Rübezahl – Moderne Geschichten 1
Der Holzlaster im Riesengebirge
»Radio LFZ mit dem Verkehrsservice: Auf deutscher Seite ist alles frei, aber wir haben noch eine Meldung aus Tschechien. Bei Liberec ist die E 442 nach einem Unfall voll gesperrt. Da ist ein Tanklaster umgekippt und Diesel läuft aus. Die Strecke wird wahrscheinlich noch bis in die frühen Morgenstunden dicht sein. Auch die Nebenstrecken laufen langsam zu. Wer sich auskennt, sollte das Gebiet weiträumig umfahren oder sein Navi nutzen.«
Das Piepen kam und die CD mit Springsteen dröhnte wieder aus den Lautsprechern in der Volvo-Kabine.
Weiterlesen
Der Spiegel
Hätte Marc geahnt, was hier im Verborgenen lauerte, hätte er das verlockende Angebot mit Sicherheit ausgeschlagen.
Nun hing er mit der rechten Hand in etwas fest, was auf den ersten Blick wie ein Spiegel ausgesehen hatte. Ein antiker Spiegel, dem schweren Rahmen aus Ebenholz nach. Die gläserne Fläche, oder was auch immer es sonst war, hatte eine ovale Form, war etwa zwei Meter hoch und achtzig Zentimeter breit. Ein wolkiger Schleier lag auf dem Glas, was den jungen Mann veranlasst hatte, mit seinem Fensterleder einen Versuch zu unternehmen, einen makellosen Glanz herzustellen. So wie er die Fläche berührte, tauchte seine Hand in selbige ein und hing seitdem fest, wie genietet.
Das war nun schon eine halbe Stunde her. In den ersten Minuten kroch Marc Panik an, dann gewann Neugier die Oberhand. Der Weiterlesen
Der Stammbaum der Fasolos
I
Urmo Fasolo war gerade dreißig Jahre alt geworden. Seit seiner Kindheit diente er Fürst Bandas, der einer der neun Fürsten war, die im Land Bargonien herrschten. Schon Urmos Vater hatte dem Fürsten gedient, und Urmos Sohn, falls er denn einmal einen solchen bekäme, würde ebenfalls der Fürstenfamilie dienen müssen, denn die Fasolos hatten viele Tausend Dukaten Schulden beim Fürsten, sodass es wohl Generationen dauerte, bis ihre Schuld abgetragen war.
Eines Tages aber wurde Fürst Bandas sehr krank, und man erfuhr von seinen Ärzten, dass er wohl nur noch wenige Tage zu leben hatte. Da ließ er Urmo zu sich an sein Krankenbett rufen.
Weiterlesen
Der Nebel Notre Dames
Hoch über den Dächern von Paris, auf der Galerie des Chimères zu Notre Dame, weht in Nächten, in denen der Mond der Welt sein schmales Lächeln schenkt, eine Nebelwehe. In ihrem Herzen klirren leise Glöckchen, und in ihr hallen die Worte eines Versprechens nach: »Immer, wenn der Mond am Himmel lacht.«
Sie hatte ihn gefunden. Lange hatte sie gesucht, aber schlussendlich – und das war, was zählte, hatte sie ihn gefunden – hoch über den Dächern von Paris. Reglos stand er da – einer der stummen Wächter Notre Dames war er geworden. Unter seinen wachsamen aber doch reglosen Steinaugen floss die Seine entlang, trug in ihren Wellen Geschick und Schicksal. Ob das ihre ebenfalls dabei war? Oder das seine?
»Stein kann nicht sprechen, wie sollte die Seine von ihm erfahren?«, schoss es ihr durch den Kopf, während sie dichter zu ihm schwebte, über sein steinernes Antlitz strich.
Weiterlesen
Der eiserne Turm
I
Pepas war vor kurzer Zeit dreißig Jahre alt geworden. Er lebte zusammen mit seiner Frau Moja, die gerade sein Kind erwartete, in einem kleinen Häuschen, das er sich mit harter Arbeit selber verdient hatte.
An diesem Abend stürmte und regnete es draußen, sodass Pepas früh zu Bett ging, was ihm gemütlicher erschien, als in der Wohnküche zu lesen, wie es Moja tat. Er lag kaum zehn Minuten unter seiner warmen Decke, als er schon einschlief.
Er träumte zu Anfang der Nacht etwas wirr. Später aber erschien ihm in seinem Traum eine schöne Frau mit langen, braunen Haaren, braunen Augen und einem wunderschönen, roten Mund. Sie sagte zu ihm, sie werde ihn jetzt küssen. Er Weiterlesen




Neueste Kommentare