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Mythen & Wirklichkeiten

Adventskalender 2024 – 11. Türchen

Das Heiligtum

Zwei Gevatter betrieben dasselbe Handelsgeschäft, aber mit sehr ungleichem Erfolg, denn der eine wurde reicher, der andere ärmer. Der eine arbeitete unermüdlich, der andere gab sich dem Vergnügen hin und ließ seine Leute schalten und walten. Aber er glaubte nicht, dass die Dinge natürlich sein könnten.

Da sprach er eines Tages zu seinem Gönner: »Sage mir nur, wie ihr in euren Geschäften reich werdet, während ich im Krebsgang gehe. Wir haben doch ein Geschäft und eine Ware; aber Ihr gewinnt dabei und ich verliere. Ich bin weder ein Spieler noch ein Trinker. Ich dachte schon, Ihr hättet einen Kobold oder Hausgeist, der Euch Glück und Segen bringt, dass Euch alles zufällt und einfällt. Oder kennt Ihr eine geheime Kunst oder habt ein köstliches Reliquiar, denn sonst kann ich es nicht deuten.«

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Adventskalender 2024 – 9. Türchen

Die drei Bergleute im Kuttenberg
Nach den Gebrüdern Grimm

In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute über viele Jahre hinweg und trugen damit zum Lebensunterhalt ihrer Familien bei. Wenn sie morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr Gebetbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öl versehen, drittens ihr Bissen Brot, das reichte auch nur für einen Tag. Vor Arbeitsbeginn sprachen sie ein Gebet zu Gott, dass er sie in dem Berg bewahren möge, und begannen dann getrost und fleißig mit der Arbeit. Als sie einen Tag gearbeitet hatten und es bald Abend war, geschah etwas Unerwartetes: Der Berg vorn fiel ein und der Eingang wurde verschüttet. In ihrer Not meinten sie, begraben zu sein, und äußerten ihre Besorgnis, nun Hungers sterben zu müssen. »Wir verfügen lediglich über Vorräte für einen Tag, sowohl was das Brot als auch das Öl für das Licht betrifft.« In ihrer Not befahlen sie sich Gott Weiterlesen

Adventskalender 2024 – 8. Türchen

Die verheiratete Meermaid

Ein Märchen der Shetland-Inseln

An einem schönen Sommerabend ging ein Einwoh­ner von Unst auf dem sandigen Rand einer Voe spa­zieren. Der Mond hatte sich erhoben, und er sah bei dessen Licht eine Menge Unterirdischer, die eifrig auf dem weichen Sand tanzten. Neben ihnen lagen mehrere Seehundfelle auf der Erde.

Als der Mann sich den Tänzern näherte, hörten sie alle plötzlich auf und eilten schnell wie der Blitz, ihre Gewänder in Sicherheit zu bringen; dann sich anklei­dend, sprangen sie als Seehunde in die See. Da nun der Shetländer die Stelle betrat, wo sie gewesen waren, und die Augen auf den Boden richtete, bemerkte er, dass sie eins von den Fellen, das gerade vor seinen Füßen lag, zurückgelassen hatten. Er ergriff es, trug es schnell fort und brachte es in Weiterlesen

Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 53

Der letzte Graf von Ruppin

Die Grafen von Lindow, Herren von Ruppin und Möckern, stammten aus dem alten thüringischen Geschlecht der Grafen von Arnstein und kamen mit den anhaltinischen Fürsten in die Mark. Sie hatten stets eine hohe Stellung inne, waren fürstlich geachtet und meist streitbare und kluge Herren, die in der Geschichte der Mark immer wieder eine Rolle spielten. Ein eigentümliches Familienzeichen sollen sie alle mit auf die Welt gebracht haben, ein Loch im Ohr, wie es in einer alten Erzählung heißt, an der Stelle, wo andere Menschenkinder sich erst ein Loch stechen lassen müssen, wenn sie etwas hineinstecken wollen.
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Adventskalender 2024 – 7. Türchen

Gagliuso

Ein neapolitanisches Märchen

Es war einmal in der Stadt Neapel ein alter, ar­mer Mann. Er war so elend, so runzlig, so eingeschrumpft und hatte nicht einen einzigen Lumpen, seine Blöße zu bedecken, sodass er umherging nackt wie eine Fliege.

Da er nun nahe daran war, die Säcke dieses Lebens abzuschütteln, so rief er seine Söhne, Oratiello und Pippo, und sagte zu ihnen: »Ich werde jetzt vor den Rechnungsführer gerufen, um die Schuld, die die Na­tur an mich zu fordern hat, zu bezahlen, und glaubt mir, wenn ihr Christen seid, dass es mir großes Ver­gnügen machen würde, diesen Elendshaufen, diese Wehschlucht zu verlassen, ließe ich euch nicht zurück, ein paar erbärmlicher Gesellen, so dick wie St. Clara auf den fünf Straßen von Melito, ohne einen einzigen Stich an euch, so rein wie ein Weiterlesen