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Dark Empire

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Die schöne Laylie

Die schöne Laylie

 

I

 

In einem Dorf im Lande Barbon, das den Namen Kellia trug, lebte einst der junge Moris, der gerade zweiundzwanzig Jahre alt war, zusammen mit seiner Mutter Sala. Eines Tages saßen die beiden im Garten ihres kleinen Häuschens, welches Salas Mann, der vor Jahren an einer schlimmen Krankheit gestorben war, in jungen Jahren für seine Familie erbaut hatte. Sie sprachen über das Land und seinen Herrscher.

»Niemand in diesem Land weiß, wie der König aussieht«, sagte Sala zu Moris. »Aber er muss schon ein alter Mann sein, denn es ist bekannt, dass er schon sehr lange regiert. Seine Vorgänger und die Vorgänger seines Vorgängers hat auch niemand, der es hätte berichten können, jemals als König dieses Landes zu Gesicht bekommen. Seit ich lebe und denken kann, war noch nie ein König dieses Landes beim Volk bekannt. Um diesen Umstand ranken sich schon seit einiger Zeit eine Reihe von Legenden, doch so richtig weiß wohl niemand, was es damit tatsächlich auf sich hat. Nur so viel ist sicher: Es muss einen Grund für alle Könige des Landes geben, aus welchem sie trauern, denn kein Lebender hat je eine andere Fahne über dem Königsschloss wehen sehen, als die Trauerfahne, sieben goldene Lilien auf schwarzem Grund. Es heißt, wenn diese einst der Fahne des Lebens weicht, dann werden die Untertanen ihren König kennenlernen.«

Moris hatte seiner Mutter aufmerksam zugehört und dachte abends, als er schon im Bett lag, noch sehr lange über ihre Worte nach. Dann schlief er endlich ein.

 

II

 

Zwei Wochen später war Moris zum Nachbardorf von Kellia unterwegs, wo er einige Kartoffeln und ein wenig Fleisch auf dem Wochenmarkt einkaufen wollte. Kurz vor dem Dorf, das Busia hieß, traf er auf einen sehr alten, fein gekleideten Mann, der auf seinen Stock gestützt des Weges kam. Kurz bevor Moris den Mann erreicht hatte, brach dieser plötzlich zusammen und röchelte schwer. Moris lief eilig zu ihm hin, um ihm zu helfen. Aber es war schon zu spät. Als er den Kopf des Mannes im Arm hielt, hauchte dieser sein Leben aus. Kurz vor seinem Tod zog der Alte einen Siegelring vom Ringfinger seiner rechten Hand und übergab ihn Moris. Dann raunte er ihm noch zu, er solle sich mit diesem Ring am Finger im Dorf in die Kutsche setzen, die zur nahen Stadt fahre. Kaum hatte er Moris dies zugeflüstert, da tat er seinen letzten Atemzug und verschied.

Moris brachte den Leichnam des alten Mannes zum Dorfe Busia. Von einigen Talern, die der Alte in der Tasche hatte, bezahlte er seine Beerdigung, die bereits am nächsten Tag stattfand. Moris war der einzige Mensch, der der Beisetzung beiwohnte. Anschließend ging er zum Büro, das die Karten für die Postkutsche verkaufte, die in die nahe Provinzstadt fuhr. Am Nachmittag sollte die nächste Fahrt stattfinden. Bis zur Abfahrt aß Moris noch eine Kleinigkeit im Gasthof, wo er auch übernachtet hatte. Schließlich kam die Postkutsche an, um gleich weiterzufahren. Moris stieg eilig ein, und der Kutscher zeigte den Pferden die Peitsche.

 

III

 

Während der ruhigen Fahrt über das Land wurde Moris müde. Endlich schlief er ein. Nichts störte seinen Schlaf, bis er plötzlich durch den lauten Jubel vieler Menschen unsanft geweckt wurde. Als er aber die Augen öffnete, war er völlig verwirrt. Nur eine kleine Laterne, die in der Mitte der Kutsche am Dach befestigt war, brachte ein wenig Licht in das Kutscheninnere, denn die Fenster waren plötzlich mit schweren Vorhängen verhangen. Außerdem befanden sich jetzt an der Stelle der Holzbänke, auf welchen er noch bei der Abfahrt gesessen hatte, samtweiche, blau gepolsterte Bänke, deren Bezüge mit goldenen Tigerköpfen bestickt waren. Auch die Stimme des Kutschers, der auf dem Bock die Pferde anspornte, war eine ganz andere als die, die er bei der Abfahrt aus Busia gehört hatte.

Die Jubelrufe draußen wurden immer lauter, und Moris konnte hören, dass die Leute »Gott sei mit Euch, Majestät!« oder »Vivat, Herr König!« riefen. Vorsichtig schaute er, ohne dass man ihn von draußen erkennen konnte, durch die Vorhänge hinaus, und dort konnte er sehen, dass die Fahrt gerade durch große, prunkvolle Straßen an jubelnden Menschenmassen vorbei einen Hügel hinaufführte. Dies war nicht die nahe bei seinem Dorf gelegene Provinzstadt Jarvis, die er kannte, sondern es musste sich um eine viel größere, wichtigere Stadt handeln, vielleicht um die Hauptstadt des Landes.

Moris schloss den Vorhang wieder. Er wusste gar nicht, was er nun tun sollte. Was nur war mit ihm geschehen? Während er noch darüber nachdachte, endeten die Jubelrufe, und der Wagen fuhr einen kurzen Moment lang durch die Stille. Dann hielt er an. Plötzlich wurde die eine Tür von außen geöffnet. Draußen stand ein alter Butler, der ihm die Tür aufhielt und sich tief vor ihm verbeugte. Auch der Kutscher, der vom Bock herabgestiegen war, verbeugte sich vor Moris und zog den Hut vor ihm. Er war ein ganz anderer als der, der die Kutsche bei der Abfahrt in Busia gelenkt hatte. Auch die Pferde und die Kutsche waren anders, als bei der Abfahrt. Die Pferde waren nun edle Schimmel statt alter Zugpferde, und die Kutsche war wesentlich nobler ausgestattet und hatte an beiden Seiten eine goldene Krone an der Tür. Der Ort, an welchem sich Moris nun befand, war der Hof eines großen Schlosses, über welchem eine schwarze Flagge mit sieben goldenen Lilien flatterte.

»Kommt, Herr!«, sagte schließlich der Butler und ging voran ins Innere des Schlosses.

 

IV

 

»Nur herein, junger Herr!«, sagte der alte, freundlich aussehende Mann, zu welchem der Butler Moris geführt hatte.

Er wartete vor der Tür zu einem Zimmer, das mit vielen Bücherregalen, mehreren bequemen Sesseln, zwei Kirschholztischchen und einem Kamin ausgestattet war. Moris folgte dem Alten und nahm auf dessen Wunsch in einem der beiden Sessel Platz, die sich vor dem Kamin gegenüberstanden. Nachdem der Alte sich auf den anderen Sessel gesetzt hatte, fragte Moris: »Wer seid Ihr, warum bin ich hier, und was ist mit mir geschehen?«

»So viele Fragen auf einmal!«, sagte der alte Mann lächelnd. »Um sie alle zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen. Also hört zu!« Der alte Mann, der vor dem Dorf Busia in Euren Armen starb, war der König von Barbon. Dadurch, dass Ihr Euch seinen Siegelring an den Finger gesteckt habt, seid Ihr zum neuen König des Landes geworden. So aber ist es Euch von nun an bestimmt, keinem Bewohner Eures Landes außer dem alten Butler Vos, der Euch zu mir geführt hat, dem Kutscher Euras, der Euch hergefahren hat und mir – ich bin, solange ich lebe, der erste Minister am Königshof – als König unter die Augen zu treten. Ihr könnt natürlich unerkannt im Land herumreisen und mit den Leuten verkehren, aber Ihr dürft niemanden wissen lassen, dass Ihr der neue König seid!«

»Welche Konsequenz hätte es denn, wenn ich es doch täte?«, fragte Moris.

»Ihr müsstet auf der Stelle sterben, es sei denn, Ihr hättet zuvor die schöne Laylie geheiratet und von dieser einen Sohn«, entgegnete der Minister.

»Wer ist die schöne Laylie, und warum muss ich sie unbedingt heiraten?«, fragte Moris. »Ist es denn einem Mann nicht selbst überlassen, wen er liebt und heiraten will?«

»Leider nicht!«, gab der Minister zur Antwort. »Und dies hat folgende Gründe: Laylie ist vor fünfhundert Jahren spurlos verschwunden. Der damalige König hatte sie geliebt und wollte außer ihr keine andere Frau haben. Er hat die Trauerflagge am Schloss hissen und sich selber fortan von niemandem mehr sehen lassen. Da er keine Kinder hatte, hat er durch den Zauberring, den Ihr nun erhalten habt, seinen Nachfolger bestimmt, der solange unerkannt leben musste, bis er von der schönen Laylie einen Sohn hatte. Zuvor aber ließ der alte König ein Standbild von Laylie anfertigen, das seitdem im Schlosspark steht. Jeder neue König, der mit der Übergabe des Rings von seinem Vorgänger bestimmt wurde, wurde seither von Laylies Standbild so in den Bann gezogen, dass er nicht mehr von ihr lassen konnte. Keiner aber ist bisher dazu in der Lage gewesen, Laylie aufzufinden – der Legende nach lebt sie noch und wird solange leben, bis ein junger König mit ihr alt geworden ist – und sie zu heiraten. Man sagt, dass der König, der in die geheime Schrift der Mönche von Tablus entziffert, Laylie finden, sie heiraten und einen Sohn von ihr bekommen wird. So junger Herr! Nun will ich Euch erst einmal verlassen und den alten Vos anweisen, Euch ein gutes Abendessen zu richten.«

Mit diesen Worten verließ der alte Minister den jungen König, und dieser dachte erst einmal gründlich über die Geschichte nach, die er gerade gehört hatte.

 

V

 

Nachdem Moris in der folgenden Nacht nur sehr unruhig geschlafen hatte, suchte er am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück das Standbild der schönen Laylie im Schlosspark auf. Kaum aber hatte er die Statue der Schönen zu Gesicht bekommen, da verliebte er sich – wie alle seine Vorgänger – sofort unsterblich in sie. Auf der Stelle ließ er sein Pferd satteln, einen edlen Renner, der schon seinem Vorgänger viel Freude bereitet hatte. Dann ließ er sich vom ersten Minister den Weg zum Kloster von Tablus beschreiben, stieg auf und ritt durch ein Nebentor in der Schlossmauer davon.

Zwei Tage musste der neue König durch das Land reiten. Dann hatte er das Kloster von Tablus erreicht. Er übergab einem Mönch, der für die Stallungen zuständig war, sein Pferd und ließ sich danach zum Abt führen. Nachdem er dem Abt gesagt hatte, er komme als Stellvertreter des neuen Königs, der sich in die schöne Laylie verliebt habe, und wolle gern für diesen die geheime Schrift des Klosters einsehen, ging der Abt zum Schrank, der hinter seinem Sessel an der Wand stand, holte die Geheimschrift hervor und übergab sie ihm.

»Es handelt sich um ein Gewirr von Zahlen«, fügte der Abt erklärend hinzu. »Niemand konnte bisher etwas damit anfangen!«

»Ich will es trotzdem einmal versuchen!«, sagte Moris und betrachtete das fünfhundert Jahre alte Pergament, das ihm der Abt in die Hand gegeben hatte.

Auf dem Pergament befanden sich folgende Zahlenreihen:

 

196,81,169,169. 529,25,81,64,529,1,361,361,25,324. 1,441,361. 16,25,324.

121,144,225,361,400,25,324,121,81,324,9,64,25. 441,169,16. 36,441,25,144,144,25.

16,81,25,361,25,361. 81,169. 16,25,196. 529,1,361,361,25,324,196,1,256,36.

16,25,196. 16,81,25. 361,400,1,400,441,25. 16,25,324. 361,9,64,225,25,196,25,196.

144,1,625,144,81,25. 81,169. 361,9,64,144,225,361,361,256,1,324,121. 81,196.

16,25,324. 64,1,196,16. 64,1,25,144,400.

 

»Das ist schwer!«, sagte Moris nachdenklich und zog sich mitsamt dem Pergament in den Hof des Klosters zurück, wo er sich auf eine Bank setzte.

Stunden später aber hatte er die Lösung gefunden. Die Zahlen standen für die Buchstaben des Alphabets, die von vorn nach hinten durchnummeriert waren. Anschließend hatte man jede Zahl mit sich selbst multipliziert. So ergab sich der folgende Text:

 

»Nimm Weihwasser aus der Klosterkirche und fülle dieses in den Wassernapf, den die Statue der schönen Laylie im Schlosspark in der Hand hält!«

Eilig lief Moris zum Abt zurück, und bat diesen um ein Fläschchen des Weihwassers aus der Klosterkirche. Der Abt fand seine Bitte zwar etwas sonderbar, gab ihm aber, worum er gebeten hatte. Als Moris das Wasser bekommen hatte, bedankte er sich, verabschiedete sich von seinem Gastgeber, stieg auf sein Pferd und ritt eilig in Richtung Hauptstadt davon.

 

VI

 

Als der junge König wieder im Schloss angekommen war, übergab er sein Pferd dem Kutscher Euras und lief mit der Flasche voller Weihwasser zum Standbild der schönen Laylie.

Dort angekommen goss er das Wasser in die Schale, die die Schöne aus Stein in ihren Händen hielt.

Zunächst geschah nichts. Dann aber kam ein kleiner Spatz herangeflogen, trank von dem geweihten Wasser, setzte sich auf den Kopf des Standbildes und pickte mit seinem Schnabel darauf. Da aber verwandelte sich der steinerne Kopf in einen lebendigen Kopf. Dieser schaute den neuen König an und sprach: »Lieber Moris, fülle im nächsten Jahr am selben Tag wieder Weihwasser der Mönche von Tablus in meine Wasserschale und warte ab, was geschieht!«

Als er dies gesagt hatte, erstarrte der Kopf der Statue wieder zu Stein.

Moris wartete voller Ungeduld ein ganzes Jahr und tat dann, was der Kopf der Laylie verlangt hatte. Wieder kam nach einer Weile ein Spatz herangeflattert und trank von dem Weihwasser, das Moris in die Schale der Statue gefüllt hatte. Dann setzte er sich auf die Schulter der steinernen Schönen und pickte darauf mit seinem Schnabel. Da wurden der Kopf und der ganze Oberkörper Laylies samt Armen und Händen menschlich. Wieder sprach sie zu ihm, er solle ein Jahr später am selben Tag Weihwasser aus Tablus in ihren Wassernapf geben. Danach erstarrte alles Menschliche der Figur wieder zu Stein.

Ein Jahr später am selben Tag tat der junge König erneut, was Laylie verlangt hatte. Wieder kam ein Spatz und trank vom Weihwasser aus Tablus. Dann setzte er sich auf dem rechten Fuß der Statue nieder und pickte darauf mit seinem Schnabel.

Da aber wurde die ganze Laylie lebendig, stieg von ihrem Sockel herab, küsste Moris und sagte: »Du hast mich erlöst, und deshalb will ich auf der Stelle deine Frau werden!«

Zwei Wochen später heirateten die beiden. Laylie aber wurde schwanger und gebar einen Jungen. Nun konnte der neue König mit seiner Frau und seinem Sohn wieder als König in der Öffentlichkeit leben, was er auch gerne tat. Die Trauerfahne über dem Schloss aber wurde durch eine blaue Fahne mit einem Tigerkopf ersetzt, die eigentliche Fahne des Königshauses, und sie wehte in den nächsten fünfhundert Jahren der Herrschaft des Geschlechtes des Moris über dem Königsschloss.

(hb)

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