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Die drei Templer

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Der Spiegel

Der Spiegel

Hätte Marc geahnt, was hier im Verborgenen lauerte, hätte er das verlockende Angebot mit Sicherheit ausgeschlagen.

Nun hing er mit der rechten Hand in etwas fest, was auf den ersten Blick wie ein Spiegel ausgesehen hatte. Ein antiker Spiegel, dem schweren Rahmen aus Ebenholz nach. Die gläserne Fläche, oder was auch immer es sonst war, hatte eine ovale Form, war etwa zwei Meter hoch und achtzig Zentimeter breit. Ein wolkiger Schleier lag auf dem Glas, was den jungen Mann veranlasst hatte, mit seinem Fensterleder einen Versuch zu unternehmen, einen makellosen Glanz herzustellen. So wie er die Fläche berührte, tauchte seine Hand in selbige ein und hing seitdem fest, wie genietet.

Das war nun schon eine halbe Stunde her. In den ersten Minuten kroch Marc Panik an, dann gewann Neugier die Oberhand. Der Alte musste wohl ein Zauberer aus dem nahe gelegenen Varieté sein. Marc kam einfach nicht dahinter, wie der Trick funktionierte. Er beschloss in aller Ruhe zu warten, denn irgendwann würde sein Auftraggeber ja wieder auftauchen und ihn aus der misslichen Lage befreien. Marc nutzte die Zeit, um sich den Raum, in dem er eigentlich nur die Fenster putzen sollte, anzusehen. Er begann mit dem Rahmen des Spiegels, der ihn festhielt. Fast zwanzig Zentimeter breit, über und über mit Blumenranken verziert, aus denen wundersame Geschöpfe heraussahen. Der Schnitzer war ein Meister gewesen. Seine Geschöpfe wirkten so lebendig, als würden sie jeden Moment aus den Ranken hervor kriechen. Marc erkannte Schmetterlinge mit zarten Flügeln, Marienkäfer, Vögel, Eichhörnchen, Libellen und sogar zierliche Elfen. Das Möbelstück passte zu seinem Besitzer, wie Marc amüsiert feststellte.

Marcs Haltung war dabei nicht gerade entspannt, er stand schon eine kleine Ewigkeit mit erhobenem Arm, konnte sich kaum bewegen, und langsam begann der ganze Körper zu schmerzen. Sein Blick glitt am Rahmen des Spiegels hinunter. In der unteren Hälfte änderte sich das Aussehen, der nicht minder kunstvollen Schnitzereien. Dort tummelten sich Einhörner, Greife, Zwerge, Schlangen, Wölfe, Bären und – Marc versuchte das untere Ende des Rahmens zu erkennen – etwas, das er nicht identifizieren konnte. Es nahm genau den untersten Punkt ein, war mindestens zehnmal größer dargestellt, als alle anderen Wesen auf dem Rahmen. Marc wurde unbehaglich zumute. Er spähte so gut es ging auf den Ständer des schweren Spiegels. Die Bronze schimmerte matt. Marc zuckte zusammen. Vier riesige, schuppige Klauen, mit scharfen Krallen bildeten den Fuß!

»Ein Drache«, flüsterte der junge Mann tonlos. Jetzt war er sicher, dass die untere Schnitzerei auch einen Drachen darstellte. Marc umfasste mit der linken Hand seinen rechten Unterarm und zerrte mit ganzer Kraft daran. Weder der Arm noch der Spiegel bewegten sich auch nur einen einzigen Millimeter. Marc hütete sich, der gefährlichen Spiegelfläche mit dem Körper oder gar dem anderen Arm zu nahe zu kommen. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Nun hing er schon über eine Stunde hier fest. Es wurde langsam Zeit, dass der alte Mann erschien. Marc konnte sich Besseres vorstellen, als hier herumzuhängen. Außerdem meldete sich der Hunger. Seine Freunde aus der Uni saßen jetzt sicher bei Luigi, um die Ecke, und schlugen sich die Bäuche mit Pizza voll.

Er hatte die Wahl gehabt, heute bei Luigi zu kellnern oder bei dem Alten die Fenster zu putzen. Der wunderliche Alte hatte ihm fünfhundert versprochen und ihm dreihundert davon gleich vorab in die Hand gedrückt. »Komischer Kauz«, hatte sich Marc gedacht, das Geld und den Job genommen. Gut bezahlte Studentenjobs waren rar und dieser Betrag eine Verlockung der besonderen Art.

Der Fremde war mit Marcs Pinwandzettel, mit dem Putzangebot, in der Pizzeria erschienen. Hausmeister Willy hatte ihm den Tipp gegeben, bei Luigi nach Marc zu fragen.

 

Nun hing Marc hier und wusste sich keinen Rat mehr. Von der Straße drang Verkehrslärm herein. Er hätte um Hilfe rufen können. Blödsinn! Es musste ja nicht gleich die halbe Uni erfahren, dass er sich dämlich angestellt hatte. Marc grinste bei diesem Gedanken. Sein Blick huschte über die löwenfüßigen Eichenmöbel des alten Mannes. Alles hier schien aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Außer dem elektrischen Licht gab es keinerlei moderne Technik. Ungewöhnlich für einen Varieté-Künstler, fiel es Marc ein.

Plötzlich stutzte er. Irgendetwas hatte sich in den letzten Minuten verändert. Nur was? Dann erblasste der junge Mann. Die Figuren vom Spiegel-Rahmen waren verschwunden, als hätten sie nie existiert, gleichzeitig zupfte etwas an den Fingern seiner rechten Hand. Sein Herz begann zu rasen. Was hier passierte, war keinesfalls nur Illusion. Was geschah mit seiner Hand? Ihm fielen die Bären und Wölfe ein.

»Scheiße«, murmelte Marc. »Ach du Scheiße!«, etwas lauter, als er merkte, wie eine Kraft an seiner unsichtbaren Hand zog und ihn immer näher mit dem Körper an den Spiegel brachte. Der Unterarm verschwand. Marc drückte den Kopf zurück. Angst, ersticken zu müssen, überfiel ihn, wenn sein Gesicht in die milchige Fläche eintauchte. Dann riss ihn eine Kraft von den Beinen. Ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, tauchte er in die Spiegelfläche ein. Ein heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper. Marc war auf der anderen Seite ungebremst auf den steinernen Fußboden geknallt. Sein erster Blick galt seiner rechten Hand. Sie war noch da, sah aus wie immer und hielt sogar noch das Fensterleder fest. Marc steckte es in die Tasche seiner Jeans.

Steinerner Fußboden? Marc fuhr herum. »Das gibt es doch nicht!« Der Spiegel hatte frei im Raum auf einem dicken orientalischen Teppich gestanden. Da konnte kein Steinfußboden sein! Hier gab es weder einen Teppich noch Fenster und erst recht keinen Spiegel.

»Ich glaube ich werde verrückt.« Marc fuhr mit der Hand über die Augen. Das Bild blieb das gleiche. Mauern aus grob behauenem Stein, zwei Pechfackeln in eisernen Haltern, neben einer niedrigen Tür aus groben Brettern.

»Wenigstens keine Gummizelle – bin wohl doch nicht in der Klapse«, stellte er einigermaßen beruhigt fest, vorsichtig das Ohr an die Tür legend. Nicht ein einziger Laut war zu hören. Marc drückte langsam die Klinke herunter, spähte dann durch den Türspalt. Genau gegenüber der Tür war eine schmale Öffnung in der Mauer. Er huschte hinaus, um einen Blick durch das winzige Fensterchen zu werfen und prallte zurück. Alles, was er sehen konnte, war ein gähnender, bodenloser Abgrund.

»Ich muss wohl doch schlimmer auf den Kopf gefallen sein. Hoffentlich bleibt das nicht so«, seufzte Marc, setzte sich mit dem Rücken an die Wand und wartete.

Er wartete lange, sehr lange.

Schließlich raffte er sich auf. »Wer sagt eigentlich, dass ich verrückt bin? Das gehört sicher zum Trick des alten Mannes. Irgendwo wird schon der Ausgang zur Straße sein.«

Marc begab sich auf die Suche. Stufe für Stufe stieg er die steile Wendeltreppe hinunter, die einfach kein Ende nehmen wollte. Bald hörte er auf, die Schritte zu zählen. Hin und wieder streifte sein Blick eines der kleinen Fensterchen. Endlich kam das Ende der Treppe in Sicht, die genau auf eine große Tür zuführte. Marc legte die Hand auf die Klinke, zögerte aber, sie herunterzudrücken. Was würde ihn wohl draußen erwarten? Vielleicht stürzte er hinter der Schwelle gar in den Abgrund, den er gesehen hatte?

Marc lachte auf. Jetzt glaubte er schon an den ganzen Scheiß, den er hier zu sehen bekam. »Wir haben das Jahr 2008, ich bin in der Wohnung eines alten Mannes und putzte Fenster«, murmelte er, um sich selbst zu beruhigen. Der Trick funktionierte nicht. Marc stand definitiv vor einer großen Tür, in einem wahnsinnig hohen Turm und fürchtete sich vor dem, was draußen war.

»Leckt mich doch sonst wo!«, stieß er wütend hervor und öffnete die Tür mit einem kräftigen Ruck.

Grelles Sonnenlicht drang herein. Marc musste die Augen zukneifen. Es dauerte einige Sekunden, ehe er wieder sehen konnte. So weit das Auge reichte sanfte Hügel, bewachsen mit saftigem Gras und unzähligen Blumen.

»Jetzt fehlen nur noch Bambi und Klopfer. Rapunzel hat soeben ihren Turm verlassen.« Kichernd strich Marc mit der Hand über seine Haare. Die Kulisse hätte aber auch durchaus in einem russischen Märchenfilm gepasst. Jedenfalls hätte es ihn nicht erstaunt, wenn jetzt eine Ziege vorbei gekommen wäre, die meckernd nach Wasja oder Aljonuschka gerufen hätte.

Marc beschattete die Augen mit einer Hand und schaute sich um. So macht es die Hexe bei Väterchen Frost, fiel ihm grinsend ein. Seine Situation war aber auch wirklich märchenhaft. Neugierig, was wohl als Nächstes käme, ging er einfach geradeaus. Nach ein paar Metern drehte er sich noch einmal um.

»Das … das … das gibt es doch nicht«, stotterte er verwirrt. Der Turm war verschwunden. Einfach so. Marc drehte sich um und trabte weiter.

»Er ist anders als die anderen«, wisperte es vor ihm.

»Er ist stark.«

»Und er sieht gut aus.«

Marc blieb stehen. Da war niemand. Offensichtlich hatte er doch einen Treffer weg, wie er es nannte. Jetzt hörte er schon Stimmen. Vielleicht waren auch Durst und Hunger schuld an seinem Zustand. Marc schaute in die Ferne. An einer Stelle sah das Gras noch saftiger aus. »Vielleicht gibt es dort Wasser«, flüsterte er, sofort seine Marschrichtung ändernd.

»Kluges Köpfchen.«

»Er könnte es schaffen.«

»Ich sag doch, er ist anders«, meldete sich die erste Stimme wieder.

»Und er sieht gut aus.«

»Du wiederholst dich.«

»Na und? Es ist die Wahrheit.«

Marc achtete kaum darauf. Sein Durst trieb ihn vorwärts. Nach einer Viertelstunde erreichte er sein Ziel. Ein leises Murmeln bestätigte seine Vermutung, dass es hier Wasser geben musste. Er folgte dem Gesang des Wassers. Tatsächlich fand er einen schmalen Bach, der sein Silberband durch die Wiese schlängelte. Schnell kniete er sich ans Ufer und schöpfte mit beiden Händen das rettende Nass, welches er mit gierigen Zügen trank.

»Wohl bekomm´s!«, wisperte es an seinem Ohr.

»Danke«, antwortete Marc nach alter Gewohnheit und schöpfte noch einmal nach.

»Wohlerzogen«, sagte wieder ein Stimmchen.

Marc ließ sich ins Gras sinken. Ich bin völlig fertig, hämmerte es in seinem Gehirn. Fix und fertig. Kein Wunder, dass sich meine Gedanken mit sich selber unterhalten. Er drehte den Kopf zur Seite, um etwas bequemer zu liegen. Ein Binsenstängel kam in sein Blickfeld, auf dem drei große Schmetterlinge saßen. Die fast durchsichtigen schillernden Flügel funkelten bei jeder Bewegung. Marc stutzte und schaute genauer hin. Vorsichtig setzte er sich auf. Das waren mitnichten Schmetterlinge! Das waren … das waren … ja was war es denn nun? Was dort saß, gab es eigentlich nicht!

»Elfen.« Rutschte es ihm einfach so heraus.

»Sehr richtig«, antwortete das mittlere dieser Wesen und schwebte auf ihn zu.

»Du bist tatsächlich ein erstaunlich kluges Kerlchen.« Mit diesen Worten setzte es sich auf sein Hosenbein.

Marc traute sich kaum noch zu atmen. Er fürchtete, dass die Elfen dann verschwinden würden. Die beiden anderen Elfen schwebten ebenfalls lautlos auf ihn zu, um auf seinem Hosenbein Platz zu nehmen.

Mit einer gewissen Ehrfurcht wartete Marc darauf, dass die Elfen das Gespräch weiterführen würden.

»Wie nennt man dich?«, fragte die erste Elfe.

»Marc – man nennt mich Marc.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Marc. Ich bin Scilla, hier links neben mir sitzt Galantha und rechts das ist Hellebora«, antwortete das zarte Wesen.

Marc lächelte. »Blaustern, Schneeglöckchen und Schneerose.«

Die Elfen lachten glockenhell. »Erstaunlich! So nennt man uns in deiner Welt tatsächlich. Was führt dich zu uns?«

Marc wurde ernst. »Das ist eine wirre Geschichte, die ich selber nicht ganz begreife.« Er erzählte den drei Blumenelfen, was bisher geschehen war.

Scilla wiegte den Kopf. »Nun – der Spiegel kann nicht zwischen guter und böser Absicht unterscheiden.«

»Wie meinst du das?«, fragte Marc erstaunt.

Hellebora seufzte. »Alle, die bisher mit dem Spiegel Kontakt hatten, versuchten ihn zu stehlen oder ihn gar zu zerstören. Er weiß nicht, dass es Menschen gibt, die es gut mit ihm meinen, also bestraft er alle, indem er sie ins Reich des schwarzen Drachen wirft.«

»Des schwarzen Drachen?«, echote Marc fragend. »Was ist denn das?«

Galantha streichelte mitleidig seine Hand. »Wenn die Nacht kommt, wirst du es vielleicht verstehen.«

»Dann regiert hier das Grauen«, erklärte Scilla. »Zwerge reiten auf dem Rücken von Wölfen und Bären durch die Wälder. Sie versuchen die magischen Einhörner zu töten.«

»Warum?«, fragte Marc verständnislos.

Scilla winkte ab. »Das ist wohl der uralte Kampf des Bösen gegen das Gute. Manchmal siegt die eine und manchmal die andere Seite.«

»Und was ist mit dem Drachen?«, wollte Marc wissen.

»Das weiß keiner«, murmelte Galantha. »Denn von dort ist noch niemand wieder zurückgekehrt.«

Marc dachte eine Weile nach. »Vielleicht ist dort der Ausgang aus eurer Welt. Das würde zumindest erklären, weshalb keiner mehr zurückkam.«

»So eine verrückte Idee hatte noch keiner.« Scilla schüttelte missbilligend den Kopf.

»Und wenn er recht hat?«, fragte Galantha zaghaft und fing sich einen strengen Blick von Scilla ein.

Hellebora lachte. »Du kannst ihn ja dorthin begleiten und uns anschließend erzählen, was du gesehen hast.«

»In welche Richtung muss ich gehen?« Marc stellte die Frage mit fester Stimme.

Galantha zog etwas aus ihrem Gewand. Sie legte es ihm in die Hand.

»Ein winziger Kompass.« Marc betrachtete ihn vorsichtig. In die silberne Fläche, auf der sich die Nadel bewegte, war ein Drache eingraviert.

»Wenn die Nadel auf den Kopf des Drachen zeigt, bist du auf dem richtigen Weg«, erklärte die Elfe. »Das ist das Letzte, was wir für dich tun können. Wenn die Nacht kommt, endet unsere Macht. Dann liegt es ganz dir, ob du dem Bösen widerstehen kannst oder nicht.«

Die Elfen flogen auf und verschwanden irgendwo in der Ferne.

Marc sah ihnen lange nach.


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