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Die Hexen von Lancashire Band 1 – Erstes Buch – Kapitel 1

Die Hexen von Lancashire
Erster Band
Ein Roman aus dem Pendle-Wald von William Harrison Ainsworth
Leipzig, 1849

Erstes Buch
Alizon Device
Erstes Kapitel
Die Maikönigin

An einem ersten Maitage in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts und noch dazu an einem höchst lieblichen Maitage, der bewunderungswürdig geeignet war, den freundlichsten Monat des Jahres einzuführen und ausdrücklich für diese Gelegenheit geschaffen zu sein schien, ward ein Volksfest in Whalley gehalten, welches alle umwohnenden Landleute besuchten, so wie auch viele von den Edelleuten und Gutsbesitzern, denn in der guten alten Zeit, als England noch das lustige England war, hatte ein Volksfest gleiche Anziehungskraft für alle Klassen und ganz besonders in Lancashire, denn mit Stolz sage ich es, es gab nirgends junge Bursche, die im Laufen, Turnen, Ringen, Tanzen oder in irgend einer andern männlichen Leibesübung mit den jungen Burschen von Lancashire hätten verglichen werden können. Im Bogenschießen vor allem konnte Niemand es ihnen gleichtun; denn waren nicht ihre Vorfahren die tapferen Schützen und Fechter, deren lange Pfeile und scharfe Waffen die Schlacht bei Flodden gewannen? Und waren sie nicht die echten Söhne ihrer Väter? Und dann, ich sage dies mit noch größerem Stolze, gab es wenig, ja wohl gar keine Jungfrauen, die sich an Schönheit mit den rosenwangigen, dunkelhaarigen, glanzäugigen Mädchen von Lancashire hätten messen können.

Versammlungen dieser Art, wo die besten Exemplare beider Geschlechter anzutreffen waren, mussten notwendiger Weise stark besucht sein, und ungeachtet eines unter der vorigen Regierung der Königin Elisabeth erlassenen Befehls, durch welchen Pfeifen, Spielen, Bärhatzen und Stiergefechte an Sabbattagen oder an allen andern Tagen, so wie auch abergläubisches Läuten von Glocken und Kirchweih- und andere Feste verboten waren, würden letztere doch von den höheren Ständen nicht bloß geduldet, sondern auch ermutigt. Denn man wusste sehr wohl, dass der regierende König Jakob der Erste sich auf eine andere Seite neigte und mit dem Wunsche, den wachsenden Geist des Puritanismus im ganzen Königreiche zu hemmen, sich offen zu Gunsten einer ehrbaren Belustigung nach dem Abendgebet und an Feiertagen ausgesprochen und überdies erklärt hatte, dass die Munterkeit seiner guten Untertanen in Lancashire ihm wohl gefiele und dass er sie wegen dieser erlaubten Leibesübungen nicht bestrafen, sondern vielmehr binnen Kurzem auf einer seiner Reisen ihnen einen Besuch abstatten, selbst urteilen und wenn er alles so fände, wie sie es ihm vorgestellt, ihnen noch fernere Freiheiten gestatten wolle. Mittlerweile entfernte dieser Ausdruck der königlichen Meinung allen Zwang und alte Spiele und Kurzweil, Maispiele, Pfingstbiere und maurische Tänze nebst Binsentragen, Glockenläuten, Kirmessen und Schmäusen waren eben so sehr an der Tagesordnung, als vor dem Erlassen des anstößigen Befehls der Königin Elisabeth. Die Puritaner und Rigoristen störten sie allerdings so viel als je und würden sie, als nach Papisterei und Götzendienst schmeckend, ganz unterdrückt haben, wenn sie gekonnt hätten, und einige zelotische Priester donnerten dagegen von der Kanzel; da aber der König und die Behörden auf seiner Seite standen, so machte sich das Volk aus diesen Strafpredigten nicht viel und stellte ehrbare Ergötzlichkeiten an, so oft ein Feiertag einfiel.

Wenn Lancashire seiner Volksfeste wegen berühmt war, so waren dagegen die Volksfeste in Whalley, selbst in Lancashire berühmt. Die Bewohner dieses Bezirks waren größtenteils ein kühner schöner Menschenschlag, von dem echt sächsischem Stamm, leidenschaftlich für alle Arten von Kurzweil eingenommen und die Frauen besaßen ihren vollen Antheil an der auf diesem Boden heimischen Schönheit. Überdies war es eine abgeschlossene Gegend, im Herzen eines wildromantischen Gebirges und obschon sie dann und wann von nach dem Norden wandernden oder andern Reisenden besucht ward, die von der entgegengesetzten Richtung herkamen, so bewahrte sie doch die ursprüngliche Einfachheit der Sitten und eine große Vorliebe für alte Gewohnheiten und Gebräuche.

Die natürliche Schönheit der Gegend im Gegensatz mit der ringsum liegenden Einöde und erhöht durch die malerischen Ruinen der Abtei, von welcher ein Theil, nämlich die alte Wohnung des Abtes, von den Asshetons in einen Wohnsitz umgewandelt worden und jetzt im Besitz von Sir Ralph Assheton war, während das Übrige dem Zahne der Zeit überlassen blieb, machte sie immer zu einem Anziehungspunkte für die in der Nähe Wohnenden; aber da an dem fraglichen Maitage nicht bloß ein kirchliches Volksfest sein, sondern auch ein Maibaum auf dem Anger errichtet und maurische Tänze aufgeführt und ein Pfingstbier in der Abtei gegeben werden sollte, da strömten ganze Haufen von Wiswall, Cold, Coates und Clithero, von Ribchester und Blackburn, von Padiham und Pendle und selbst aus entfernter liegenden Orten nach Whalley. Nicht bloß John Lawe’s Gasthaus zum Drachen war voll, sondern auch das Schachbrett und auch der Schwan und die Bierschenke an der Straße obendrein. Sir Ralph Assheton hatte einige Gäste in der Abtei und noch andere wurden im Laufe des Tages erwartet, während Doktor Ormerod im Pfarrhause ebenfalls Freunde bei sich hatte.

Bald nach Mitternacht am Morgen des festlichen Tages waren junge Leute beiderlei Geschlechts aus dem Dorfe aufgestanden und hatten sich bei Hörnerklang in den benachbarten Wald begeben und dort einen ungeheuren Vorrath von grünen Ästen und blühenden Zweigen des süßduftenden Hagedorns, wilde Rosen und Geißblatt mit ganzen Körben voll Veilchen, Schlüsselblümchen, Eisenhut und andern wilden Blumen gesammelt, und nachdem sie in derselben Ordnung, wie sie gegangen, zurückgekehrt, bauten sie aus den Zweigen grüne Lauben auf dem Kirchhofe oder auch um den Maibaum herum, der auf dem Anger stand und schmückten sie dann mit Blumenkränzen und Gewinden. Diese dem frühen Morgen vorbehaltene Feierlichkeit sollte eigentlich ausgeführt werden ohne die Füße nass zu machen, aber obschon man sich in dieser Hinsicht viel Mühe gab, so vermochten doch nur Wenige diese schwierige Aufgabe zu lösen, mit Ausnahme der Mädchen, die von ihren stämmigen Liebhabern über das tauige Gras getragen wurden. Den Tag zuvor waren die Binsen gesammelt und der Binsenwagen von Denen, die in solchen Dingen Gewandtheit und Erfahrung besaßen (und es gehörte dazu wirklich Geschick und Geschmack, wie man später sehen wird, wenn der Wagen selbst erscheint) gebaut, geputzt und geschmückt worden, während Andere zur Verschönung desselben aus der Abtei und anderwärts silberne Kannen, Trinkbecher, große und kleine Löffel, Uhren, Ketten und Armbänder entlehnt hatten, um den Anblick glänzend und eindrucksvoll zu machen.

Der Tag ward durch lustigen Glockenschall vom Turme der alten Gemeindekirche eingeläutet und die Glöckner machten allerhand spaßhafte Veränderungen während des Morgens und feuerten manche weithallende Salve ab. Das ganze Dorf war beizeiten auf den Beinen und da man damals in einer Zeit lebte, wo man sich zeitig schlafen legte und da das Frühaufstehen ein berühmtes Reizmittel für den Appetit ist, besonders wenn es von Leibesbewegung begleitet wird, so saßen schon eine Stunde vor Mittag die Landbewohner alle miteinander beim Essen – die Fremden wurden von ihren Freunden bewirtet und wenn sie keine Freunde hatten, warfen sie sich der allgemeinen Gastfreundschaft in die Arme. Die Bierhäuser wurden zum Zechen in einer späteren Stunde aufgespart, denn es war damals bei Edelmann und Bauer, bei Männern so gut als bei Frauen, wie später ausführlich gezeigt werden wird, gebräuchlich, die Mahlzeit daheim einzunehmen und später sich in öffentliche Wirtshäuser zu begeben, um Wein oder andere Flüssigkeiten zu genießen. Hier wurden natürlich besondere Zimmer für die höheren Stände vorbehalten, aber es traf sich auch nicht selten, dass der Gutsherr und seine Freunde ihre Flasche mit den andern Gästen tranken. So war die unabänderliche Sitte in den nördlichen Grafschaften unter der Regierung Jakobs des Ersten.

Bald nach Mittag und als die Glocken wieder lustig zu läuten begannen (denn selbst Glöckner müssen sich stärken und erholen) waren an einem kleinen Hause an der äußersten Grenze des Dorfes und dicht am Calder, dessen Wellen den sauber gehaltenen zu diesem Hause gehörenden Garten bespülten, zwei junge Mädchen mit Ankleidung einer dritten beschäftigt, welche die Jungfrau Mariane oder die Maikönigin bei dem stattfindenden Aufzug vorstellen sollte. Und gewiss nach dem obersten und verjährten Rechte der Schönheit verdiente Keine die ihr verliehene hohe Auszeichnung und Benennung mehr als dieses schöne Mädchen.

Eine lieblichere Jungfrau, wie hoch sie auch dem Range nach über diesem Landmädchen gestanden hätte, war im ganzen Lande unmöglich zu finden, und obschon die wohlstehende fantastische Tracht, in die sie gekleidet war, ihre natürlichen Reize nicht erhöhen konnte, so ließ sie dieselben doch sicherlich vorteilhaft hervortreten. Auf ihrer glatten, schönen Stirn saß eine goldene Krone, während ihr dunkles üppiges Haar hinten mit einem goldgestickten und mit gelben, weißen und scharlachenen Bändern gebundenen Netz bedeckt, aber sonst ganz fessellos, fast bis auf den Boden herabfloss. Schlank und zart, besaß ihre Gestalt das richtige Verhältnis und Ebenmaß, um jeder Bewegung und Gebärde einen unbeschreiblichen Reiz zu verleihen. Die feinste Hofdame hätte sie um ihre schönen spitzen Finger beneiden und glauben mögen, sie könne dieselben durch Schutz vor der Sonne verbessern oder durch Schminken und Salben schneeweiß machen, aber dies war zweifelhaft; sicherlich konnte nichts den kleinen Fuß und schöngedrechselten Knöchel verbessern, der in dem roten Strumpf und netten kleinen gelben, mit Gold befransten Schuh so schön hervortrat. Ein Mieder von Scharlachtuch, kreuzweise mit gelben Tressen herausgeputzt, schloss ihre zarte Taille ein. Ihr Kleid war von fleischfarbener Seide mit weiten Ärmeln und das mit goldenen Fransen besetzte Hemd reichte bloß bis ein wenig unter das Knie herab, gleich dem Gewand eines schweizerischen Bauern der Neuzeit, um das ausgesuchte Ebenmaß ihrer Glieder sichtbar zu machen. Über diesem allem trug sie einen Überrock von himmelblauer Seide, weiß gefüttert und mit Gold besetzt. In ihrer linken Hand hielt sie eine rote Nelke als ein Sinnbild der Jahreszeit. So bezaubernd war ihr ganzes Erscheinen, so frisch der Ausdruck ihrer Schönheit, so fein der Hauch, der ihre lieblichen Wangen färbte, dass man sie für eine Verkörperung des Monats Mai selbst hätte halten können. Sie stand in der Tat im Mai des Lebens – am Zusammenfluss des Frühlings und des Sommers der Weiblichkeit und die zarten blauen Augen, hell und klar wie Diamanten vom reinsten Wasser, die sanften regelmäßigen Züge und der heitere Mund, dessen dunkelrote geteilte Lippen dann und wann zwei Reihen Perlen durchblicken ließen, vollendeten die Ähnlichkeit mit den Attributen des heiteren Monats.

Ihre Dienerinnen, beide einfache Jungfrauen und obschon nicht ohne alle Ansprüche auf Schönheit, doch in keinerlei Weise mit ihr zu vergleichen, waren in diesem Augenblicke beschäftigt, ihr die Bänder in das Haar zu knüpfen und den blauen Überwurf anzulegen.

Diese Vorgänge aufmerksam überwachend, saß auf einem in einer Ecke stehenden Schemel ein kleines Mädchen von neun oder zehn Jahren mit einem Korb voll Blumen auf dem Knie. Das Mädchen war sehr klein für ihr Alter und ihre Kleinheit wurde noch durch eine körperliche Verkrüppelung, die in einer eingebogenen Brust und gekrümmtem Rückgrat bestand, vermehrt, sodass ihr der Rücken über die Schultern emporragte; aber ihre Züge waren spitz und listig, ja fast boshaft und es lag ein eigentümlicher und unangenehmer Blick in ihren Augen, die nicht ganz gleichmäßig im Kopfe standen. Sie hatte im Ganzen genommen ein seltsames, altväterisches Aussehen und wegen ihrer gewöhnlichen bitteren und verletzenden Reden sowohl als wegen ihres rachsüchtigen Charakters, den sie, so jung sie auch noch war, bei mehr als einer Gelegenheit bewiesen, war sie bei Niemand sehr beliebt. Es war seltsam, jetzt den begierigen und neidischen Antheil zu beobachten, den sie an der Schmückung ihrer Schwester nahm – denn dies war das Verhältnis, in welchem sie zu der Maikönigin stand – und als der Überrock endlich angelegt und das letzte Band gebunden war, brach sie das Zeit her beobachtete mürrische Stillschweigen.

»Na, Schwester Alizon, Du machst eine hübsche Königin, das muss ich sagen«, bemerkte sie hämisch, »aber nach meiner Meinung würde Susy Worseley oder Nancy Holt hier hübscher ausgesehen haben.«

»Ei lieber gar«, versetzte eine von den beiden genannten Dirnen, »es gibt in ganz Lancashire kein Mädchen, die neben Alizon Device ein Licht halten könnte.«

»Schäm dich, du kleiner Neidhammel, Jennet«, rief Nancy Holt, »du bist auf deine schöne Schwester eifersüchtig?«

»Ich eifersüchtig«, rief Jennet errötend, »und warum sollte ich denn eifersüchtig sein, du unartiges Ding! Wenn ich älter bin, werde ich eine schönere Maikönigin machen als ihr alle zusammen, das sagen alle junge Bursche.«

»Ganz recht, das wirst du, Jennet«, sagte Alizon Device, indem sie durch einen sanften Blick das höhnische Gelächter zurückwies, in welches Nancy auszubrechen Lust zu haben schien. »Das wirst du, meine kleine hübsche Schwester«, setzte sie mit einem Kuss hinzu, »und ich will dich ebenso gut und eben so sorgfältig ankleiden wie Susan und Nancy so eben mich angekleidet haben.«

»Es kann sein, dass ich es nicht erlebe«, versetzte Jennet verdrießlich, »und wenn ich tot bin und auf dem kalten Kirchhof liege, wird es dir und allen Leid tun, dass ihr mich so geärgert habt.«

»Ich habe dich nie mit Absicht geärgert, meine gute Jennet«, sagte Alizon, »und ich weiß, dass diese beiden Mädchen sich herzlich lieben.«

»Ach ja, wir halten ihr ihre üble Laune zugute«, bemerkte Susan Worseley, »denn wir wissen, dass kranke und gebrechliche Leute nicht viel vertragen.«

»Aha, da haben wir’s!«, rief Jennet spitz. »Meine hohen Schultern und meine Kleinheit werden mir immer unter die Nase gerieben. Aber ich muss mit der Zeit auch groß werden und gerade – ja noch gerader, als du, Susy, mit deinem breiten Rücken und kurzen Hals – aber wenn es nicht so würde, was käme auch weiter darauf an, fürchten sollen sich die Leute doch vor mir – ja, fürchten sollt ihr euch vor mir beide.«

»Daran zweifle ich gar nicht, du kleiner nichtswürdiger Nickel«, murmelte Susan.

»Was sagst du da, Susy?«, rief Jennet, deren leises Ohr die Worte vernommen hatte. »Nimm dich in Acht, dass du mich nicht beleidigst«, setzte sie hinzu und schüttelte drohend die mit ungeheuer langen Nägeln bewaffneten Hände, »sonst will ich es meiner Großmutter Demdike sagen, dass sie dir das Maul stopft.«

Bei der Nennung dieses Namens entschwand die heitere Miene aus Susans Gesicht. Sie wechselte die Farbe und wendete sich fast sichtbar zitternd von dem Kind ab, welches die Wirkung seiner Drohung bemerkend, sein Frohlocken nicht verbergen konnte. Aber wieder mischte Alizon sich ein.

»Fürchte dich nicht, Susan«, sagte sie, »meine Großmutter wird dir nichts tun, das weiß ich gewiss, ja sie wird überhaupt niemand etwas tun, darum horche nicht auf das, was die kleine Jennet sagt, denn sie kennt nicht die Wirkung ihrer eigenen Worte, ebenso wenig, wie den Schaden, den du unserer Großmutter zufügen könntest, wenn du es wieder sagtest.«

»Ich will es gar nicht wieder sagen und auch nicht daran denken«, schluchzte Susan.

»Das ist gut, das ist freundlich von dir, Susan«, entgegnete Alizon, ihre Hand ergreifend. »Sei wieder gut, Jennet. Du siehst, du hast sie weinen gemacht.«

»Nun, das freut mich«, entgegnete das kleine Mädchen lachend, »sie mag immer weinen. Es kann ihr nichts schaden, wenn sie bessere Manieren lernt und mich nicht wieder beleidigt.«

»Ich habe dich nicht beleidigen wollen, Jennet«, schluchzte Susan, »aber du bist immer so übler Laune, dass dir niemand zu Dank reden kann.«

»Na, wenn du deinen Fehler gestehst, so bin ich zufrieden«, entgegnete das kleine Mädchen, »aber lass es dir eine Warnung sein und halte künftig deine Zunge im Zaum.«

»Das werde ich; ich verspreche es dir«, entgegnete Susan, indem sie sich die Augen trocknete.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und eine Frau trat aus einem inneren Gemach heraus, die einen hohen, kegelförmigen Hut auf dem Kopf trug, von welchem breite weiße Flügel über ihre Wangen herabfielen. Ihr Kleid war von dunkelrotem Zeug und ihre Schuhe hatten hohe Absätze. Sie ging ein wenig gebückt und stützte sich, da sie auch etwas lahm war, auf einen Stecken mit einer krückenförmigen Handhabe. Sie mochte etwa vierzig oder fünfzig Jahr alt sein, aber sie sah viel älter aus und ihre Züge waren wegen der gekrümmten Nase und des eben so gekrümmten Kinns durchaus nicht einnehmend, während der unheimliche Ausdruck derselben durch eine Bildung der Augen vermehrt ward, die der bei Jennet sichtbaren ähnlich war, nur dass dieselbe hier noch weit mehr hervortrat. Diese Frau war Elisabeth Device, Witwe von John Device, mit dessen Tod ein Geheimnis verknüpft war, welches wir später untersuchen werden, und Mutter von Alizon und Jennet, obschon niemand begreifen konnte, wie sie dazu kam, eine Tochter zu haben, die ihr in allen Dingen so unähnlich war, wie die erstere, aber es war so.

»Nun, hast du denn deinen Staat endlich angelegt, Alizon?«, fragte Elisabeth. »Dein Bruder Jem kam soeben gelaufen und meldete, dass der Binsenwagen sich in Bewegung gesetzt hat und dass Robin Hood und seine lustigen Gesellen kommen, um ihre Königin abzuholen.«

»Und die Königin ist bereit, sie zu empfangen«, entgegnete Alizon, indem sie sich nach der Tür bewegte.

»Na, lass dich nur erst einmal angucken, Dirne«, rief Elisabeth ihr in den Weg tretend, »schöne Federn machen schöne Vögel – und ich glaube nun, da du diesen Maifirlefanz angelegt hast, bildest du dir ein, eine wirkliche Königin zu sein.«

»Die Königin eines Tages, Mutter – die Königin eines kleinen ländlichen Festes – weiter nichts«, entgegnete Alizon. »O wenn ich wirklich eine Königin wäre oder auch nur eine vornehme Dame …«

»Nun, was würdest du denn da machen?«, fragte Elisabeth Device mürrisch.

»Ich würde Euch reich machen, Mutter, und Euch ein großes Haus bauen, in dem Ihr wohnen könntet«, entgegnete Alizon, »viel größer als Browsholme oder Downham oder Middleton.«

»Na, da ist es doch Schade, dass du keine Königin bist, Alizon«, entgegnete Elisabeth, indem sich ihre schroffen Züge zu einem eisigen Lächeln bequemten.

»Und was würdest du denn für mich tun, Alizon, wenn du eine Königin wärest?«, fragte die kleine Jennet aufblickend.

»Nun, warte einmal«, war die Antwort, »ich würde alle deine Launen und Wünsche befriedigen. Du solltest bloß zu fordern brauchen, um es sofort zu haben.«

»Bah – bah – du würdest sie doch niemals zufrieden machen«, bemerkte Elisabeth ärgerlich.

»Ihr habt es auch nicht in der Gewohnheit, meine Wünsche zu erfüllen, Mutter, selbst wenn Ihr es recht gut könntet«, versetzte Jennet, welche, wenn sie wenige Menschen liebte, ihre Mutter unter allen am wenigsten leiden konnte und niemals eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, um ihr ihr Missfallen zu erkennen zu geben.

»Halte dein Maul, du kleine Wespe«, rief ihre Mutter, »du verdienst weiter nichts als etwas, was du nicht oft genug bekommst – eine gute Tracht Prügel.«

»Du hast uns aber noch nicht gesagt, was du für dich selbst tun würdest, wenn du eine große Dame wärest, Alizon?«, unterbrach Susan.

»O, daran habe ich selbst nicht gedacht«, entgegnete die Gefragte lachend.

»Ich kann dir sagen, was sie tun würde, Suky«, sagte die kleine Jennet mit listigem Blick, »sie würde Master Richard Assheton von Middleton heiraten.«

»Jennet!«, rief Alizon tief errötend.

»Es ist aber doch wahr«, sagte das kleine Mädchen, »ich weiß, dass du es tun würdest, Alizon. Seht ihr nur ins Gesicht«, setzte sie mit kreischendem Lachen hinzu.

»Halte dein Maul, du kleine Bestie«, rief Elisabeth und schlug sie mit ihrem Stock auf die Hände, »wenn du so ungezogen bist, darfst du keinen Schritt auf das Fest gehen.«

Jennet warf ihrer Mutter einen funkelnden Blick der Rachsucht zu, aber brach weder in Tränen aus, noch machte sie irgendeine andere Bemerkung.

In dem augenblicklichen Schweigen, welches nun eintrat, vernahm man plötzlich das fröhliche Klingen von Glocken, von einer lustigen Musik von Pfeifen und Trommeln begleitet.

»Da kommen sie!«, rief Nancy Holt und eilte ans Fenster. »Da kommen sie! Eine stattliche Schar, das müsst ihr gestehen. O, wie herrlich der Binsenwagen aussieht! Er ist ganz mit Blumen und Bändern bedeckt und das Silberglatt darauf funkelt wie lauter Gold. Und die acht Schimmel, die ihn ziehen, haben Kränze um den Kopf und Glocken an ihrem Geschirr. Das ist in der Tat ein prächtiger Anblick!«

»Und da ist auch Robin Hood«, rief Susan Worseley, die ebenfalls ans Fenster geeilt war, »und Little John und Will Scarlet und der Klosterbruder Tuck. Das sind vier schöne junge Bursche, besonders Robin Hood. Ich wollte, er wäre mein Liebhaber.«

»Ach, das ist ja Tom den Söldner«, rief Nancy, »ich kenne ihn an seinem Gang. Aber wo ist denn der Narr und das Steckenpferd? O, ich sehe sie dort drüben; sie machen ihre Sprünge und Possen unter den Leuten. Und dort sind die maurischen Tänzer – einer, zwei, drei, sechs – ja zwölf, außer dem Tambourinschläger. Gott behüte uns, wie sie herumspringen! Und wie ihre Glocken klingen! Und ihre roten Tücher und die flatternden Bänder – o, wie das schön ist!«

»Vergiss den Binsenwagen nicht, Nancy!«, rief Susan, »sieh bloß, wie hoch er ist, und wie kunstvoll er oben in eine Spitze zuläuft. Ich wundere mich, wie sie ihn so hoch aufbauen konnten, ohne dass er umfällt. Und wie die Binsen so sauber und fest zusammengebunden sind!«

»Ich wollte, ich könnte das alles sehen«, murmelte die kleine Jennet am Kamin.

»Ach, da kommt der Binsenwagen und die Mohrentänzer«, rief Alizon, indem sie erfreut an das Fenster stürzte, welches zum Teil geöffnet, den Duft des Geißblatts und der wilden Rose einließ, wovon es umrankt war, ebenso wie das Summen der Bienen, welche die würzigen Blüten umschwärmten.

Gleich darauf näherte sich eine fröhliche Schar Verkleideter dem Haus und stellte sich vor demselben auf, während das in demselben Augenblick schweigende Glockengeläut verriet, dass der Binsenwagen ebenfalls Halt gemacht hatte. Der Anführer der Schar war Robin Hood in einem lincolngrünen Anzug mit einem Köcher voll Pfeile auf dem Rücken und einem an seinem Hirschfänger hängenden Horn, den Bogen in der Hand und einen breitkrempigen grünen Hut, der auf der einen Seite aufgekrampft und mit einer Reiherfeder geschmückt war, auf dem Kopf. Diesen Helden von Sherwood stellte ein langer gutgewachsener Bursche vor, dem, da er wirklich ein Jägersmann von Bowland war, diese Rolle sehr leicht ward. Neben ihm stand eine ganz andere Gestalt, ein jovialer Mönch mit kahlrasiertem Schädel, roten Backen, starkem Hals und mächtigem Bauch, in ein dunkelrotes Gewand gekleidet und mit einem roten, mit goldener Quaste gezierten Strick umgürtet. Er trug rote Strumpfhosen und Sandalen und an seinem Gürtel eine Ledertasche, um einen gebratenen Kapaun oder eine Rindszunge oder irgend andere zum Geschenk erhaltene Leckerbissen darin aufzubewahren. Der Bruder Tuck, denn dieser war es, fand seinen Darsteller in Ned Huddlestone, Türhüter in der Abtei, der als der größte und dickste Mann im ganzen Dorf zu dieser Rolle ausersehen worden. Nach ihm kam eine Person von nicht geringerer Wichtigkeit und von welcher die Lustigkeit des ganzen Aufzuges abhing, und diese Aufgabe war dem Schuhflicker des Dorfes, Jack Roby, zugefallen, einem kleinen gewandten Kerl, der sich zu der Rolle des Narren ungemein gut eignete. Mit der Britsche in der Hand und einer blauen, mit langen weißen Eselsohren gezierten Narrenkappe auf dem Kopf, mit dem gelbgestreiften grünen Wams, mit den zweifarbigen Hosen, indem das linke Bein gelb, mit rotem Pantoffel, und das rechte in einen gelben Schuh auslaufende blau war, mit an verschiedenen Teilen seines buntscheckigen Anzuges befestigten Klingeln und Schellen, sodass er sich nicht rühren konnte, ohne ein klingelndes Geräusch hervorzubringen, sah Jack Roby in der Tat ganz wunderschön aus und tanzte fortwährend hin und her und teilte Schläge mit seiner Britsche aus. Sodann kamen Will Scarlet, Stuckeley und der kleine John, alle hübsche lange wohlgewachsene Leute in Lincolngrün gekleidet wie Robin Hood und auf gleiche Weise ausgerüstet. Sie waren auch alle wie dieser Jägersleute von Bowland, in Diensten des Bogenträgers Mr. Parker von Browsholme Hall und der Darsteller des kleinen John, der sechs und einen halben Fuß bei verhältnismäßiger Stärke maß, war Lawrence Blackrod, Mr. Parkers Oberjäger. Nach den Jägersleuten kam Tom, der Pfeifer, ein wandernder Musikant in einem blauen Wams mit Ärmeln von derselben Farbe und gelben Aufschlägen, roten Strümpfen und braunen Hosen, einer roten Mütze und einem mit Gelb besetzten grünen Überwurf. Neben dem Pfeifer stand ein zweiter Musikant, ebenso gekleidet, mit einer Handtrommel versehen. Zuletzt kam einer der Hauptbestandteile des festlichen Aufzuges, der nebst dem Narren das Wesentlichste zur Belustigung der Zuschauer beitrug. Dies war das hölzerne Pferd. Die Farbe dieses mutigen Rosses war rötlichweiß und seine Decken von scharlachenem Tuch, bis auf den Boden herabhängend, sodass die wirklichen Beine des Reiters verdeckt wurden, obschon ein Paar nachgemachte an der Seite herabbaumelten. Das Gebiss war von Gold und der Zügel von rotem marokkanischem Leder, während der Reiter sehr prächtig mit einem purpurroten, mit Gold eingefassten Mantel bekleidet war und eine kostbare Mütze von derselben königlichen Farbe, mit Gold besetzt und einer roten Feder geschmückt, auf dem Kopf trug. Das Pferd hatte einen schwankenden Federbusch auf dem Kopf und sprang von einer Seite zur anderen, bald bäumte es vorn, bald schlug es hinten aus, bald galoppierte es, bald ging es in sanftem Schritt – kurz, es trieb so lustige Possen und machte so wundersame Kapriolen, wie man nie zuvor an einem Pferd gesehen – zur anscheinend drohenden Gefahr des Reiters und zur ungeheuren Belustigung der Zuschauer. Auch dürfen wir nicht vergessen – denn es war für die Zuschauer ein Gegenstand großer Bewunderung – dass der Reiter des Pferdes aus Pappe mit Anwendung eines Taschenspielerkniffs ein paar Dolche in seinen Backen stecken hatte, während von dem Zügel seines Rosses ein großer silberner Löffel herabhing, den er dann und wann den Zuschauern hinhielt, welche dann einige kleine Münzen hineinwarfen. Nach dem Steckenpferd kam der Maibaum, nicht der hohe Baum dieses Namens, der schon auf dem Anger aufgepflanzt stand, sondern ein tüchtiger Zweig, der ungefähr sechs Fuß über dem Kopfe des Trägers emporragte und mit einem Blumenkranze und vier langen herabhängenden Gewinden geschmückt war, welche letztere von vier Mohrentänzern gehalten wurden. Dann kam der Kammerherr der Maikönigin, eine fantastische Person, in blauem, mit Weiß ausgeputztem Anzug und einen langen Weidenstab in der Hand. Nach dem Kammerherrn kam der Haupttrupp der Mohrentänzer. Die Männer trugen ein anmutiges Kostüm, welches ihre schlanken, behänden Gestalten hervortreten ließ und aus einem geschnitzten Wams von schwarz und weißem Samt mit offenen Ärmeln, sodass das schneeweiße Hemd darunter hervorblickte, weißen Strumpfhosen und Schuhen von schwarzem spanischem Leder mit großen Rosen bestand. Bänder waren überall, wo es nur einigermaßen tunlich, an diesem Kostüm angebracht – Bänder und Flittern schmückten die Mützen, Bänder liefen quer über die Beinkleider und Bänder waren um die Arme gebunden. In jeder Hand hielten sie ein langes, mit Bändern durchknüpftes, weißes Tuch. Die Tänzerinnen waren weiß gekleidet und ebenso geschmückt wie die Männer; sie trugen Bänder und Blumenkränze auf den Köpfen, Schleifen in den Haaren und in den Händen lange, weiße, bebänderte Tücher.

Hinter den Personen des Aufzuges kam der Binsenwagen von acht starken Pferden gezogen, deren Mähnen und Schweif mit Bändern geziert und deren Kummete mit roten und gelben Trotteln befranst und mit Schellen behangen waren, die bei jeder Bewegung lustig klingelten. Auf den Köpfen hatten sie Blumensträuße. Der Wagen selbst bestand aus einem ungeheuren Stoß Binsen, der zusammengedreht und gebunden zu einer bedeutenden Höhe aufstieg und in einen spitzen Bogen auslief, nach Art eines gotischen Fensters. Die Seiten und der Gipfel waren mit Blumen und Bändern geschmückt und es waren vorn und hinten Rinnen angebracht und in dem Raum dazwischen, der mit weißem Papier ausgelegt war, befanden sich Gewinde von bunten Blumen und Moos, zwischen welche alle Zierraten aufgehangen waren, die man für diese Gelegenheit hatte auftreiben können, wie zum Beispiel silberne Flaschen, große und kleine Löffel, Ketten, Uhren und Armbänder, um der Sache ein reiches und gediegenes Ansehen zu geben. Es war zu verwundern, dass die Leute Gegenstände von so großem Werth für solch eine Gelegenheit hergaben, aber es ging nie etwas davon verloren. Auf dem Gipfel des Binsenwagens, oben auf dem scharfen Bogen reitend, saßen ein halb Dutzend Männer, beinahe wie die Mohrentänzer bekleidet und mit Flittern und Bändern geschmückt. Sie hielten Blumengewinde auf Reifen gebunden, so wie lange Stangen mit Silberpapier geziert, das zu verschiedenen Formen und Mustern abgeschnitten, an Masse gegen die Spitze hin allmählig abnahm und an dieser Spitze war ein schöner Narzissenstrauß befestigt.

Eine große Zahl von Landleuten, junge und alte, Männer und Weiber begleiteten die Mohrentänzer und den Binsenwagen.

Als diese heitere Schar, wie schon oben erwähnt worden, vor dem Haus Halt gemacht hatte, trat der Kammerherr in dasselbe ein, pochte mit seinem Stab an die innere Tür, nahm, sobald als diese geöffnet wurde, seine Mütze ab, verneigte sich sehr ehrerbietig bis auf den Boden und sagte, er sei gekommen, um die Maikönigin einzuladen, sich dem Aufzug anzuschließen, der nur ihrer Gegenwart harre, um weiter nach dem Anger zu ziehen. Nachdem er diese Rede in so gut gesetzten Worten als ihm zu Gebote standen, beendet – denn als Kirchenschreiber und Schulmeister, mit Namen Samson Harrop, besaß er doch mehr Politur als die übrigen Landleute – und nachdem er überdies eine gnädige Antwort von der Maikönigin erhalten, welche herablassend antwortete, sie sei gern bereit, ihn zu begleiten, ergriff er sie bei der Hand und geleitete sie mit ungemeinem Anstand nach der Tür, wohin die Übrigen nachfolgten.

Laut waren die Freudenrufe, welche Alizons Erscheinen begrüßten und fürchterlich war das Gedränge, um einen Blick von ihr zu erhaschen, und so eingeschüchtert ward sie durch diesen enthusiastischen Empfang, den sie ihrerseits gar nicht erwartet, dass sie sich wieder zurückgezogen hätte, wenn dies möglich gewesen wäre, aber der Kammerherr führte sie weiter und nachdem Robin Hood und die Jäger das Knie vor ihr gebeugt, begann das Steckenpferd von Neuem seine Kapriolen unter die Zuschauer hinein und trat ihnen auf die Füße, der Narr schlug sie mit seiner Pritsche auf die Hände, der Pfeifer spielte auf, der Trommler schlug sein Tambourin und die Mohrentänzer schwenkten ihre Tücher über den Köpfen. So setzte sich der Zug wieder in Bewegung, der Binsenwagen begann weiter zu rollen, während die Schellen der Pferde lustig klingelten und die Zuschauer ein lautes Freudengeschrei anstimmten.

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