Mörder und Gespenster – Band 1 – 20. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder
Kapitel 1
In jenem alten Haus, das mit einer Seite dem Marktplatz des Städtchens und mit der anderen einem engen Gässchen zugewendet ist, will seit fünfzig Jahren niemand einziehen. Das Haus zeigt von außen ein wohlhabendes, wohnliches Aussehen und wahrlich, seine ehemaligen Bewohner gehörten zu den reichsten und angesehensten Bürgern der Stadt. Die Fenster sind blank und ganz, die Dachsteine wohlgefügt, der äußere Anstrich sauber und neu. Es fehlt nichts, was Käufer oder Mieter anlocken könnte, doch niemand kommt, der Lust dazu hätte.
»In dem Haus geht es um«, ist die allgemeine Sage. Zwar kein böser Geist, wird dann hinzugefügt, aber man erschrickt doch darüber. Es gibt Menschen, die Geistern im Allgemeinen so abhold sind, dass sie jeder Gemeinschaft mit Geistern aus dem Weg gehen, egal ob sie zu lebenden oder toten Körpern gehören, und egal, ob sie gut oder böse sind.
Es ist nun länger als fünfzig Jahre her, dass ein wohlhabender Kaufmann mit seiner Gattin in dem Haus in glücklicher Ehe lebte. Sie waren beide schon zu hohen Jahren gekommen und widmeten all ihre Liebe und Sorgfalt dem einzigen Sohn, den der Himmel ihnen geschenkt hatte. Der Himmel? So wähnten die guten Leute, doch nicht des Himmels Segen ruhte auf dieser Frucht ihres Zusammenlebens. Vielmehr brütete ein Keim der Hölle in dem Gemüt des jungen Menschen, der alle gute Saat, welche Eltern und Lehrer auszustreuen bemüht waren, zu überwuchern drohte.
Schon als Knabe zog er sich durch sein Verhalten manche Strafe der Behörden zu, die durch das Ansehen des Vaters nicht abgewendet werden konnte, da sie die Folge grober Verletzung der öffentlichen Ruhe war. Da sich dies oftmals wiederholt hatte, wurde fast kein mutwilliger oder böser Streich in der Stadt oder ihrem Umland ausgeführt, dessen Urheber nicht der ungeratene Sohn war, wie er überall genannt wurde. Man glaubte sich in dieser Annahme so wenig zu täuschen, dass die Behörden ihn sogleich zur Rechenschaft zogen und Privatpersonen, die ihn erwischten, ihn ohne Weiteres züchtigten, wogegen weder die Beschwerden des Vaters noch die Klagen der Mutter etwas fruchteten.
Dieser Zustand der Dinge trug jedoch nur dazu bei, die Gemütsverfassung des jungen Menschen noch böser und störrischer zu machen, als sie von Natur aus schon war. Er wuchs rasch heran, sein Körper entwickelte sich stark und schön, aber es schien, als ginge dies zu Lasten des Geistes. Wie oft bei sehr geistreichen Kindern, deren Wachstum und körperliche Ausbildung in dem Grad zurückbleibt, in dem sich der frühreife Geist entwickelt. Als Heinrich Walter ins Jünglingsalter kam, konnte er als Muster jugendlich-kräftiger Schönheit gelten. Nur eine niedrige Stirn und ein kleines Auge, das niemals offen und frei in die Welt schaute, zeigten, dass das Innere dem Äußeren nicht entsprach. Es war gleichsam eine Warnungstafel aufgehängt, um edle, unbefangene Naturen von der Annäherung abzuhalten, die, angelockt von den übrigen Vorzügen des Menschen, zu leicht versucht hätten, sich ihm anzunähern. Doch diese schmale Stirn, auf der gleichsam eine unheildrohende Wolke lag, als wäre sie von bösen Gedanken erzeugt, die dahinter ihren Sitz hatten, und dieses Auge, das scheu in den Boden wanderte, sobald ihm ein freier Blick begegnete, scheuchten sogleich jeden zurück, der einen guten Stern im Leben hatte. Wer diese Warnung hingegen aus Leichtsinn übersah, geriet mindestens in hässliche Verwicklungen, wenn nicht gar ernstere Folgen sich daraus entspannten.
Heinrichs rein körperliche Entwicklung reizte ihn früh zu Ausschweifungen aller Art, um seiner Kraft ein Gegengewicht zu suchen. Solange der Vater lebte, konnte dem nach allen Seiten überschwemmenden Strom mit großer Mühe doch noch ein Damm gesetzt werden. Die Furcht vor Einkerkerung, womit der Vater den Sohn schon oftmals bedroht hatte, hielt die stärksten Ausbrüche von Gewalttätigkeit noch zurück. Doch Alter und Gram hatten den würdigen Mann aufgerieben und gebeugt von Sorgen um die Zukunft seines Sohnes war er aus der Welt gegangen. Die schwächere Mutter war nun die Einzige, die neben ihrem Sohn wandeln konnte. Sie schlug jede ihrer Ermahnungen hohnlachend in den Wind und entzog sich bald gänzlich auf gewaltsame Weise ihrer Vormundschaft.
Fünfzehn Jahre waren seit dem Tod des alten Herrn Walter vergangen. Die Mutter war nun beinahe achtzig Jahre alt und musste das Härteste erleben, was einer Mutter bevorstehen kann: die Misshandlung durch das eigene Kind. Für alles, was sie um ihn erlitten, für die sorgliche Pflege, die sie ihm in Krankheiten gespendet, für die Kummer, den ihr sein Leichtsinn bereitet hatte, für das Zagen und die Angst, wenn ihn die Gesetze strafend betroffen hatten, für die tiefste, schmerzvollste Sorge um seine Zukunft und sein dereinstiges Heil, wurde ihr nichts als Elend und Jammer zuteil; sie musste schweigen und dulden.
Die ebenbürtigen Jungfrauen der Stadt waren stets vor jeder Annäherung zurückgescheucht worden, sodass es unmöglich geworden war, für Heinrich eine Gattin zu wählen. Er selbst verhöhnte alle Sitte und missachtete die Verhältnisse der Konvenienz so sehr, dass er kein Bedürfnis nach einer soliden Verbindung verspürte, in der er stets nur lästigen Zwang erblickte. Um sich, wie er meinte, seine Freiheit im vollen Maße zu bewahren, wollte er unverheiratet bleiben und ging dadurch, wie so viele, der ärgsten Sklaverei entgegen.
Eine Magd, deren roher Verständnis mit dem seinen im Einklang stand, widerstand nicht seiner Versuchung, brachte sich bald in seine Gunst und schwang sich zugleich zu seiner Haushälterin empor, die sein größtes Vertrauen genoss und alle seine Geschäfte verwaltete. Unter dem Einfluss dieses übermütigen Geschöpfes, das über ihn eine uneingeschränkte Macht übte, beleidigte er nicht nur seine Mutter, sondern sah auch zu, wie diejenige, die ihrer Stellung nach ihr ehrfurchtsvoll hätte dienen sollen, sie misshandelte. Diese Behandlung war bald nach einem vollständigen System ausgebildet, das den empörendsten Charakter annahm. Nachdem der alten Frau nach und nach die Bedürfnisse des Lebens bis auf die kleinsten Rationen genommen worden waren, nachdem sie jeden Tag hören musste, dass sie viel zu lange schon lebe und längst im Grab ruhen sollte, nachdem ihr in dieser Umgebung längst kein freudiger Augenblick mehr vergönnt gewesen war, ging der Grausame so weit, seine Mutter aus dem Haus zu jagen. Aus diesem Haus, in dem sie ihrem Sohn das Leben gegeben hatte, in dem sie ihrem Gatten die Augen geschlossen hatte, in dem sie alles Widerwärtige, ja das Entsetzlichste ohne Murren ertragen hatte, um nur das Glück zu genießen, in der gewohnten Umgebung, die ihr in langen Jahren teuer geworden war, zu sterben.
Vergebens waren alle ihre Bestrebungen, den Sohn zu erweichen. Am Morgen ihres Auszugs hatte die arme Frau die wenigen Gegenstände, über die sie noch verfügen konnte, in eine kleine Truhe zusammengepackt. Es hätte jeden Fremden innigst bewegen müssen, zu sehen, wie dieses Leben, das jeden Augenblick bereit war, zu erlöschen, unter Tränen von den kahlen Wänden ihres Kämmerchens Abschied nahm; wie die alte, hinfällige Greisin im reinlichen Häubchen und den ärmlichen, verblichenen Kleidern vor ihrem strengen Sohn erschien, um ihn um die einzige Gnade zu bitten, sie doch in ihrem Kämmerchen sterben zu lassen; wie sie dann die Magd kniend flehte, ein gutes Wort für sie einzulegen, und wie auch diese unerbittlich blieb. Nichts half; der Tag, die Stunde war gekommen, und die Mutter wurde mit Gewalt zur Tür hinausgestoßen, die man hinter ihr zuriegelte.
»Man würde ihr die Sachen nachsenden!«, waren die einzigen Worte, die man ihr zum Abschied nachrief.
Gerne hätte Frau Walter, um das Aufsehen zu vermeiden, ihren Gang beschleunigt und die Straße so schnell wie möglich verlassen, allein ihre Füße versagten ihr den Dienst. Sie sank auf die Steinbank an der Tür nieder und war nicht imstande, sich aufzurichten. Die Nachbarn, die schon lange mit Unwillen die schlechte Behandlung verfolgten, die der Sohn seiner Mutter angedeihen ließ, sammelten sich sogleich vor dem Haus. Während einige der Mutter mitleidsvoll ihre Hilfe anboten, brach bei den anderen die höchste Erbitterung gegen den Urheber ihres Kummers los. Kaum war die Mutter fortgeführt und in Sicherheit, entstand ein allgemeiner Aufruhr. Man hörte Verwünschungen gegen den unnatürlichen Sohn von allen Seiten. Man warf mit Steinen gegen das Haus, zerbrach die Fensterscheiben und drohte schließlich, in das Haus einzudringen. Man machte bereits Anstalten, die Tür aufzubrechen, als die Behörde einschritt, um größeren Unruhen vorzubeugen. Ein Beamter entführte Heinrich Walter durch eine Hintertür vor dem wütenden Volk und entzog ihn so seiner gerechten Entrüstung.
In der Zwischenzeit wurde Frau Walter in die von ihrem Sohn für sie gemietete Wohnung gebracht. Sie lag im entlegensten Teil der Stadt, wo die ärmsten Einwohner hausten. Sie war so unreinlich, dass sie als ungesund galt und sich selbst unter den Ärmsten seit langem kein Mieter für sie hatte finden wollen. Doch all dies erfüllte das Herz der Mutter nicht mit gehässigen Gefühlen gegen ihren Sohn. Es schien, als ob der schwarze Undank des Verfolgers die Güte und Milde des Schlachtopfers nur vergrößern und vermehren konnte.
Frau Walter konnte nicht unterlassen, dann und wann in das Haus zurückzukehren, in dem sie früher gewohnt hatte. Um fortdauern zu können, schien es ihr Bedürfnis zu sein, dieselbe Luft mit ihrem Sohn zu atmen. Oft sah man die gute Alte am späten Abend zu ihrem Haus schleichen und stundenlang auf der Steinbank vor der Tür sitzen. War ihr der Zufall günstig, schlich sie sich heimlich durch die offene Tür und versteckte sich in einem dunklen Winkel, um den Augenblick zu erhaschen, in dem sie ihren Sohn sehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden. Sie wusste, dass sie sich der härtesten Misshandlung aussetzte, und konnte diese Versuche nicht aufgeben, die ihr einzig und allein ihr tiefes Elend noch erträglich machten. Die glaubwürdigsten Leute aus der Nachbarschaft sagten aus, dass sie sie oft nachts auf den kalten Steinen vor dem Haus hätten knien sehen, im Gebet versunken, das sie für ihren Sohn zum Himmel emporschickte. Aber sollte man es glauben? Diese Tatsachen und die Vorstellungen, die man Heinrich Walter darüber von allen Seiten machte, waren nicht imstande, seine Einstellung zu mildern. Wenn er seiner Mutter zufällig begegnete, ging er ihr aus dem Weg, um nicht von ihr angesprochen zu werden. Oder er jagte sie unter heftigen Worten und Tätlichkeiten von seiner Schwelle und zwang sie, in die Wohnung zurückzukehren, die er einmal für sie bestimmt hatte.
Endlich war der Tag gekommen, der zur Freude aller Gutgesinnten diesen Gräueln ein Ende machen sollte. Seit frühestem Morgen hatte Frau Walter ihren Platz auf der Steinbank vor dem Haus eingenommen. In ihrer reinlichen und doch so ärmlichen Kleidung bot sie mit dem Wackelkopf und den gefalteten Händen das rührende Bild, das man sich vorstellen kann. Sie horchte auf jede Bewegung und jedes Geräusch im Haus, das die Nähe ihres Sohnes verraten konnte. Endlich glaubte sie, ihn selbst zu hören. Sich mühsam erhebend und sich mit der Hand an der Mauer festhaltend, schwankte sie in das Haus, um einen neuen Versuch zu wagen. Sie spürte, dass ihre letzte Stunde nahte, und wollte diese nicht ohne ihn verbringen. Dies war das Einzige, das sie als letzte Gnade erflehte; dann sei er ihrer lästigen Gegenwart für immer ledig, fügte sie hinzu. Sie war auf ihn zugegangen, der sie mit finsterem Blick im hintersten Teil des Flurs erwartete. Sie verschwendete die zärtlichsten Worte und beschwor ihn bei dem Heiligsten. Da hob er den Fuß und schleuderte seine alte Mutter mit einem gewaltigen Tritt von sich. Sie stürzte bewusstlos zu Boden. Einige Leute, die schon zuvor durch die Szene am Eingang gefesselt standen, eilten nun hinzu. Sie waren bemüht, die Ohnmächtige aus dem Bereich der Gewalttätigkeiten zu führen, die ihr drohten. Andere riefen die bewaffnete Macht herbei. Heinrich Walter wurde ins Gefängnis abgeführt.
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