr werdet nie wieder tapfere Leute irreführen. Und ihre Signale nachahmen«, entgegnete ihm der Jäger, »und niemals wieder den goldhaltigen Boden Kaliforniens durchwühlen können. Ihr seid am Ende Eurer Sünden, Ihr schändlicher Goldsucher.«

»Goldsucher!«, rief der Mexikaners stolz. »Wofür haltet Ihr mich? Für einen elenden Gambusino? Ich durchwühle den Sand nicht. Anstatt den goldhaltigen abzubauen, beute ich lieber die Goldsucher selbst aus, und das ist ein besseres Geschäft.«

Der Kanadier antwortete auf diese Verhöhnung nicht, sondern gab seinem Pferd die Sporen. Ich folgte ihm und seinem Gefangenen zu Townships Zelt. Der alte Kanadier erzählte mir auf dem Weg, dass er den Mexikaner nicht allein, sondern mit drei anderen Banditen angetroffen habe, die aber vor seiner Büchse die Flucht ergriffen hätten, während er den Mexikaner festhielt.

»Seid Ihr neugierig, das Lynchgesetz einmal anwenden zu sehen?«

»Was meint Ihr damit?«, fragte ich bestürzt. »Glaubt Ihr, dass der Squatter …«

»Der Squatter ist im Recht«, erwiderte Furchtlos, »der Mann, den ich ihm bringe, ist der Mörder seines Sohnes. Township wird Recht sprechen und vollführen … Ihr versteht mich?«

Ich verstand den Kanadier, gelobte mir aber, der fürchterlichen Szene nicht beizuwohnen, welche sich zwischen Township und dem Mörder seines Sohnes ereignen musste. An der Wohnung des Squatters angelangt, trennte ich mich von dem Jäger und ging mich in mein Zelt. Erschöpft von den vielfachen Aufregungen und Strapazen der Nacht, warf ich mich auf mein Lager, um im Traum den finsteren Bildern zu entfliehen, in welchen Gier, Rohheit, Frechheit, Sittenlosigkeit und Betrügerei, die Laster der Zivilisation mit denen des Barbarismus zu einem furchtbaren Kontrast sich vereinigten. Der Schlaf hatte sich noch nicht auf meine Augen gelegt, als ich einen Entsetzensschrei von allen Echos des Tales und der Berge schmerzlich widerhallen hörte. Ich erfuhr von Furchtlos und dem Romandichter, welche einige Zeit darauf bei mir eintraten, dass man den Vaquero unter den Augen des unbeugsamen und unversöhnlichen Squatter in die Fluten des Sees gestürzt hatte. Die Lynchjustiz war vollstreckt. Am nächsten Morgen war ich vor Entsetzen und Unruhe fieberhaft aufgeregt und musste das Zelt hüten. Furchtlos allein verstand und begriff meinen Widerwillen gegen dieses Leben. Der Romandichter hatte noch nicht alles Vertrauen auf seinen Glücksstern verloren, wie ich, und würde es für eine Torheit gehalten haben, ein Land so rasch zu verlassen, das ihn zum Millionär machen konnte. Township von tiefer Trauer überwältigt, dachte nicht mehr daran, einen Boden zu verlassen, in dem sein unglücklicher Sohn begraben lag. Ich nahm Abschied von seiner Familie, an deren Geschick ich früher meine ganze Zukunft zu knüpfen entschlossen war. Ich schied von dem mutigen Franzosen, der in diesem traurigen Tal Kaliforniens dieselbe Sorglosigkeit und Heiterkeit sich bewahrte, welche er an den grünen Ufern des Ohio bereits zur Schau getragen hatte. Wenige Stunden darauf marschierte ich mit Furchtlos zu den Ebenen des Sacramento und einige Tage später schiffte ich mich in San Francisco nach New York ein. An den Ufern des Hudson traf ich eine arme Familie aus dem Elsass, welche nach Amerika ausgewandert war, um ihre ausdauernde und geschickte Tätigkeit den Diensten eines Land- und Waldbesitzers anzubieten. Als ich mit dieser kleinen, aber intelligenten und arbeitsamen Kolonie in Red Maple wieder angelangt war, vertauschte ich ohne Zögern das Leben eines Farmers mit dem des Goldsuchers. Nun liebe ich bereits diese Art von Tätigkeit, welche zwar ihre großen Beschwerden aber auch ihre nutzbringenden Seiten hat. Den Kampf mit einer wilden Natur, die Urbarmachung eines rauen, wüsten Bodens unter beständigen und schweren Mühen werden lange Zeit noch die Auswanderer aller Länder ins gemeinschaftliche Arbeiten gegen die Urwälder der neuen Welt zu führen haben.

Der kanadische Jäger widerstand allen meinen Bitten, um ihn an meine Besitzung zu fesseln, denn er konnte sich nicht von seinen langen Wanderungen, seinen gefahrvollen Jagden und seinen end- und ziellosen Zügen durch die Prärien trennen.

Der Romandichter schrieb mir, dass er durch Auffinden einer starken Goldader ein reicher Mann geworden sei und in sein Vaterland zurückzureisen gedenke. Dieser Entschluss setzte mich in Erstaunen und betrübte mich auch. Ich verlor an ihm einen Freund, der mir durch seinen energischen Charakter und unbesiegbaren Humor lieb geworden war. Ich fürchte, dass er unter Frankreichs kläglichen und drückenden Verhältnissen es oft, aber zu spät bereuen wird, dem freien Amerika den Rücken gekehrt und das ruhige und sichere Leben eines ländlichen Grundbesitzers mit dem untätigen eines Kapitalisten vertauscht zu haben. Township hatte es aufgegeben, wie mir mein Nachbar, der Farmer, mitteilte, den Sandboden Kaliforniens aufzuwühlen und sich einige Ländereien in Virginia gekauft hatte, um sie zu bebauen, da diese in seinen Augen den unvergleichlichsten Vorzug seines Geburtslandes bildeten. Der Tag ist vielleicht nicht fern, an welchem für ihn der zweite Teil in dem Leben der Squatter beginnen wird, wo er als begüterter Eigentümer den ruhigen Besitz seiner rechtmäßigen Besitzung, die Beständigkeit seines Herdes und die Zufriedenheit seiner Familie dem Wechsel eines abenteuerlichen Lebens und ungesetzmäßiger Übergriffe verziehen wird.

Ende


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